Andreas Ernst
Teacher & Graffiti Artist, Stühlinger, Freiburg, Freiburg
FvF × USM
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Was zuerst konträr erscheint, ist für Andreas Ernst alltäglich: Als Mathelehrer und Graffiti-Künstler kennt er sich gleichermaßen mit Stochastik wie mit Sprühtechniken aus. Im Freiburger Stühlinger hat er die Möglichkeit gefunden, seine beiden Lebenswelten zu vereinen.

Während seiner Graffiti-Workshops hat Andreas gemerkt, wie viel Spaß ihm das Unterrichten bringt. Heute ist er Lehrer für Mathe, Chemie und Technik an der Realschule, nebenbei arbeitet er an verschiedenen Graffiti-Aufträgen. Kreative Selbstverwirklichung kommt dabei nicht zu kurz: Am liebsten geht Andreas raus und malt, ganz frei und nur für sich selbst. Trotz den abstrakten Skizzen an der Wand prägen klare Linien seine Wohnung. So bunt sein Beruf auch sein kann, privat mag Andreas es dezent und aufgeräumt. Seine Wohnung spiegelt so seine Neugier auf die Welt, wie auch sein Bedürfnis nach einem Ruhepol: Unterwegs in den verschiedenen Ländern dieser Welt, hat sich Andreas immer wieder auf seine Heimat gefreut. Im Gespräch reden wir mit ihm über beeindruckte Schüler und Sprayen in den unterschiedlichen Kulturen.

Dieses Portrait ist Teil der Kollaboration mit USM und Teil der Serie “Personalities by USM”. Mehr über Andreas’ Einrichtung gibt es hier.

Wie lange wohnst du schon hier?

Ich wohne seit vier Jahren in dieser Wohnung. Ursprünglich komme ich aus Bühl, das ist nicht weit von hier. Mitte der Neunziger bin ich zum Zivildienst nach Freiburg gekommen. Zwischenzeitlich habe ich in Gaggenau gewohnt, aber seit dem Studium bin ich wieder hier. Ich bin viel gereist, war neun Monate auf Weltreise – aber wegziehen wollte ich nie.

Hat es dich nie gereizt, mal ganz woanders zu wohnen?

Als Jugendlicher wollte ich immer auswandern. Mittlerweile denke ich, eine Konstante im Leben ist wichtig. Mit manchen Dingen bin ich sprunghaft, aber nicht mit meinem Zuhause. Ich bin gerne unterwegs in anderen Ländern, um zu schauen, was es dort alles gibt. Aber ich komme immer gerne zurück. Hier bin ich groß geworden, hier kenne ich mich aus.

Welches ist das älteste Möbelstück in deiner Wohnung?

Den Tisch hatte ich schon als Zivi. Das Bett ist auch älter, das habe ich selbst gebaut. Und der Schrank gehörte schon meiner Oma. Ich habe lange in WGs gewohnt und bin deswegen mit wenigen Möbeln eingezogen. Seitdem wächst die Wohnung immer weiter. Der Kachelofen, zum Beispiel, ist dieses Jahr erst dazugekommen, ein uraltes Teil aus dem 19. Jahrhundert. Das USM-Regal daneben, stand früher im Schlafzimmer, aber da hat es nicht gewirkt. Im Wohnzimmer gefällt es mir besser.

Wie lange hast du das Regal schon?

Ich habe mir die Regalteile Stück für Stück gekauft. Die linke Hälfte habe ich seit drei Jahren. Erst hatte ich darin Aktenordner verstaut, aber mit dem Holz sieht es natürlich schöner aus. Die zweite Hälfte ist ganz neu. Eigentlich wollte ich da meine Stereoanlage reinstellen, aber der Verstärker ist zu groß. Jetzt habe ich den Platz für Schallplatten, Bücher und Spiele genutzt, das passt auch gut.

Deine Graffitis sind sehr knallig, aber deine Einrichtung ist ganz dezent – wie kommt das?

Ich mag es bunt, male aber auch manchmal monochrom, in fast nur einer Farbe. Hauptsache es passt. Ich könnte meine Wohnung auch bunter machen, die Regale oder jede Tür in einer anderen Farbe. Aber das ist gar nicht meins. Ich renne ja auch nicht in einer knallgelben Hose und einem blauen Hemd rum. Ich mag es einfach dezenter. Meine Bilder sollen auffallen, nicht ich.

Hast du Lieblingsstücke in der Wohnung, mit denen du besondere Erinnerungen verbindest?

Das ist schwierig. Es gibt so viele Sachen, die mir wichtig sind.

Wenn es brennen würde, was würdest du zuerst retten?

Manche Bilder und Skizzen bedeuten mir sehr viel. Ich habe eine Skizze von einem Sprayer aus New York. Die kann man nicht kaufen. Ihr materieller Wert ist vielleicht gering, der emotionale dafür umso höher. Ich habe den Sprayer 1994 in Frankfurt kennengelernt, als ich noch ganz frisch dabei war. Ich habe mit meinem Skizzenbuch die Leute abgeklappert und ihn gefragt, ob er mir etwas rein malt. Das hat er dann auch gemacht. Eine andere Skizze ist von einem alten Freund aus Basel, mit dem ich früher ziemlich viel gesprüht habe. Er hat sich vor ein paar Jahren erschossen, deshalb bedeutet mir die Skizze viel. Aber auch Skizzen von Leuten, mit denen ich zur Zeit viel mache, sind dabei.

Du hast im Flur eine ganze Galerie aus Skizzen, dazwischen aber auch ein paar ganz andere Sachen, zum Beispiel ein Kinderbild.

Das Bild hat die Tochter meiner Ex-Freundin für mich gemalt. Die kleinen Karten sind von meinem Geburtstag letztes Jahr. Meine Einladungen waren Blankokarten, meine Freunde sollten etwas draufmalen und sie zurückschicken. Eine andere Zeichnung ist von dem Kind eines Pendlerkollegens aus dem Zug.

So verschieden wie die ganzen Werke an deiner Wand sind auch die Sachen, die du selbst machst. Eigene Graffiti-Werke, aber auch Auftragsarbeiten und Workshops. Was davon machst du am liebsten, wie würde ein perfekter Tag für dich aussehen?

Das muss gar nichts besonderes sein. An einem perfekten Tag habe ich alle meine Sachen organisiert und vorbereitet und weiß was ich machen will. Dann fahr ich los und male einfach. Sehr oft arbeite ich mit meinem Sprühernamen Zoolo. Manchmal überlege ich mir ein bestimmtes Thema, etwas, das grade mit mir und meiner Stimmung zu tun hat. An einem perfekten Tag male ich das, worauf ich Lust habe, einfach nur für mich.

Du bist viel gereist und hast in allen möglichen Ländern gesprüht. Gibt es einen Spot, an dem es dir besonders gefallen hat, eine Geschichte, an die du dich gern erinnerst?

Santiago de Chile war ein Highlight. Dort war ich drei Monate mit einheimischen Sprayern unterwegs. Da kann man im Prinzip malen, wo man will. Du klingelst an einer Tür und fragst: “Wir würden gerne die Wand bemalen, das kostet Sie auch nichts.” Und los geht’s. Vietnam fand ich auch spannend. Ich war schon eine Weile unterwegs und wollte unbedingt etwas sprühen. Ich möchte in jedem Land, das ich besuche, etwas hinterlassen. An meinem letzten Tag war ich in Hanoi. Dort gibt es einen Platz, auf dem oft Breakdancer tanzen. Denen habe ich versucht klar zu machen, was ich will, aber die haben kein Wort verstanden. Irgendwann kam einer, der ein bisschen Englisch sprach und hat mich jemandem vorgestellt, mit dem ich sprayen gehen konnte. Der wollte aber illegal malen, einen Tag vor meiner Abreise war mir das zu riskant. Bei einem Freund von ihm haben wir dann die Wand besprüht. Am nächsten Tag bin ich noch einmal hingefahren, um ein Foto zu machen. An dem Tag war eine Suppenküche davor, das sah wirklich toll aus.

Du sprühst ja aber nicht nur für dich, sondern fertigst auch Auftragsarbeiten an. Du hast mal einen Sarg besprüht, grade machst du ein Projekt für badenova und gibst Workshops. Wie gehst du an Arbeiten ran, bei denen die Richtung vorgegeben ist?

Das ist immer anders. Für den Sarg hatte ich gar keine Vorgaben – es ging um eine Ausstellung von einem Bestattungsunternehmer, der zur Abwechslung etwas Besonderes zeigen wollte. Mit dem Sarg habe ich sogar den 7. Platz bei dem Wettbewerb „Der schönste Sarg Deutschlands“ gewonnen. Die Urkunde ist leider nicht hübsch genug, um sie aufzuhängen. Bei einer konkreten Auftragsarbeit, wie für badenova, passe ich das Motiv an. Damit habe ich auch kein Problem. Bei Workshops hingegen, muss man spontan sein. Da hängt viel von den Schülern ab.

Über die Workshops bist du dazu gekommen, Lehrer zu werden.

Ja genau. Ich habe viele Workshops gegeben, auch an Schulen. Das hat mir immer großen Spaß gemacht. Als ich von meiner Weltreise zurückkam, war klar: Ich muss mir etwas Neues suchen. Ich bin gelernter Goldschmied aber habe nach ein paar Jahren Praxis festgestellt, dass mir der Beruf zu unbeweglich ist. Ich kann nicht den ganzen Tag still sitzen und Schmuck anfertigen, ich muss mich auch bewegen können. Daraufhin habe ich Technik, Chemie und Mathe für die Realschule an der PH in Freiburg studiert. Mein erstes Blockpraktikum hat so viel Spaß gemacht, dass ich wusste, ich tue das Richtige.

Wenn du eine leere Wand, die du besprühen sollst mit einem Schüler vergleichst, dem du was beibringen sollst: Ist das ein ähnlicher Prozess?

Absolut nicht. Einen leeren Schüler kann ich nicht einfach füllen. Das funktioniert nicht. Ich kann erklären ohne Ende, aber das heißt noch lange nicht, dass es in ihm drin bleibt. Auf einen Schüler muss man eingehen und versuchen, ihn zu motivieren. Wenn das gelingt, ist das schon die halbe Miete. Die Wand hingegen, macht sowieso, was ich will. Bei einem unmotivierten Schüler bin ich machtlos. Damit spiele ich dann aber gerne und sage zu den Schülern: “Ihr müsst bereit sein, etwas zu tun. Wenn ihr das nicht seid, wird es wirklich schwierig. Aber wenn, dann kann ich euch auch etwas beibringen.”

Ist der Umgang mit Schülern leichter, wenn die wissen, dass du in deiner Freizeit Graffiti sprühen gehst?

Das kann ich so nicht sagen. Aber mit meiner ersten Klasse, lief es super. Auch in meine jetzige Klasse gehe ich gerne rein. Manchmal kracht es, aber das gehört dazu. Schüler nehmen mich ja nicht ernster, nur weil ich sprühe. Sie finden es cool, dass ich eine Graffiti-AG mache. Aber meine Schüler kennen mich – nur die, die mich nicht kennen, sind oft beeindruckt. Sobald ich aber im Unterricht eine schlechte Note verteile oder sage: “Du bist jetzt still, sonst schmeiße ich dich raus!” –  ist das Sprayen plötzlich Nebensache.

Wir begleiten dich noch zu einem deiner Graffitis. Läuft man durch den Stühlinger, fällt einem immer wieder auf, wie bunt der Stadtteil ist. Bist du bewusst hierher gezogen?

Nein, das war Zufall. Ich hatte großes Glück mit der Wohnung, die gefiel mir auf Anhieb. Die Aussicht vom Balkon ist großartig, man kann über alle Dächer schauen. Auch Stühlinger finde ich toll. Der Stadtteil ist gut durchmischt: Weder zu schick, noch zu schäbig. Hier wohnen Studenten, Arbeitslose und Akademiker, ohne dass es Stress gibt. Ich liebe auch die Vielzahl an kleinen Läden, die es sonst so nicht mehr gibt – wie der Freundsaftladen oder der Trödelladen direkt gegenüber von meiner Haustür.

Der Pfeiler unter der Schnewlinbrücke ist eine der legalen Sprühflächen in Freiburg, und auch nicht ganz so hässlich wie so manche Unterführung. Die Fläche hast du gestern erst besprüht…

Das war ein richtig guter Tag und ich wollte etwas Herbstliches sprühen. Ich denke, das bleibt auch noch eine Weile dort stehen. Meinen Namen habe ich auch verarbeitet. Ich mag ein sauberes Sprühen und klare Linien. Das ist besonders schwierig, denn dann fallen Ungenauigkeiten leichter auf. Je wilder das Bild, desto weniger sieht man Fehler. Früher habe ich mit der typischen Graffiti-Schrift gearbeitet, jetzt nicht mehr. Ich möchte schließlich auch anders sein und mit meinen Sachen auffallen.

Thanks!

Danke Andreas für das Gespräch und den Einblick in dein spannendes Leben! Mehr von Andreas’ Arbeiten gibt es auf seiner Website.

Gemeinsam mit USM produzieren wir Portraits für die Serie “Personalities by USM”. Mehr zu Andreas’ Wohnung gibt es hier. In unserem letzten Portrait der Serie, haben wir uns mit Modedesignerin und Innenarchitekt Jeannette & Frank Urech in Zürich.

 

 

 

Interview & Text: Maria-Xenia Hardt
Fotos: Andreas Hirsch & Sven Bartz