(EN) Stepping Inside a Geometric Universe: Andreas Jarner
Graphik Designer, Home, Studio & Tour, (Viertel: Christianshavn, Vesterbro, Nørrebro), Copenhagen
FvF × Juniqe
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Im kreativen Universum von Grafikdesigner Andreas Jarner schaltet und waltet ein intuitives Regelwerk, das ganz klar vom skandinavischen Minimalismus bestimmt ist.

In seinem Loft-Büro, das sich direkt über dem Wohnzimmer der Eltern befindet, berührt sein Kopf die Decke, wenn er steht. Der schlaksige, meistens lächelnde, freundliche junge Mann findet nicht immer die passenden Worte, um zu beschreiben, wieso seine Kreationen so sind, wie sie sind. Seine Druckgrafiken bestehen aus Objekten, deren Oberflächenstruktur sich von einem klaren Hintergrund abhebt. Es sind ästhetische, nüchterne Ruhepole, die den Blick auf sich ziehen und den Geist beruhigen.

Nachdem er die Schule abgeschlossen und eine Weltreise gemacht hat, gründete Andreas als 24-jähriger seine erste Designfirma KBHM. Später studierte er Grafikdesign an der Denmark School of Media and Journalism, die er vor drei Jahren abgeschlossen hat. Heute arbeitet er im Bereich Branding und Unternehmenskommunikation in der Kopenhagener Branding- und Designagentur AM.

Sein kreativer Output ist allerdings nicht auf die Zeit im Büro beschränkt. Er arbeitet fast schon zwanghaft und intuitiv. Egal, wo er ist – überall skizziert und notiert er Ideen und Inspirationen. Später greift er auf diese Ressourcen zurück, um seine Poster zu entwerfen, die eine nordisch-zurückgenommene Ästhetik haben und damit sein eigenes unprätenziöses Auftreten widerspiegeln.

Erzähl uns, wo wir gerade sitzen und was dir der Ort bedeutet.

Gerade sitzen wir im Haus meiner Eltern im Kopenhagener Bezirk Christianshavn. Hier habe ich die ersten 20 Jahre meines Lebens gewohnt. Ich bin jetzt mit meiner Freundin nach Nørrebro gezogen, aber komme of hierher, um mich zu entspannen und zu arbeiten. Ich liebe diese Gegend wirklich sehr. Besonders um die Kanäle herum. Meine Eltern haben in der Nähe ein kleines Boot, das ich im Sommer sehr oft nutze. Der Raum, in dem wir uns gerade befinden, war einmal ein Tabakladen. Man kann den Schatten des Schildes sogar noch im Fenster sehen.

In der Wohnung hängt sehr viel Kunst. Haben dich deine Eltern da beeinflusst?

Ich habe sehr kreative Eltern und war schon immer gern selbst kreativ. Meine Eltern haben dafür gesorgt, dass ich immer zeichnen konnte, wenn ich wollte. Seit ich sieben war, bin ich zweimal die Woche nach der Schule in Kinderkunstkurse gegangen. Da habe ich zeichnen gelernt. Ich fand das echt toll. Als ich neun geworden bin, hatte ich meine erste Ausstellung im Museum für Kinderkunst in Aalborg. Ich glaube, da hingen ein paar hundert Bilder von mir. Als Teenager habe ich dann Graffiti für mich entdeckt. Das waren meine “Bad-Boy”-Jahre.

Was hat dich an Graffiti gereizt?

Dass man dabei etwas richtig Großes und Buntes produziert. Es ist leicht, eine kleine Skizze zu machen. Aber das dann in den richtigen Proportionen an eine Wand zu bekommen, ist nicht einfach. Ich habe damit aufgehört, als ich ein paar Mal Ärger mit der Polizei bekommen habe. Aber in dieser Zeit habe ich mich auf jeden Fall in Typografie verliebt und angefangen, Buchstaben auch als Formen zu sehen, nicht nur als lesbare Objekte. Ich weiß, das klingt total nerdig. Ist es auch!

Wann hast du gemerkt, dass du Grafikdesign beruflich machen willst?

Zuerst habe ich gedacht, kreativ sein macht einfach Spaß. Ich habe Landschaften, Gebäude und Menschen gezeichnet, bis ich auf Graffiti umgestiegen bin. Danach habe ich mehr digitale und abstrakte Sachen gemacht. In der Schulzeit habe ich vom Berufsbild Grafikdesigner erfahren und wusste sofort – das ist der perfekte Job für mich. Ich würde mit Typografie, Layout und Komposition arbeiten können, das habe ich schon immer geliebt.

Nach der Schule habe ich zuerst einmal mit einem Freund eine kleine Firma gegründet, KBHM. Da haben wir mit Web- und Grafikdesign experimentiert. Wir haben das nicht sehr ernsthaft betrieben, aber es hat Spaß gemacht und wir hatten ein paar Kunden. Damals habe ich meine Arbeit zum ersten Mal so in der Stadt hängen sehen. Das war komisch, aber schön. Nach ein paar Jahren bin ich dann zum Grafikdesignstudium an die Danish School of Media and Journalism gegangen.

Warum ist gutes Grafikdesign wichtig und warum sollte man darin investieren?

Gutes Grafikdesign kann einem Kunden helfen, auf seinem Markt mit einem einzigartigen visuellen “Gesicht” für Aufsehen zu sorgen. Aber es ist wirklich interessant, zu sehen, wie es sich entwickelt hat. Vor zehn, fünfzehn Jahren hätte eine Firma ein statisches Logo und ein oder zwei Farben gehabt. Heute arbeiten Designer viel mehr mit offenen Designsystemen, so dass die Identität des Unternehmens genauso lebendig ist wie das Unternehmen selbst und sich mit ihm mit weiterentwickeln kann.

Achtest du auf Designtrends? Ist das wichtig für deine persönliche und kommerzielle Arbeit?

Ja und nein. Ich folge ein paar Blogs und Designagenturen, die ich als Inspirationsquelle für meine persönlichen Arbeiten nutze. Aber meine kommerzielle Arbeit zielt mehr darauf ab, die richtige Lösung für den Kunden zu finden. Trendy sein ist da nicht so wichtig. Wenn man für eine Kulturinstitution wie ein Museum arbeitet, dann ist es schon sinnvoll, ein etwas experimentelleres Design zu entwerfen – das macht Designern natürlich auch immer Spaß. Aber es ist auch eine schöne Herausforderung, etwas Funktionales für den Mainstream zu entwerfen. So etwas wie die visuelle Identität für einen Flughafen.

Hast du verschiedene Sets an Tools, die du für verschiedene Arten von Projekten nutzt? Wo findest du Inspiration? 

Ich habe nicht das eine Set an Tools. Ich skizziere viel und mit der Zeit entsteht dann etwas Brauchbares. Es geht immer darum, eine gute Ausgangsidee zu haben. Wenn man eine gute Idee hat, kann man etwas Einfaches designen, weil man die Essenz der Message gefunden hat. Das Schwierige ist, dass man auf diese Idee zwar manchmal innerhalb von fünf Minuten kommt, aber meistens dauert es viel länger.

Inspiration kann bei mir auch sehr zufällig kommen. Ich habe da keinen festen Ort. Ich laufe einfach gern mit meiner Kamera durch die Stadt, mache Fotos von Architektur und verschiedenen Strukturen. Von allem eigentlich. Ich gehe auch viel in Ausstellungen und Galerien und lasse mich von der Kunst dort inspirieren. Ich liebe es, zu reisen und neue Kulturen und ihren Kommunikationsstil kennenzulernen.

Zeichnest du immer noch viel?

Ja, aber nicht so viel wie früher. Ich würde gern zu Stift und Papier zurückkehren, aber meine Arbeit spielt sich mehr und mehr am PC ab. Einmal habe ich während eines langweiligen Meetings ein paar Ideen auf eine Serviette skizziert, die von einem Science-Fiction-Film inspiriert waren, den ich gerade gesehen hatte. Ich habe nicht groß darüber nachgedacht, aber als ich nach Hause kam, habe ich dann etwas daraus entworfen. Am Ende wurden zwei große Poster aus der Grundidee; das war die Grundlage für meine Schwarzweiß-Posterserie.

Deine Arbeit gehört offenbar zu einer dänischen Denkschule. Wie würdest du die nordische Ästhetik beschreiben?

Das ganze minimalistische “weniger ist mehr”-Denken hat in Skandinavien eine lange Tradition. In den 40ern und 50ern haben Arne Jacobsen und andere Möbeldesigner mit sehr klaren Linien und einfachen Formen gearbeitet und alles Überflüssige gestrichen. Dieser nordische Stil ist immer noch sehr präsent. Aber ich denke, er verblasst ein bisschen. Die Leute sind ein wenig gelangweilt von so viel Einfachheit. Sie wollen etwas verrückter sein.

Deine eigenen Arbeiten sind clean, aber haben Tiefe. Ergibt das Sinn?

Ich liebe es, Größen, Farben und Texturen zu kontrastieren. Ich benutze oft knallige Farben und raue Oberflächenstrukturen wie Beton, um harte und weiche Elemente einander gegenüberzustellen. Kontrast ist immer gut fürs Auge und ich fühle mich sehr dazu hingezogen.

Was versuchst du, durch deine Arbeiten zu kommunizieren?

Ich arbeite in einem geometrischen, abstrakten Universum, aber ich kann nicht genau beschreiben wie. Ich mache die Poster, weil das Bilder sind, die ich selber mag. Ich denke dabei nicht viel an den Betrachter oder Käufer. Die Arbeiten sind eher davon beeinflusst, was ich in meinen verschiedenen Lebensphasen gefühlt habe. Es gab eine Zeit, in der ich nur in Schwarzweiß gearbeitet habe, weil ich keine Farben mochte.

Erzähl uns mehr über eine deiner Arbeiten.

Diese hier heißt Bau3 und ist Teil einer Serie, die von der Bauhaus-Bewegung inspiriert ist. Für die Textur habe ich Fotos von einem Urlaub genutzt. Ich habe sie in Schwarzweiß geschossen, um einen Kontrast zwischen den rauen Elementen und dem klaren Hintergrund zu schaffen. Wenn ich solche Poster mache, dann entwerfe ich die einzelnen Elemente am PC und verschiebe sie, bis ich nach ein paar Tagen die richtige Balance gefunden habe. Es sind oft die kleinen Details, mit denen ich am meisten Zeit verbringe. Eine Kombination aus Farbe, Textur und Form. Ein Spiel mit Komposition, das Erzeugen von Spannung durch die richtige Platzierung der Elemente im Verhältnis zueinander. Aber es darf auch nicht zu perfekt werden, sondern muss ein kleines bisschen aus der Balance geraten sein.

Wie gelingt es Dir, etwas schaffen, das grafisch interessant ist und gleichzeitig Bedeutung kommuniziert? 

Es ist oft schwer, etwas Cleanes, Simples zu machen und gleichzeitig die Essenz einer guten Idee einzufangen. Das braucht Zeit, und die einfachen Designs sind oft die schwierigsten. Grafikdesign und visuelle Kommunikation sind toll, weil sie eine Sprache sind, die jeder verstehen kann. Farben, Formen und Bilder sprechen unsere Emotionen an. Design kann eine Geschichte erzählen. Und gutes Design kann die richtige Geschichte erzählen.

Danke Andreas, dass du uns von dir erzählt und uns in der Stadt herumgeführt hast, die für dich so viel Inspiration bedeutet.

Mehr von Andreas’ Design ist auf seiner Website zu finden.

Dieses Portrait wurde in Kollaboration mit Juniqe.de produziert. Der Online-Marktplatz bringt Künstler und Kunstliebhaber aus aller Welt zusammen. In der Serie Artist Stories besucht Juniqe Künstler in ihren Ateliers, um mehr über deren kreative Arbeit zu erfahren. Mehr über Andreas’ Kunst findest Du hier.

Fotos: Kasper Løftgaard
Interview & Text: Peter Stanners