Helga Ruthner

In Mariahilf pulsiert die Wiener Naschmarkt- und Kreativszene. Gleichzeitig lebt es sich im siebten Gemeindebezirk “wie am Land”. Alles, was das Herz begehrt, findet sich in Laufnähe. Da passt der wilde Mix aus Fischgrätenparkett, Matratzenlagern, provokanten Schnipseln zwischen futuristischen Objekten “wie die Faust auf’s Auge”. Zusammen mit ihrem Mann Philipp und zwei galaktischen jungen Burschen hat Modedesignerin Helga Ruthner ein avantgardistisches Paradies geschaffen, in dem keiner lange stillsitzen kann und will.

Vor über einem Jahrzehnt gelang ihr zusammen mit Partner Hermann Fankhauser der Sprung von Passion zum Hauptberuf, vom Atelier in Wien auf die Laufstege der Modehauptstadt Paris. Gemeinsam entwirft das kreative Duo provokante “Normalo-Mode” für sie und ihn, für Wendy & Jim.

Als Pendant zu manifestierten Vorurteilen über die österreichische Hauptstadt kommt der charmante Schmäh von Helga wie gerufen. Gerade, wenn einem die obligatorische erste Erkältung im Nacken und in der Nase sitzt. “Na manchmal hilft so eine kleine Saufkur eh am besten. Am nächsten Tag ist alles wieder vergessen.”

Ein Gespräch über Etablierung, den Umgang mit Vorurteilen, die lebenswerteste Stadt Europas und den spielerischen Balanceakt zwischen kreativem Schaffen und häuslicher Bodenständigkeit.

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Woher kommst du und wie kam es zur Gründung eures Modelabels “Wendy&Jim”?
Ich bin in St. Pölten geboren. Eine schöne, aber eher undankbare Stadt. Denn irgendwie zieht es einen eben dauernd nach Wien, für jede wichtigere Anschaffung, Kunst und ein ereignisreicheres Wochenende. Und da bin ich dann zwangsläufig auch gelandet. Ich wollte schon immer Modedesignerin sein, das war schon mein Spiel als kleines Mädchen. Nach der Schule habe ich aber erstmal mein Architekturstudium begonnen. Hans Hollein wusste von meiner Passion für Mode und hat das toleriert. Als Helmut Lang die Leitung der Modeklasse an der Universität für angewandte Kunst übernahm, hab ich dann bei ihm begonnen zu studieren.

Hermann Fankhauser und ich haben während stundenlanger Gespräche gemerkt, dass wir modetechnisch und konzeptionell in die gleiche Richtung denken. Wir haben früh angefangen an unserem eigenen Label zu arbeiten, wobei wir damals noch nicht konkret wussten wozu das führen wird. Es war nicht so, dass wir gesagt haben : “Das ist es jetzt. Das ist unser Label.” Wir haben einfach nur nicht aufgehört das zu tun, was uns am meisten Spaß macht. Seit 1999 zeigen wir in Paris Mode für Männer und Frauen.

An welchen Projekten arbeitet ihr momentan?
Im Moment machen wir unsere Herrenkollektion fertig und bereiten den Launch unseres ersten Parfums vor. Den Flakon dafür haben wir zusammen mit der Augarten Porzellan Manufaktur gemacht. Es kommt im Januar auf den Markt. Ein biologischer Duft, den wir in Kollaboration mit Wolfgang Lederhaas Cosmetics und der St.-Charles-Apotheke kreiert haben. Ein Herrenduft ist in Arbeit.

Wie kam es zum Namen eures Labels?
Als Hermann und ich das erste Mal bei einer Modenschau zeigen sollten, haben wir natürlich nach einem Namen gesucht. Wir wollten immer unsere Arbeit im Vordergrund und nicht an uns als Helga und Hermann verbunden wissen. Uns war aber trotzdem wichtig, dass der Name ein Mann, eine Frau ist. Es hätte im Grunde genommen auch Er&Sie heißen können. Irgendwie sind wir dann auf Wendy&Jim gekommen, fanden es zuerst komisch. Es klang nach Barbie&Ken, total beliebig. Die Idee hat aber bei allen Freunden eine sehr prägnante Reaktion ausgelöst, sowohl positive als auch kritische. Als wir dann diese Namenskombination in die Suchmaschine, eine noch vor Google, eingaben erschienen schon 100.000 Einträge. Und das war dann die ausschlaggebende Bestätigung. Wendy&Jim ist eben genau das. Ein Synonym für einen Mann und eine Frau.

Mode in Österreich ist ein schwieriges Thema. Woran denkst du liegt es, dass so viele österreichische Designer im Ausland erfolgreicher sind als in ihrer Heimat?
Jedes Land hat seine Tradition, die man respektieren muss und die es sehr schwer ist zu durchbrechen. Das dauert oft Jahrzehnte, wenn nicht länger, bis sich eine tradierte Gesellschaft ändert. In Wien und ganz Österreich geht es ganz stark um Musik. Für Künstler ist es wesentlich einfacher zu sagen: “Ich bin Musiker.” Er wird sofort ernst genommen. Mode hat in der Form in Österreich keine Geschichte. Wir verkaufen wir hier kaum etwas. Aber das ist auch eine kulturelle Eigenschaft von Österreichern – Die Absegnung muss erst von außen geholt werden. Oft hat man als Ausgewanderter schlagartig einen Bonus. Und genauso oft werden auch Leute, die nach Wien kommen und irgendetwas banales machen sofort Anerkennung finden. Nur weil sie von außen kommen. Ich bin mir sicher, dass es dazu auch philosophische Studien gibt.

Gibt es abgesehen vom Modedesign etwas im künstlerischen Bereich, das du weiter ausbauen willst ?
Seit einiger Zeit beschäftige ich mich neben unseren Kollektionen für Wendy&Jim auch mit Kostüm beim Film. Hermann habe ich mit dem Filmvirus auch infiziert. Ich würde es nicht gegen Design eintauschen, aber das ist ein Teilbereich, der mir sehr gut gefällt und auch eine Wechselwirkung auf unseren Hauptberuf ausübt. Schauspieler haben in einem Film eine ganz konkrete Realität. Wenn ihm Drehbuch steht “…zerreißt sich die rote Bluse” hat der Regisseur schon eine genaue Vorstellung, ich muss diese aber in mein eigenes Farbspektrum einbauen. Kostümdesign ist außerdem ein guter Weg, Wendy&Jim auch tragbar und alltagstauglich sichtbar zu machen. Wir sehen was total gut funktioniert und was eben auf der Zweidimensionalität der Leinwand gar nicht geht. Diese Transformation ist unheimlich spannend.

Was möchtest du gerne in Zukunft noch ausprobieren?
Ich würd gerne Zugposaune lernen, Tennis spielen und Glasblasen. Außerdem würde ich gerne eine Biozucht in Österreich für Kaschmirziegen und Seidenraupen machen. Das geht aus klimatischen Gründen nicht, alles andere aufgrund des Zeitmangels.

Was macht Wien für dich aus?
Ich bin gerade an einem Punkt, an dem ich gerne ein paar Jahre aus Wien rauskommen würde. Aber was die Lebensqualität angeht, ist Wien eigentlich unschlagbar. Wir sind mitten in der Stadt und leben trotzdem wie auf dem Dorf. Alles, was wir brauchen – ob für die Arbeit oder als Familienmensch – ist zu Fuß zu erreichen. Die Grundelemente Nahrung, Luft und Wasser sind sehr, sehr gut hier. Außerdem hat die Stadt eine überschaubare Größe, ist aber so zentral in Europa, dass man überall relativ schnell hinkommt. Und ich liebe die Weinberge und Wälder rund um Wien, die Donauauen, und in Wien direkt das Zentrum.

Wie stehst du zu dem Urteil vieler, dass im Wiener Lebensgefühl auch eine gute Portion Arroganz mitschwingt?
Arroganz hat ja immer etwas mit Selbstbewusstsein zu tun. Ein Übermaß an Selbstbewusstsein ist in Wien aber wirklich nicht das Problem. Ich würde sagen es ist eben genau das Gegenteil – Der Wiener “Grant” ist eher ein Hilferuf aus Mangel daran.

Erzähl mal, wie du deinen Mann Philipp kennengelernt hast.
Sicher nicht. (lacht)
Wir kannten uns aus unserer Heimat St. Pölten schon länger und haben uns Jahre später in Wien wiedergesehen und wie man das halt dann so macht. Verliebt. Kinder gekriegt. Geheiratet.

Eure Söhne haben interessante Vornamen. Wie seid ihr denn auf die gekommen?
Der Ältere heißt Koloman Komet. Koloman ist ein ganz alter österreichische Name wie auch beim Jugendstilkünstler Koloman Moser. Das war mein direkter Anhaltspunkt, wobei mich die Geschichte vom heiligen Kolloman auch sehr fasziniert hat.

Kannst du die kurz erzählen?
Koloman war ein pilgernder Kreuzritter aus Irland, der in Österreich gestoppt wurde. Man verstand ihn nicht, weil er ja eine andere Sprache gesprochen hat. Er wurde sofort getötet und im Wald aufgehängt. Zwei Jahre später hat ein Jäger nachgesehen, ob die Leiche noch frisch ist. Ihm ist nämlich frisches Blut aus der Seite geronnen, man hielt ihn sofort für heilig. Das Unterkiefer der Leiche ist dann bis nach Melk geschwommen und hat Wunder vollbracht. In Melk ist sein Kiefer sozusagen gestrandet. Deswegen wurde das Stift Melk gegründet und dort liegt immer noch das Kiefer. Jedes Jahr zum Namenstag findet dort der Kolomani-Kirtag statt. Wir waren letztes Jahr zum ersten Mal dort. Es war leider fürchterlich.

Unser jüngerer Sohn heißt Thaddäus Solaris. Wir wollten jedem Kind einen irdischen Namen geben und einen, der das Kind mit dem Universum verbindet.

Was ist das Herzstück deiner Wohnung?
Unsere Kunst ist uns sehr wichtig. Die Tatsache, dass wir auch einen leeren Raum haben. Wir haben auch kein Sofa sondern nur überzogene Matratzen. Das ist um einiges kindgerechter. Unser letztes Sofa hat die beiden nicht überlebt. Mein Lieblingsstück der Wohnung ist die Lampe von Gae Aulenti, ich verehre sie sehr. Sobald die Kinder größer sind, werden bestimmt auch noch ein paar Stücke dazukommen.

Welche Musik hörst du privat bzw zum arbeiten am liebsten?
Trap. Prinzipiell aber gern Radio damit sich Sprechen und Musik abwechselt.

Eure Arbeit ist auch von Prokation und einem unkonventionellem Humor geprägt. Habt ihr gegenüber den Kindern einen offenen Umgang was eure Kunst betrifft?
Die Kinder kennen ja nicht alles. Als der Kolo ganz klein war, kam er mit zu einer Show und war vorher mit Schnuller im Mund noch beim Fitting dabei. Als er dann während der Präsentation auf dem Schoß meines Mannes saß, spuckte er den Schnuller aus und rief bei jedem vorbeilaufendem Model: “Das kenn ich schon, das kenn ich schon.” Der verkleidet sich auch oft und tanzt dann vor mir rum: “Ist das die neueste Mode jetzt oder wie?” oder regt sich oft ein bisschen auf: “Ach du Mama immer mit deiner komischen Mode.” Das ist einfach signifikant für die Weise, wie sie meine Arbeit durch den Filter ihrer Kindheit wahrnehmen. Aber alles wissen sie auch nicht. Die Unterwäschenkollektion mit den Pornoclowns, die wir zusammen mit DJ HELL entworfen haben, habe ich den Burschen jetzt auch noch nicht dezidiert gezeigt, könnte man aber eigentlich auch machen. Ist ja auch lustig. Sie kennen ja noch nicht die Anspielungen und die Codes der Pornografie. Und was sie sehen, ist dann eben der Clown, der seinen Popsch zeigt. Und das ist auch vollkommen ok.

Fotografie: Lukas Gansterer
Interview&Text: Zsuzsanna Toth