Freunde von Freunden

Andreas Golder
Artist, Studio, Berlin-Weissensee
Interviews > Andreas Golder

Auch wenn es sich manchmal wie eine kleine Ewigkeit anfühlt, habe ich Andreas Golder erst vor ein paar Jahren in der Z Bar kennengelernt. Seitdem ist viel passiert und Andreas gehört inzwischen zu einem der etabliertesten Künstler der Berliner Szene. Bis dahin war es ein langer Weg. Andreas Golder flüchtete 1990 mit seinen Eltern aus Jekaterinburg in Russland nach Deutschland. 1997 verschlug es ihn der Liebe wegen nach Berlin, wo er dann auch später studierte und heute noch lebt und arbeitet.

Jetzt sind wir unterwegs in sein Atelier in Weissensee. Wir fahren auf einen industriellen Hof, auf dem noch teilweise Ruinen stehen, fast alles ist von Graffiti überzogen. Aus der Ferne hören wir schon laute Punkmusik – hier sind wir richtig. Ganz brav bei alkoholfreiem Bier sitzen wir draussen, die Vögel zwitschern geradezu idyllisch.

Heute lernen wir einen Andreas Golder kennen, der nicht nur ein hervorragendes Wissen in Sachen Kunst und Kunstgeschichte vorzuweisen hat, sondern auch überraschend in Geographie brilliert. Wir reden über das Sofabild und warum eigentlich viel mehr Quatsch an den Kunsthochschulen herrschen sollte. Aber hier von Anfang an, damals in Russland…

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Andreas, Du kommst ursprünglich aus Russland. Wann bist Du nach Deutschland gekommen und warum?
1990. Meine Eltern mussten damals von dort fliehen und da musste ich mit. Wir kamen aus Ekatarinenburg im schönen Uralgebirge, mitten in Russland – die dritt grösste Stadt in Russland immerhin, das wissen die wenigsten. Im 2. Weltkrieg hat man sogar überlegt die Hauptstadt dort hinzuverlegen. Die ganze Waffen- und Schwerindustrie wanderte auch dorthin, wegen der Eisenerze und weil kein Feind dort hinkommt. Man müsste sonst erstmal durch Sibirien durch.

Bist Du noch manchmal da?

Ja, ich habe noch Familie dort.

In der welcher Stadt bist Du damals gelandet?

In Heidelberg, dann Ebersbach, dann Jagsthausen, danach Öringen und danach Widdern.

Diese Orte gehören aber nicht zu den drittgrössten Städten Deutschlands.

Nein, aber Widdern ist die kleinste Stadt Baden-Württembergs. Die haben die Stadtrechte erhalten, da war Berlin noch ein Sumpf.

Hast Du damals schon Deutsch gesprochen oder musstest Du die Sprache erst lernen?

Die musste ich erst lernen. Ich kam damals aus der 5. Klasse in Russland in die 3. Klasse der Förderschule in Heidelberg und der Unterricht bestand eher daraus, dass wir den Lehrer geärgert haben und schwimmen gegangen sind. Dann wollten sie mich auf die Hauptschule stecken, aber wegen eines IQ-Tests kam ich dann doch auf die Realschule. Dort habe ich mit 1,0 abgeschlossen und daraufhin kam ich auf das Gymnasium, wo ich aber auch nicht lange blieb.

Du warst auf einer Schule fuer begabte Kinder.

Das war in Russland, bis zur 5. Klasse. Vormittags gab es normalen Unterricht und nachmittags gab es Ballet, interessanter Weise Kunstgeschichte und Malereiklassen.

Wann bist Du nach Berlin gekommen?

1997.

Was hat Dich nach Berlin gebracht?

Ein Mädchen.

Und wie lange ging das mit Euch?

Fast 6 Jahre. Ich bin grundsolide.

Du bist also aus Liebe nach Berlin gekommen.

Ja, ich habe Zivildienst gemacht und dann habe ich angefangen zu malen.

Hast Du erst in Berlin angefangen zu malen oder schon vorher?

Nein, schon vorher. In der Schule habe ich die ganzen Basics gelernt und als ich nach Deutschland kam hatte ich eine kleine Teenie-Revolte gegen alles was ich gelernt hatte und habe nichts mehr gemacht. Mit 15 oder 16 Jahren aber fing das fast automatisch wieder an. Ich habe einen Totenkopf hingestellt und den jeden Tag 8 bis 9 Stunden gezeichnet. Dadurch das ich kein Abitur gemacht habe– das ist die eigentliche Pointe meiner Biografie- musste ich mir etwas anderes einfallen lassen, wo ich trotzdem studieren konnte und faul leben. Malen war das einzige was ich gut konnte und somit dachte ich mir, probier ich das. Ich habe mich 6 mal an der UdK beworben und wurde nie akzeptiert, wegen mangelnden Talents. Vielleicht hatten die sogar Recht, aber das gleiche ich jetzt mit anderen Dingen aus. Damals habe ich aber schon Ausstellungen gemacht, die waren alle ausverkauft.

Du hast Anfang des Jahres mehrere Monate in Peking verbracht und dort gearbeitet und eine Ausstellung bei Urs Meile gemacht. Was war Dein Eindruck und ist der boomende Markt fuer Chinesische zeitgenössische Kunst noch zu spüren?

Der grösste Teil der chinesischen Malerei gefällt mir nicht. Die Chinesen sind wesentlich stärker, wenn sie Performance oder Video machen oder auch Skulpturen. Es gibt wenig gute Malerei, die mir gefallen hat, aber jetzt in der zweiten Generation, die sich weniger mit China beschäftigt, sondern mit Malereigeschichte, da gibt es neuerdings ein paar starke Positionen. Ich muss auch sagen, die Kunstszene in China ist unglaublich stark, da kann man sich hier eine Scheibe von abschneiden. Es ist wesentlich intensiver. Hier hängt man immer mehr auf Parties rum, redet über die nächsten Höchstpreise, und den ganze Unfug, name-dropping – es wird langsam unerträglich. Jetzt steht sogar schon in der Gala und der Bunten, wer, bei welcher Vernissage, was getragen hat. Diese ganze Glitzer – und Glamourgeilheit ist komplett fehl am Platze. Es ist eine komische Sehnsucht von den Leuten.

Was hat Dich gereizt nach Peking zu gehen?

Weil ich Angst davor hatte Durchfall zu kriegen und da dachte ich mir, das muss ich ausprobieren. Und ich hatte niemals Durchfall in Peking, das Essen war wirklich hervorragend.

Dann warst Du auch noch in New York.

Ja, aber das war nur zur Messe, zum shake-hands. Champagnerparties, leichte Mädchen, fette Limousinen…

Kunst hast Du Dir aber bestimmt auch angeschaut.

Ja, die George Condo Ausstellung im New Museum war sehr geil.

Ich habe die letzte Ausstellung mit ihm bei Sprüth Magers gesehen und war positiv überrascht, weil ich eigenlicht nicht so ein grosser Fan bin.

Die Ausstellung mochte ich auch sehr. Er ist ein wirklich sehr guter und intelligenter Maler.

Was meinst Du mit “intelligenter Maler”?

Oh je – Fangfrage.

Du hast “intelligent” so bewusst gewählt, Du hättest ja auch sagen können, er ist ein talentierter Maler.

Ich will jetzt eigentlich nicht über George Condo reden, sondern über mich.

Diese Aussage interessiert mich aber.

George Condo ist ein Mann, der die gesamte Bandbreite der Malerei kennt und aus dem vollen schöpft. Er sitzt nicht da wie die Leipziger Schule, die den 1er Pinsel auspackt sondern nimmt die Abkürzungen, wie die Impressionisten das auch schon gemacht haben. Es ist kein abmalen, der kann halt was. Fertig. Er macht interessante Bilder, bedient sich dabei aus der Geschichte, aber hat seine völlig eigene Bildsprache und ist sehr lustig dabei, tiefgründig – er macht die perfekte Popmalerei mit Klassikanspruch.

Du bist ein grosser Alter Meister-Fan und warst bestimmt auch in den Museen in New York.

Ja, klar. Die Frick Collection – immer wieder. Und das Metropolitan, die haben eine unglaubliche Sammlung.

Wir haben uns neulich schon mal kurz darüber unterhalten, über die amerikanische Malerei, die nicht so eine lange Tradition hat wie die Europäische Malerei. Was sind Dir für markante Unterschiede aufgefallen?

Wenn man z.B. die Landschaftsmalerei ansieht, fällte einem auf, dass sich in der amerikanischen Malerei was ganz anderes auftut aufgrund der Weite des Landes. Bei den Russen übrigens ist das ähnlich. Es ist viel bombastischer und vielleicht auch proletiger. Selbst die Abstrakten Expressionisten, die alle bei den Deutschen gelernt haben – Hoffmann etc. Wo ist der Unterschied? Ich weiss es nicht – vielleicht liegt es daran, dass die immer alle hier rüber schielen.

Meinst Du historisch betrachtet oder zeitgenössisch?

Zeitgenössisch auch – guck Dir doch mal den Typen an, der dänische Pornos abmalt. Es muss dänischer Porno sein und sieht letztendlich aus wie alte deutsch-niederländische Renaissance Malerei, nur etwas mehr verzogen.

Man sagt Amerika hat einen gewisse Europageilheit, weil Europa mit Intellekt oder Tradition assoziiert wird.

Was totaler Quatsch ist! Man sagt immer wieder, dass die Amerikaner dämlich sind – aber das stimmt auf die breite Masse hier ebenso. Man macht sich darüber lustig, dass manche Amerikaner denken Paris ist die Hauptstadt von Deutschland, aber wer kann Dir hier alle Bundesstaaten von Amerika aufzählen?

Du bist in ein neues Atelier von Kreuzberg nach Weissensee gezogen. Wie findest Du es hier?

Ich finde es hervorragend und auch China hat mich dazu bewogen. Die Entscheidung stand zwar schon vorher im Raum und ich war mir nicht sicher ob ich so weit raus wollte, aber auf der anderen Strassenseite ist ja eigentlich schon wieder Prenzlauer Berg. Ich mag die Abgeschiedenheit. Es ist so ländlich. In China war ich auch nicht im Zentrum und das hat mir zum arbeiten sehr gut gefallen, weil man sich dann genau überlegt wo man hingeht. Das war sehr gut fuer mich und das merke ich hier auch. In Kreuzberg habe ich mein Atelier geteilt und hier bin ich jetzt alleine.

Du hast in Peking Dein bisher grösstes Bild gemalt und mit den neuen Räumlichkeiten kannst Du wahrscheinlich noch grössere Bilder malen.

Ja, 6×3m, aber das reicht auch. Das war eine formale Entscheidung, nicht aus Überwältigungsgründen sozusagen. Ich wollte, dass man im Bild steht.

Wie hiess die Arbeit?

“Teenage Wet Dream”. Basierend auf einem Schinken von Rubens, “Die Entscheidung des Paris”.

Viele Malerei die ich heute sehe ist in Riesenformaten, d.h. eigentlich gar nicht mehr fuer das durchschnittliche Wohnzimmer geeignet. Wenn ich bei Berggrün in der Sammlung bin – all die Picassos sind in relativ handlichen Formaten. Produziert der Maler heute nur noch für Museen und grosse Sammlungen?

Grosse Schinken gab es schon immer!

Berggrün war aber ein Privatsammler, der erst spät seine Sammlung im Stülerbau gezeigt hat. Heute bauen viele Sammler gleich grosse Hallen für ihre Sammlung.

Die Rubells haben gleich ein ganzes Museum gebaut.

Genau. Und viele Künstler produzieren eben nur noch fuer grosse Flächen, weniger fuer das “Wohnzimmer”.

Ich mache das nicht und ich war auch überrascht, dass das Bild so schnell verkauft wurde. Ausserdem finde ich es geil, wenn die Leute das Zeug im Wohnzimmer hängen haben. Ich finde das Sofabild ganz toll, weil die Leute tatsächlich damit leben.

Aber mit dem Bild über dem Sofa, sitzt du doch mit dem Rücken zur Kunst. Das spiegelt sich höchstens im Fernseher, da kann man es dann anschauen.

Eigentlich will man ja mit guter Malerei auffallen und nicht mit grossen Formaten. Aber klar wichst man sich einen drauf ab, auf so ein Riesenteil. Macht auch Spass, weil man beim Malen ganz anders agieren kann. Bei mir ist das Gestische ganz wichtig, ich kann mit den Händen ganz anders rumpanschen, als auf einem 40×50cm Bild. Es bekommt auch eine andere Energie dadurch.

Machst Du Skizzen oder Vorzeichnungen auf die Leinwand bevor Du mit dem Malprozess anfängst? Zeichnest Du generell?

Manchmal so oder so. Wenn eine Arbeit nach Vorbildern entsteht, dann liegt die Komposition ja schon vor und dann kann ich gleich loslegen, weil das meiste schon erledigt ist. Manchmal mache ich auch kleine Aquarelle.

Du machst auch Skulpturen.

Ich mache Plastiken.

Inwiefern unterscheidet sich der skulpturale Prozess von dem der Malerei bei Dir?

Die Plastiken mache ich eigentlich zwischendrin zur Entspannung und um mal was anderes zu machen. Dann habe ich aber festgestellt, dass das Arbeit mit Ton, was später dann in Bronze gegossen wird, nicht so anders ist als malen – du knetest und schmierst und modellierst genauso. Und lustigerweise geht es auch schneller. Wenn ich Illusionen in der Malerei verwende, ist es im Ton schon fertig – ich muss z.B. keine Schatten mehr machen.

Erinnerst Du Dich an Deine erste Begegnung mit Kunst und war dies eine prägende Erfahrung fuer Dich?

Meine Eltern sind beide Kunsthistoriker und ich bin im Atelier aufgewachsen. Mein Vater ist Künstler und Kunsthistoriker und meine Mutter auch.

Deine Mutter singt aber auch, oder?

Sie hat bevor ich zur Welt gekommen bin Gesang studiert, Jazz und Klassik. Leider bin ich nicht musikalisch.

Es gab also nie eine andere Alternative für Dich?

Ich habe nie darüber nachgedacht, es war einfach so naheliegend für mich. Ich wollte mal Autodesign machen, aber habe dann festgestellt, dass man Abitur dazu braucht und sich mit dämlichen Vorstandsvorsitzenden rumschlagen muss und den nächsten VW Golf zu entwerfen ist nicht mein Traum gewesen. Ausserdem habe ich ein Autoritätsproblem.

Wie wichtig ist Musik fuer Dich? Hörst Du Musik bei der Arbeit?

Musik ist sehr wichtig und ein täglicher Begleiter. Die Bandbreite ist sehr gross von Klassik über Pop, Indie Rock bis hin zu Death und Black Metal, Industrial Metal. Meistens läuft Hardrock Zeugs oder auch experimentelle Elektromusik. Aber auch oft Klassik.

Wir haben gerade schon darüber gesprochen, dass Du ein Alter Meister Fan bist und viele Deiner Arbeiten basieren auch auf Werken Alter Meister.

So wie die von jedem Maler eigentlich. Du bist als Künstler niemals losgelöst von der Tradition. Es wäre totaler Quatsch zu behaupten ich habe was aus mir heraus geschaffen. Ich nehme mir alle möglichen Leute vor, auch die, deren Arbeiten ich nicht mag, die sind genauso interessant, da ich die dann fuer mich ausschliessen kann. Die Berufung ein altes Bild sich vorzunehmen und zu malen ist ja nichts Neues. Die ganzen Alten haben das genauso gemacht. In der Deutschen Renaissance, die ganzen Kirchenbilder – es war ganz normal als Ehrerbietung an den Meister die Bilder abzumalen. Den Aspekt fand ich immer sehr viel spannender als etwas komplett neu zu erfinden.

Hier im Atelier arbeitest Du aktuell an dem Bild, “Der Blindensturz” von Bruegel und Du übersetzt dieses Werk in Deine eigene Sprache.

Es ist wie mit Musik, man hat ja nicht grossartig neue Themen, es wiederholt sich ja alles immer wieder. Dennoch will man heute nicht mehr ein Liebeslied von 1950 hoeren. Deswegen gibt es heute zeitgenössische Versionen davon.

Du selber hast Dein Studium an der UdK nie abgeschlossen.

Nein, der Markt hat mich abgeholt. Meine Bilder sehen ja auch immer unfertig aus, vielleicht bringe ich nie was zu Ende in meinem Leben.

War es trotzdem eine wichtige Erfahrung fuer Dich?

Es war schon wichtig und gut im Nachhinein. Nach wie vor studiert man und ich lerne immer noch. Aber im Studium ist man mit vielen anderen zusammen, die dasselbe wollen und man muss sich durchsetzen. Und man kommt natürlich auch mit Professoren in Berührung, das ist ganz interessant.

Ich habe den Eindruck, dass die Professoren ihren eigenen Stil sehr stark auf die Studenten übertragen.

Das ist eher das Studentenproblem, dass die so hinterher laufen und ein epigonenhaftes Verhalten an den Tag legen. Der Professor könnte natürlich auch eingreifen, aber wieso eigentlich. Die Studenten könnten sich das vielleicht gegenseitig sagen, aber da wird ja immer die Klappe gehalten – bloss keinem weh tun, immer freundlich sein, weil man sich auch das Atelier teilt. Es wird eigentlich sehr wenig geredet und nur ein guter Professor schafft es auch mal eine Diskussion in Gang zu setzten. Das ist ein bisschen eine Krankheit an den Unis, jetzt wo alles so professionalisiert wird und verwertbar sein muss, wird kein Raum mehr für Quatsch machen gelassen – das ist furchtbar. Man sieht das in London, jeder weiss wie erfolgreiche, gute Kunst aussieht und macht das dann, aber dann ist es natürlich schon zu spät. Das hat man auch in Leipzig gesehen mit Neo Rauch oder die Leute von Daniel Richter hier in Berlin, von denen hört man auch nicht viel, ausser von denen die sich losgelöst haben.

Eine traditionelle Ausbildung als Künstler, sprich richtig zeichnen lernen, ist aber dennoch wichtig.

Das ist auf jeden Fall eine gute Voraussetzung, weil es Dir bei der Malerei viel Freiheit gibt. Du hast die volle Bandbreite und die zu kennen schadet nicht. Natürlich reden viele von dem freien Ausdruck, aber was für ein freier Ausdruck, wenn du nur wie ein vierjähriger kritzeln kannst? Nur Picasso hat gesagt “mit 9 Jahren konnte ich zeichnen wie Rafael; um wie ein Kind zu zeichnen habe ich ein ganzes Leben gebraucht”. Und das sieht man jedem einzelnen Bild an, dass er akademisch vorgebildet war. Du kannst nicht ein Gesicht auseinandernehmen ohne zu wissen wie es vorher zusammengesetzt war. Wenn ich jetzt ein perfektes Kätzchen malen will, was übrigens nicht vielen können…

…ausser Martin Eder.

Der kann das auch nicht wirklich. Die sind furchtbar. Aber wenn man die malen will, dann macht man das nicht in 2 Tagen sondern in 10 Minuten, weil man eben weiss wie es geht. Ist doch wunderbar!

Ich habe neulich wieder alte Interviews und Essays von Henry Goldzahler gelesen und dabei ist mir wieder bewusst geworden, dass früher ein Künstler wie Willem de Kooning seine erste Einzelausstellung mit 44 Jahren hatte. Wenn ein Künstler heute 30 ist muss er sich sputen nicht zum alten Eisen zu gehören. Du selber hattest auch schon sehr früh Erfolg.

Ja, und das war auch nicht immer gesund. Ich hatte mit 28 Jahren meine erste Museumsausstellung. 150 000 Besucher. Aber das hat mich auch irritiert, weil ich keine solide Basis hatte und das hat mich dann in eine leichte Krise gestürzt. Gerade die Malerei ist so langsam und träge, das dauert bis man da ankommt. Im Kopf geht der Wechsel natürlich schneller, aber auf der Leinwand selber dauert es manchmal ein ganzes Jahr bis man es schafft eine Idee umzusetzen.

Ich finde es teilweise fast tragisch, wenn Künstler sehr jung super erfolgreich sind und dann noch 40 oder 50 Jahre vor sich haben – der Druck dem Erfolg gerecht zu werden und abzuliefern ist extrem.

Damit haben die Künstler aber schon immer Leben müssen, Rembrandt, Rubens oder Holbein, der war 18 oder 19 wie er an den Königshof kam.

Aber die haben damals auch nicht so lange gelebt.

Tizian wurde 89.

Das war eine Ausnahme.

Gar nicht – Künstler werden immer alt. Das beschauliche Leben – wenig arbeiten, viel verdienen und manchmal, wie Charlie Sheen, nachmittags einen Eimer Margherita auf der Terrasse mischen und einschlafen.
Rubens war ein Star und vor allem ein guter Geschäftsmann. Andy Warhol’s Factory, die Ateliers von Anselm Reyle und Damien Hirst mit 100 000 Assistenten, dass hatten die ganzen Jungs damals auch. Die Assistenten waren so geil darauf, die haben die Künstler damals sogar bezahlt – heute zahlen die Künstler die Assistenten.

Könnte denn jemand Deine Bilder malen?

Nein, weil meine Malerei sehr prozesslastig ist und ich eine Diskussion mit meinen Bildern führe wie sie später mal aussehen sollen. Und es spuckt manchmal auch gern zurück, die Sau.

Stolperst Du immer wieder über die gleichen Probleme bei Deiner Malerei?

Ich bin zu schnell und ungeduldig. Warum soll ich eine Wolke malen, wenn es mit einem Lappenwisch klar ist, dass es eine Wolke ist. Das sieht interessanter aus, weil Wolken malen können viele, aber nicht einen Lappen so werfen, dass es wie eine Wolke aussieht.

Altes Thema: Ist die Malerei tot oder warum ist es so schwierig gute Malerei zu finden?

Habe ich nie so gesehen, es wurde ja immer gemalt. Es gibt auf Messen jedoch kaum gute neue Malerei.

Das stimmt- in der Relation zu der Kunst die es heute gibt, gibt es relativ wenig gute Malerei. Vielleicht liegt es auch daran, dass die Malerei immer wieder schnell als traditionelles, “langweiliges” Medium abgehakt wird.
Ist es denn interessanter 2 Stunden in einer Blackbox zu sitzen und zu gucken ob was passiert oder nicht?

Manchen finden es eben spannender etwas anzusehen, was sie nicht verstehen. Oder sie denken sie verstehen es, aber tun es nicht.
Mit solchen Leuten habe ich nichts zu tun. Sollte ich aber vielleicht. Neu ist auch ein komisches Wort. Es geht um eine zeitgemässe Antwort auf die Bedürfnisse des Betrachters. Aber eine, die auch über die Moden steht – in der Malerei hat Mode nichts zu suchen.

Das Autocenter hat dieses Jahr eine Ausstellung gemacht mit dem Titel “A Painting Show”, kuratiert von Aaron Moulton. Das war ein gutes Konzept. Es hat mit Malerei zu tun aber nicht nur im klassischen Sinne sondern der Begriff wurde erweitert, d.h. es gibt nicht ausschliesslich Leinwände zu sehen, sondern auch video etc..
Halleluja! Malerei ist die Mutter von dem Ganzen. Guck dir Caravaggio an, in meinen Augen war der nie ein Maler, sondern eher einer der ersten Regisseure. Er hat inszeniert.

…und kleine Jungs vernascht!

Otto Mühl auch. Egon Schiele, sage ich nur.

Der hat kleine Mädchen verführt!

Die ganze Familie!

Weitere Informationen zu den Arbeiten von Andreas Golder findet man in der Galerie Urs Meile.

Interview and Text: Lisa Bosse
Photography: Alex “Foley” Flach