Daniel Angermann
Daniel Angermann, Cologne
MINI × FvF
Interviews > Daniel Angermann

Seine Jugend hat der 33-Jährige Kommunikationsdesigner und Künstler Daniel Angermann auf dünnem Eis verbracht. All seine Energie galt in der Zeit dem professionellen Eiskunstlauf. Die Ausdauer und Konzentration, die der Hochleistungssport von ihm forderte, kommen ihm heute bei seiner Arbeit zugute.

Nach seinem Studium an der ecosign / Akademie für Gestaltung und verschiedenen freiberuflichen Projekten gründete er zusammen mit Tobias Battenberg im Januar 2014 das „Designbüro Köln“. Zu ihren Auftraggebern zählen private und öffentliche Einrichtungen aus Kultur und Wirtschaft für die Daniel und Tobias Imagefilme, sowie Web- und Printportfolios gestalten.

Daniel ist Kölner aus Überzeugung. Seine Lieblingsorte sind all die, wo die Offenheit der Stadt am besten zum Ausdruck kommt. Davon gibt es viele, einige haben wir zusammen mit Daniel entdeckt. Ausgangspunkt: Seine Wohnung in Köln-Mülheim.

Daniels Lieblingsorte in Köln

Daniels Wohnung in Köln-Mülheim

Köln hat nun nicht gerade den Ruf, die schönste deutsche Stadt zu sein. Manche sagen, das Kölner Lebensgefühl macht das längst wieder wett. Stimmt das? 

Ja! Was ich an Köln so schätze, ist die Gelassenheit. Ich will nicht in einer Stadt, die im Überfluss untergeht, nach Luft schnappen müssen. Hier habe ich Raum für meine Arbeit – und außerdem sind die Kölner sehr positiv und unglaublich tolerant.

Und warum fiel die Wahl auf Köln-Mülheim? 

Ganz ehrlich? Die Mieten sind bezahlbar. Außerdem bin ich schnell im Büro und am Rheinufer. Mülheim ist stark im Wandel, kulturell tut sich immer mehr. Es ist interessant für mich, das zu beobachten und gleichzeitig ein Teil davon zu sein.

Du hast hier alle möglichen kuriosen Plastikobjekte in Rahmen platziert… wo kommen die her?

Aus dem Rhein! Ich sammle seit Jahren Plastikabfälle, die bei Hochwasser an Land gespült werden. Ich hole sie an ihren Ursprungsort zurück und stelle sie in den Kunstkontext. Ich hoffe, dass der Betrachter die Objekte ansieht und vielleicht ein wenig das eigene Konsumverhalten überdenkt.

Der Schwerpunkt deiner Arbeit liegt auf der Typografie. Woher kommt deine Begeisterung für Schriften?

Als Teenager habe ich einen Ausgleich zum Eiskunstlauf gebraucht und habe mit Graffiti angefangen. Damit habe ich meine Stimmungen zum Ausdruck gebracht – mit der Neigung der Buchstaben, der Farbgebung oder verschiedenen Strichstärken. Im Studium habe ich das dann analysiert, neu interpretiert und natürlich auch noch ganz neue Aspekte entdeckt.

Daniel's Office - "Designbüro Köln"

Als „Designbüro Köln – Büro für Identität und Kommunikation“ bieten Daniel und sein Kollege und Freund Tobias Battenberg Kommunikationslösungen in den Bereichen Print, Design, Online, Film und Corporate Identity an. Die Ideen entstehen in Köln-Deutz. Dort ist das Büro der beiden – und unsere zweite Station.

Die Gegend hier ist keine Hochburg für Kreativ-Schaffende, oder?

Nein, wirklich nicht! Und noch lang nicht auf dem Weg eine zu werden! Aber wir umgeben uns wenig mit der Kreativszene und möchten auch kein “Design für Designer” machen. Hier können wir uns auf unsere Arbeit konzentrieren – und wir haben die Erfahrung gemacht, dass Netzwerke nicht ortsgebunden sein müssen.

Die Räumlichkeiten sind sehr außergewöhnlich. Was war hier früher zu finden?

Hier war das Verwaltungsbüro einer Chemiefabrik. An der Bauart und den Materialien sieht man, dass hier klare Hierarchien geherrscht haben. Die zwei Zimmer waren früher Vorzimmer und Chefbüro. Heute gibt es keine Hierarchien mehr – und wir haben einfach alles weiß gestrichen.

Kannst du euren Arbeitsprozess beschreiben? Worin unterscheidet ihr euch von anderen Designbüros?

Wir grenzen uns vom klassischen Werbebegriff ab. Wir möchten keine Geschichten erfinden, sondern erfahrbar machen, was auch wirklich haltbar ist. Jeder Auftraggeber bringt seine Geschichte mit. Diese Geschichte ist für uns die Basis – im Grunde stellt der Kunde also seine Ziele und Werte selbst heraus. Wir übersetzen das alles dann in Kommunikation nach Aussen.

Hört sich an, als ob Du es geschafft hast, all deine Interessen – für Kommunikation genauso wie für Kunst – in deiner Arbeit zu verbinden.

Ja, das macht mich sehr glücklich. Das ist unser Geschäftsmodell, aber gleichzeitig ist das Designbüro Köln nicht in erster Linie aus dem wirtschaftlichen Aspekt heraus entstanden. Wenn man etwas mit Liebe macht, folgt das Geld von allein. Wenn ein Bäcker Brötchen backt, sollte er auch nicht miese Brötchen verkaufen, weil er okönomische Ziele verfolgt, sondern er sollte sie backen, weil er die Menschen mit guten Lebensmitteln versorgen will.

Welcher Auftrag hat euch bisher am meisten herausgefordert?

Wir arbeiten seit einigen Jahren für das “Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie”. Bei einem Projekt ging es darum, Menschen in China für das Thema Energieeffizienz zu sensibilisieren. Es war eine echte Herausforderung, sich in die vielen verschiedenen Lebenssituationen Chinas hineinzuversetzen. Dort werden gerade alle Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts gleichzeitig gelebt! Spannend war auch, ein Forschungsinstitut mit Designlösungen vertraut zu machen und eine Brücke zwischen Wissenschaft und Design zu bauen.

Van Dyck

Wir bekommen Lust auf einen Kaffee. Zeit für die Weiterfahrt. Unser Weg führt uns in die Körnerstraße zur Rösterei  “Van Dyck”. In dem ehemaligen Friseursalon gibt es „Figaro von Ihrefeld“ Kaffee, natürlich aus dem traditionellen Trommelröster. Wir springen aus dem Wagen und treten in das sympathische Ladenlokal – ganz in pastellgrün und noch heute mit einem Hauch von Friseur-Charme.

Das “Van Dyck” ist für seinen hervorragenden Kaffee bekannt. Bist Du einer von den Stammgästen?

Ich muss zugeben: Ich bin kein Kaffeefan. Aber wer hier die heiße Schokolade und das Mohnkissen probiert hat, der wird auch ohne Kaffee zum regelmäßigen Besucher.

Wo findet man dich sonst in Köln, wenn du eine Pause vom Arbeitsalltag brauchst?

Ich verbringe die meiste Zeit daheim. Am Wochenende gehe ich gern auf den Trödelmarkt. Als kleiner Junge habe ich die Straßen der Stadt durchkemmt und alles gesammelt und angehäuft, was irgendwie verwertbar war. Ich stöbere heute noch gern.

Was fasziniert dich daran?

Ich mag es, den Dingen eine zweite Chance zu geben. Und apropos Stöbern: In der Luxemburgerstraße gibts einen riesigen Laden für junges, lokales Design. GREATLIVE heisst er – und seit April ist nebenan auch ein kleines Café. Habt ihr Lust hinzufahren?

GREATLIVE

Haben wir! Und es lohnt sich: Der Laden ist das neue Projekt von DJ Cem, der in Köln Parties und Konzerte veranstaltet – und jetzt auf fast 500 Quadratmetern handgemachte Produkte anbietet. Von Mode bis hin zu Möbeln, hier findet sich eine bunte Mischung von zeitgenössischem Design. Oft mit sehr charmantem Augenzwinkern.

Die Leute hier scheinen dich zu kennen…

Ja, das Geschäft wird von ehemaligen Studienkollegen von mir betreut. Das ist immer schön, die Leute wiederzusehen – und außerdem ist das Projekt toll.

Was gefällt dir am besten?

Die Mischung: Von Mode über Poster bis Musik. Und dass es soviele nachhaltig hergestellte Interior-Accessoires gibt. Das GREATLIVE bietet jungen Gestaltern eine faire Plattform, das gibt es sonst nicht so oft.

Habibi

Wir stöbern fast zwei Stunden, dann knurren unsere Mägen. Daniel, was ist eine gute Adresse für eine schnelle, ehrliche Mahlzeit? Daniels Antwort kommt prompt: Das “Habibi” in der Zülpicher Straße. “Habibi” ist das arabische Wort für “Liebling” – und ein Lieblingsrestaurant wird der libanesische Imbiss für viele gleich beim ersten Besuch. Wir kommen an – und noch während wir die Karte studieren, bekommen wir ungefragt Zimttee serviert.

Was empfiehlst Du uns?

Ganz klassisch: Wie wärs mit einer gemischten Platte? Schawarma, Falafel, gegrilltes Gemüse, Halloumi und natürlich Hummus. Da ist fast alles dabei – und es ist alles lecker.

Das Habibi ist fast immer rappelvoll. Was meinst Du macht den Erfolg aus?

Die Zülpicher Straße ist direkt neben der Uni, es ist also die erste Gegend, die man kennenlernt, wenn man als Student nach Köln kommt. Vor allem aber ist das Essen lecker und das Preis-Leistungs-Verhältnis unschlagbar. Und dann wird man auch noch liebevoll umsorgt!

Ist Essen und essen gehen für dich ein wichtiges Thema?

Naja, ich bin nicht der Typ, der jedes neue Szene-Restaurant direkt nach der Eröffnung testet. Wichtig ist mir eine ausgewogene und ökologisch bewusste Ernährung. Aber am liebsten koche ich immer noch selbst. Für mich ist das auch ein Akt, in dem ich mich kreativ austoben kann.

Museum Ludwig

Gut gesättigt steigen wir in den Mini, fahren durch die Kölner Altstadt und machen dann zwischen Dom und Rhein Halt. Dort ist das  Ludwig Museum – genau der richtige Ort für das graue Wetter. Was nur wenige wissen: Das Ludwig Museum beherbergt die größte Picasso-Sammlung Deutschlands und die größte Sammlung amerikanischer Pop-Art außerhalb der USA.

Du sagst, Du empfiehlst jedem Kölnbesucher einen Abstecher ins Ludwig Museum?

Ja, auf jeden Fall! Sogar mehr als einen: Ich komme alle paar Monate hierher und schaue mir immer wieder die Pop-Art-Dauerausstellung an.

Entdeckst du dabei immer noch Neues?

Die Ausstellung zeigt einen Querschnitt aus sämtlichen Epochen von Pop-Art, da kann man jedesmal einen anderen Schwerpunkt setzen. Ich sehe mir Kunstwerke aber generell gerne öfters an. Dabei geht es mir nicht so sehr um die Betrachtung des Werks auf formaler oder inhaltlicher Ebene, sondern eher darum, die Aura des Künstlers aufzusaugen. Wissend, dass der Künstler irgendwann vor genau dieser Leinwand saß und seine Gedanken darauf wiedergegeben hat.

Gibt es einen Künstler, der dich in deinem kreativen Schaffen besonders geprägt hat? 

Mich beeinflusst aber alles, was mich umgibt. Ich kann nicht genau sagen, wer oder was mich formal stark beeinflusst hat. Spannend finde ich die 90er Jahre, die habe ich immer als Ende der formal ästhetischen Entwicklung gesehen. Aber das ist nicht endgültig.

Also keine bestimmte Person?

Vielleicht doch: Joseph Beuys hätte ich wirklich gern kennen gelernt.

Rheinufer

Wir sind nur wenige Minuten vom Rheinufer entfernt. Zum ausgiebigen Spazierengehen lädt das Wetter nicht  ein, aber einen Abstecher zum Fluss machen wir trotzdem. Daniel springt aus dem Auto, läuft zum Wasser und hat wenige Augenblicke später schon ein paar kuriose Gegenstände in der Hand.

 

Was hast du da gerade aufgesammelt?

Ein paar Plastikteile für meine Arbeit! Ich finde das faszinierend, wie industriell geformte Produktteile im Wasser organische Formen annehmen.

Der Fluss ist dein Kölner Lieblingsort, oder?

Ja. Ich mag den Moment, wo ich fast statisch wie eine Randmarke am Ufer sitze und der Rhein einfach an mir vorbeifließt. Er zeigt mir, dass alles in Bewegung ist und sich stets erneuert — das bewegt mich und sagt mir, dass es gut ist, dass ich ebenso in Bewegung bin.

Danny Angermann for Freunden von Freunden, Cologne 2014

Thanks!

Dieses Porträt ist die zweite Episode einer monatlich erscheinenden City Guide Serie, die Freunde von Freunden zusammen mit MINI produziert hat. Das Konzept stellt Städte und Locations aus der persönlichen Sicht von Kreativen vor.

Hier geht es zur Übersicht aller City Guides auf Freunde von Freunden.

Photography: Natalie Bothur
Interview & Text: Zsuzsanna Toth