Freunde von Freunden

David Rubinger
Photographer, Apartment, West Jerusalem
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David Rubinger hat an seinem Haus in Jerusalem nichts verändert, seit seine Frau vor zwölf Jahren gestorben ist. Sie sammelte so gut wie alles und bat Freunde, Gegenstände von ihren Reisen um den ganzen Globus mitzubringen. In den Kunstwerken und ethnischen Masken, die die Wände des Hauses bedecken, ist sie immer noch gegenwärtig. In David’s Büro aber nehmen Fotos die gesamten Wände ein – nur ein Bruchteil der geschätzten 500.000 Bilder die David als Politik- und Kriegsfotograf in mehr als 30 Jahren an jeder israelischen Front aufgenommen hat. Fast alle sind unterschriebene Schwarz-Weiß-Abbildungen hochkarätiger Politiker. Sein wichtigstes Bild war ihm persönlich nie das Liebste. Tatsächlich hätte er nicht geahnt, dass es ihn weltweit berühmt machen würde. Es zeigt drei israelische Fallschirmspringer unmittelbar nach der Eroberung der Western Wall 1967 in Jerusalem.

43 Jahre zuvor begann David’s Geschichte bereits auf der anderen Seite des Mittelmeers. David wurde in Wien als einziges Kind eines polnischen Paares geboren. Um einer Festnahme durch die Nazis zu entgehen bekam sein Vater, ein Altwarenhändler, die Erlaubnis bei seiner Schwester in Großbritannien zu leben. Seine Familie musste er zurücklassen. Im Alter von 15 Jahren schaffte es David, nach Israel zu fliehen. Doch brauchte es noch bis zum Jahr 1942, als er sich, in der jüdischen Brigade dienend, in die Fotografie verliebte. Nun ja, eigentlich verliebte er sich in ein französisches Mädchen…

Dieses Portrait ist Teil unserer wöchentlichen Kolllaboration mit ZEIT Online, die eine besondere Auswahl der Fotos auf ihrer Seite präsentieren

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88 ist ein Alter, in dem es die meisten Menschen langsam angehen lassen – ab und zu mal die Katze streicheln, fernsehen, höchstens noch spazieren gehen. David Rubinger allerdings hat gerade sein erstes E-book veröffentlicht, das er stolz auf seinem nagelneuen iPad präsentiert. Seine alten elektronischen Geräte, ein Computer und ein Radio aus den 80ern, haben eine neue Heimat in einem Beet im Garten gefunden, eingekuschelt zwischen blauen Chrysanthemen. “Wer weiß, vielleicht bekommen sie irgendwann Kinder”, sagt er. Wir folgen ihm in sein Haus im süd-westlichen Teil Jerusalems, einer Stadt voller Geschichte, Kultur, Religion und Konflikte. David sieht sich politisch weit links. Die Besatzung Palästinas, die Mauer, die momentan sehr rechte politische Ausrichtung – all das passt nicht zu seinem Wertesystem.

Er ist ein überlegter Mensch, der sich seine Meinung nicht durch die Medien und seine Erziehung angeeignet hat. Er war tatsächlich dabei, mittendrin in der israelischen Geschichte. Er war Zeuge des Holocaust, der Gründung Israels, der Entwicklung des Staates, in seinen Kriegen und Konflikten – bis heute. David war nie sonderlich religiös.

Doch als er 1939 seine Mutter hinter sich lassen musste und nach Israel kam, war sein 15-jähriges Herz gefüllt mit zionistischen Idealen – und naiven Ideen. “Ich war ziemlich extrem und schwor mir, niemals eine andere Sprache als Hebräisch zu sprechen. Als unser Schiff in Haifa die Küste anfuhr und ich die arabischen Märkte aus der Ferne sah, dachte ich sofort: Nun, das muss wohl der Ort sein, wo die Araber ihre Frauen kaufen – diese Dummheit führe ich auf das Lesen zu vieler Karl May Romane zurück”, sagt er lachend. Wie viele andere der europäischen Juden, die zu dieser Zeit nach Israel kamen, lebte er in einem Kibbuz, einer typisch israelischen Kollektivsiedlung. Die drei Jahre, die er dort verbrachte, hält David als die friedvollste Zeit seiner Kindheit in Erinnerung – Bananen pflücken, in den Scheunen helfen und vor allem, kein Außenseiter mehr sein.

In seiner Heimatstadt Wien hatte David nur einen einzigen wirklichen Freund. Mit Poldi, einem durch und durch österreichischen Wirtssohn, verbrachte David die Stunden nach der Schule damit, mit einer Feile aus kleinen Holzstücken Figuren zu schnitzen. In den 80ern, Jahrzehnte nachdem er Poldi das letzte mal gesehen hatte, bekam David einen Anruf. Ein Israeli hatte sich in Wien in einem Taxi mit dem Fahrer unterhalten. Der Fremde versprach seinem Chauffeur Poldi, er würde sich in Israel auf die Suche nach seinem einstigen Freund David machen.

Ein wenig später saß David bereits in einem österreichischen Café und wartete auf den einzigen Kameraden seiner Kindheit. Poldi sah genau so aus, wie David es erwartet hatte – ein wahrer Österreicher, in einem traditionellen Hut und Lederhosen. Als Poldi David von der schrecklichen Zeit im Krieg an der russischen Front berichtete, wurde David klar, dass diese Front nicht weit von dort gelegen haben kann, wo seine Mutter vermutlich im Konzentrationslager ermordet wurde. Plötzlich wurde sein alter Freund zu einem Soldaten, der für die deutsche Sache kämpfte, die die Vernichtung aller Juden beinhaltete. David wusste nicht mehr, wie er ihn ansehen, geschweige denn mit ihm sprechen sollte. Er machte sich bereit, eine Ausrede zu finden und das Café zu verlassen. Da nahm Poldi einen kleinen Gegenstand, in ein Leinentuch gewickelt, aus der Tasche. “Ich möchte, dass du mir das schenkst”, sagte er und schob das kleine Paket hinüber zu David. Als er das Tuch zurückschlug fand er die Feile. Jene, die sie zum Schnitzen benutzt hatten, als sie noch Buben waren, bevor der Krieg viel zu früh ihre Kindheit beendet und sie auseinander gerissen hatte. “Da wurde mir klar, dass Poldi über sechzig Jahre an dieser Feile festgehalten hatte, um sie mir zu geben, und das nichts anderes, was in dieser Zeit passiert war, für mich Bedeutung hatte.”

Lange vor diesem Tag, als David 18 wurde, war er ein glücklicher, wenn auch staatenloser Kibutznik. Israel war noch sechs Jahre vor seiner Gründung. Und obwohl die Engländer die Aufnahme jüdischer Flüchtlinge begrenzt hatten, war sein Wille die Nazis zu bekämpfen so stark, dass David der englischen Armee beitrat. “Ich kam allerdings nicht wirklich zum kämpfen. Man versuchte uns aus dem Schussfeuer zu halten.” Mit einem bubenhaften Grinsen fügt er hinzu: ”Es war mehr wie eine, vom König finanzierte, Weltreise.”

Neben Afrika und Italien war David auch in Belgien stationiert. In Liège gab man ihm zwei Tage frei und Tickets für die Pariser Oper, um den Krieg zu vergessen, in dem er nicht kämpfte. Nur fünf Minuten Verspätung zwangen ihn und seinen Kameraden, um die Ecke in einer Bar in der Rue Scribe auf den nächsten Akt zu warten. Den Namen der Straße wird er nie vergessen, sagt David, in Erinnerungen schwelgend. Doch entweder wurde der Name geändert oder er erinnert sich doch nicht richtig. Google Maps jedenfalls konnte die Straße nicht finden, in der David und sein Freund zwei französische Mademoiselles kennen lernten: Jeanette and Claudette. “Wir haben an dem Abend kein Ballett zu sehen bekommen” – da ist schon wieder dieses bübische Grinsen.

Nach einem romantischen Dîner auf dem Eiffelturm entwickelte sich eine „Freundschaft“, wie er es bezeichnet, zwischen ihm und Claudette. Zweimal rannte er von seiner Kompanie weg, um sie zu sehen. Einmal sogar um den Preis eines siebentägigen Gefängnisaufenthalts. Ziemlich viel Aufwand für eine bloße Freundschaft. Nach einigen Monaten verließ David die Region und Claudette kam zum Bahnhof, um ihn zu verabschieden. Mit einem besonderen Geschenk hat sie an diesem Tag das Leben von David maßgeblich beeinflusst: auf dem Pariser Bahnhof in den frühen 40ern gab sie David seine allererste Kamera, eine 35mm Argus.

Unwissend hatte sie eine versteckte Leidenschaft in ihm geweckt. David war nun sicher, Fotograf werden zu wollen, sobald der Krieg vorbei sei. Zurück in Israel, erklärte die Britische Armee sein Viertel zur Militärzone. David war mit der Kamera vor Ort, als die Menschen begannen, Nahrungsmittel über die Zäune zu jenen zu werfen, die hinter dem Stacheldraht zu verhungern drohten. Zuerst verkaufte er Abzüge an Nachbarn, dann lokale Zeitungen und Magazine. Im Jahr 1965 schließlich bekam er seinen ersten richtigen Auftrag von TIME LIFE.

Als David das Hotel betrat, in dem sich alle Korrespondenten aufhielten, ging er auf Burt Glinn, einen bereits bekannten Magnum Fotografen zu und fragte ihn, ob sie nicht ein Zimmer teilen wollten. “Ich dachte, wenn ich ein Zimmer in so einem schicken Hotel nehmen würde, setzt mich TIME LIFE doch gleich wieder vor die Tür. Ich glaube, Burt dachte ich bin schwul.” David sollte bald heraus finden, wie gut TIME LIFE seine Fotografen in Realität behandelte. “Ein polnischer Kollege, der später in Gaza fiel, sagte einmal zu mir: wenn meine Spesen nicht mindestens 300 Dollar am Tag sind, glauben die doch, ich arbeite gar nicht.” Zu dieser Zeit war es TIME LIFE Fotografen noch nicht einmal erlaubt, nur Economy-Class zu fliegen. “Prestige war alles – es fällt nicht schwer, sich daran zu gewöhnen. Aber es ist traurig zu sehen, wie sich das geändert hat. Fotografen werden nicht mehr wirklich geschätzt und unterstützt.” Sein erstes Bild für TIME LIFE, das international veröffentlich wurde, zeigt eine Nonne, die eine Zahnprothese in den Händen hält. Sie hatte sie von jordanischem Territorium zurück holen müssen, nachdem sie einem Patienten des katholischen Krankenhauses aus dem Fenster gefallen war.

David arbeitete 38 Jahre lang für TIME LIFE. An jeder israelischen Front war er dabei. Er traf und portraitierte dutzende internationale Politiker und war einer der wenigen Fotografen, denen es erlaubt war, in der Knesset zu fotografieren. Sein Redakteur bei Time LIFE sagte einmal zu ihm, dass es nicht nur die guten Bilder seien, die er braucht. Er wolle Leute, die mit ihrem Objekt in Kontakt treten, eine Verbindung aufbauen könnten – ungeachtet der Kosten.

“Ich war aber nie ein Paparazzi. Es gibt bestimmte Dinge, auf die die Öffentlichkeit kein Recht hat. Ich hätte nie ein Bild veröffentlicht, dass den Premierminister dabei zeigt, wie er seine Hose zuknöpft. Selbst die höchsten Politiker müssen doch mal pinkeln. Das heißt nicht, dass es jemand etwas angeht.”

Das Bild, dass David weltweit berühmt gemacht hat, zeigt drei Fallschirmspringer an der Western Wall, gleich nach deren Eroberung im Sechs-Tage-Krieg. Die israelische Regierung hat es hundertfach verbreitet und an jeden und alle heraus gegeben. Ein paar ausländische Fotografen gaben es sogar als ihr eigenes Werk aus. “Heute bin ich den Dieben dankbar – sie haben es berühmt gemacht”, sagt David. Dabei hätte er das Potential seines Bildes überhaupt nicht erkannt. Seine Frau war es, die die Bilder des Tages durchkämmte und ihm riet, es der Agentur zu schicken. “ Wie immer, hatte die Frau recht.”

Nach dem Weltkrieg, bevor David für immer nach Israel zurückkehrte um Fotograf zu werden, fuhr er noch einmal nach Deutschland, um eine unbekannte Cousine zu finden, die den Holocaust überlebt hatte. Dort kaufte er seine erste Leica für 200 Zigaretten und einen Kilo Kaffee. Er und Anni beschlossen eine Ehe vorzugaukeln, um ihr die Einreise nach Israel zu ermöglichen. “Wir hatten noch nicht einmal eine richtige Hochzeit – es war ja alles nur Fassade.” Das Paar bekam zwei Kinder, fünf Enkel und zwei Großenkel. “Wir haben einfach 45 Jahre lang vergessen, uns scheiden zu lassen”, sagt David und zeigt auf ein Bild seiner Frau, dass zwischen all den Objekten hängt, die sie angesammelt hatte, bevor sie an Krebs starb.

Vielen Dank David für die spannende Unterhaltung!
Wer einen Eindruck von den preisgekrönten fotografischen Arbeiten Davids bekommen möchte, sollte sich die Strecke “60 years of Israel” here die er für das Time LIFE Magazin gemacht hat, anschauen.

Text & Fotografie: Louisa Löwenstein

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