Juerg Judin
Galerist & Kunstsammler, Haus & Ausstellungsraum, Berlin
FvF × Siemens Home Appliances
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Schon mit sieben Jahren begeistert er sich für Hühner. Mit 18 beschließt er, Kunst zu sammeln. Mit 22 eröffnet er sein erstes Kino. Was Juerg Judin macht, das macht er mit Leidenschaft – und ohne Kompromisse.

Jahrzehnte lang war er im Filmbusiness erfolgreich. Heute gehört er zu den einflussreichsten Galeristen Berlins. In seinem Garten leben drei Hühner der indonesischen Edel-Rasse Ayam Cemani, dazu ebenso exotische Gänse und Enten. Juerg ist angekommen. Zumindest für den Moment. Und das hat mit seinem eigenwilligen Zuhause zu tun: einer umgebauten Tankstelle mitten in Schöneberg.

An die Wohnräume angeschlossen sind Juergs Bibliothek und ein privater Ausstellungsraum. Das Herzstück seines Hauses ist jedoch die große, offene Industrieküche: Der 52-Jährige kocht so viel, dass er dort die meiste Zeit verbringt. Er kocht mit so viel Konsequenz, dass sogar der Vanillezucker hausgemacht ist. Sechs Monate lang legt Juerg frische Vanilleschoten in den Zucker ein, bis das richtige Aroma entsteht. Zum Beispiel für die Schlagsahne, die er zu seiner Tarte Tatin serviert.

Gegessen wird, wenn keine Gäste kommen, nicht zwangsläufig im Esszimmer – das sich im Neubauteil des Hauses befindet – sondern in der Küche. Daneben liegt das Wohnzimmer, das bis 1982 noch der Verkaufsraum der 1952 erbauten Tankstelle war: Wo früher Benzin, Öl, Zeitschriften und Schokolade verkauft wurden, hängt heute ein Leuchter im Bauhaus-Stil aus dem historischen Gesellschaftshaus des Palmengartens in Frankfurt – eine Einzelanfertigung. Darunter stehen Sessel aus den Fünfzigerjahren. In einen von ihnen setzt sich Juerg zum Gespräch mit Freunde von Freunden.

Dieses Portrait ist Teil von Home Stories – einer Kollaboration von Freunde von Freunden mit Siemens Hausgeräte. Mehr über Juergs Projekte im Portrait auf Home Stories.

Schon vor dem Gespräch hast du uns deinen Garten gezeigt. Wie wichtig ist es dir, auch draußen leben zu können?

Sehr. Mitten in der Stadt ein Häuschen mit Garten zu haben, das ist echter Luxus. Das hat mich sicherlich auch mit dazu bewogen, hier den Umbau-Aufwand von der Tankstelle zum Wohnhaus zu betreiben. Ich bin nicht nur begeisterter Koch, ich bin auch begeisterter Ornithologe. Hier auf diesem besonderen Grundstück habe ich die seltene Möglichkeit, eine interessante Gruppe von wunderbaren Vögeln zu halten und meine eigenen Tomaten und Kräuter anzupflanzen.

Genießt du das vor allem für dich selbst oder möchtest du mit dieser Oase im urbanem Raum auch ein Statement setzen?

Mitten im städtischen Verkehr einen Garten mit 50-jährigen Kiefern anzulegen ist natürlich ein Statement. Zumal sich wegen der Mauer von außen nicht erschließt, was hier entstanden ist. Das oasenhafte dieses Gartens erlebt man erst, wenn sich das Tor hinter einem schließt. Das hat sich allerdings dynamisch entwickelt. Ich denke, so etwas ist nicht wirklich planbar. Gewollt war der denkmalpflegerische Ansatz, den dieses Haus ja auch vermittelt. Die meisten alten Tankstellen wurden in den vergangenen Jahrzehnten abgerissen. Die Erhaltung dieses Gebäudes war mir deshalb von vornherein ein großes Anliegen.

Seit wann gehört die Tankstelle dir?

Gekauft habe ich die Tankstelle Ende 2005, aber das erste Mal gesehen habe ich sie bereits 1992. Damals stand sie schon sieben Jahre ungenutzt zum Verkauf. Oben im Fenster war ein Schild mit einer Telefonnummer. Ich habe die Tankstelle bei meinen regelmäßigen Berlin-Besuchen fotografiert – und so den langsamen Verfall dokumentiert. Dieser etwas traurige weil zwecklose Bau in der perfekten innerstädtischen Lage, der hat mich fasziniert und mir irgendwie zugerufen: Mach’ was mit mir!

Fotografieren zum Beispiel. Warum hast du mit allem anderen so lange gewartet?

Ich pendelte damals zwischen London und Zürich. 1992 war ich für eine Filmproduktion einen wunderschönen Sommer lang in Berlin und verliebte mich in die Stadt. Ich bin danach sehr regelmäßig hierher gekommen und an der Tankstelle vorbeigegangen. Eines Tages, nach 13 Jahren, war das Verkaufsschild plötzlich weg. Und ich dachte: Oh Gott, jemand hat meine Tankstelle gekauft.

Und dann?

Dann hat sich herausgestellt: Das Schild war nur heruntergefallen. Die Tankstelle war immer noch zu haben. Da wusste ich: Okay, das war wohl ein Weckruf.

“Dieser praktisch Zwecklose Bau in der perfekten Innerstädtischen Lage hat mich fasziniert und mir irgendwie zugerufen: Mach’ was mit mir!”

Du hast die Tankstelle gekauft, saniert und ausgebaut. Was macht heute den besonderen Charme des Gebäudes aus?

Ganz sicher, dass es eine bestimmte Zeit, ein auch für Berlin prägendes Jahrzehnt widerspiegelt. Es repräsentiert den Stil der Wirtschaftswunder-Jahre mit seinem Streben nach Licht und den vielen runden Formen. Das wollte ich erhalten – das Vordach, den Verkaufsraum, das Falttor, alles. Dass es darüber hinaus noch Land für einen Garten gibt, ist mir erst etwas später aufgefallen. Gedacht war das Objekt ohnehin nicht als Wohnhaus, sondern als Atelier für ein Artist-in-Residence-Projekt. Deshalb auch der große Atelierraum mit Tageslicht.

Bis?

Bis ich gemerkt habe, dass hier doch alles sehr auf mich zugeschnitten ist. Gleichzeitig wurde es immer aufwändiger. Da habe ich irgendwann gewusst: Nö, erstmal zieh’ ich hier selbst ein – die Künstler müssen warten (lächelt).

Hast du die Einrichtung dann ganz bewusst auf den Stil des Gebäudes abgestimmt?

Das Lustige war, dass die Möbel, die ich schon seit Jahren besaß, durch Zufall genau gepasst haben – die Fifties hatten es mir schon früher angetan. Aber ich musste mir natürlich Gedanken darüber machen, was hier darüber hinaus rein soll. Ich lebe mit Kunst, Kunst ist mein Beruf und meine Leidenschaft. Deshalb stellte ich beim Innenausbau sicher, dass das hier auch ein guter Ort für die Kunst wird. Danach habe ich dann an meine anderen Leidenschaften gedacht. Das Kochen zum Beispiel. Meine Küche ist Herzstück und Zentrum des Hauses.

Gehört diese Küche auch zu den modernsten Elementen des Gebäudes?

Nein, die Küche finde ich eher zeitlos! Und die Moderne kann man ja auch zu verschiedenen Zeiten ansetzen: Die Wandfarben hier stammen zum Beispiel aus der “Polychromie”-Reihe von Le Corbusier, die er 1931 geschaffen hat – ein modernistisches Meisterwerk. Die Möbel sind aus den Fünfzigerjahren – auch eine moderne Zeit. Andere Stilelemente stehen wieder sehr für unsere Zeit. Ich sage mal: Das zwanzigste Jahrhundert trifft sich hier zu einer neuen, familiären Einheit.

Apropos familiär: Was braucht es, damit so ein durchdachter Wohnraum dann gleichzeitig auch belebt und gemütlich ist?

Gemütlichkeit entsteht ja eigentlich durch Gewohnheiten und ihre Ablagerungen. Und ich will ganz ehrlich sein: Der einzige wirklich bewohnte und belebte Raum in diesem Haus ist die Küche. Da bin ich quasi rund um die Uhr, wenn ich Zuhause bin.

Wo bist du sonst?

In meiner Galerie in der Potsdamer Straße. Ich bin einer der wenigen Galeristen, der wirklich am Empfangstresen arbeitet. Ich finde, man muss in einer Galerie vor Ort sein. Meine Aufgabe ist es, den Leuten Kunst nahe zu bringen. Und das tue ich auch hier in meinem privaten Bereich.

Ein privater Bereich, den du auch einer gewissen Öffentlichkeit zugänglich machst? Oder ist die Tankstelle als Privatbereich strikt getrennt von der Galerie in der Potsdamer Straße?

Ich versuche, die beiden Orte und ihre Funktion deutlich zu trennen. Viele Leute haben das Gefühl, dies hier sei auch eine öffentliche Galerie. Verständlich, denn es gibt natürlich diesen schönen Ausstellungsraum. Aber ich versuche trotzdem, diesen Ort privat zu halten. Hier hängt auch nur meine private Kunst. Wenn Sammler zu Besuch sind, sage ich auch immer: Hier ist nichts verkäuflich.

“Ich selbst finde, dass sich ohne kalkuliertes Risiko nichts bewegt.”

Was muss ein Kunstwerk haben, um in deiner privaten Sammlung zu landen?

Es muss in eines meiner Interessensgebiete passen – und davon gibt’s einige! Das geht los beim frühen 19. Jahrhundert über die Weimarer Republik bis zur zeitgenössischen Kunst und Zwillingsfiguren des afrikanischen Yoruba-Volks

Muss deine Kunst auch ein gewisses Gefühl auslösen?

Nein, mein Herangehen an Kunst ist eigentlich eher intellektuell – im kunstgeschichtlichen Sinne. Natürlich gibt es auch Kunstwerke, zu denen ich eine emotionale Bindung habe. Aber in erster Linie müssen Kunstwerke meinen Kopf ansprechen, nicht meinen Bauch.

Suchst du die Künstler für deine Galerie nach ähnlichen Kriterien aus? Wie ist da deine Herangehensweise bei der Auswahl?

Die Auswahl der Künstler für ein Galerienprogramm ist eine sehr spezielle und komplexe Sache. Mein Verständnis meines Berufes ist: Wenn ich einen Künstler in mein Programm aufnehme, dann ist das wie die Adoption eines Kindes oder eine Ehe. Man ist für die nächsten Jahre aneinander gebunden. Deshalb ist das auch eine so schwierige Entscheidung von großer Tragweite! Auch, weil es mir als ausgesprochenem Familienmensch schwer fällt, das Private und das Berufliche bewusst zu trennen.

Gelingt es dir dennoch?

Meistens. Obwohl meine Künstler zum großen Teil auch wirklich Freunde sind. Und alle essen gern! Nichts bringt mich mehr durcheinander, als wenn einer meiner Künstler plötzlich irgendeine Diät ankündigt. Dann sehe ich unser Verhältnis als zutiefst gefährdet an (grinst).

Wie bist du zur Kunst gekommen?

Als ich 18 Jahre alt war, habe ich bewusst begonnen, Kunst zu sammeln.

Das ist früh! Welches war dein erstes Kunstwerk?

Eine Zeichnung von Sigmar Polke aus den Sechzigerjahren. Also schon etwas Ernsthaftes (lächelt). Ich habe da auch durchaus lange abbezahlt – mindestens ein Jahr lang, glaube ich. Dieses geduldige Ratenzahlen hat sich in meiner Sammelkarriere noch einige Male wiederholt (lacht). Manchmal muss man eben auch etwas kaufen, das man sich wirklich nicht leisten kann (hebt kurz den Zeigefinger): Erst dann ist man ein richtiger Sammler.

Welche Personen haben dich im Leben am meisten inspiriert?

Der Auslöser in Sachen Kunst war damals meine Freundin Mariette Althaus, die Ende der 60er-Jahre die Muse von Polke gewesen war. Darüber hinaus haben mich natürlich immer wieder Begegnungen mit Künstlern geprägt oder Ausstellungen, aus denen man heraus geht und weiß: Man wird die Welt nie mehr mit den gleichen Augen betrachten.

“Als ich 18 Jahre alt war habe ich sehr bewusst begonnen Kunst zu sammeln.”

Deine Mutter war Architektin. Bist du mit dem Umbau der Tankstelle auch ein bisschen in ihre Fußstapfen getreten?

Architektur hat mich immer schon interessiert. Eine gewisse Zeit lang sogar als Berufswunsch. Mein Vater hat mir allerdings die Disziplin abgesprochen, ein entsprechendes Studium durchzuhalten. Pädagogisch ging das vielleicht etwas unter die Gürtellinie – aber wahrscheinlich hatte er recht. Trotzdem habe ich mich auch schon vor dieser Tankstelle mit Gebäuden und Bauprojektentwicklung befasst.

An dieser Stelle vibriert Juergs Telefon – er nimmt es und zieht die Augenbrauen zusammen:

Das ist mein neues Telefon, Entschuldigung. Ich kann mein Telefon nicht mit in den Konzertsaal nehmen, weil ich immer fürchte, dass es los geht obwohl ich es ausgeschaltet habe. Der ultimative Albtraum, dass mitten in einem Pianissimo – die ganze Philharmonie ist ruhig, nur eine Geige spielt – ausgerechnet mein Handy klingelt!”

Zur Sicherheit schaltet Juerg auf Flugmodus. Das Interview geht weiter.

Schon in jungen Jahren hast du viel erreicht. Was hat dir dazu das Selbstvertrauen gegeben?

Ehrlich gesagt staune ich manchmal selbst darüber. Mit Anfang 20 hatte ich echt Chuzpe! Das war so eine Mischung aus Selbstbewusstsein und Draufgängertum, die rückblickend auch etwas gefährlich war. Heute denke ich manchmal: Wie bin ich denn bloß auf das gekommen? Meine Eltern waren eher vorsichtige Leute. Ich kann mir nicht vorstellen, dass meine Mutter als Architektin dieses Projekt gemacht hätte.

Bist du immer noch ein Draufgänger?

Wenn man meine Mitarbeiter fragt: ja. Ich selbst finde, dass sich ohne kalkuliertes Risiko nichts bewegt. Ich bin mein Leben lang Unternehmer gewesen – ob es nun um Film ging, um Kunst oder Bau. Ohne Risiko kein Unternehmen. In letzter Zeit bin ich nun allerdings ein bisschen altersmilde geworden.

Bist du dabei ein Bauch- oder ein Kopfmensch?

(Überlegt kurz) Es fängt immer im Bauch an. Dann kommt Widerspruch vom Kopf. Darauf sagt der Bauch: Ach komm, lass uns das jetzt einfach versuchen. Und der Kopf erwidert: Na gut, dann überlege ich mal, wie wir’s machen können, ohne dass der Schaden zu groß wird.

Mit dieser Herangehensweise hast du deine Tankstelle und damit ein Highlight der deutschen Architektur-Szene geschaffen. Wann ist dir das bewusst geworden?

Von Anfang an war das öffentliche Interesse sehr groß, und ich sah es irgendwie als meine Pflicht an, meine Türen für alle Interessierten zu öffnen. Ich tat das auch ganz gerne. Mittlerweile halte ich alles privater, weil ich auch ein eher zurückgezogener Mensch bin.

Bist du auch ein bisschen stolz darauf?

Ja. Ich bin schon ein bisschen stolz darauf – und ich bin stolz auf die Architekten, Thomas Brakel und bfs design und auf meinen wunderbaren Landschaftsarchitekten Guido Hager. Natürlich ist die Idee für diese Umnutzung auf meinem Mist gewachsen. Aber das Resultat ist eine Teamleistung. Für mich persönlich ist es mittlerweile vor allem einfach mein Haus. Ich muss die Blumen gießen, die Tiere füttern – es ist nach sieben Jahren mein Zuhause geworden.

Könntest du dir so ein Zuhause auch auf dem Land vorstellen?

Ich denke natürlich immer wieder mal darüber nach. Aber ich weiß auch, dass ich ein zutiefst städtischer Mensch bin. Deshalb ist das hier für mich die persönliche Glückslösung. Und die Richtigkeit von dem, was ich hier mache, wurde mir durch eine besonders schöne Geschichte bestätigt: Eines Tages war der wunderbare Galerist und Kurator René Block zu Gast und wir saßen hier, wo wir jetzt auch sitzen. Er erzählte, dass er auf dem Nachbargrundstück ab 1965 eine Galerie betrieben hatte, in der er Richter, Polke, Beuys und all die heute berühmten Nachkriegskünstler präsentierte – viele von ihnen zum ersten Mal. Und wo haben diese Künstler ihre Zigaretten gekauft? Genau hier! Das war für mich wie eine nachträgliche Absegnung, diesen Ort von der Tankstelle zu einer Kunststelle zu machen. Eine sehr schöne Begegnung.

Vielen Dank, dass du uns eingeladen hast, lieber Juerg.

Wenn ihr mehr über Juergs umgebaute Tankstelle und die Geschichte dahinter erfahren wollt, findet ihr hier ein Porträt über ihn: Home Stories site. Dort spricht der einflussreiche Galerist über seinen Ansatz historische und moderne Elemente miteinander zu kombinieren, wie es dazu kam, dass er so ein einzigartiges Gebäude renoviert hat und über sein Ziel, den Leuten Kunst nahe zu bringen. Auf Galerie Judin könnt ihr euch über anstehende Ausstellungen in Juergs Galerie informieren.

Idee, Konzept, Kreation & Produktion: Freunde von Freunden. Schauen Sie sich die ganze Serie hier an.

Interview & Text: Anna Schunck
Fotograf: Ailine Liefeld
Kameramann: Marcus Werner