Auf den Spuren von Schmerz und Schönheit zweier Städte mit Aesops Storedesign in Leipzig und München
Wie Architekt Georg Thiersch die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts in Interiorkonzepte destilliert
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Innenräume so zu gestalten, dass sie sich nahtlos in ihre Umgebung einfügen, ist eine landläufige Herausforderung für Architekten. Die Geschichtlichkeit eines Ortes in Design zu übersetzen, ist hingegen ein besonderes Wagnis.

An kaum einem Ort manifestiert sich die Geschichte eines ganzen Landes so wie in der Nikolaistraße, die den Leipziger Hauptbahnhof mit der Innenstadt verbindet. Viele große Stücke der Klassik sind in der Nikolaikirche uraufgeführt worden, die ebenfalls Ausgangspunkt einer friedlichen Revolution war. Sie war der Ort, an dem im Herbst 1989 die Montagsdemonstrationen begannen, die letztlich zum Fall der Deutschen Demokratischen Republik führten. Nicht weit von hier, in Halle, hatte der Architekt Paul Thiersch die Burg Giebichenstein als Kunsthochschule etabliert. Sein Urenkel, ebenfalls gelernter Architekt, kam nach der Wende, um sich die Gegend anzusehen. Ihm eröffnete sich eine neue Welt: „Halle sah trist aus, überall grauer Kohlenstoff, überall dampfte es und rauchten die Chemiewerke“, erinnert sich Georg Thiersch.

In der von Gründerzeitbauten gesäumten Leipziger Nikolaistraße befindet sich einer von zwölf Aesop-Stores in Deutschland. In über zwanzig Ländern hat die australische Hautpflegemarke Signature-Stores eröffnet, von denen keiner dem anderen gleicht. Doch zwei von ihnen weisen eine spezielle Verbindung auf: die sogenannten „Twin-Stores“ Aesop Luitpoldblock in München und Aesop Nikolaistraße in Leipzig, deren Design in besonderem Maße auf die Geschichte der beiden Standorte eingeht. „Ich habe eine Weile gehadert, ob wir das machen sollen“, sagt Thiersch. Er spricht über das Konzept für Aesop Nikolaistraße, an dem er und das Designteam von Aesop gemeinsam gearbeitet haben. „Aber manchmal muss man sich aus dem Fenster lehnen und etwas tun, wenn es einen drückt.“ Es hat ihn gedrückt, als er versuchte, den Geist dieser Straße einzufangen, das Gestern und das Heute, nur: der Münchner hat die DDR lediglich von der anderen Seite der Mauer aus erlebt. Er weiß, dass manche Leipziger das als Affront sehen könnten. „Aber wenn man dieses Thema spannend findet und sagt: Ich nehme wahr, dass es immer noch Grenzen in den Köpfen gibt, dann kann man zumindest das Phänomen aufzeigen.“

Als Twin-Stores konzipiert, greifen Aesop Nikolaistraße und Aesop Luitpoldblock historische, soziologische und ästhetische Komponenten ihrer Umgebung auf.

„Die Plattenbauten sahen natürlich wüst aus, aber sie waren nicht wüst gemeint. Es ist wichtig zu verstehen, dass sie Teil einer größeren Idee waren.“

Es war ein Vabanquespiel, dem Geschäft ein modernes Gesicht zu geben, das seine Vergangenheit weder verschweigt noch verklärt; zusammen mit Aesops VM & Store Design Manager (EU) Jean-Philippe Bonnefoi erarbeitete Thiersch ein Konzept für den Raum, der Schaufenster zu beiden Seiten heraus hat, durch die sich das Tageslicht in immer anderen Farben bricht. Mit Glasbausteinen gefüllte Stahlrahmen, die an Zaunelemente erinnern, teilen das Geschäft in mehrere Bereiche. Sie ziehen die Grenze, doch es gibt kein Davor und kein Dahinter, der Kunde kann sich frei bewegen, und zwischen den Produktregalen sind schemenhaft die Umrisse der anderen Kunden zu erkennen – eine Reminiszenz an den Film „Das Leben der Anderen“. Es ist ein Spiel aus Privatsphäre und Beobachtung, bei dem sich die Seiten auflösen und die Frage, wer falsch und wer richtig liegt, plötzlich nichtig wird.

Er wolle nicht in den Kanon einstimmen, dass „früher alles besser war“, erzählt Thiersch. Doch der serielle, oft systematische Ansatz, der die Gestaltung von Innen- und Außenräumen in der DDR prägte, werde zu Unrecht verteufelt. „Die Plattenbauten sahen natürlich wüst aus, aber sie waren nicht wüst gemeint. Es ist wichtig zu verstehen, dass sie Teil einer größeren Idee waren.“ Die Ästhetik des Alltags war die in Beton gegossene Vision einer besseren Gesellschaft: „Da wurden Themen bespielt, die uns alle wieder einholen werden: Wie kann man günstig möglichst viele Menschen unterbringen, auf einem möglichst hohen qualitativen Niveau?“ Über die Umsetzung könne man streiten, und viele innovative Leute seien vom System zerrieben worden. „Doch schon die Grundrisse der Plattenbauten sind genial, auch die Möbel. Es täte unserem Selbstverständnis gut, zu akzeptieren, wie durchdacht manche Lösungen damals schon gewesen sind.“

Doch Thiersch und Aesops Ansinnen war es nicht, die Geschichte zu zitieren und einzuordnen, sondern gestalterische Phänomene von damals wie heute aufzugreifen und sie auf ein neues ästhetisches Niveau zu heben. „Dinge zusammenzuführen und so aufzuladen, dass sie weder als angenehm noch unangenehm empfunden werden, sondern dass ein umfassender Raumeindruck entsteht.“ Die Oberflächen der Wandschränke wurden mit tiefgrünem Samt bespannt. Während die Opulenz und Haptik des Materials historische Glanzzeiten der Oberschicht zitiert, erinnert die Farbe eher an eine Amtsstube. Ein Wirtshaustisch, Symbol gesellschaftlichen Zusammenkommens, kontrastiert die Glastrennwände, und zu einem Paravent aus der Jahrhundertwende gesellt sich ein Sessel aus Samt, Insignie von Macht und Wohlstand und stiller Zeuge der Schattenseiten des Sozialismus.

Aesop Nikolaistraße, Leipzig

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„Wenn wir einen neuen Standort in Betracht ziehen, haben wir die Absicht uns nahtlos in das Straßenbild einzufügen und etwas von Wert hinzuzufügen, anstatt uns aufzudrängen.” – Aesop
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„In jedem unserer Stores stehen geschulte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beratend zur Seite und helfen bei der Auswahl des passenden Produkts.” – Aesop
einzu33 Architekt Georg Thiersch vor der Station Wilhelm-Leuschner-Platz in Leipzig
Mit der Verwendung von Glasbausteinen nimmt das Design des Stores Aesop Nikolaistraße Bezug auf die typischen, seriellen Designelemente der DDR.
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Das Herzstück in allen Aesop Signature-Stores ist das jeweilige Waschbecken. Hier kommen Marke und Kunde, Design und Produkt zusammen.
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Für beide Twin-Stores wurden antiquarische Möbelstücke ausgewählt, wie der Wirtshaustisch für den Store Aesop Nikolaistraße – ein Symbol gesellschaftlichen Zusammenkommens.
Aufeinander gestapelte Stühle im Konzertsaal des Leipziger Gewandhaus
Die für die DDR typischen, vorgefertigten Designelemente waren ein wichtiger Bezugspunkt in der Gestaltung von Aesop Nikolaistraße.
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„Jedes Element spielt eine Rolle, um eine Geschichte zu erzählen, die gar nicht so ohne Weiteres an einem geschichtlichen Punkt zu verorten wäre.“

Thiersch löst Materialien und Objekte aus ihrem Kontext und schafft eine Melange, bei der „jedes Element eine Rolle spielt, um eine Geschichte zu erzählen, die gar nicht so ohne Weiteres an einem geschichtlichen Punkt zu verorten wäre“, sagt der Architekt. Er will nicht das Offensichtliche zur Schau stellen, sondern ein Grundgefühl erzeugen, das sich aus der Auseinandersetzung mit dem Ort speist. Thiersch verfolgt damit eines der Prinzipien von einszu33, dem Architekturbüro, das sein Partner Hendrik Müller während des Studiums gegründet hat und dessen Miteigentümer Thiersch heute ist.

Einszu33 hat sich darauf spezialisiert, Marken ein Zuhause zu geben. Für Aesop hat das Büro unter anderem die Stores in Stuttgart, Hannover und Bern gestaltet – sowie Aesop Luitpoldblock und Aesop Nikolaistraße, die sich als Twin-Stores stark mit der Geschichte des Ortes auseinandersetzen, an dem sie stehen. Das Zwillingskonzept beruht auf drei Gestaltungsebenen, welche Funktionalität, Bezüge zur Umgebung und eine atmosphärische Gestaltung verbinden. So sind zwei Geschäfte entstanden, die sich nahtlos in die Struktur eines Ortes einfügen sollen und eine Vertrautheit schaffen, mit der sich die Besucher identifizieren können – in Städten, die reich an alter Bausubstanz mit Geschichte sind.

Aesop Luitpoldblock, München

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Im Design von Aesop Luitpoldblock trifft Béton brut auf Altrosa-Töne und kurvige Formen.
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St. Mauritius in München, eine der architektonischen Inspirationen für Aesop Luitpoldblock
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Ruine der während des Nationalsozialismus’ errichteten Ehrentempel, im Hintergrund die Fassade der Hochschule für Musik und Theater
Goldene Lisenen und rosafarbener Granit erinnern an die Ästhetik der Vorkriegszeit und die Glanzzeiten der Luitpold-Passage.
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„Bei allem, was Aesop tut, steht ein Anspruch an intelligentes und nachhaltiges Design im Vordergrund.” – Aesop

In München war es der Kontrast aus Kaffeehauskultur und Nationalsozialismus, aus Reichtum und Faschismus, der das Gesamtbild prägt. Zum einen durch das Café Luitpold, das nach seiner Eröffnung 1888 mit 2000 Plätzen eines der größten in Europa war. Hier trafen sich Hochadel und Großbürgertum, Künstler, Studierende, einfache Leute; hier nahm die Frauenbewegung in Bayern ihren Lauf. „Leben und leben lassen“, das war in München immer oberstes Gebot – bis der Nationalsozialismus kam. Im unmittelbaren Umfeld des Luitpoldblocks waren die Schaltzentralen des Dritten Reichs untergebracht; das Hauptquartier der Gestapo, oder das repräsentative Parteiviertel mit dem „Braunen Haus“, der Parteizentrale der NSDAP.

Bis heute erinnern viele Orte in der Stadt an die dunkelste Zeit ihrer Geschichte. Als München die „Hauptstadt der Bewegung“ war, von der aus Adolf Hitler seinen Siegeszug antrat. Der von Hügeln geprägte Olympiapark, angelegt auf den Schutthaufen des Krieges. Das Haus der Kunst, das vormals der „Deutschen Kunst“ gewidmet war; der Königsplatz, auf dem Aufmärsche und die Bücherverbrennung zelebriert wurden. Und auch der Luitpoldblock, vor dem heute eine Flamme im Gedenken an die Opfer der NS-Gewaltherrschaft brennt. Im Gebäude selbst erinnern Unterzüge aus Beton daran, dass der Bau im Krieg stark zerstört wurde. „Diese Wunde steht für das geschichtlich Zurückliegende, das in München oft ganz selbstverständlich mitschwingt“, sagt Thiersch. Um die Passage zu altem Glanz zurückzuführen, ließen die Altvorderen sie in den Achtzigern mit Palmen bepflanzen, brachten goldene Lisenen an und rosafarbenen Granit mit Treppen und Türmchen.

„Es ist wichtig zu sagen: Es ist nicht alles nur schön. Man hat auch eine Verantwortung gegenüber der Stadt, gegenüber ihrer Geschichte.“

Auch diesen Teil der Geschichte greift die Gestaltung des Aesop Signature-Stores auf, der sich im Luitpoldblock befindet. Auf den ersten Blick erinnert er mit seiner Rückwand aus bräunlich-rosafarbenem Samt, die das Rückgrat des Ladens bildet, an ein Boudoir, bis der Blick auf die Deckenstruktur fällt, eine grob verschalte, spartanische Decke, die von einem gigantischen Unterzug zusammengehalten wird. In der Mitte haben die Architekten einen sieben Meter langen Tresen aus Beton gegossen, einen harten, brutalistischen Monolith, dessen Wucht nur von der sonnenseichten Reflexion des Samtes und der marmornen Arbeitsplatte gezähmt werden, deren maximale Farbpracht sich im Schalungsbeton niederschlagen. Das beidseitig begehbare Produktregal, dessen Böden aus rosafarbenem Marmor bestehen, nimmt sich zurück und überlässt den Raum einigen Möbelstücken mit sanften Rundungen. Das Regal im Schaufenster wurde aus goldenen Profilen gefertigt, eine Reminiszenz an die neue Selbstherrlichkeit, die nach dem Krieg in der Passage Einzug fand und die auch untrennbar mit München verbunden ist.

„Den schroffen Beton und den weichen Samt so miteinander zu verbinden, dass sie untrennbar werden – ohne erhobenen Zeigefinger“, sagt Thiersch. Er zelebriert die Divergenz, die einzelnen Bausteine, die zusammen ein harmonisches Miteinander formen. „Innenarchitektur kann mehr, als Dinge nur aufzuhübschen. Sie kann einen Menschen ganz anders ansprechen, auf einer tieferen, subkutanen Ebene.“ Neulich rief ihn ein Leipziger an, ganz unvermittelt, der ergriffen von der Gestaltung des Ladens in der Nikolaistraße war, auch wenn er nicht artikulieren konnte, warum. „Aesop fördert diese Art der relevanten Gestaltung wie kaum eine andere Marke“, sagt Thiersch. „Es ist wichtig zu sagen: Es ist nicht alles nur schön. Man hat auch eine Verantwortung gegenüber der Stadt, gegenüber ihrer Geschichte.“ Er sagt, seine Entwürfe für Aesop seien wohl einige der wenigen Projekte in seinem Leben, bei denen es ihm gelingen wird, diese Vision vollumfänglich umzusetzen, „Schönheit und Trauma in Einklang zu bringen, Reichtum und Schuld, Mut und Angst.“

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Aesop ist bekannt für Hautpflegeprodukte von höchster Qualität. Zum Ziel des Unternehmens gehört, in den Rezepturen für Haut-, Haar- und Körper-Produkte nur Inhaltsstoffe zu verwenden, die entweder pflanzlicher Natur sind oder unter strengsten Labor-Standards entwickelt wurden. Seit seiner Gründung 1987 in Melbourne verfolgt Aesop einen unabhängigen Ansatz im Bereich der Produktforschung und -entwicklung. Ebenso bedacht wie die Produktformeln sind die Standorte und Designs der Signature-Stores. Aesops Intention ist es, sich nahtlos in das Gefüge eines Ortes zu integrieren und eine je eigene Store-Identität zu erschaffen. Dabei spielt lokales Designvokabular eine ebenso große Rolle wie Geschichtsbewusstsein. Im Onlinekompendiums Taxonomy of Design werden die Gestaltungsansätze der unterschiedlichen Stores aufgeschlüsselt und dokumentiert.

Text: Florian Siebeck
Fotografie: Robert Rieger