Freunde von Freunden

Holm Friebe
Author, CEO and Lecturer, Home & Office, Prenzlauer Berg & Kreuzberg , Berlin
Interviews > Holm Friebe

Berlin-Prenzlauer Berg. Holm Friebe empfängt uns in seiner Bijou-Wohnung direkt am Park Answalder Platz mit einem Kaffee. Als erstes fällt einem die großzügige Bücherwand in einem der beiden Wohnzimmer auf. Streift man über die Bücher, sind dort spannende Romane und vielversprechende Sachbücher zu finden. Die Wohnung von Friebe ist mit einigen nicht zu auffälligen Kunstgegenständen angereichert, die auch Referenzen zu seiner eigenen Arbeit als Buchautor und Zukunftsforscher aufweisen.

Friebe hat zusammen mit Sascha Lobo vor knapp zehn Jahren das Buch “Wir nennen es Arbeit” herausgebracht. Das Sachbuch avancierte zur Bibel der Digitalen Bohemiens und erschien just in einem spannende Jahr, welches der Digitalisierung nochmals einen Schub gab. Seither gehört Friebe zu einer der deutschlandweiten bekanntesten Experten in Sachen „Zukunft der Arbeit“ und forscht mit seiner Zentralen Intelligenz Agentur an der Welt von morgen. Zudem ist Friebe ein beliebter Redner an Symposien und Konferenzen, die sich mit dem Thema Digitalisierung oder Arbeitswelt beschäftigen. Im Interview erweist sich Friebe als freundlicher, gebildeter und interessierter Gesprächspartner.

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Wie ermöglicht die Digitalisierung Innovation?
Die Digitalisierung begleitet uns spätestens seit den 70er-Jahren als die Basis-Innovation unserer Zeit. Es gibt aber immer Seitenströme –„slip streams“ – mit denen niemand gerechnet hat. Angefangen mit der SMS und der Rückkehr der Textkultur. Vor einigen Jahren dachten alle, wir werden uns in der Einsamkeit der Computer verlieren. Als das Internet kam, dachten wir, dass es eine zweite Realitätsebene gibt und wir uns darin verlieren – und nur noch über das Netz interagieren. Tatsache ist, dass das Soziale zurückgekommen ist. Das hatte in dieser Form niemand auf dem Schirm. Man gewöhnt sich immer an das Neue von Gestern und denkt, man wisse dann, in welche Richtung es geht. Vor fünf Jahren ging es im Netz um Anonymisierung und Avatare – Second Life. Davon redet heute kein Mensch mehr. Alle sind mit ihren echten Namen im Netz unterwegs. Die großen Wellen der Digitalisierung kann man erkennen, wie es sich aber im Einzelnen ausprägt und anfühlt, birgt immer wieder Überraschungen.

Die Digitalisierung schreitet also nicht so schnell voran wie wir glauben?

Natürlich starren wir alle gebannt auf die Digitalisierung und haben das Gefühl, das Tempo des Wandels hat ein nie geahntes Ausmaß erreicht. Wir leben in Zeiten, in denen sich alles überschlägt. Dabei sind aber alle Entwicklungen relativ eingeschränkt auf Computer und Digitalisierung. Der Economist hingegen hat gefragt: Werden wir je wieder so was Nützliches wie das Wasserkloset erfinden. Der reale Hintergrund ist eine Debatte von Ökonomen. Es kommen keine Basisinnovationen wie moderne Sanitäranlagen, das Radio, das Telefon oder eine Entwicklung in der Krebsforschung. Wo sind die Innovationen? Robert Solow hat schon vor 20 Jahren das Produktivitätsparadoxon der IT-Technologie formuliert: Er sagte, ich sehe Computer überall, aber nicht in der Produktivitätsstatistik. Das kann noch kommen – mit der Industrie 4.0: Big Data, Artificial Intelligence. Aber wir stehen noch am Anfang und es ist nicht ausgemacht, wo die Sweet Spots sind und sich das wahre Potenzial entfaltet.

Wo liegen Ihrer Meinung nach die Entfaltungsmöglichkeiten?

Das Wesen der Innovation verändert sich. Es gibt keine einsamen Genies wie Albert Einstein mehr, die eine göttliche Eingebung haben. Das sieht man daran, wie viele Personen wissenschaftliche Arbeiten gemeinsam schreiben oder ein Patent anmelden. Es geht in Richtung kollaborative Innovation. Digitalisierung bietet die Möglichkeit, dass Menschen an verschiedenen Orten mit den gleichen Ideen kreativ zusammenarbeiten können. Das ist der wahre und starke Impact der Digitalisierung auf die Innovation. Es gibt Formen von Remote-Kollaboration, von Fernzusammenarbeit, die aber trotzdem intensiv und fruchtbar sein kann. Ich erlebe das selbst bei unserer Firma Zentrale Intelligenz Agentur. Unsere Arbeit besteht nur aus Skype-Chats und verschiedenen cloud-basierten Dokumenten, die wir zusammen schreiben. Das sind neue Formen der Kollaborationen, die Computer brauchen, um sich zusammenzuschließen.

Welchen Effekt hat die Digitalisierung auf die Wirtschaft und Gesellschaft?

Es ist ganz sicher so, dass die Digitalisierung generell und das Internet im Besonderen die Flaschenhälse und Nadelöhre des Industriezeitalters aufsprengen. Vieles, wofür man früher ein mittelständisches Unternehmen brauchte, lässt sich heute am Laptop erledigen. Die Organisation von Vertriebskanälen, technische Programme, Wissen – all diese Dinge wandern heute in unsere Rechner. Das Spielfeld wird dadurch ebener und Einzelpersonen können mit Unternehmen konkurrieren. Das ist der große, emanzipatorische Effekt der Digitalisierung auf die Gesellschaft. Kapital braucht es dafür nicht unbedingt, aber die Skills diese Geräte zu bedienen und so zusammenzustöpseln, dass daraus ein eigener Beruf mit Einkommen entsteht.

Wird dann überhaupt Kapital für die Wirtschaft und Gesellschaft geschaffen?

Alles, was Menschen wertvoll ist und bereit sind zu zahlen, schafft Kapital. Viele virtuelle Angebote, die an uns herantragen werden, helfen uns, uns selbst zu werden. Deshalb ist die Digitalisierung und das Internet ein so großer Hebel für das Fortschreiten der Individualisierung, von den Nischenkulturen. Unsere Gesellschaft ist immer mehr in Nischen verästelt, wo sich Menschen wohler fühlen können und sich nicht mehr in Raster einpferchen, die als Identitätsangebote im Industriezeitalter im Angebot waren.
Das hat einen großen emanzipatorischen Effekt, auch wenn die Sorge besteht, dass alles auseinander fällt und es keine Verbindlichkeiten mehr gibt.

Können wir uns in der digitalisierten Welt verlieren?

Wir können uns darin verlieren, aber wir müssen nicht. Wir verpassen am Ende nicht so viel, wenn wir nicht jeden Update-Schritt mitmachen. Ich bin technologisch auf dem Stand vor drei Jahren und mir geht es prima. Wir dürfen diese Monstrosität nicht überschätzen, denn es gibt viele Bereiche, die nicht davon berührt sind. David Edgerton hat das auf die Treffende Formel „Shock of the old“ gebracht: Es steckt viel mehr Potential in arrivierten und scheinbar ausgereiften Technologien, als hinter den meisten wolkigen Versprechen aus High-Tech-Laboren.

Ist die Gesellschaft überhaupt schon bereit für die digitalisierte Welt?

Ich glaube, das ist die Falle, in die wir immer wieder tappen. Das man den kurzfristigen Impact von neuen Technologien überschätzt und den langfristigen unterschätzt. Das ist die klassische Hype-Circle-Kurve. Am Anfang sind alle begeistert und es gibt eine Revolution. Danach folgt der Gipfel der überzogenen Erwartungen, dann rauscht es tief ins Tal der Desillusionierung. Im Hintergrund ist aber eine schleichende Entwicklung im Gange, die Bestand hat. Sie ist langsamer als die mediale Erwartung.

Welche Felder haben Ihrer Meinung nach einen längerfristigen Impact?

Mann kann sich den aktualisierten Hype-Cycle anschauen. Auf dem Gipfel der überzogenen Erwartungen steht zurzeit Big Data, Wearables und 3D-Printing. Genau die Dinge, über die wir derzeit heiß diskutieren. Vieles davon wird sich langfristig durchsetzen, aber dazwischen wird es noch die ein oder andere bittere Enttäuschung geben. Und es wird Überraschungen geben.
Ich beschäftige mich seit 15 Jahren mit Trendforschung und habe eine gewisse Demut vor der Zukunft gelernt. Dabei habe ich mich auch mit vielen Expertenprognosen beschäftigt und festgestellt, wie schlecht sie sind. Experten leiden unter „overconfidence“, überzogenem Selbstvertrauen. Sie leben in einer Filter-Bubble, wo sie immer wieder zurückgespiegelt bekommen, wie wichtig ihr Spezialthema – meinetwegen Social-Media-Marketing – für die allgemeine Zukunft ist. Deshalb neigen sie zu übertreibungen. Am schlechtesten fallen übrigens die Prognosen von Experten aus, die am häufigsten in den Medien zur Zukunft befragt werden. Es kommt anders als man denkt und ich würde mich deshalb mit Prognosen nicht zu sehr aus dem Fenster zu lehnen.

In Ihrem Buch „Die Stein-Strategie“ predigen Sie, man soll Ruhe bewahren und nicht immer gleich auf jeden Hype aufspringen. Das Buch tragt den Untertitel: „Von der Kunst, nicht zu handeln?“ Ist das ironisch gemeint oder wie ist Ihre Ansicht über das Nicht-Handeln entstanden?

Wir leben in einem Klima von allgemeinem Aktionismus, Paranoia und Hyperaktivität. Alle haben das Gefühl, sie müssen Hypes hinter her rennen. Ansonsten würden sie vom Markt gefegt. Natürlich gibt es Beispiele wie Kodak, die den Trend verpasst haben. Aber es gibt auch Beispiele, wo Firmen zu schnell gehandelt haben. Lego baute bis in die 90er-Jahre kleine Klötze, die die Phantasie angeregt haben. Dann begannen sie Computerspiele zu vertreiben und rutschten in tiefrote Zahlen. Jetzt haben sie sich zurück zu ihren Wurzeln besonnen und füllen die Steine wieder mit Geschichten. Der frühe Vogel fängt den Wurm, aber die zweite Maus bekommt den Käse. Es ist manchmal sinnvoller, Dinge abzuwarten und die Füße stillzulegen. Das ist keine spektakuläre Botschaft, aber umso mehr muss man heute darauf hinweisen. Es ist eine oft übersehene Option, einfach mal nichts zu machen und die Dinge ganz ruhig kommen zu lassen.

Unternehmen haben doch Panik davor – wie können Sie die Stein-Strategie einem Unternehmen schmackhaft machen?

Andy Grove von Intel hat die Parole herausgegeben: „Only the paranoids survive“. Das kann bei einem Chiphersteller oder anderen Unternehmen im Zentrum der Digitalisierung stimmen. Aber es gibt viele Industrien, die nicht von disruptivem Wandel bedroht sind. Die analoge Uhrenindustrie etwa prosperiert weiterhin. Auch wenn es Wearables gibt und die Jungen nur noch auf ihre Smartphones schauen. Vielleicht sollten wir, wie Umair Haque vorschlägt, uns vom Begriff „Innovation“ lösen und statt dessen „awesomes“ sagen. Produkte sollen uns nicht nur interessieren, weil sie neu sind, sondern weil sie toll – eben awesome, sind. Ein weiteres Beispiel ist Steve Jobs. Man denkt, er war nur der Visionär, der uns Produkte gebracht hat, von denen wir selbst noch nicht wussten, dass wir sie so dringend brauchen würden. Als er 2008 zu Apple zurückgekommen war und einigermaßen den Turn around geschafft hatte, wurde er gefragt, was seine Strategie ist. Apple steckte immer noch in einer unkomfortablen Nische des PC-Marktes, weil die Rechner nur von Kreativen gekauft wurden. Jobs hat aber nicht von Wachstum und Marktausweitung gesprochen, sondern sagte einfach nur: „We wait for the next big thing“. Also eine absolute Demut vor der Zukunft. Er sagte, im Moment können wir nichts machen, sondern nur abwarten. Das nächste Ding war dann mp3, und der iPod hat für Apple völlig neue Türen aufgestoßen. Das konnte man zu dem Zeitpunkt aber noch nicht ahnen.

Ist Ihr Buch eine Gegenthese, weil Digitalisierung das schnelle Handeln und den Aktivismus fördert. Wie wichtig ist Digitalisierung in Ihrem Beruf?

Digitalisierung hat eine große Rolle in meinem Beruf gespielt. Die Gründung der Zentralen Intelligenz Agentur vor zwölf Jahren wäre nicht möglich gewesen ohne diese Schnittstelle zur Technologie. Seither arbeite ich digital vernetzt mit Leuten auf der ganzen Welt. Die Gegenwart ist in vielen Punkten aber viel behäbiger als man denkt. Es ändern sich Dinge, aber eben nicht andauernd. Ich kann nichts anderes anbieten, als eine demütige Haltung gegenüber der Zukunft einzunehmen und die eigene Gegenwartseitelkeit kritisch auf den Prüfstand zu heben. Meine These ist ein Downer. Aber sie hat auch einen Neuigkeitswert, wenn man sagt, die Dinge entwickeln sich nicht so dynamisch wie wir glauben. Und vielleicht leben wir gar nicht in so aufregenden Zeiten.

Viele sagen doch, jetzt sei die interessanteste Zeit in der wir je gelebt haben. So viele Möglichkeiten wie jetzt hätte es noch nie gegeben…

Wir denken, wir leben in einer Zeit eines nie dagewesenen Wandels. Objektiv und ablesbar ist das aber den wenigsten Indikatoren. Es ist eine „Kollektivhalluzination“, die etwa von Change-Managern betrieben wird. Sie profitieren davon, wenn die Leute glauben, es bleibe kein Stein auf dem anderen und die Letzten würden die Hunde beißen. Man muss die Luft rauslassen und sagen, lasst euch nicht verrückt machen durch die Ideologie des Wandels. Niemand ist gezwungen, mitzumachen. Man sollte schauen, ob da etwas für einen mit dabei ist oder vielleicht auch nicht.

Beziehen Sie das auf die Digitalisierung? Müssen nicht alle Unternehmen jetzt Social Media betreiben, um im Wettbewerb zu bleiben?

Digitalisierung ist ein Trend, der uns seit 40 Jahren beschäftigt und immer neue Ausprägungen hat. Aber man muss eine Ebene tiefer ansetzen und sich fragen, ob man auf einen Trend aufspringen sollte oder nicht. Betrachten wir QR-Codes. Ich kenne keinen Menschen, der das benutzt. Eine Zeitlang musste alles mit diesen Codes vollgepflastert sein. Unternehmen wollten damit zeigen wie fortschrittlich sie sind. Dabei haben sie nichts bewirkt. Ein anderes Beispiel: Ich habe an einer Konferenz teilgenommen, wo die Leute ihre Fragen für das Panel auf dem iPad eintragen mussten – anstatt direkt die Referenten via Mikrofon anzusprechen. Das hat den ganzen Prozess komplizierter gemacht.

Ist die Menschheit also noch nicht bereit für die Digitalisierung?

Die Menschen mögen per se erstmals keinen Wandel. Als die BBC gefragt hat, was die größte Innovation ist, an die sich die Menschen erinnern können, hat das Fahrrad gewonnen. Das Internet landete auf dem siebten Platz. Dieser Imperativ „mit der Zeit zu gehen“ ist ein feuchter Wunschtraum von Ingenieuren, Managern und Startups. Sie bejammern die Gesellschaft, sie sei zu langsam. Dabei entscheidet die Gesellschaft, wie schnell sie Innovation adaptieren möchte. Es ist niemand in der Position, diesen Imperativ auszusprechen. Wer gibt uns das Gefühl, wir müssen uns permanent verändern, um nicht ins Hintertreffen zu geraten?

Ist das nicht ein Widerspruch: Sie als digitalisierter Mensch predigen das Abwarten. Sie sind selbst als digitaler Mensch auf diese Erkenntnis gestoßen und haben nun ihre Erleuchtung in dem Buch aufgeschrieben?

Es ist ein Missverständnis, das seit 2006 hartnäckig an mir haftet– seit dem Buch „Wir nennen es Arbeit“. Wir wurden als gut gelaunte Fortschritts-Avantgardisten identifiziert, die erste Kolonne der Marktliberalisierung, die immer freudig das Fähnchen in den Wind hält und mit der Zeit geht. Dabei haben wir damals schon gesagt: Vertraue auf deine Ideen, sei nicht opportunistisch und verfolge deine Ziele. Das hat mich genervt, dass dies immer an mich heran getragen wurde. Dabei haben wir das Gegenteil gemeint. Was können wir von Steinen lernen: Sie erfinden sich auch nicht täglich neu als Schmetterlinge oder Blumen. Dabei bewegen sich die Steine im Flussbetten auch ständig. Menschen sind wie Steine. Sie verändern sich langsam und kontinuierlich. Es ist eine naive Vorstellung, dass man sich von einem auf den anderen Tag neu erfinden kann. Das ist blinder Aktionismus, also gefährlich.

Was sind die Überlegungen hinter Ihrer Wohnungseinrichtung?

Meine Wohnung ist ziemlich voll gestellt. Ich hatte anfangs leichte Probleme mit der Zimmereinteilung, weil die drei Zimmer gleich groß sind. Die klassische Einteilung funktionierte in meiner Wohnung nicht. Ich entschied mich dann für ein 70er-Zimmer und ein 80er-Jahre-Zimmer. Das eine hat einen Chrom-Look, der eher technoider ist. Im 70er-Zimmer ist etwas gemütlicher und flauschiger. Ich habe bemerkt, wie wichtig ein zentraler Tisch in der Wohnung ist. Er funktioniert nicht nur als Esstisch, sondern auch als Arbeits- und Meetingtisch. Eigentlich sitze ich immer an diesem Tisch.

Was ist der Unterschied zwischen Ihrem Arbeitsplatz in Kreuzberg und dem Arbeitsplatz bei Ihnen Zuhause?

Das Wichtigste ist der Weg dazwischen. Ich mag es gerne aus dem etwas saturierten Prenzlauer Berg in das Herz des Multi-Kulti-Kreuzbergs zu fahren. Der Arbeitsmodus von mir wechselt dann auch zwischen den beiden Plätzen. Weil die Zentrale Intelligenz Agentur eine virtuelle Firma ist, haben wir nie Wert auf Repräsentanz gelegt. Der einzige Grund ins Büro zu gehen ist abgelenkt zu werden. Ich gehe nicht dahin, um konzentriert zu arbeiten, sondern um von Leuten gestört zu werden, die einem auf neue Gedanken bringen. Zu Hause arbeite ich konzentriert und im Gemeinschaftsbüro arbeite ich, wenn mir hier die Decke auf den Kopf fällt.

Sie sind wahrscheinlich ein Typ, der andauernd arbeitet. Wie gehen Sie damit um?

Ich finde dieses Zusammenfliessen von Arbeit und Freizeit richtig. Die Furcht vor Entgrenzung und Work/Life-Balance ist für Leute, die Arbeit als Fixe Summe Leiden ansehen, die von ihrer Wachen Lebenszeit abgezogen wird. Das eigentliche Leben findet für sie nach der Arbeit in der „quality time“ statt. Es gibt eine starke Durchdringung der Themen und auch der Menschen, die professionell mit dir arbeiten und dann Freunde werden. Diese strikte Trennung hat mir nie eingeleuchtet und deshalb gibt es sie für mich nicht.

Was hat es mit der Kunst in Ihrer Wohnung auf sich?

Ich habe über die Jahre immer wieder gekauft und gesammelt. Dieses größere Bild stammt von Bruno Hoffmann, einem jungen Künstler aus Wien. Viele Werke haben einen Bezug zu meinen Themen. Beispielsweise Konsum: Das große Bild hinter dem Stuhl ist von Larissa Fassler von der September Galerie, in der ich auch meinen Arbeitsplatz habe beziehungsweise in den ehemaligen Räumen der Galerie im fünften Stock des Gebäudes an der Adalbertstraße im Herzen Kreuzbergs. Ich fand Larissa immer spannend, da sie eine Art Psychogeografie an sozialen Brennpunkten wie hier am „Kotti“ macht. Sie verwendet Schnipsel und Codes von diesem Ort und baut sie zu einem Art Mindmap zusammen.

Was sind Ihre Lieblingsgegenstände?

Ich mag Objekte, die nicht unmittelbar als Kunstwerke funktionieren. Wenn sie auf der Grenze zu Kommerz und Design sind, gefällt mir das. Hier etwa – Superflex, der versucht, ein Open Source Bier zu machen, das jeder nachbrauen kann. Viele meiner Werke haben Bezug zu den Themen, die mich umgeben. Dann diese zerbrochene Weinflasche: Meine Eltern waren 1981 bei einer Ausstellung von Andy Warhol, der damals noch nicht so bekannt war wie heute. Bei der Eröffnung hat er auch Weinflaschen signiert. Es kam, wie es kommen musste: An einem Abend hat ein Freund damit rumjongliert und sie ist runtergefallen. Jetzt besitze ich noch von Andy Warhol signierte Scherben.

Dieses Gespräch mit Holm Friebe ist Teil einer Kollaboration mit Deutsche Bank, in der unsere Gäste ihre Gedanken und Ideen zum Thema Innovation im digitalen Zeitalter mit uns teilen. Holm Friebe wird sich zu diesem Thema auch im Zuge eines Votrages auf der re:publica 2014 äußern.

Fotografie: Anna Rose
Interview & Text: David Torcasso

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