Albrecht von Alvensleben & Max Pauen
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In Zeiten, in denen wir alle immer mobiler sein wollen, wirken die massiven Möbel von Bullenberg wie ein Manifest. Die maßgefertigten Tische des Berliner Labels scheinen den Light-Produkten und schnellen Lifestyles dieser Tage zu trotzen.

Handgemacht aus heimischen Eichen tragen sie Berliner Straßennamen: “Skalitzer”, “August”, “Bernauer”. Wir treffen die beiden Möbelmacher Albrecht von Alvensleben und Max Pauen in der Torstraße und freuen uns auf Kaffee und eine gepflegte Küchentischkonversation am ARX-Tisch in Max’ Wohnung. Bevor wir die beiden dann dahin begleiten, wo Bullenbergs Möbel im wahrsten Sinn ihre Wurzeln haben: in die Wälder Sachsen-Anhalts – genau genommen in einen Forstbetrieb, der seit Generationen Albrechts Familie gehört.

Weniger ist mehr: den Tisch perfektionieren

Ein Gespräch bei Max zuhause in der Torstraße

Der Tisch ARX, an dem wir hier sitzen, ist euer erstes und bislang einziges Produkt. Warum ausgerechnet ein Tisch?

Albrecht: Der Tisch ist einfach ein zentrales Möbelstück, an dem sich im Alltag so vieles abspielt. So wie jetzt gerade: Wir wollen uns unterhalten und setzen uns direkt an den Tisch. Dabei ist es oft schwierig, das passende Modell für einen bestimmten Raum zu finden…

Max: Dieses Problem war der eigentliche Anstoß für uns. Ein Freund war auf der Suche nach einer massiven Schreibtischplatte, hat aber einfach keine gute Platte mit den passenden Maßen gefunden. Weil Albrechts Familie ein Forstbetrieb gehört, haben wir dort Eichenholz besorgt. Daraus wurde dann erstmal einfach eine Platte auf Böcken.

“Das Schöne am Möbelbau ist, dass er so konkret und weniger konzeptionell ist als die Architektur.” – Max

Ihr seid eigentlich Architekten.

Max: Ja genau. Wir haben uns während des Architekturstudiums in Wien kennengelernt. Wenn ich jetzt so zurückdenke, hat in unserer dortigen WG eigentlich auch immer ein guter, großer Tisch gefehlt. Wir haben zwar irgendwas aus Holz-Reststücken zusammengebastelt, hatten aber nie so richtig das, was wir haben wollten.

Albrecht ist dann irgendwann weiter nach New York, ich habe in Wien weitergemacht. Hier in Berlin haben wir uns dann wiedergetroffen. Zunächst haben wir hier beide in wechselnden Architekturbüros gearbeitet. Aber uns wurde ziemlich schnell klar, dass wir eigentlich etwas Eigenes machen wollten. Sich als junger Architekt selbstständig zu machen ist nun mal nicht so einfach.

Albrecht: Hinzu kommt, dass der handwerkliche Aspekt für uns beide auch in der Architektur schon eine entscheidende Rolle gespielt hat. Wir haben auch während des Studiums immer mal wieder Möbel gebaut. Das Schöne am Möbelbau ist, dass er so konkret und weniger konzeptionell ist als die Architektur.

Basiert eure Entscheidung, erstmal nur ein einziges Produkt zu machen, auf einer Art „Weniger ist mehr”-Philosophie?

Max: Die Fokussierung erlaubt es uns natürlich, viel expliziter an den Details zu feilen. Das hier in der Küche ist zum Beispiel ein ganz früher Tisch, an dem uns manches mittlerweile nicht mehr so gut gefällt. Das sind dann zwar Dinge, die man auf Anhieb kaum sieht. Aber oft machen ja gerade ganz kleine Sachen wie minimale Winkel die passenden Proportionen eines Objekts aus. Deshalb justieren wir monatelang die Details. Generell ist dieser Tisch ein Produkt, das man intensiv betreuen muss. Auch weil wir nur auf Anfrage produzieren und völlig auf standardisierte Prozesse verzichten.

Was glaubt ihr – warum legen wir immer mehr Wert auf Maßgefertigtes und auf Marken mit persönlichen Geschichten?

Max: Ich denke, weil doch sonst alles so austauschbar wäre. Man möchte sich ja aus Gründen für ein Produkt entscheiden, die jenseits des Pragmatischen liegen. Bei Möbeln ist das ja letztlich nicht anders als beispielsweise bei Lebensmitteln. Es können also ethische Gründe sein, aber eben auch emotionale.

Max und Albrecht tunen ihre Tische. Wäre ihr ARX ein Auto, wäre es wohl ein kastiger Volvo-Kombi, sagen sie. Sie schlagen vor, die “Classic Remise”, Berlins selbsternanntes Kompetenzzentrum für alte Karossen, zu besuchen, bevor wir die Stadt gen Sachsen-Anhalt verlassen. Als wir von Mitte nach Moabit fahren, schlägt Albrecht noch einen schnellen Abstecher vor. Wir halten also zunächst im Hof eines imposanten Ensembles aus roten Backsteingebäuden – alten preussischen Kasernen. In der ehemaligen Heeresschneiderei hat das Architektenpaar Sauerbruch Hutton sein Büro. Hier hat Albrecht gearbeitet als es mit Bullenberg losging. Mit Sauerbruch Hutton hat er seinerzeit einen Holzbau entwickelt und sich dadurch intensiv mit diesem Material auseinandergesetzt. Aus heutiger Sicht sei das ein weiterer Antrieb gewesen, sagt er, als wir inmitten von Oldtimern parken.

Unterwegs mit Bullenberg – Vom Baum zum Tisch

Oldtimer Autos in einem restaurierten Bahndepot

Was ist das Spannende an Oldtimern aus einer Design-Perspektive?

Was ist das Interessante an alten Autos? Worin besteht die Verbindung zu Bullenberg?

Max: Oldtimer sind aus gestalterischer Sicht einfach wahnsinnig spannend. Zum einen, weil sich die Proportionen von Autos allgemein gut auf andere Produkte übertragen lassen. Zum anderen, was den handwerklichen Aspekt und die hochwertigen Materialien betrifft. Abgesehen davon wird an diesem Ort so schön deutlich, wie jede Zeit ihren eigenen Stil hervorbringt.

Albrecht: Wir achten besonders auf Materialien und Materialmischungen. Explizit auch auf die Armaturen, Vertäfelungen und Verblendungen in den Innenräumen. Die wurden damals noch aus edlem Eschenholz gefertigt.

Abgesehen von Autos und Möbeln – was sind für euch bedeutende Classics?

Max: Klar können das Filme sein oder Kunstwerke… Meistens sind es aber Objekte. Oft ganz unscheinbare Dinge, die uns inspirieren und zu ganz persönlichen Icons werden.

Unscheinbare Dinge wie das markante Konstruktionsdetail auf der Autobahnbrücke, an dem die beiden monatlich mehrfach auf dem Weg zum Wald und ihren Produktionsstätten vorbeifahren. Wir machen uns auf denselben Weg, lassen besagte Metallkonstruktion nach einem schnellen Seitenstreifenstop auf der A2-Elbbrücke am rechten Fahrbahnrand liegen und fahren weiter durch Sachsen-Anhalt, das selbsternannte “Land der Frühaufsteher”. In der Tischlerei, mit der Bullenberg zusammenarbeitet, macht man sicher früh Feierabend, sagt Albrecht. Also besser direkt dorthin und erst danach in den Forst.

Eine familienbetriebene Holzwerkstatt in Haldensleben

Die Bedeutsamkeit von Material und Herkunft

Was bedeutet es für euch, hier in Haldensleben zu produzieren – in direkter Nähe zu dem Waldstück, aus dem ihr euer Holz bezieht?

Max: In Hinblick auf unseren Ansatz ist das eigentlich einfach nur konsequent. Wir haben von Anfang an ganz gezielt nach einer Tischlerei im Umkreis gesucht. Die richtige zu finden war allerdings gar nicht so einfach…

Albrecht: Wir haben eine Menge unterschiedlicher Betriebe besucht, aber viele waren erstmal skeptisch. Das hat vielleicht mit der Gegend oder auch mit dem Alter der Tischler zu tun. Da kommen auf einmal so Typen aus Berlin und wollen etwas… Mit einigen hätte die Kommunikation auch gar nicht funktioniert, weil sie keine Emailaccounts haben. Da kann ein Tischler dann die beste Technik beherrschen – wenn er keine Emails lesen kann, können wir nicht mit ihm arbeiten. Am Ende haben wir dann dieses Familienunternehmen in Haldensleben gefunden. Die waren total offen für unsere Idee. Obwohl ihre Holzwerkstatt eigentlich auf den Innenausbau – also Türen, Fenster oder Treppen – spezialisiert ist.

Hatte Holz für euch aus Architektensicht bereits eine besondere Bedeutung?

Max: Auf jeden Fall. Holz kommt in der Architektur ja quasi überall vor. Aber oft lediglich als industriell vorgefertigter Verbundstoff. Es lässt sich kaum nach standardisieren Qualitäten definieren. Es gibt für Holz beispielsweise keine DIN-Norm. Natürlich werden Fensterrahmen oder Parkett immer noch aus Echtholz gefertigt. Aber so pur, wie wir es für unsere Tische verarbeiten, kommt es in der Architektur nur sehr selten vor.

Albrecht: Besonders eben in dieser massiven Stärke. Wir haben uns ja bewusst für Eichenholz entschieden. Zum einen hat dieses besonders schöne Färbungen und Maserungen. Zum anderen ist es ein besonders hartes, schweres Holz. Man zieht doch heute so viel um – viele Menschen möchten da gar keine großen, schweren Möbel mehr besitzen.

Es gibt ein Photo auf eurer Internetseite, da sitzt ihr beide in Gummistiefeln, Hüten und Holzfällerhemden in einem frisch gemähten Kornfeld am ARX-Modell “Fehrbelliner” mit signalgelben Akzenten. Wie seht ihr euch selbst, beziehungsweise euer Image als Entrepreneurs?

Max: Naja, das ist klingt ja alles so nach Klischee: lokal produzieren, aufs Land rausfahren, der Forst der Familie… Wir sind aber nicht hundertprozentig diese Jungs, die mit Hut im Wald herumrennen. Unser städtisches Umfeld ist ja ein ganz anderes. Bullenberg ist irgendwie eine Mischung aus beidem. Aber die Story gehört eben dazu, wenn man Tische verkaufen will. Wir wollen uns dabei aber selbst nicht zu ernst nehmen.

Albrecht: Das Bild haben wir damals mit dem Selbstauslöser gemacht und die Tischbeine in Becher gestellt, damit sie nicht dreckig werden. Schließlich mußte der Tisch am selben Tag noch ausgeliefert werden. Wenn es in der Berliner Gegend oder irgendwie auf dem Weg ist, übernehmen wir die Auslieferung oft selbst.

“Man könnte sagen, wir haben den traditionellen Tisch in eine Form übersetzt, die für uns ganz persönlich und in unserer Zeit funktioniert.” – Max

Stellt sich Bullenberg bewusst gegen diese Tendenz?

Max: Ich denke, so ein Tisch symbolisiert tatsächlich eher das Stück zuhause, das man in eine neue Wohnung mitnehmen kann. Seine Platte ist zwar sehr schwer, man kann aber immerhin die Beine abnehmen. Insofern er beinahe wie ein recht robuster persönlicher Platz, der immer wieder mit einem umzieht.

Inspiriert von Oldtimern, benannt nach Strassen Berlins und traditionell gefertigt aus uralten Bäumen vereinen Bullenbergs Tische eine gewisse “On the Road”-Romantik mit der des deutschen Eichenwalds. Das Forstgebiet, aus dem Max und Albrecht ihr Holz beziehen, hat eine Fläche von etwa 1.000 Hektar und ist seit Jahrhunderten im Besitz von Albrechts Vorfahren. Im zweiten Weltkrieg sind die von Alvenslebens enteignet worden. Doch nach der Wende haben sie begonnen, den Wald Stück für Stück zurückzukaufen. Heute arbeitet hier nur noch Albrechts Onkel, ein gelernter Forstwirt, der im eigenen Sägewerk vor Ort Dielen und Parkett produziert. Mit seiner Hilfe schlagen Max und Albrecht ihr Holz selbst und wählen die besten Bohlen für Bullenberg aus, bevor sie dann zum Hobeln in die Tischlerei gebracht werden.

Ein Wald mit einer persönlichen Geschichte

Besuch im Forst und Sägewerk der Familie Alvensleben

Nachdem wir schon über euren Bezug zum Material Holz gesprochen haben: Welche Bedeutung hat dieser Wald für die Marke Bullenberg und ihre Produkte, aber auch für euch persönlich?

Albrecht: Ich bin gewissermaßen mit den Bäumen hier aufgewachsen. In den Neunzigern, als ich so um die zehn Jahre alt war, bin ich mit meinem Vater häufig hierher gefahren und habe geholfen, neue Bäume zu pflanzen. Die sind heute gerade mal fünf Meter hoch – ernten kann man sie also lange noch nicht. Aber ich habe dadurch sicher früh ein Gefühl für die Wertigkeit dieses Werkstoffs entwickelt. Es ist auch wirklich schön, zu wissen, dass die Möbel, die wir machen, aus gewachsenem Material bestehen. Aus einem Material, um das man sich kümmern muss.

“Es ist schön zu wissen, dass die Möbel, die wir machen, aus gewachsenem Material bestehen. Aus einem Material, um das man sich kümmern muss.” – Albrecht

Macht Bullenberg Tische aus glücklichen Bäumen?

Albrecht: Auch wenn bewaldete Areale heute aufgrund von Bebauungsmaßnahmen schrumpfen geht es dem deutschen Wald generell noch relativ gut. Es gibt hier strikte Regeln in der Forstwirtschaft. Bevor wir Bullenberg begonnen haben, habe ich einen Waldbauernkurs gemacht. Für jeden Baum, der gefällt wird, müssen mindest hundert neue gepflanzt werden. Am besten geht es Bäumen in Mischwäldern wie diesem.

Ihr habt eure Marke nach dem “Bullenberg” benannt – einer Anhöhe, die sich auf diesem Areal befindet…

Max: Wir wollten unbedingt einen Namen, der einen direkten Bezug hat, aber nicht unsere Familiennamen benutzen. Dann haben wir uns auf einer historischen Karte dieses Waldes alles genau angeschaut und unter anderem den Bullenberg gefunden.

Albrecht: Auf dieser Anhöhe steht auch eine besonders schöne Eiche. Aber das Gebiet ist ziemlich unzugänglich.

Wir verlassen die Countryside nun wieder Richtung Berlin. An uns vorbei ziehen endlose Felder und Gewerbegebiete. Später auf der Strecke folgt entlang des Berliner Rings der Grunewald. Auch Berlin hat eine Menge Bäume, nur fallen sie den Stadtbewohnern nicht so auf.

Wir nehmen die Ausfahrt Schöneberg und finden uns in der Joseph Roth Diele wieder – umgeben von rustikalem Mobiliar, wie es heute recht rar ist.

Tradition mit Originalität verbinden

Joseph Roth Diele in der Potsdamer Straße

Wer war Joseph Roth?

Albrecht: Wir wissen, dass er ein Wiener Schriftsteller war – also aus der Stadt stammt, in der wir uns kennengelernt haben. Allerdings kommen wir eher wegen Schnitzel und Käsespätzle hierher. Und weil es so ein ursprünglicher, traditionsbehafteter Ort ist, wie es sie gerade in Mitte mittlerweile so gut wie gar nicht mehr gibt.

Wie findet ihr selbst bei den Tischen von Bullenberg die Balance zwischen Zeitgeit und Tradition?

Max: Im Grunde macht es für uns gar keinen Sinn, beides getrennt zu betrachten. Wir haben uns von Anfang an lediglich Gedanken darüber gemacht, was so ein Tisch leisten muss. Der ARX sollte nie ein Designobjekt werden, das durch seine Form auffällt. Auch nicht durch seine Funktionsweise. Es geht um die größtmögliche Ursprünglichkeit des Produkts. Das ist dann wohl Tradition. Das Moderne kommt durch unseren Geschmack ganz selbstverständlich dazu. Man könnte sagen, wir haben den traditionellen Tisch in eine Form übersetzt, die für uns ganz persönlich und in unserer Zeit funktioniert.

Dankeschön

Dieses Porträt ist Teil unserer “Guided and Curated” Serie, die FvF gemeinsam mit MINI Deutschland produziert hat. Ausgewählte Personen teilen Einblicke in ihre Städte durch Guides, die auf ihre jeweiligen Expertisen zurechtgeschnitten sind. Erfahren Sie mehr über den neuen MINI Clubman, den Albrecht und Max durch Berlin gefahren haben.

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Danke vielmals an Albrecht und Max, die mit ihren insgesamt vier Beinen so solide am Boden stehen wie ihre massiven Eichenholztische. Es war ein toller Trip! Weitere Details über die Projekte von Albrecht und Max auf der Bullenberg Website.

Interview & Text: Anna Sinofzik
Fotografie: Bene + Leif