Stadt oder Land? Warum Anna Schunck und Marcus Werner in Brandenburg leben, aber nicht ohne Berlin können
Ein Gespräch mit dem Pärchen über Landflucht, Nachhaltigkeit und Vorbilder, Berlin
Manufactum × FvF
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Viel Grün, ein paar Windräder, die berühmten glücklichen Kühe auf dem Feld: Die Nachbarschaft rund um das Haus von Anna Schunck, Journalistin, und Marcus Werner, Kameramann, Regisseur und Fotograf, in der Nähe von Neuruppin, Brandenburg, schreit ganz laut Landlust.

In dieser Gegend, etwa eine Autostunde von Berlin entfernt, hat sich das Paar einen alten Resthof gekauft. An einem verkaterten Sonntag vor zwei Jahren im Internet entdeckt, leben sie hier mit fünf Schafen und Katze Tisa. Damit haben sie sich für eine Wohnsituation entschieden, von der mittlerweile viele Berliner heimlich träumen. Frische Luft, Natur, Ruhe. Ein kleines Hintertürchen haben sich die beiden trotzdem offengehalten. Ihre Wohnung in Neukölln wollten sie nicht aufgeben. Warum sie nicht ohne die Stadt können, was das Thema Nachhaltigkeit damit zu tun hat und warum noch mehr Leute nach Brandenburg ziehen sollten? FvF hat die beiden besucht.

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Wetter gut? Gartenstühle und Kaffee stehen bereit!
Bereit zum Einpflanzen: buntes Sammelsurium auf der Blumenbank.

“Seitdem wir hier draußen sind, freuen wir uns einfach jedes Mal wie Sau, in die Stadt zu fahren.”

— Marcus über Besuche in Berlin

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Anna und Marcus planen hinter dem Haus einen großen Gemüsegarten anzulegen. Erstmal fangen sie aber klein an.
Kein Garten ohne Spaten!
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“Wir brauchen neue Vorbilder. Es gibt so viele Menschen, die total wichtige Dinge tun, die aber niemand zu Rolemodels macht.”

— Anna erklärt die Idee hinter ihrem Magazin

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Die Hängematte unterm Baum geht einfach immer.
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Zwei der fünf Schafe folgen Anna und Marcus auf Schritt und Tritt. Für Cow gibt's eine Streicheleinheit mit der Bürste.

“Für den Preis eines Hauses in Brandenburg bekommst du in München gerade mal eine Garage.”

— Marcus beschreibt die Ursachen der Landflucht

Ihr wohnt seit einem Jahr hier. Kennt ihr schon das ganze Dorf?

Anna: Wir kennen noch nicht alle, was ein bisschen unsere eigene Schuld ist, weil wir noch immer kein Wir-sind-jetzt-hier-Nachbarschaftsfest gemacht haben. Aber wir kennen doch mittlerweile viele, auch viele aus dem nächsten Dorf. Wir haben zum Beispiel Nachbarn, mit denen wir gern mal ‘n Kaffee trinken und die uns öfter helfen, zum Beispiel das Heu für die Schafe bringen.

Dorfgemeinschaften können ja auch manchmal etwas verschlossen sein. Hattet ihr Angst davor?

A: So darf man da gar nicht rangehen. Entweder lässt du dich darauf ein oder du lässt es bleiben. Abgesehen davon, dass ich sowieso nicht dazu neige, zu sagen „Die Leute sind bestimmt so und so”. Dann fällt es einem selbst ja auch viel schwerer, auf sie zuzugehen. Wenn du aufs Land ziehst, solltest du das vorbehaltlos tun, sonst hast du keine Chance, anzukommen.

Marcus: Wir bekommen mittlerweile auch Geburtstagseinladungen und Einladungen zum Maibaum-Aufstellen. Man bezieht uns auf jeden Fall schön ein. Und uns interessiert das auch. Wir wissen ja, dass Berlin eine Blase ist. Wir sind ja selbst noch oft in Neukölln und dann immer mit „like-minded people“ zusammen, was super ist, aber man verliert so ein bisschen die Verbindung zur Realität, zu Restdeutschland. Dass man das eine Stunde von Berlin entfernt in so einer Intensität leben kann, ist schon cool.

Ihr seid beide in der Stadt aufgewachsen. Du in Gera, Marcus, Anna in Flensburg. Wie viel wart ihr als Kinder selbst im Grünen?

M: Ich bin richtig Plattenbaukind, also Ostdeutschland Plattenbau. Trotzdem hatte ich einen Bezug zum Grünen, meine Eltern hatten mal einen Garten. Ich habe es gehasst, dahin zu fahren! Aber da gab es auch keine Elektrizität, kein fließend Wasser. Ich wollte nur in der City sein. 2002 bin ich nach Berlin gezogen. Dieses eigene Interesse fürs Grüne hat sich erst vor ein paar Jahren ergeben.

A: Wir hatten immer einen Garten an unserem Haus, dadurch hatte ich schon Bezug zu einem Blumenbeet, Rasen mähen, draußen sein – und fand das immer super. Dann habe ich ewig in der Stadt gewohnt, in Hamburg und ähnlich wie bei Marcus wurde der Wunsch nach Ruhe und Natur im Ausgleich zu dem Viel und Laut der Großstadt mit dem Älterwerden größer.

Was war das für eine Ausgangssituation, in der ihr euch für das Haus und alles, was dazu gehört, entschieden habt?

A: Intuition, Bock, Spontanität, Wahnsinn.

M: Bauchgefühl. Bei Berlin hatte ich das Gefühl, die Stadt ist irgendwie durchgespielt, ich hab alle Partys gefeiert. Ich war in einer sehr, sehr spannenden Zeit in Berlin, bin dort erwachsen geworden, kenne viele Leute, habe einen super Freundeskreis dort. Aber wenn ich rausgegangen bin, – mal an den Kanal, mal aufs Tempelhofer Feld – hatte ich letztlich immer die gleichen Spots. Ich brauchte neue Reize. Die habe ich vor allem außerhalb der Stadt gefunden.

A: Und dann kam sicherlich auch der Strudel der frischen Verliebtheit dazu, der uns dann Mut gegeben hat, das durchzuziehen. Wir waren etwa ein halbes Jahr zusammen, da haben wir uns entschieden, dass wir das hier machen wollen.

Wie haben eure Freunde auf den Entschluss reagiert?

M: Meine Freunde und meine Familie meinten zu dem Hauskauf, das sei doch gar nicht ich. Und ich habe dann für mich so beschlossen: Doch, das bin ich halt jetzt. Ich entwickle mich ja auch weiter und habe neue Interessen.

A: Ich glaub’ mein kompletter Freundeskreis ist davon ausgegangen, dass ich in Hamburg alt werde. Ich war immer der Workaholic mit einem viel zu vollgestopften Privatleben, nie Zeit. Und dass wir die Berliner Wohnung behalten zum Beispiel, das hatten wir am Anfang nicht festgelegt. Heute bin ich da aber wahnsinnig froh drüber. Ich fühle mich hier in Brandenburg zu Hause, das ist mein „Happy Place“ – aber wirklich in Kombination mit der Stadt. Ich kann mir gerade nicht vorstellen, komplett in der Einsamkeit und Abgeschiedenheit zu wohnen. Ich brauche den urbanen Raum noch zur Inspiration und zum Wohlbefinden.

Und auch, damit man sein Zuhause auf dem Land wieder zu schätzen weiß?

A: Nee, es ist andersrum.

M: Seitdem wir hier draußen sind, freuen wir uns einfach jedes Mal wie Sau, in die Stadt zu fahren. Wir fahren da rein, dann setzen wir uns in Neukölln ins Café… Du guckst dir einfach nur Leute und ihre Styles an und siehst das wieder, was vorher in der Blase so alltäglich geworden ist.

Wie oft fahrt ihr jetzt noch nach Berlin?

A: Man kann sagen so etwas mehr als die Hälfte unserer Zeit verbringen wir in Brandenburg. Oder anders gesagt: Einmal die Woche fahren wir schon in die Stadt. Aber wenn jetzt Weihnachten ist oder einfach megageiles Wetter, dann hängen wir auch mal drei Wochen am Stück hier rum. Dann gibt’s aber auch Zeiten, da sind drei Termine, ein Event und ein Geburtstag in Berlin, dann sind wir auch mal mehrere Tage nacheinander dort.

“Wir wissen ja, dass Berlin eine Blase ist.”

— Marcus über sein Leben in Neukölln

Der Umzug scheint euer ganzes Leben beeinflusst zu haben, auch euer berufliches. Kurz nach dem Umzug habt ihr euer Magazin Viertel \ Vor an den Start gebracht, das sich mit Nachhaltigkeitsthemen beschäftigt.

A: Ja, wobei die Idee zum Haus und die Idee zum Magazin eigentlich gleichzeitig entstanden sind. Geboren aus dem besagten Lebensumstand, des „alles zu viel“ und der Frage, was ist das, was für uns wirklich wichtig ist – für uns im Leben und bei unserer Arbeit. Wir haben viel für Agenturen, Marken, Verlage gearbeitet haben, hinter deren Ansätzen wir nicht direkt stehen. So kam die Idee zum Magazin. Eigentlich ist beides aus dem übersättigt sein von „der bunten Werbewand“ entstanden. Zwei eigenständige Ideen, die jetzt doch zusammen passen. Aber wir haben den Umbau zum Beispiel nicht auf dem Blog ausgeschlachtet. Und dass der Umzug jetzt so für Interesse sorgt, ist schön und befeuert sicherlich unsere Arbeit, war aber kein Plan.

M: Von den Themen her passt es natürlich. Wir lernen viel dadurch, dass wir hier draußen sind. Wir sind sehr nah dran an allem, was um uns herum passiert, zum Beispiel an der Landwirtschaft. Das ist wiederum fundamental für alles, was in Berlin oder jeder anderen Stadt passiert. Weil hier eben unser Essen herkommt, weil hier eben die Prozesse stattfinden, die nötig sind, damit die Stadt überleben kann. Deshalb ist es auch super wichtig, was auf das Feld hier gesprüht wird, wie die Kühe gehalten werden, ob es hier Bienen gibt oder nicht. Das sind Zusammenhänge, von denen man in der Stadt komplett abgeschnitten ist. Man geht halt in den Supermarkt, greift ins Regal und dann ist dein Einkaufskorb voll. Aber wie lange das dauert, bis etwas wächst, bekommt man nicht mit.

Das heißt im Umkehrschluss, ihr hättet dieses Magazin auch gemacht, wenn ihr in der Stadt geblieben wärt?

M: Ja. Wir sind mit dem Magazin als Neulinge in dem Bereich gestartet und waren unsere eigene Zielgruppe. Wir sind nicht die typischen Ökos oder Aktivisten, aber finden es halt wichtig, sich mit Nachhaltigkeit auseinanderzusetzen und die Themen so zu transportieren, dass unsere Freunde oder Leute, die in der Stadt wohnen, sich damit beschäftigen.

A: …und denen vielleicht auch Vorbilder zu sein. Wir brauchen neue Vorbilder. Es gibt so viele Menschen, die total wichtige Dinge tun, die Bienen retten, für Fair Fashion kämpfen, die super Hype-Potential hätten, die aber niemand zu Rolemodels macht.

M: Die Industrie schnappt sich jemanden, stattet den mit Klamotten aus und präsentiert ihn so, dass er halt cool ist. Aber es ist letztlich nur ein gekauftes Cool und kommt nicht aus der Person heraus, weil sie die Welt besser macht oder eine interessante Meinung hat. Ich würde mir wünschen, dass Nike oder Adidas oder andere Marken, sich zum Beispiel die Braunkohlegegner von Fossil Free oder Ende Gelände schnappen und die ausstatten. Dann laufen die in den Klamotten rum und besetzen Braunkohlebagger. Das sind für mich Vorbilder. Da wollen wir auch irgendwann mit dem Magazin hin. Dass die Brands umdenken und Leute, die am Start sind, pushen.

Wie können wir die Natur und Nachhaltigkeit mehr in die Stadt holen?

M: Ich glaube, eine Stadt bleibt immer eine Stadt. Das ist auch gut so. Alle Prozesse, die da passieren, sind auch wichtig. Was natürlich gut wäre, wenn die Leute zum einen bewusster konsumieren würden. Eine Stadt bedeutet immer Konsum und wird auch immer Konsum bleiben. Es kann jetzt nicht jeder ein eigenes Feld anlegen. Es ist super, dass es Gemeinschaftsgärten gibt, auch um das mal zu erleben, aber sie werden nicht die ganze Stadt versorgen können. Es kann aber das Bewusstsein für das, was man konsumiert, geschaffen werden. Auf Stadtseite muss die Stadtregierung dafür sorgen, dass man eine lebenswerte Stadt schafft, fahrradfreundlicher wird, Alternativen zum Autoverkehr anbieten. So, dass die Leute von sich aus sagen: Ich will kein Auto mehr haben, ich fahr mit dem Fahrrad, es ist gesund, es macht keine Abgase, es ist billiger, ich habe keinen Parkplatzstress. Diese Anreize muss es geben. Es gibt da sehr viele Konzepte und Berlin ist da auf einem gutem Weg, aber noch lange nicht so weit wie beispielsweise Kopenhagen.

Wie nachhaltig ist euer Leben hier? Ihr fahrt ja auch relativ viel Auto.

M: Das ist der Nachteil am Land, wir sind aufs Auto angewiesen. Das war mir vorher auch nicht klar, wie sehr wir das brauchen. Und solange es keine Elektroautos gibt, die lange durchhalten oder groß genug sind – wir transportieren Zement, Schafe…

A: Manchmal ist der Wille da, aber es hapert noch an der Umsetzung. Wir sind auch nicht Zero-Waste, wie viele glauben, wir produzieren natürlich auch Müll, versuchen aber so wenig Plastik wie möglich zu konsumieren. Ich kaufe seit fast einem Jahr keine neuen Klamotten mehr. Und wir haben Ökostrom. Es gibt so viele kleine Möglichkeiten etwas zu bewegen, wie etwa die wiederverwendbaren Kaffeebecher. Aber es gibt auch so einfache große Möglichkeiten, wie eben den Wechsel des Stromanbieters.

Zum ersten Mal seit 20 Jahren ziehen mehr Leute aus der Stadt aufs Land als umgekehrt. Glaubt ihr, diese Entwicklung hält an?

M: Wir kriegen ja das Interesse für das mit, was wir hier machen. Jeder, dem wir davon erzählen, sagt: „Boah, das ist mein Traum!“. Ich finde es bemerkenswert, dass dieser Radius eine Autostunde um Berlin herum noch nicht völlig explodiert ist. Man findet immer noch sowas wie das hier auf Immobilienportalen, ohne dass man viel dafür machen muss – mit einem ganz guten Preis, für den du in München gerade mal eine Garage bekommst. Das Potential von Brandenburg mit Berlin als Herz ist unglaublich.

Fändet ihr es denn gut, wenn jetzt alle aus der Stadt hierher kämen oder wäre euch das auch zu viel?

M: Ich freue mich über jeden, der hier etwas macht und die Stadt mit rausträgt. Es wäre beispielsweise schön, wenn es hier einen geilen Cappuccino um die Ecke gäbe – ohne dass ich will, dass das hier jetzt, wie man in Berlin sagen würde, ein „Hipsterviertel“ wird. Das Ding ist, dass hier viele alte Leute wohnen, aber keine jungen nachkommen. Das ist ein Fakt. Diese Häuser sind dann erstmal unbesetzt. Deshalb sind die Leute in den Dörfern auch dankbar dafür, wenn jemand kommt und Lust hat, das Haus am Ende der Straße zu kaufen und es nicht verfällt.

A: Gentrifizierung wäre scheiße. Wenn die Brandenburger wegziehen müssten, weil jetzt Berlin kommt, wäre das nichts. Aber generell ist nichts dagegen zu sagen. Es gibt zum Beispiel ein Dorf hier in der Nähe, da leben so fünfzig Prozent Berliner und fünfzig Prozent Brandenburger. Das ist ein hübscher, belebter Ort mit überdurchschnittlich vielen Kindern, wo die Mischung aus Stadt- und Landleuten sehr schön funktioniert. Ich finde, in einem eher dünn besiedelten Bundesland wie Brandenburg ist es total wichtig, dass Menschen aus der Stadt herziehen. Es wäre unfassbar schade, wenn das nicht genutzt würde. Alle Leute her und mitmachen!

Danke, Anna und Marcus,

für die Einladung aufs Land.

Noch mehr von den beiden und viele interessant Denkanstöße zum Thema Nachhaltigkeit gibt es in ihrem Magazin Viertel \ Vor. Weitere Einblicke in das Leben von Anna und Marcus findet ihr auf ihrem Instagram-Account.

Dieses Portrait ist zusammen mit Manufactum entstanden, die Nachhaltigkeit und gutes Design genauso zu schätzen wissen wie wir.

Interview: Milena Zwerenz
Fotografie: Robert Rieger