Wie wir arbeiten wollen: Entrepreneur Ansgar Oberholz bejaht die Chancen des digitalen Wandels
Ein Gespräch über Neue Arbeit, Selbstbestimmung und die Kraft von Heterotopien, Berlin
NOMOS Glashütte × FvF
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Es herrscht absolute Stille in Berlin-Mitte. Kein Auto, kein Smartphone, kein Rollkoffer ist zu hören. Ansgar Oberholz sitzt auf dem Alten Garnisonfriedhof, wo er allzu gerne hinkommt, um die Ruhe zu finden, die ihm die Stadt nicht bietet. Er spricht hier über das, was wir Arbeit nennen.

Lange Zeit waren Coworking, Freiberuflichkeit und dezentrales Arbeiten allein einer jungen großstädtischen Szene zugehörig, die man nur allzu gern um ihr nervöses Auftreten belächelt hat, wenn eine Geschäftsidee mal wieder nach hinten losgegangen ist. Doch immer mehr Unternehmen versuchen heute ebendiese Methoden für sich zu nutzen. Sie haben realisiert, dass sich die Bedürfnisse ihrer Arbeitnehmer grundlegend verändern. Das mausgraue Großraumbüro reicht nicht mehr aus, um Menschen die Arbeit verrichten zu lassen, die heute notwendig ist. Dass aufgehübschte Räume aber noch lange nicht alles sind, weiß Ansgar Oberholz. Der Wahlberliner hat diesen Wandel von Anfang an beobachtet und an ihm mitgewirkt. Er ist nicht nur der Mitbegründer des Cafés St. Oberholz an der Rosenthaler Straße 72A, das in den Oberstübchen des Hauses auch Coworking-Plätze beheimatet, sondern auch Mitbegründer des Instituts für Neue Arbeit. Als Berater und Mentor gibt er seine Entrepreneur-Erfahrung aus über zwanzig Jahren Selbstständigkeit an kleine und große Firmen weiter.

Mit dem St. Oberholz ist es wie mit den vielen polarisierenden Orten Berlins. Entweder man betritt sie mit Hingabe, oder man meidet sie. Dabei erzählt das Coworking-Café nicht nur die Geschichte von jenen Latte-Bloggern, die den an digitalen Testballons gehängten großen Wurf planen, sondern von einem Hub für absolute Zeitgenossenschaft: In seinem 2005 eröffneten Café wurden zwischen Espressomaschine und Aufladekabeln Firmen wie Soundcloud oder HelloFresh gegründet und Bücher von Autoren wie Joachim Bessing und Holm Friebe geschrieben. Aus dem Großstadtmythos des ersten Berliner Cafés für Freiberufliche, Gründer und Journalisten, die ihre Laptops und Smartphones mitbrachten, ist ein nicht von der Hand zu weisendes Erfolgskonzept gewachsen. Denn das St. Oberholz spielt nicht nur als Ort eine feste Rolle im Geschehen um neue Formen des Arbeitens. Vielmehr ist es eine affirmative Perspektive auf die Vision, wie wir in Zukunft arbeiten werden.

Die Frage, wie man es schafft, dass möglichst viele Menschen Freude an ihrer Tätigkeit haben, mag Ansgars Leitmotiv sein. Sie führt auf eine Geschichte aus seiner Zeit als Teenager zurück, als er einen Akkordjob am Fließband aufnehmen musste, um seinem Vater eine große Summe Geld zurückzuzahlen. „Ich war vom ersten Tag an geschockt, wie langsam Zeit vergehen kann. Und als mein Vater nach meinem ersten Arbeitstag den Dichter Khalil Gibran mit dem Satz ‚Arbeit ist sichtbar gemachte Liebe’ zitierte, war mein Schock noch größer.“ Seitdem stellt sich Ansgar die Frage nach der Bedeutung von Arbeit.

Gemeinsam mit der Uhrenmanufaktur NOMOS Glashütte widmet Freunde von Freunden sich dem Wandel der Arbeitswelt und fragt, wie sich beruflicher Erfolg heute definiert.

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Sein eigenes Schaffen hat sich nicht nur durch die Multi-Identität als Cafébetreiber, Entrepreneur, Berater und Romanautor ständig gewandelt: „Zwei große Megatrends sind dezentrales Arbeiten und gleichzeitige Vernetztheit. Durch den Gebrauch neuer Tools kann ich nachhaltiger und direkter mit Kollegen und Kunden arbeiten. Das muss nicht der perfekte Chatbot-Algorithmus sein, sondern fängt schon bei simpler Automatisierung an.“

Auf eine gewisse Art ist Ansgar Futurologe, nur ohne die brachiale Bildästhetik von fliegenden Autos oder hingebungsvoll gerenderten Prototypen neuer Smartphones. Ihm geht es nicht nur um das Phantasma neuer, spaßiger Arbeit, das sich allzu gern noch im obligatorischen Büro-Kickertisch manifestiert. Viel eher sieht sich Ansgar als Mittler einer neuen Gefühlskultur, die wie Frostschutzmittel wirkt: Dabei geht es um das Loseisen von der Vorstellung, dass man seine Angestellten kontrollieren muss, um Erfolg zu haben.

„Es müssen nicht immer agiles Design Thinking, große Top-Down-Projekte des Vorstands oder der Transformation-Workshop sein. Neue Arbeit kann auch im Kleinen passieren.“

Denn der übliche Blick auf Unternehmen, die neue Kommunikationswege gehen, ist immer noch voller Ressentiments. Arbeit müsse nicht unbedingt nur Spaß machen – dafür seien ja Theater, Kinos und Abende mit Freunden da. Doch für Ansgar ist gerade die Verbindung von Ernsthaftigkeit und Spaß immens wichtig. „Arbeit kann nur dann richtig gut und damit auch ernst sein, wenn man Freude an ihr haben oder aus ihr ziehen kann.“ Neue Arbeit ist im Kern gar nicht so radikal auf Spaß und Spektakel ausgerichtet, wie viele vermuten. „Es müssen nicht immer agiles Design Thinking, große Top-Down-Projekte des Vorstands oder der Transformation-Workshop sein“, so Ansgar. „Neue Arbeit kann auch im Kleinen passieren, wenn der Arbeitnehmer vermehrt positive Erfahrung macht, weil das Management den Schritt wagt, Kontrolle abzugeben.“

„Die Kontrolle abzugeben bedeutet nicht, dass man Regeln auflöst – man braucht andere sehr klare, aber eben auch sehr gute Regeln. Wer auf höhere Teamzufriedenheit setzt, steigert die Effizienz.“

Alter Garnisonsfriedhof, Berlin-Mitte

Im Büro von Moebel Horzon

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Keine Frage, der Umbruch in die digitale Transformationsgesellschaft ist für viele auch brutal. Die Erfahrung, dass Arbeitnehmer lustlos auf zu plötzlich eingeführtes Coworking reagieren, hat Ansgar auch schon gemacht. Die Frage, wie man noch Karriere machen soll, wenn der Chef gar nicht mehr sieht, dass man arbeitet, treibt den Arbeitnehmer der auslaufenden Zehnerjahre um. „Es geht nicht darum, einfach das Konzept umzustellen. Es geht darum, die Bedürfnisse der Mitarbeiter abzuklopfen und diese mit den Unternehmenszielen zu verstricken.“ Denn fast jeder Arbeitnehmer findet seinen Job ganz ok. Doch allein das männliche Machtgefüge aufzubrechen, Hierarchien abzutragen, Wissen zu teilen und gewaltfreie Kommunikation anzuwenden, kann die festgefahrenen Kollegen lockern. Wichtig ist, dass beide Seiten mitmachen.

„Was Kinder beim Erfinden machen, kommt dem ‚Entrepreneurial Mindset’, von dem wir heute reden, recht nahe.“

In seiner Arbeit geht es Ansgar um das Möglichmachen von Heterotopien: Ein Begriff, der auf den französischen Philosophen Michel Foucault zurückzuführen ist und reale Utopien meint, in die wir uns kurzzeitig begeben können. „Neue Arbeit bedeutet neue Räume zu schaffen – manchmal kann das auch ein geschicktes Hacking des bereits Vorhanden bedeuten. Wenn ein Kind in eine Rakete schlüpft, ist es Astronaut. Das ist Heterotopie. Wir Erwachsenen erzeugen so etwas auch, wenn wir im ICE den Laptop aufklappen, oder auf eine Party gehen.“ Seine vier Kinder sind für Ansgar eine große Inspiration: „Was Kinder beim Erfinden machen, kommt dem ‚Entrepreneurial Mindset’, von dem wir heute reden, recht nahe. Durch schulische und universitäre Bildung wird dieses lösungsorientiertes Denken aber in Raster gepresst. Wollen Unternehmen dann einen neugierigen Mitarbeiter, müssen sie diese zunächst wieder einreißen.“

Auch an den Räumlichkeiten eines Unternehmens lässt sich das übergeordnete Ziel ablesen. „Wenn man an die Cubicles denkt, die Legebatterien, die es vor allem in den USA noch massenhaft gibt, dann ging es dort vor allem um Gleichschaltung. Die Message dort lautete: Denk bloß nicht quer, scher nicht aus, denn du bist einer von Vielen.“ Dass man heute in vielen Unternehmen eben jene Kickertische findet, ist für Ansgar ein Zeichen dafür, dass Mitarbeiter zum Querdenken eingeladen werden: „Das ist die Kompetenz, die sich viele Unternehmen heute von ihren Arbeitnehmern wünschen, aber durch falsche Kommunikation noch nicht erhalten.“

Fab Lab Berlin

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Allerdings sei eine „flächendeckende Kultur aus neuen Mindsets“ notwendig, um in den kommenden Jahren mehr Menschen Zugang zu Neuer Arbeit zu bieten. Neben postkapitalistischen Ansätzen und Postwachstumsideen benennt Ansgar auch das bedingungslose Grundeinkommen: „Wir tun immer noch so, als wäre die Digitalisierung eine Naturgewalt, die wir nicht steuern können. Wenn wir das Mantra der Vollbeschäftigung hinter uns lassen und ganz anders denken, würde das extrem viel Energie und Ernsthaftigkeit freisetzen.“

„Ich möchte provokante Impulse setzen, ohne zu überfordern. Manchmal ist das eben ein trojanisches Pferd, was man in ein Unternehmen schiebt.“

Kommt bei neuer Arbeit Status und Ehrgeiz nicht zu kurz, wenn vor allem gemeinschaftlich gearbeitet wird? Ansgar glaubt, dass sich die Statussymbole verkleinert haben, manchmal gar nicht mehr materiell sein müssen. „Statussymbole sind Luxusgüter, die uns antreiben. Und viel Zeit zu haben mag heute einen hohen Stellenwert besitzen.“ Was er zu jedem seiner Termine mitnimmt? Ein sehr spezifisches Auftreten und die passende Kommunikationsform. Das hat er bei Sitzungen mit Vorständen gelernt, in denen er in Jeans und T-Shirt erschienen ist. Denn wenn er über die Jahre als Berater eines gelernt hat, dann doch eben selbst als Medium zu gelten, das mit Konventionen bricht, an das man aber auch Anschluss finden soll. „Ich möchte provokante Impulse setzen, ohne zu überfordern. Manchmal ist das eben ein trojanisches Pferd, was man in ein Unternehmen schiebt.“

Was Ansgar antreibt, ist die Leidenschaft, weitergeben zu können, unseren gesellschaftlichen Wandel durch die Digitalisierung affirmativ und mit ganzem Herzen mitzuerleben. „Wenn ich merke, dass ich als Plattform oder Hub für andere funktioniere und damit nicht nur Türen, sondern ganze Räume für sie öffnen kann, dann fühle ich mich erfüllt.“

Für die Zukunft sieht der Berliner Unternehmer eine klare Tendenz. Vermehrt werden dynamische und flexible Arbeitsweisen bestehen, die von Umverteilung, Freiberuflichkeit und automatisierten Prozessen ummantelt werden. „Klar, das Pendel wird auch an den Stellen zurückschlagen, wo neue Prozesse kopflos eingeführt wurden“, räumt Ansgar ein. „Aber schon jetzt lässt sich erkennen, dass wir bald einen wilden Mix aus konventionellen und hochfluiden Arbeitsstrukturen erleben werden. Das kann dazu führen, dass viel mehr Menschen das machen können, was sie wirklich wollen.“ Eine Vision, für die es sich zu arbeiten lohnt.

St. Oberholz am Rosenthaler Platz

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Inmitten andauernder Debatten um die Zukunft der Arbeit sind wir dankbar für Menschen wie Ansgar, die eine klare Vision vertreten. Das St. Oberholz mit Coworking-Plätzen am Rosenthaler Platz steht unverändert an der Rosenthaler Straße 72A. Als Berater kann man Ansgar unter anderem über das Institut für Neue Arbeit gewinnen. Ansonsten stehen die Chancen gut, ihm auf dem Garnisonsfriedhof, im Fab Lab oder bei Moebel Horzon über den Weg zu laufen.

Wie sieht Arbeit heute aus, wie soll sie in Zukunft aussehen? Die Uhrenmanufaktur NOMOS Glashütte und Freunde von Freunde haben mit Unternehmern aus unterschiedlichen Bereichen gesprochen: über Erfolg, Visionen, Status.

Weitere Geschichten aus der Reihe hier

Text: Daniel Sigge
Fotografie: Daniel Müller