Wie in Wien kreative Geschäftsmodelle profitabel Probleme lösen
Ein Rundgang mit Buchautor und Wien-Kenner Thomas Weber, Vienna
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In Wien ist die Welt beschaulich; immer in Bewegung zwar, aber doch nie so schnell, dass die Langsamen und die vom Glück Vergessenen unter die Räder gerieten.

 

Dass dem nicht immer so war, das lässt sich nachlesen: etwa in den engagierten Reportagen Max Winters, der um 1900 in der Berliner Neuen Welt und der Arbeiter Zeitung die urbanen „Höhlenbewohner“ der Wiener Jahrhundertwende porträtierte und arme Maronibuben, Sodawasserverkäufer und Massenquartiermenschen in der Kaiserstadt zu Wort kommen ließ. Noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein waren im Wiener Untergrund, vor allem in der weitläufigen Kanalisation, die sogenannten „Strottern“ unterwegs: bitterarme Menschen, oft Obdachlose, die im Abwasser nach Verwertbarem suchten. Auch Fettfischer durchkämmten die Abwässer nach Knochen, Fett und Fleischresten, die sie später getrocknet zu Spottpreisen an Seifenindustrielle verkauften.

 

Erst das „Rote Wien“ der Sozialdemokraten beendete das Elend weiter Bevölkerungsgruppen. Mit seinem sozialen Wohnbau, den herrschenden abgerungenen Arbeitsrechten, Luxussteuern und volksbildnerischen Ansätzen wie den öffentlichen Bibliotheken legte das Rote Wien—europaweit als sozialdemokratische Musterstadt beachtet—ab 1918 die Grundsteine dafür, dass Wien heute immer wieder als lebenswerteste Stadt der Welt genannt wird.

 

Woran das liegt? Jedenfalls nicht allein an dem, was die Stadt auch heute noch an Kaiserinnenglanz, Opern und Koffeinkultur zu bieten hat. In Wien lässt es sich nicht nur als Manager gut leben, oder als betuchte Touristin. Auch als sozial Benachteiligter kann man sich in Wien wohlfühlen. Die Stadt hat sich eine hohe soziale Problemlösungskompetenz erarbeitet. Aber auch heute, im fortschreitenden 21. Jahrhundert, widmen sich Zeitgenossen dem sozialen Ausgleich: engagierte Mitmenschen mit dem Anspruch, beim Geldverdienen auch noch einen sozialen Mehrwert zu schaffen. Gerade im Zuge der ökonomischen und ökologischen Krise sind seit einigen Jahren auch in Wien verstärkt soziale Unternehmer am Werk. Der allgemeine Terminus „Social Entrepreneur“ fasst dabei unterschiedlichste engagierte Unternehmerpersönlichkeiten zusammen, denen nicht der höchstmögliche Profit, sondern vorwiegend soziale und ökologische Nachhaltigkeit ein ernstes Anliegen sind. Oft genug tragen sie mit ihren kooperativen, neuartigen Denk- und Lösungsansätzen aktiv zum sozialen Fortschritt bei.

 

Die Stadt fördert das sogenannte Social Entrepreneurship auch ganz offiziell über die kommunale Wirtschaftsagentur Wien. „Unser Credo lautet: Mach Gewinn und dabei auch etwas Gutes!“, erklärt Elisabeth Noever-Ginthör, die in der Wirtschaftsagentur Wien das Kreativzentrum departure leitet. „Wir haben in der Kreativwirtschaft, etwa in den Bereichen Architektur, Design und Mode über die Jahre hinweg einen klaren Paradigmenwechsel feststellen können: Es geht verstärkt um Fragen nach nachhaltigen Produktionsmethoden auf allen Ebenen: Wie wird das Produkt hergestellt, für wen, wo und unter welchen Bedingungen? Und was bedeutet das für das Unternehmen selbst, für die Mitarbeiter, für die man verantwortlich ist? Mit diesem holistischen Ansatz überblicken Kreative die gesamte Wertschöpfungskette und sind mit ihrer Art des kollaborativen Arbeitens Vorreiter und damit wichtige Impulsgeber für die Gesamtwirtschaft und für unsere Stadt.“

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Die Social Entrepreneurs Wiens

Was in der Theorie und auf Förderanträgen vielleicht ein wenig trocken klingt, ist in Wirklichkeit bunt, abwechslungsreich, bereichernd und stiftet Sinn. Also: Hinaus mit uns ins echte Leben! Dorthin, wo Menschen wie Sofia Podreka, Melanie Ruff und Kathrina Dankl aktiv Probleme lösen und damit gutes Geld machen.

Unser Gastautor Thomas Weber lebt und arbeitet in Wien. Er ist Journalist, Buchautor und Herausgeber von The Gap, einem Magazin für Glamour und Diskurs, und Biorama, einem Magazin für nachhaltigen Lebensstil. Als Wien-Kenner und Experte auf dem Gebiet Social Entrepreneurship ist Thomas Weber für uns auf die Suche nach innovativen Geschäftsmodellen mit sozialem Anspruch gegangen.

Goodgoods: Design mit gemeinnützigem Anspruch

Die Goodgoods Produkte von Sofia Podreka und Katrin Radanitsch vom Designbüro Dottings, findet man im Designshop im MAK, dem Museum für angewandte Kunst. An der Wiener Ringstraße, direkt in Wien Mitte, führt dieser neben dem, womit man Museumsshops sonst noch gerne verlässt, eine kleine Auswahl besonderer Designprodukte. Für Sofia und Katrins Goodgoods ist er einer der wichtigsten Vertriebspartner. Verabredet haben wir uns draußen in der Vorstadt, in Breitensee. Gleich neben der alten Sargfabrik, die noch in den 1990er-Jahren eines der spannendsten alternativen Wohnprojekte Europas für sich adaptiert hat, betreibt die Stadt einen Wirtschaftspark. Zu einem der Mieter hat mich Sofia bestellt, um mir zu zeigen, wie ihre Goodgoods Stück für Stück von Hand hergestellt werden: in der Werkstatt des Blinden- und Sehbehinderten Förderungswerks.

Ganz unglamourös werden hier Kerzen gegossen, Seifen geformt, Besen und Bürsten gebunden. Manche davon sind praktische Gebrauchsgüter—etwa der klassische Wiener Besen mit Rosshaarbesatz, seit Jahrhunderten zum Entfernen von Spinnweben bewährt. Oder die Seifen, die uns Sunny gleich voll Stolz zeigt, während wir noch auf Sofia warten. Sunny ist von Geburt an sehbehindert, der 23-jährige gelernte Masseur ist erst seit ein paar Monaten hier—um etwas Neues zu lernen. „Ich komme gut damit klar blind zu sein, ich habe schließlich nie gesehen“, sagt er. „Viel schwerer ist es für diejenigen, die vor ihrem Erblinden gesehen haben, die müssen alles in ihrem Leben umkrempeln.“ Sunnys Fingerspitzengefühl ist etwa gefragt, wenn es darum geht, die heiße, flüssige Seife sachte so in Formen zu gießen, dass keine Bläschen bleiben.

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Goodgoods wurde 2014 gegründet und ihr Label war das allererste in Österreich, das Design und soziale Werkstätten zusammengebracht hat. Der Anspruch ist hoch: herausstechende Designprodukte zwar in Behindertenwerkstätten fertigen zu lassen, dabei aber eben keine Fließbandprodukte mit dem Charme der geschützten Werkstätte entstehen zu lassen. Das heißt: stilvoll statt bloß gut gemeint. Was das konkret heißen kann, zeigt sie mir am Beispiel eines Hutreinigungsbesens mit dem Namen Fuzz im Hosentaschenformat—entstanden in einer Kooperation mit der traditionsreichen Wiener Hutmanufaktur Mühlbauer.

Mittlerweile werden etwas mehr als 30 Goodgoods verkauft und die Kollektion wächst stetig. Auch die Designerinnen und Designer, die für Goodgoods entwerfen, sind allesamt bekannt: Eva Blut etwa, oder Mischer Traxler, Lucy D oder nicht zuletzt Dottings, das Sofia selbst gemeinsam mit ihrer Mitstreiterin Katrin Radanitsch betreibt. Und neben dem vorbildlichen Blindenwerk in Breitensee—hier gibt es nicht einmal Müll, weil alle Verpackungskartons zu Füllmaterial geshreddert werden—arbeitet Sofia Podreka auch mit anderen sozialen Einrichtungen zusammen. Die Zusammenarbeit mit Menschen mit Behinderung empfindet sie als besonders bereichernd: „Ich schätze das ungefilterte, ungeschönte Feedback der Handwerker. Da hört man schon auch einmal, dass jemandem ein designtes Produkt gar nicht gefällt. Das finde ich wirklich erfrischend.“

Das Magdas: Weit mehr als bloß ein Hotel

Seit Februar 2015 gibt es das „Magdas“ nun schon. Seither ist das einstige Seniorenheim eines der angesagten Häuser der Stadt—und findet weltweit Beachtung. Dabei ist das außergewöhnliche Projekt der katholischen Caritas ein Social Business im besten Sinn. Einerseits handelt es sich bei dem zentral gelegenen Hotel (vom Architekturbüro Alles Wird Gut pragmatisch und stilsicher im Vintage-Stil umgestaltet und eingerichtet) um einen recht klassischen Tourismusbetrieb. Andererseits arbeiten hier fast ausschließlich ehemalige Flüchtlinge, die derart sinnvoll ihre Zeit verbringen, sich fortbilden und integrieren können.

Einer von ihnen ist der 24-jährige Ehsan. 2009 ist er mit 17 aus Afghanistan aufgebrochen. Eigentlich nach Schweden. Irgendwie ist er schließlich—„mittlerweile ist Österreich meine Heimat geworden“—in Wien gelandet. Sein Deutsch („Ich habe alles auf der Straße gelernt“) ist perfekt. In Afghanistan wollte er Arzt werden. Hier macht er erst einmal seine Kellner-Ausbildung fertig. Dann, gesteht er, reizt ihn die Schauspielerei. Oder Anita aus Syrien, die hier im „Magdas Hotel“ an der Rezeption arbeitet: Die Kulturstadt Wien kennt sie mittlerweile wahrscheinlich besser als die meisten Eingeborenen.

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Wie unterscheidet sich denn dein Arbeitsalltag in Wien von jenem, den du aus Damaskus gewohnt warst?

Anita Arakelian: Im Grunde ist es sehr ähnlich. Ich bin nicht direkt von Damaskus nach Wien gekommen, sondern war zuerst in Graz im Frauenhaus untergebracht—weil meine Schwester schon seit 18 Jahren dort lebt. Ich wollte aber in die Hauptstadt—vor allem wegen dem Stadtleben und der Internationalität. Ich habe auch in Damaskus in Hotels gearbeitet—im Le Meridien und im 4 Seasons—und bin eigentlich ausgebildete Kosmetikerin. Was mir an Wien im „Magdas“ wirklich gefällt: Es ist hier alles ein bisschen lockerer. Damaskus war weniger leger. Da musste ich dauernd Rock und High Heels tragen. Hier ist das alles viel entspannter.

Dein Deutsch ist beeindruckend. Hast du das erst in Österreich gelernt?

Ich spreche Arabisch, Armenisch, Englisch und Deutsch. Ich habe in Syrien seit 2004 Deutsch gelernt. Als ich in Graz war bin ich das intensiver angegangen. Ich habe in Graz gleich Kurse besucht und mir jeden Tag deutschsprachige Filme angeschaut. Mein nächstes Ziel ist Spanisch zu lernen.

Du hast gesagt, dass du unbedingt in die Hauptstadt wolltest. Wie verbringst du deine freie Zeit?

Ich liebe Kunst und Kultur! Am liebsten bin ich in den historischen Museen der Stadt—besonders im Kunsthistorischen Museum. Ich mag Malerei. In die Oper und vor allem die Wiener Staatsoper gehe ich öfter. Aber auch die Hofreitschule habe ich schon besucht. Wien hat so unglaublich viel zu bieten.

Ist es in Wien schwer, Leute kennenzulernen?

Ich arbeite jetzt seit zwei Monaten im „Magdas“ und wir haben untereinander viel Kontakt. Ich bin zwar wirklich sehr kommunikativ, gehe viel auf Veranstaltungen, singe unsere arabischen Lieder, aber es ist schon schwer, neue Freunde kennenzulernen. Vor dem Krieg hatte ich so viele Pläne, ich musste alles aufgeben und habe jetzt bei Null wiederbegonnen.

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Ruffboards: Ex-Häftlinge bringen Longboards in Form

Einen Besuch in Melanie Ruffs Kellerwerkstatt hatte ich schon länger vor gehabt. Bislang ist mir Melanie immer nur auf Veranstaltungen begegnet, wo sie sich unermüdlich für ihre Idee einsetzt. Melanie ist eigentlich promovierte Historikerin und hat davor eine Höhere Technische Lehranstalt für Bauingenieurswesen besucht. Beide Bildungsstationen—die technische Ausbildung und das Wissen um soziale Ausgrenzung—hat sie handfest mit ihrer Leidenschaft fürs Longboard-Fahren verbunden und zur Geschäftsidee geformt. Als „Longboards Made By Ex-Prisoners“ preist Melanie ihre „Ruffboards“ offensiv an. Ihr geht es unmissverständlich nicht nur um coole Boards und Einzelstücke, sondern auch um ein ökologisches und soziales Anliegen. Einerseits wird Müll—konkret: alte Snowboards—zum Longboard umgebaut. Andererseits bietet das Unternehmen mit Ex-Häftlingen Menschen eine neue Chance, die es am ohnehin dichten Arbeitsmarkt erfahrungsgemäß eher schwer haben.

In der Ruffboard-Werkstatt in einem Währinger Souterrain telefoniert Bertl gerade mit einem Tiroler Skiverleih. Die Skisaison ist vorbei. Die alten Verleih-Boards werden ausgemustert. Der ideale Zeitpunkt, um an den begehrten Rohstoff für die Ruffboards zu gelangen. „Das gebrauchte Board kostet uns inklusive Logistik zwischen 10 und 15 Euro“, erklärt er. Sitzt er nicht gerade am Telefon, dann tüftelt Bertl am Computer—oder er fräst und schleift und formt an einem neuen Longboard. Der Vater zweier Kinder ist froh, zumindest ein halbwegs ökologisches Produkt zu fertigen—weil wenigstens Müll vermieden wird.

„Der Mist von alten Boards ist durch die Epoxiharze und Kunstfasern gleich nach chemischem Abfall so ziemlich der schlimmste Müll überhaupt“, weiß Chefin Melanie. Ihr Vorbild: Freitag-Taschen, die alten LKW-Planen zu einem zweiten Leben verhalfen. Ihr Ziel, irgendwann: eine Zero Waste-Produktion, in der auch alle Schnittabfälle verwertet werden, etwa zu Gürtelschnallen. Ruffboards ist nicht nur als Marke einzigartig—auch die Mitarbeiter wie Bertl sind es. „Ich habe ein Vorleben mit Haftstrafe. Durch meine Spielsucht ist mir irgendwann das Geld ausgegangen. Schließlich war ich für geschäftsmäßigen, gewerbsmäßigen Diebstahl zehn Monate im Gefängnis.“ Durch sein handwerkliches Geschick kam er über seinen Bewährungshelfer und den Verein Neustart mit Melanie Ruff in Kontakt.

Einige Monate verbrachte man gemeinsam mit stilsicheren Handwerksgesellen von Woodsaw damit, eine mobile Manufaktur zu gestalten. Zu Snowboard-Events, Surf- und Musikfestivals können begeisterte Boarder ihre alten Snowboards mitbringen, um sie vor Ort—customized—zu einem ganz persönlichen Longboard umbauen zu lassen. Dieser Ansatz löst auch ein anderes Problem: an den Rohstoff altes Snowboard zu gelangen. Aus Haftungsgründen haben die bekannten Board-Hersteller nämlich interne Vorschriften, sogar neue, schadhaft bedruckte Boards anzubohren. Zum Ruffboard lassen sie sich damit nicht mehr umbauen; und sind Sondermüll bevor sie jemals in den Handel kamen.

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„Ich habe ein Vorleben mit Haftstrafe. Durch meine Spielsucht ist mir irgendwann das Geld ausgegangen. Schließlich war ich für geschäftsmäßigen, gewerbsmäßigen Diebstahl zehn Monate im Gefängnis. Heute schneide, schleife und feile ich Longboards.“
Bertl, Ex-Häftling und „Mädchen für alles“ bei Ruffboards

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Der Brotautomat: Brot vom Bäcker 365 Nächte im Jahr

„Bäckereien entstehen Kosten allein dadurch, dass sie altes Brot entsorgen müssen. Mit unserem „I love Brot“-Automaten, der auch nach Ladenschluss noch übrig gebliebenes Brot anbietet, haben wir daraus ein Geschäftsmodell entwickelt“.
Kathrina Dankl, Studio Dankl

Täglich ab 20 Uhr befüllt die alteingesessene Bäckerei Felzl vor ihrer Backstube in der Schottenfeldgasse ihren „I love Brot“-Automaten mit tagsüber nicht verkaufter Ware. Die konkrete Idee stammt von der interdisziplinären Industriedesignerin Kathrina Dankl und ihrem „Studio Dankl“. Bereits 2012 hatte sich Kathrina für die Ausstellung „Werkzeuge für die Designrevolution“ des Institute of Design Research Vienna ganz praktisch mit Lebensmittelabfällen beschäftigt. Die Installation des Lebensmittelmülls führte schließlich zum Wunsch, auch konkret zur Problemlösung beizutragen.

Binnen Kürze bereicherte Wiens erster Brotautomat das Backwarenangebot im Grätzel. „Ich war die treibende Kraft, die Bäckerei Felzl war spontan genug und ich wollte ein Team, das möglichst viele Bereiche abdeckt“, erinnert sich Kathrina Dankl, um die sich für das Projekt eine Art Wiener All-Star-Team formierte. Mit 60 Brot-Entnahmen pro Nacht ist das Projekt auch ökonomisch klar als Erfolg zu werten. Auch was nachts nicht verkauft wird, geht nicht verloren—sondern ist in der Gegend, neu aufgebacken als würzige Brotchips mittlerweile unter dem Namen „Felzolinis“ beliebt.

Kathrina Dankl selbst ist mittlerweile nur mehr zeitweise in Wien. Seit 2014 ist sie Assistenzprofessorin an der dänischen Design School Kolding. Ihr Spezialgebiet: „very experienced people“. Oder in anderen Worten: Design für eine alternde Gesellschaft. Ein Thema, das uns alle irgendwann persönlich betreffen wird. An uns liegt es, dafür zu sorgen, dass unsere Welt dann weiterhin beschaulich bleibt. In Wien wie im Rest der Welt.

Danke an Thomas Weber für die Einsicht in die spannenden Wiener Projekte. Herzlichen Dank an Sofia Podreka von Goodgoods, Anita Arakelian und Magdas Hotel, Melanie Ruff von Ruffboards und Kathrina Dankl vom Studio Dankl für das Teilen eurer Geschichten.

Zusammen mit der Wirtschaftsagentur Wien tourt Freunde von Freunden durch die florierende Kreativszene der österreichischen Hauptstadt. Zum Thema „Social Entrepreneurship“ initiierte die Wirtschaftsagentur Wien 2015 einen gleichnamigen Förderwettbewerb. Dazu entstand im Vorfeld eine vertiefende Publikation, das sogenannte White Paper, das einige der hier beschriebenen Projekte vorstellt. Durch den Förderwettbewerb wurde unter anderem das innovative und sozial nachhaltige Geschäftsmodell von Ruffboards unterstützt.

Text: Thomas Weber
Fotografie: Alina Emrich
Video: Maya Röttger