Jan van de Weyer & Louisa Rachedi
Bildhauer und Baletttänzerin, Wohnung und Atelier, Düsseldorf, Düsseldorf
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Altbau, hohe Decken, Terrazzofußboden: Mitten im lebendigen Düsseldorf-Unterbilk haben der Bildhauer Jan van de Weyer und die Balletttänzerin Louisa Rachedi eine wunderschöne Bleibe gefunden. Gerade zogen sie in ihre erste gemeinsame Wohnung, nur einen Steinwurf vom Rhein entfernt.

In der Küche von Jan van de Weyer und Louisa Rachedi stehen Croissants, dazu gibt es Kaffee. Auf dem Balkon blüht Lavendel, in dem sich die eine oder andere Hummel verirrt hat. Die Hitze der vergangenen Tage entweicht durch die überall geöffneten Fenster nach draußen. Das Künstlerpaar wirkt auf sympathische Weise zurückhaltend.

Für beide ging mit der gemeinsamen Wohnung ein Traum in Erfüllung. Die Französin Louisa genießt die quirligen Cafés, die spannende Kunstszene und die kurzen Distanzen der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt. Die Bühnen der Deutschen Oper am Rhein kann die Balletttänzerin in wenigen Minuten mit dem Rad erreichen. Jans Atelier liegt auf der anderen Flussseite auf einem alten Fabrikgelände, dem Areal Böhler. Bevor er sich ganz der Bildhauerei widmete, arbeitet Jan 15 Jahre lang als Physio- und Manualtherapeut.

Als Erstes fällt mir auf, in was für einem schönen Altbau ihr wohnt. Aus welchem Baujahr stammt das Haus?

Jan: Es ist Baujahr 1907. In der Wohnung ist noch viel von damals erhalten. Der Terrazzofußboden beispielsweise ist original. Ich mag die hohen Decken, und dass es generell sehr luftig und offen ist.

Louisa: Außerdem ist es schön, dass der lange Flur die Wohnung praktisch in zwei Wohnbereiche teilt. Wir verbringen so viel Zeit miteinander, da tut es gut auch mal etwas Abstand voneinander zu haben. (lacht)

Unterbilk ist eine ziemlich beliebte Wohngegend. Wie habt ihr die Wohnung gefunden?

Jan: Zum Glück hat uns eine Freundin die Wohnung vermittelt. Ich habe zwei Häuser weiter gewohnt, kenne und schätze die Gegend sehr. Als wir erfahren haben, dass die Wohnung frei wird, haben wir keine Sekunde gezögert.

Louisa: Es ist unsere erste gemeinsame Wohnung. Wir sind gerade im Februar eingezogen. Für Jan war es sicher schon der 11. Umzug, aber eigentlich nur innerhalb von Düsseldorf. Ich dagegen habe wenige, aber größere Wechsel hinter mir: von Albi, meiner französischen Heimatstadt, nach Marseille, dann weiter nach Toronto und schließlich Düsseldorf.

Wie kam es, dass du so viel umgezogen bist?

Louisa: Ich tanze, seit ich sechs Jahre alt bin. Wegen meiner Ballettausbildung bin ich als Jugendliche von Marseille nach Toronto gezogen. Dann bekam ich hier ein Angebot. Seit 2007 tanze ich nun schon an der Deutschen Oper am Rhein.

War Balletttanz ein Kindheitstraum von dir?

Louisa: Zunächst nicht. Meine beste Freundin fing mit Ballett an, also kam ich mit. In der Ballettschule fand ich es zu Beginn total langweilig. Aber am Jahresende gab es eine Aufführung vor Publikum. Das habe ich geliebt – auf der Bühne zu stehen und zu tanzen. Seitdem kann ich nicht mehr davon lassen, trotz der ganzen Anstrengung und des harten Trainings.

Und wie gefällt es dir hier in Düsseldorf?

Louisa: Sehr gut. Man findet hier alles, was man auch in einer Großstadt hat. Dafür sind die Wege viel kürzer. Hier kommt man in 15 Minuten mit dem Bus oder dem Fahrrad eigentlich überallhin. Klar, in Toronto gibt es ein bisschen mehr Reibung, aber hier lebt es sich besser.

Jan, du bist ja praktisch Düsseldorfer. Was gefällt dir an deiner Stadt?

Jan: Ich bin eine halbe Stunde entfernt von hier am Niederrhein aufgewachsen. Seit zwanzig Jahren lebe ich nun schon in Düsseldorf und bin hier sehr glücklich. Hier gibt es viele nette Cafés, eine interessante Szene durch Galerien und Museen wie das K20 und K21 der Kunstsammlung NRW oder die Julia Stoschek Collection. Wenn einem doch mal die Decke auf dem Kopf fällt, ist man schnell in anderen Städten wie Antwerpen oder Köln.

Louisa: Wenn wir mal genug von Düsseldorf haben oder hier schon alle Ausstellungen gesehen haben, dann gehen wir oft nach Köln. Dort ist es noch ein bisschen lockerer als hier, man kommt schneller mit den Menschen ins Gespräch.

Von wem sind die Kunstwerke in eurer Wohnung?

Jan: Nur wenige sind meine eigenen Arbeiten. Hier im Wohnzimmer steht eine meiner Kopfskulpturen aus indischem Galastone. Im Flur steht eine moderne Arbeit des New Yorker Künstlers KAWS. Von ihm habe ich auch noch ein paar Sachen in einer alten Vitrine.

Schon seit zehn Jahren beschäftigst du dich mit Kopfskulpturen. Woher kommt dein Interesse am menschlichen Haupt, Jan?

Jan: Ich habe fünfzehn Jahre als Physio- und Manualtherapeut gearbeitet, hauptsächlich am Schädel, dem sogenannten kraniosakralen System – also der Verbindung vom Schädel zum Steißbein. Das fließt in meine Arbeit mit ein. Mittlerweile arbeite ich nicht mehr mit bloßen Händen, sondern mit Werkzeugen, aber ich muss mich immer noch genau so in das Material hineinspüren.

Hattest du gleich dein Atelier?

Jan: Eine Zeit lang kam ich bei einem befreundeten Bildhauer in einer alten Ziegelei unter. Jetzt bin ich drüben auf der anderen Rheinseite. Wir fahren gleich dorthin, vorbei am Atelier von Andreas Gursky bis an den Düsseldorfer Stadtrand. Dort liegt das Areal Böhler, alte backsteinerne Schmiedehallen, die heute an Künstler, Architekten und Fotografen vermietet werden – ein toller Ort zum Arbeiten. Aber vorher essen wir noch eine Kleinigkeit.

Gerne, wohin geht’s?

Louisa: Um die Ecke ist die Lorettostraße mit vielen Cafés und kleinen Läden. Für uns fühlt sich das dort ein klein wenig wie Berlin-Kreuzberg an. Im Tuxedo kaufe ich gerne Klamotten ein und an der Ecke zur Neusser Straße gibt es eine super Kneipe, das Seifen Horst.

Jan: Das Seifen Horst ist nicht so glatt und schick ist wie in den meisten Düsseldorfer Kneipen, sondern ein bisschen zerrockt. Zum Essen ist das aber eher nichts, da passt das Dreas & Dendas besser. Die haben einen guten Mittagstisch mit täglich wechselnden Gerichten, selbst gebackenen Tartes und Kuchen.

Welche Arbeiten hast du momentan hier im Atelier?

Jan: Was hier steht ist noch von meiner Ausstellung „Heads“, die ich Anfang Mai eröffnet habe. Zu sehen sind Objekte der  letzten zehn Jahre, die meisten sind Kopfskulpturen. Begonnen habe ich damals mit Marmor und sehr reduzierten Formen. Bei der Entstehung von so einer Skulptur nähert man sich ganz langsam an.

Bist du Autodidakt?

Jan: Ja, ich hatte zwar vorher Kontakt zu Bildhauern, aber im Prinzip habe ich mich selbst herangetastet, es einfach gemacht. Zuerst Malerei und Fotografie, seit 15 Jahren nun Skulpturen.

Louisa: Er hat ein wirklich gutes Gefühl für die Bildhauerei. Ich denke, dass es nicht selbstverständlich ist, das ohne Ausbildung zu können.

Bildhauerei ist körperlich anstrengend. Liegt darin auch ein Reiz?

Jan: Ich arbeite sehr gerne mit meinen Händen. Es macht mir Spaß, mich mit so einem Stein zu beschäftigen, ihn zu fühlen und zu sehen, wie er sich verändert.

Louisa: Man merkt, dass Jan unter mehr Spannung steht, wenn er mal eine Woche nicht arbeitet. Es ist sein Ventil für überschüssige Energie. (lacht)

Louisa, bist du öfter im Atelier?

Lousia: Ich folge dem Prozess. Wenn Jan eine neue Skulptur anfängt, macht er häufig Fotos und dann diskutieren wir darüber. Ich komme zwischendurch vorbei, um den Fortschritt zu sehen.

Jan: Mir ist Louisas Meinung äußerst wichtig. Wir haben einen ähnlichen Geschmack und ein ähnliches Gespür. Ich liebe es zwar, mich allein im Atelier mit den Skulpturen auseinanderzusetzen, aber manchmal tut der Dialog auch gut.

Inspiriert ihr euch gegenseitig?

Louisa: Ja, Jan inspiriert mich auf jeden Fall. Auch mit seiner Einstellung: Er verfolgt sein Ziel und macht das, was er wirklich will.

Jan: Wir machen zwar verschiedene Kunstformen, aber letztlich sind die Unterschiede gar nicht so groß. Ich lasse Körper entstehen, indem ich Skulpturen schaffe, und Louisa arbeitet mit der Körperbewegung. Wenn ich sie auf der Bühne sehe, ist das immer auch bereichernd für meine Arbeit. Ich würde sagen, wir motivieren und inspirieren uns gegenseitig.

Danke, Louisa und Jan, dass ihr euch die Zeit genommen habt, uns einen Einblick in eure Welt zwischen Skulpturen und Ballettschuhen zu geben.

Dieses Portrait wurde zusammen mit USM produziert und ist Teil der Serie “Personalities by USM.”  Mehr Informationen zu Louisas und Jans Einrichtung sind hier zu finden.

Editor: Lars Kreyßig

Fotografie: Hartmut Nägele