Kolja Stegemann
Marketingberater und Unternehmer, Prenzlauer Berg, Berlin
FvF × Siemens Home Appliances
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Zwanzig Fahrradminuten braucht Kolja Stegemann von seiner Altbauwohnung in Prenzlauer Berg bis zu dem Ort, an dem er mitten in Berlin Ruhe und Entspannung findet: sein Boot an der Rummelsburger Bucht.

Die letzten Meter zum Freizeitrefugium des Unternehmers führen durch einen alten Industriehafen und über einen einfachen Steg. Links liegen Kutter und Motorboote, rechts treiben dicht beieinander drei schlichte, schwarze Kästen – einer davon ist Kojlas temporäres Zuhause.

„Was diese Boote ausmacht, lässt sich von außen nicht erkennen“, sagt er mit einem Lächeln. Kolja kennt den Überraschungseffekt, den die so genannten Floating Dutch Design Boote (FLODD) des niederländischen Architekten Bertjan Diphoorn beim ersten Besuch haben. Als der Marketingberater sein Boot vor gut einem Jahr zum ersten Mal besichtigte, wollte er es eigentlich für sein Unternehmen Suite.030, ein Vermittlungsportal für Luxusapartments, akquirieren. Dieser Plan änderte sich, als er an Bord ging.

Denn im Innern öffnet sich nicht nur ein Raum, sondern vor allem der Blick: weitläufiges, spiegelglattes Spreewasser, links am Horizont der Fernsehturm, rechts dichtes Schilf. Direkt vorm Steg, der gleichzeitig die Terrasse des schwimmenden Hauses ist, rasten Reiher, Haubentaucher, Schwäne. Das durchgehende Schaukeln stört Kolja und seine Freundin Diana nicht. Im Gegenteil: Wenn sie von Bord gehen, vermissen sie es sogar.

Dieses Portrait ist Teil von Home Stories – einer Kollaboration von Freunde von Freunden mit Siemens Hausgeräte. Mehr über Koljas Projekte im Portrait auf Home Stories.

Fühlst du dich noch als Stadtmensch, wenn du hier auf dem Boot bist?

Ich glaube, ich bleibe immer ein Großstädter. Ich bin es zumindest sehr gerne. Ich lebe in einer Großstadt, weil ich sie toll finde und die Vielfalt genießen möchte. Aber hier spüre ich eben genau diese Schwelle zwischen Großstadtleben und Entspannung. Mit dem Fahrrad brauche ich vom Alexanderplatz eine Viertelstunde hierher. Und wenn ich ankomme, dauert es noch mal eine Viertelstunde, bis ich im Urlaubsmodus bin.

Hat das Urlaubsgefühl mit der Nähe zum Wasser zu tun?

Ich glaube, ja. Darüber haben wir schon oft im Freundeskreis diskutiert. Wasser hat diese beruhigende Eigenschaft. Sobald man auf dem Wasser ist, kommt man automatisch runter. Man hat sofort das Gefühl, dem Alltag und Stress fern zu sein. Aber hier wird das Urlaubsgefühl nicht nur durch das Wasser, sondern auch durch das Gesamtumfeld hervorgerufen: der Blick, die Sonne, das Licht – und die Natur.

Wie wichtig ist dir die Nähe zur Natur?

Gerade in einer Großstadt kommt jeder Mal an den Punkt, an dem er merkt: Ich brauche eine Auszeit. Das war gerade uns als Paar mit Hund sehr wichtig. Diana hat eigentlich schon viel länger proklamiert, dass wir mal rauskommen und einen Rückzugsort haben sollten.

(EN) Everything that you could want comes together in the smallest space.

Es reicht nicht, tolle Möbel in den Raum zu stellen oder einen tollen Blick zu haben – es geht immer ums Gesamtbild.

Wie bist du überhaupt auf das Boot aufmerksam geworden?

Durch einen Freund, der das FLODD nebenan erworben hat, erfuhren wir zufällig davon. Ich bin ein Wassermensch – allerdings war ich meistens am Wannsee. Das Ufer hier hatte ich lange gar nicht auf dem Schirm. Meine erste Idee, als ich fast gegenüber in der Schlesischen Straße in einer Werbeagentur gearbeitet habe, war irgendwann mal auf der Insel Strahlau zu wohnen und dann morgens mit dem Motorboot zur Arbeit zu fahren – wie man sich das als Werber eben so toll vorstellt. Die Chance hier kam sehr viel später – und die haben wir natürlich liebend gern beim Schopf gepackt.

Mit den Booten wurde funktioneller Wohnraum geschaffen, wo vorher keiner war. Wie wichtig ist dieser Aspekt für dich?

Absolut wichtig. Jede Großstadt kommt irgendwann an ihre Grenzen. In Berlin sind wir davon aktuell zwar zum Glück noch weit entfernt. Aber dass genau dieser Ort hier mal bewohnbar wird, war trotzdem vor ein paar Jahren noch gar nicht denkbar. Die Rummelsburger Bucht war einfach auf der falschen Seite. Hier war Industrie, hier gab es Schwermetall-Betriebe und ziemlich viel Schmodder wurde ungefiltert in die Spree geleitet. Dann kommt so ein holländischer Architekt, der das Wohnen auf Wasser aus Amsterdam natürlich gewohnt ist, und entdeckt das Gebiet und dessen Potenzial einfach völlig neu.

Bewunderst du den Architekten Bertjan Diphoorn dafür, dass er dieses Potenzial genutzt hat?

Auf jeden Fall. Ich halte ihn für einen Pionier in Berlin. Es gibt immer mal Ideen für Sportboote, auf denen man wohnen kann. Aber das hier ist wirklich etwas Neues. Bertjan Diphoorn hat nicht nur die Funktionalität in den Vordergrund gestellt sondern wollte mit seinen FLODD Booten auch ein Lebensgefühl schaffen – das hat er geschafft.

FLOOD Boot

  • Architekt: Bertjan Diphoorn

  • Rummelsberger Bucht
    Naturschutzgebiet

    Gustav-Holzmann-Straße 10
    10317 Berlin

  • 70 qm

    Terrasse (17 qm)

  • 2 Zimmer, 1 Bad, Kamin

  • Platz für 4 Personen

Was schätzt du besonders an deinem Boot?

Wie intelligent und flexibel hier alles miteinander verbunden ist. Alles ist eins – aber durch kleine Veränderungen bekommt jeder Raum einen neuen Charakter. Wir haben hier ein Wohnzimmer, eine offene Küche und einen Schlafbereich, der durch zwei Schwingtüren privat oder auch ganz offen sein kann. Eine von ihnen ist gleichzeitig die Tür zur Dusche. Die kann ich schließen oder offen lassen und direkt ins Schilf schauen, während das Wasser läuft.

Wer hat deine Affinität zu intelligentem Design und exklusivem Wohnen geprägt?

Gute Frage. Wahrscheinlich waren es viele unterschiedliche Personen, aber auf jeden Fall mein Vater. Mit ihm teile ich die Leidenschaft für gutes Design. Und mein Großvater, der Professor für Statik und Architektur hier in Berlin war. Er hat sich viel mit modernem, organischem und auch ökologischem Bauen beschäftigt. Mit ihm zusammen habe ich das Baumhaus-Projekt in Zehlendorf umgesetzt, auch eine sehr faszinierende Form des neuen und naturnahen Lebens.

Für dich sind die Baumhäuser und das FLODD nicht nur Wohnraum, sondern auch Geschäftsmodell. Wie kam es dazu?

Ich habe lange als Berater gearbeitet und war deshalb zwei Jahre lang in Wiesbaden. Während dieser Zeit habe ich meine Wohnung untervermietet und dabei festgestellt, dass Wohnungen mit gehobener Designausstattung gefragter und vor allem rar sind. Da begriff ich, dass sich daraus ein Geschäftsmodell machen lässt. Nach einer Phase, in der ich viele Startups beraten habe, wollte ich außerdem gerne aus der Theorie in die Praxis wechseln. Mittlerweile ist Suite.030 ein Vollzeitjob geworden.

Die Frage ist: Was brauchen wir wirklich?

Welches Gefühl muss ein Raum für dich ausstrahlen, um Rückzugsort zu sein?

Stimmigkeit und Harmonie. Manche Wohnungen haben 300 Quadratmeter und es gibt dort keine Ecke, in der ich mich wohlfühle. Andere Räume sind keine 15 Quadratmeter groß und strahlen sofort Gemütlichkeit aus. Es reicht eben nicht, ein tolles Möbel in den Raum zu stellen oder einen tollen Blick zu haben – es geht immer ums Gesamtbild. Wie auf diesem Boot: Das Design ist ein Statement. Schon allein, weil das Boot innen ganz schwarz ist. Durch die dunkle Farbe bekommt der Raum eine Geborgenheit – und gleichzeitig lenkt die Farbe den Blick aus dem Fenster. Ich sitze drinnen und die Außenwelt findet vor meinen Augen statt. Das hier ist mein Theater. Ich kann mich wunderbar in die Szenerie fallen lassen. Der Raum umschließt mich, aber er ist nicht aufdringlich, er nimmt sich zurück und umfasst mich trotzdem.

In einer Großstadt kommt jeder mal an einen Punkt, an dem er denkt: Ich brauche eine Auszeit.

Was war das Schönste, das du hier bisher gesehen hast?

Besonders gerne mag ich das Schwanenpärchen, das wir schon seit dem Frühjahr beobachten: wie sie ihr Nest bauen und sich darum kümmern, der Mann ständig neue Bauelemente bringt und die Frau dann alles anschaut und raussucht, was passt und was eher nicht – da kann man auch eine Brücke zum persönlichen Leben schlagen (lacht). Mittlerweile ist das Kleine geschlüpft, aber noch grau. Und alle drei gehören für uns hier mittlerweile zum Leben dazu.

Empfindest du dich selbst ein bisschen als Pionier, weil du hier temporär lebst?

Naja, ein bisschen vielleicht. Für uns selbst haben wir natürlich etwas Neues entdeckt. Das Boot findet viel Anklang im Freundeskreis und sorgt für Erstaunen. Wir verbringen hier viel Zeit gemeinsam. Dann kochen wir mit Freunden und bleiben alle über Nacht. Das Gästebett lässt sich ja ganz einfach herunterkurbeln. Die Konsequenz, mit der das Design hier umgesetzt wurde, ist einzigartig.

Hast du jemals was vermisst?

Nein. Im Gegenteil: Alles ist da, vieles ist multifunktional, alles ist sehr praktisch. Und ich habe sogar mehr, als in unserer Wohnung in Prenzlauer Berg: das Wasser vor der Tür, die Sonne, die Terrasse und einen Kamin. Alles was man sich als Luxus wünscht, kommt hier auf kleinstem Raum zusammen.

Möchtest du dich mit dieser Art zu wohnen auch selbst ausdrücken?

Ich weiß nicht, ob Wohnen wirklich etwas ist, in dem ich mich ausdrücke. Aber zwischen all den anderen Luxusobjekten auf Suite.030 hat das FLODD einen besonderen Stellenwert für mich. Es ist ein Spaßobjekt – etwas, was uns sicherlich auch zugänglicher macht. Jeder kann sich damit identifizieren, hat eine Meinung dazu, und könnte sich diesen Lebensstil theoretisch leisten. Genau das macht mir Spaß: Menschen dazu anzuregen, über Wohnraum nachzudenken. Die Frage ist: Was braucht man wirklich? Hier hat man eigentlich alles. Vielleicht weniger Schnickschnack, dafür mehr Wohlfühlaspekte, die uns persönlich sehr wichtig sind.

Auch auf dem Boot habe ich das Gefühl, Großstädter zu sein.

(EN) Thank you Kolja,

(EN) for inviting us on board and sharing your thoughts on design, space and life on the water.

This portrait is part of Home Stories – a collaboration Freunde von Freunden produces with Siemens Home Appliances. Home Stories explores the topic of innovative urban living, seen through the lenses of select inhabitants in modern global cities. We present unusual spaces, highlighting their aesthetic and technological qualities, alongside a look into their inhabitants’ lives.

(EN) To find out more about Kolja‘s projects, see his portrait on the Home Stories site. There, the entrepreneur talks about his personal vision for urban living, the role functional architecture plays in revolutionizing city life and how design coexists with nature. You can also explore Kolja’s enterprise Suite.030, and find out more about the FLODD project.

Idea, Concept, Creative Direction and Production: Freunde von Freunden. See the whole series here.

Interview & Text: Anna Schunck
Photography: Philipp Langenheim
Camera: Marcus Werner