Catherine Gay Menzel & Götz Menzel
Architekten, Wohnung und Stadtviertel, Saint-Maurice
FvF × USM
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Die Aussicht allein wäre Grund genug für einen Umzug nach Saint-Maurice. Von ihrer Wohnung, Teil eines Patrizierhauses aus dem 18. Jahrhundert, blickt das Architektenpaar Catherine Gay Menzel und Götz Menzel direkt auf die Berge.

Ein mit Säulen gesäumter Patio, von dem eine offene, geschwungene Steintreppe abgeht, führt zur Wohnung von Catherine Gay Menzel und Götz Menzel. Mit ihren zwei Kindern wohnen der gebürtige Hamburger und die Unterwalliserin in einem Haus unweit der Abtei von Saint-Maurice. Vor fünf Jahren zog die Familie in das walliser Städtchen. Catherine Gay Menzel streicht im Innenhofgarten ein paar Blätter glatt und zeigt auf einen kahlen Strauch des Nachbarn, den sie wieder aufpäppeln will. Die kleine grüne Oase ist Catherines Lieblingsplatz.

Hinter den massiven Steinmauern ist es angenehm kühl und ruhig an diesem heißen Sommertag. Kurz stockt der Atem beim Betreten der Wohnung von Catherine Gay Menzel und Götz Menzel – die weit geöffneten Fenster im Wohnzimmer geben den Blick auf die Bergkette frei. Dieser Ort hat etwas Weltentrücktes.

Die Kinder begrüßen einen auf der Straße mit “Bonjour”.

Das Paar, das in Stuttgart und Zürich Architektur studiert hat, lernte sich vor siebzehn Jahren während eines Austauschjahres in Lausanne kennen. Nach dem Diplom fing Catherine bei Hans Kollhoff in Berlin an, Götz zog nach New York. Catherine folgte ihm zwei Jahre später.

Zurück in Europa gingen die beiden, mittlerweile verheiratet, nach Basel. Dort trat Götz eine Stelle bei Herzog & de Meuron an. Für die Schweizer Star-Architekten wirkte er am Bauprojekt der Elbphilharmonie in seiner Geburtsstadt Hamburg mit. 2009 kam er schließlich ins Wallis, um dort mit Catherine ihr gemeinsames Architekturbüro aufzubauen. Seit zwei Jahren führen sie in der benachbarten Gemeinde Monthey das Büro GayMenzel.

Dieses Portrait wurde zusammen mit USM produziert und ist Teil der Serie “Personalities by USM“. Mehr Informationen zu Catherines und Götzs Einrichtung sind hier zu finden.

Ihr habt in Berlin, New York, Hamburg und Basel gelebt. Wie kommt man nach einem solchen Parcours ins kleine Städtchen Saint-Maurice mit rund 4000 Einwohnern?

Götz: Ausschlag gab unser Wunsch, ein eigenes Architekturbüro zu eröffnen. Es schien uns sinnvoller, es hier im Wallis und nicht in einer Großstadt mit viel mehr Konkurrenz zu versuchen. Zudem hatte Catherines Vater hier sein eigenes Büro. Daraus ging vor zweieinhalb Jahren unser Büro GayMenzel hervor.

Catherine: Es war eine berufliche Entscheidung. Doch genauso hat es auch für uns als Familie gestimmt. Die Schule in Saint-Maurice können unsere Kinder bis zum Abitur besuchen. Meine Eltern leben nicht weit von hier, ich bin selbst ganz in der Nähe aufgewachsen. Außerdem, nicht zu verachten, ist das Wetter hier sehr schön.

Nach fünfzehn Jahren wohnst du, Catherine, jetzt wieder in der Region, in der du deine Kindheit verbracht hast. Du, Götz, kommst eigentlich aus Hamburg. Wie ist es für euch, jetzt gemeinsam in Saint-Maurice zu leben?

Catherine: Man muss in gewisser Hinsicht wieder bei Null anfangen. Aber Saint-Maurice hat eine städtische Struktur und man kommt auch leicht mit anderen Menschen in Kontakt – sei es mit dem Bürger- oder dem Hausmeister, wir sind mit allen per Du. In den Städten, in denen wir vorher lebten, gab es oft diese Seifenblasen, in denen man unter seinesgleichen blieb. Hier haben wir ein breiteres Umfeld, was ich auch für unsere Kinder super finde. Trotzdem lebe ich als selbstständige Architektin und Mutter hier ein Modell, das nicht sehr verbreitet ist.

Götz: Ich mag es, im Ausland zu wohnen und eine andere Sprache zu sprechen. Man kann hier sehr gut leben, insbesondere wenn man die ganze Region miteinbezieht. Von Genf aus spannt sich der so genannte Arc Lémanique, ein extrem dynamischer Wirtschafts- und Kulturraum. Er verläuft an der Küste des Genfer Sees entlang bis hier nach Saint-Maurice. Die Schweizer Bahnen sind so zuverlässig, dass man locker am Abend nach Lausanne zu einer Vernissage fahren kann.

Der Grund für unseren Umzug war weder Stadtflucht noch die romantische Idee, die Kinder im Grünen aufwachsen zu lassen. Natürlich fallen einem die Unterschiede sofort auf, allein schon, weil die Kinder einen auf der Straße mit “Bonjour” begrüßen. Man entwickelt auch eine andere Sensibilität für Natur und Landschaft, was sich wiederum auf meine Arbeit als Architekt auswirkt. Die ganze Anonymität der Großstädte fällt hier weg.

Vermisst ihr diese Anonymität der Großstädte auch manchmal?

Götz: Nicht die Anonymität per se, aber was sicher ausbleibt, ist der konstante Input, den wir zum Beispiel in New York bekamen. Wenn wir jetzt auf Reisen sind, bringen wir viele Bücher und Eindrücke mit nach Hause und zehren dann etwas länger davon.

Der Entschluss der beiden, New York zu verlassen und nach Europa zurückzukehren, war stark getrieben vom Willen, selbst zu bauen: “In New York konnten wir eine grosse Erfahrung mit Interiors sammlen, aber wir wollten ganze Gebäude errichten”, sagt Catherine Gay Menzel. Bei ihrem Wegzug aus den USA brachten sie fast nichts mit zurück – bis auf die zwei Sessel, die Catherine nach einem eigenen Entwurf in North Carolina anfertigen ließ. Sie stehen heute im Wohnzimmer.

Wir sind umgeben von Erbstücken, einem lackierten Magistretti-Stuhl und großformatigen Bildern. Wie würdet ihr euren Einrichtungsstil beschreiben?

Götz: Wir mischen gerne verschiedene Stile, aber unsere Favoriten stammen oft aus der Nachkriegszeit. Ich mag elegantes Design, das nicht zu konzeptionell ist. Sehr gerne habe ich unseren Beistelltisch aus Holz, den uns Nachbarn geschenkt haben. Die langen, schmalen Beine geben ihm Charakter.

Catherine: Wir sind eher zurückhaltend mit neuen Möbeln. Wichtig ist, dass eine Einrichtung kohärent gewachsen ist und noch weiter wachsen kann. Das braucht Zeit. Wir wollen seit fünf Jahren eine neue Lampe für das Wohnzimmer kaufen, aber finden einfach keine passende.

Götz: Das Sofa mit den einzelnen Sitzelementen zum Auseinandernehmen haben wir für die Wohnung in Basel angeschafft. Sie verfügte über drei Ebenen und eine schmale, mittelalterliche Spindeltreppe, über die wir alles transportieren mussten.

Die Bücherregale aus dem Baumarkt habe ich selbst lackiert. Die Männer vom Umzugsunternehmen haben darüber gelacht, dass wir sie mitnehmen wollten, aber ich hänge eben an ihnen. Der Teppich im Wohnzimmer ist sogenannte Auslegware, direkt von der Rolle für uns zugeschnitten.

Ihr habt auch viel Kunst. Von wem sind die Bilder an den Wänden?

Götz: Das ganz Abstrakte mit der rauen Sandoberfläche ist vom einem Walliser Künstler, der Anfang dieses Jahres verstorben ist. Das andere Werk hat der Amerikaner Benjamin Degen mit Graphit und Gouache gezeichnet.

Götz Menzel liebt Bücher. Er sammelt Architekturbände, insbesondere vergriffene oder seltene Ausgaben, die er in Antiquariaten und Kunstbuchhandlungen oder auch Garagenverkäufen findet. Eine Abhandlung des Schweizer Architekten und Publizisten Werner Blaser über Ludwig Mies van der Rohe schätzt er besonders: “Das hohe Niveau der Forschung an den Schweizer Hochschulen schlägt sich auch in den Publikationen nieder. Es macht mir Spaß, mich als Architekt so in meine Materie zu vertiefen.”

Catherine Gay Menzel und Götz Menzel arbeiten in einer, erst recht für kleine Architekturbüros, großen Bandbreite: Sie entwerfen Industriehallen, Straßenbrücken, Einfamilienhäuser und öffentliche Plätze. Nur ein paar Schritte von ihrer Wohnung entfernt, direkt an der Grande Rue von Saint-Maurice, befindet sich ihr aktuelles Projekt Maisons Duc. Drei angrenzende historische Gebäude bauen sie hier zu einer Kunstgalerie und zu Ateliers und Wohnungen um. Auf dem Weg ins Büro liegt ein weiteres Gebäude der Architekten: die Hasler Halle. GayMenzel schufen für den Traditionsbetrieb Hasler einen modernen Baumarkt mit 2000 Quadratmetern Verkausfläche. Auch wenn die Region auf eine lange Geschichte zurückblickt, hat man hier scheinbar keine Angst vor Veränderung.

Ihr wart in sehr unterschiedlichen Büros und Ländern tätig. Von welcher dieser Erfahrungen profitiert ihr für euer eigenes Unternehmen am meisten?

Catherine: Ich habe speziell von den kleinen Büros viel für die Selbstständigkeit mitgenommen. In New York waren wir nur vier Personen und haben alles selbst gemacht, vom Papiereinkauf zum Telefondienst.

Götz: Für mich war Herzog & de Meuron wie ein zweites Studium. Die große intellektuelle Freiheit und die Offenheit für undoktrinäre Entwürfe, die ich dort antraf, waren einzigartig. Ich vergleiche deren Campus in Basel gerne mit Hogwarts, der Zauberschule von Harry Potter.

Bringt ihr als Architekten eine neue Perspektive mit ins Wallis?

Götz: Als Ausländer bringe ich einen fremden Blick auf das Bestehende mit. Der internationale Background fließt in die Entwürfe mit ein, aber die Ausführung ist eine Walliser Geschichte. Wir kristallisieren unsere Ideen sehr stark aus dem gegebenen Kontext heraus. Wir sind nicht das kompromisslose, ultraradikale Büro, das hier plötzlich neue Architektur à la Zaha Hadid machen will.

Catherine: Wir haben einen ‘sanften’ Ansatz, an ein Projekt heranzugehen. Wir schauen uns das Bestehende an und versuchen, stimmig weiterzuentwickeln. Oft entwerfen wir auch nicht ganz zu Ende, sondern lassen bewusst noch etwas offen, das im Laufe der Ausführung mit Handwerkern und Bauherren konkretisiert wird.

Habt ihr eine feste Arbeitsteilung?

Götz: Die Entwürfe machen wir gemeinsam und teilen uns dann die Projekte in der Ausführung auf. Wir machen aber beide alles, das heißt, wir könnten uns gegenseitig vertreten. Wir haben über siebzehn Jahre hinweg eine gemeinsame Sprache entwickelt. Jeder versteht sofort, was der andere denkt – was nicht heißt, dass wir immer mit allem, was der andere sagt, einverstanden sind.

Wie erlebt ihr die Architektur in einer Alpregion wie dem Wallis?

Catherine: Sehr unterschiedlich. Einerseits ist es enttäuschend, wenn man sieht, wie viel von großen Investoren möglichst billig gebaut wird. Andererseits gibt es eine tolle Dynamik unter den Architekten, man kennt sich untereinander auch über Generationen hinweg.

Das liegt auch daran, dass wir oft an denselben Wettbewerben teilnehmen. Alle öffentlichen Bauprojekte mit einem Architktenhonorar von über 250.000 Franken müssen in der Schweiz öffentlich ausgeschrieben werden. Ein System, das sehr gut für unsere Branche ist.

Seid ihr selbst Architekturtouristen?

Götz: Jetzt nicht in dem Sinne, dass wir nach Transsilvanien fahren, nur um dort Kirchen zu besichtigen. Aber wir schauen uns natürlich immer an, was es so gibt, wenn wir auf Reisen sind. Interessante Gebäude gibt es überall.

Catherine: Ja, und viele Gebäude sind spannend, bei Weitem nicht nur die großen Würfe. Das Verhältnis von Volumen und Leere und die Wirkung vor Ort kann man immer diskutieren. Architektur ist für uns eine sehr angewandte Kunst.

Welche Orte sind besonders sehenswert für Besucher der Region?

Götz: Unbedingt besichtigen sollte man die Abtei in Saint-Maurice. Zum Essen und Trinken empfehlen wir die Weinbar Fol’terres in Fully und das Restaurant La Vache qui vole in Martigny. Und natürlich sollte man die einmalige Natur und die Berge genießen, wandern und skifahren!

Vielen Dank, dass wir euch im Wallis besuchen durften. Mehr Informationen zu den spannenden Projekten des Paares, wie dem Grand Hotel du Cervin, findet man auf www.gaymenzel.com.

Dieses Portrait wurde zusammen mit USM produziert und ist Teil der Serie “Personalities by USM“. Mehr Informationen zu Catherines und Götzs Einrichtung sind hier zu finden.

Fotografie: Yves Bachmann
Interview: Sandro Murchini