Krzysztof Candrowicz
Künstlerischer Leiter, Apartment & Tour, Hamburg
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Als selbsternannter moderner Nomade hat Krzysztof Candrowicz schon viele Orte auf der ganzen Welt sein Zuhause genannt.

Krzysztofs neuestes Zuhause befindet sich in Hamburg, wo er mit sieben Mitbewohnern  in einem Bauhaus lebt. Der gebürtige Pole arbeitet als Kurator und Kunstveranstalter in der Stadt. Nachdem er das International Festival of Photography in Lodz, das Lodz Art Center wie auch das Photo Festival Union geleitet hat, wurde er zum Künstlerischen Leiter der diesjährigen Triennale der Photographie Hamburg ernannt, welches die Scheinwerfer auf Hamburgs Kunstszene und insbesondere auf deren Fotografie richtet.

Zuerst statten wir Krzysztofs Wohnung im Künstlerhaus in Hammerbrook einen Besuch ab, bevor wir ihn auf einer Tour der von ihm ausgewählten Kunstlocations in der Stadt begleiten. Auf dem Weg diskutieren wir seine Arbeit für die Triennale, seine Ziele als Kurator sowie darüber, wie es sich für ihn anfühlt, Hamburg zu seiner Heimat zu machen.

Künstlerhaus an der Wendenstraße – Künstlerwohnungen und Ateliers

Das einzige Haus in seiner Straße, das die Bombardierung im 2. Weltkrieg unversehrt überstanden hat, ist das Künstlerhaus, das nun seinem Namen gemäß verschiedene Künstler und Ateliers beheimatet. Krzysztof begrüßt uns im obersten Stockwerk des Gebäudes, das er mit sieben Kreativen, die aus aller Welt nach Hamburg gekommen sind, bewohnt.

Krzysztof, wir haben gehört, du bist gerade aus Polen zurückgekehrt. Was hat dich dort hingeführt?

Ich war in Polen, um das Photo Festival in Lodz zu leiten, das jedes Jahr im Juni stattfindet. Gerade geht es ziemlich turbulent bei mir zu: das Festival Lodz veranstalten wie auch die Triennale in Hamburg organisieren. Es gibt noch ein weiteres Event, das im Juli stattfindet – Arles, das größte Fotofestival der Welt.

War die Triennale der Photographie der Grund, weshalb du nach Hamburg gezogen bist?

Ganz gewiss. Nachdem ich den Wettbewerb für die Künstlerische Leitung für die Triennale der Photographie im Januar 2014 gewonnen hatte, bin ich direkt hergezogen.

Du teilst dir deine Wohnung mit sieben anderen Leuten. Was macht diesen Ort in deinen Augen zu einem richtigen Zuhause?

Es geht immer um die Menschen. Ich genieße es natürlich, in einem Bauhaus-Haus zu wohnen, aber es geht tatsächlich in erster Linie immer um die Menschen. Wir sind eine Gemeinschaft, in der alle einen unterschiedlichen Hintergrund haben, ob als Kolumbianer, Deutscher oder Pole. Wir tauschen uns miteinander aus, wir hängen miteinander ab, wir frühstücken miteinander und wir schauen uns miteinander Filme an.

Du hast nicht nur in Polen und Hamburg gelebt, sondern auch in Griechenland studiert und als Dozent an Universitäten quer durch Europa und den USA gearbeitet. Welches Land oder welche Kultur hat dich am meisten beeindruckt?

Definitiv Portugal. Es gibt zwei sehr wichtige Orte für mich auf dieser Erde, und einer davon liegt in Portugal. Ich liebe die Portugiesische Seele – die Leute sind wunderbar kreativ und sehr bescheiden zugleich. Das inspiriert mich.

Der zweite Ort, der mein Herz zutiefst berührt hat, ist Nepal. Wer etwas über das Leben lernen möchte, dem empfehle ich dorthin zu reisen. Die Menschen haben nichts, zumindest von einem westlichen Standpunkt her; aber sie sind die glücklichsten der Erde. Alles gehört allen. Mir gefällt das als moralisches Konzept.

Du hast schon viele Jahre außerhalb Polens verbracht, findest du trotzdem, dass dein Hintergrund immer noch deine Arbeit beeinflusst?

Mit Sicherheit tut er das. Polen sind ein sehr hart arbeitendes und zielgerichtetes Völkchen, aber sie sind gleichzeitig auch sehr romantisch. Ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, dass wir manchmal utopische Ideale haben, ganz einfach aus dem Grund, weil wir sehr emotional sind. Wir benutzen mehr unser Herz als unseren Verstand. Das ist auch meine Lebensphilosophie – ich vertraue auf mein Gefühl.

Wann hast du begonnen, dich für Fotografie zu interessieren?

Ziemlich früh, dank meines Vaters, der Hobbyfotograf ist. Noch als ich sehr jung war, ließ er mich seine Bilder in unserer Dunkelkammer, die eigentlich unser Badezimmer war, entwickeln. Ich habe das geliebt. Ich habe Stunden über Stunden damit verbracht, Bilder zu entwickeln. Das war der pure Zauber.

Welche Botschaft möchtest du als Kurator der 6. Triennale der Photographie an die Hamburger und überhaupt verbreiten?

Im Grunde genommen ist es mein Ziel, Hamburg anzuregen. Es laufen so viele tolle Sachen ab in dieser Stadt – Museen, Galerien, Veranstaltungen – aber nichts davon ist miteinander vernetzt. Ich möchte all das unterschiedliche Publikum der einzelnen Kunst- Elemente einen.

Davon abgesehen möchte ich zeigen, dass Hamburg für ganz Europa ein wichtiger Ort der Fotografie ist. Ganz einfach, weil es so ist, aber niemand davon weiß. Nur, um das zu verdeutlichen, Hamburg beheimatet das größte Fotomuseum der Welt und Kunstgalerien wie etwa die Robert Morat Galerie – es gibt hier eine fantastische Kunstszene auf der einen Seite, aber auf der anderen Seite passiert hier nicht wirklich etwas.

Hamburg wird oft als sehr konservativ beschrieben. Denkst du, die Leute hier sind bereit für das Konzept, dass du für die Triennale entwickelt hast?

Ja, auf jeden Fall! Ich denke, dass es sich dabei um einen Prozess handelt, bei dem es mehr braucht als nur eine Triennale, um die örtliche Kunstszene zu verändern. Aber am Ende, ja, da ist Hamburg bereit. Tatsächlich hat die Fotografie als Kunstform ihren Anfang in Hamburg genommen, und zwar mit einer Ausstellung in der Kunsthalle namens ‘Kunst Fotografie’, das war in den 1930er Jahren. Wir neigen dazu, kunsthistorisch immer nur die USA in den Fokus zu nehmen, was die Fotografie betrifft, aber im Grunde hat alles in Hamburg begonnen. Hunderte von Fotografen wurden zum ersten Mal als Künstler aufgefasst und zeigten ihre Arbeiten in einem großen Museum.

Das Motto der diesjährigen Triennale der Photographie ist ‘The Day Will Come – Der Tag wird kommen”, also lass uns doch für einen Moment über die Zukunft sprechen. Wie denkst du, wird sich die Fotografie im Laufe der Zeit entwickeln?

Ich denke, dass sich die Fotografieszene demographisch noch weiter durchmischen wird. Offensichtlich bleiben so wirkmächtige Institutionen wie das MoMA in New York auch weiterhin die Entscheidungsträger, aber am Ende war es nie einfacher als heute, Künstler zu werden. Du kannst deine Arbeit einfach auf eine Website packen oder sie in einem Magazin veröffentlichen – und du kannst damit ziemlich mächtig werden. Ich sehe gern, dass sich die Fotografie dieser Tage weiter ausbreitet.

Ein Besuch des Kunstzentrums Deichtorhallen

Von Hammerbrook aus fahren wir zum berühmten Zentrum der Kunst in den Deichtorhallen, um uns einen besseren Eindruck davon zu verschaffen, was bei der Triennale auf uns zukommt.  Unserem Gastgeber zufolge wird sich hier die Hauptausstellung befinden, mit Arbeiten des Fotografen Phillip Toledano wie auch mit einigen Portraits der Sammlung F.C. Gundlach.

Was macht die Deichtorhallen so besonders?

Ich finde, die Deichtorhallen sind die schönste Institution in Sachen Fotografie in Europa. Sie sind wie eine Kathedrale – magisch und gleichzeitig beeindruckend. Die Menschen vergessen oder ignorieren die Tatsache, dass die Deichtorhallen das größte Fotomuseum der Welt sind – Hamburg sollte viel stolzer darauf sein.

Was erwartet uns hier in puncto Triennale der Photographie?

Zunächst einmal zeigen wir eine beeindruckende Ausstellung mit 14 Arbeiten von Phillip Toledano, kuratiert von Dr. Sabine Schnakenberg.  Die Ausstellung dreht sich um die Zukunft der Fotografie, die das Motto “The Day Will Come – Der Tag wird kommen” um die Worte “When Photography Revises – Wenn Fotografie revidiert” ergänzt. Wir werden darüber hinaus auch Fotos von der Kunstsammlung F.C. Gundlach zeigen. Gundlach war gleichzeitig einer der Gründer der Deichtorhallen und folglich auch der Erfinder der Triennale der Photographie.

Zweitens stellen wir 40 Container um die Deichtorhallen auf, in denen wir den Besuchern die Triennale vorstellen und ihnen einen Überblick darüber bieten, was wo und wann zwischen dem 18.-28. Juni hier stattfindet.

Oberhafenquartier – Der kreativen Entwicklung des Oberhafens verpflichtet

Von den Deichtorhallen aus fahren wir zur Oberhafenbrücke, um uns die Gegend um den Oberhafen anzuschauen. Auch wenn man jetzt noch nicht wirklich viel sehen kann, führt uns Krzysztof zu einer beeindruckenden Kunstanlaufstelle, die aus dem Nichts heraus aufzutauchen scheint: die so genannte Hanseatische Materialverwaltung. Auf zwei große Hangar verteilt, verleiht sie Kleidung, Möbel und andere Requisiten an Theater und Filmproduktionen.

Oberhafen Halle 3 – Ein einzigartiger Ort für Ausstellungen und Veranstaltungen

Als nächstes besuchen wir die Halle 3 am Oberhafen, in der Snapshot, eine Ausstellung über den Einfluss des Internets auf die Fotografie, im Rahmen der Triennale gezeigt wird. Vor Ort besuchen wir auch Nina Venus, die Co-Kuratorin der Triennale der Photographie, die uns in ihre Arbeitsräume am Oberhafen eingeladen hat.

Arbeitest du immer hier, Nina?

Ja, auf jeden Fall. Ich bin eine der wenigen, welche die Stadt noch nicht herausgeschmissen hat. Ich habe mein Atelier hier am Oberhafen jetzt schon seit 13 Jahren.

Wie haben Krzysztof und du euch kennengelernt und wie bist du Co-Kuratorin der Triennale der Photographie geworden?

Wir haben uns über Henriette Väth Hinz, welche die Kuratorin der letzten Triennalen war, kennengelernt. Tatsächlich war sie es auch, die mich gefragt hat, ob ich den Oberhafen als Location für die Triennale empfehlen kann. Ganz offensichtlich kann ich das.

Kannst du uns kurz erzählen, was während der Triennale am Oberhafen passiert?

Wir haben ganz unterschiedliche Veranstaltungen geplant, ein Eröffnungs-Dinner für 100 Gäste sowie eine anschließende Eröffnungsparty am 19. Juni inklusive. Wie auch immer, die Haupattraktion hier am Oberhafen wird die Ausstellung AREA: REVISITED sein, die ich kuratiert habe. Sie zeigt Fotografien von Volker Hinz eines berühmtes Nachtclubs namens Area in New York, der auch ein Event Space ist. Die Idee dahinter ist, die Vibes dieser legendären Institution aus den 1980ern nach Hamburg zu bringen.

Was geschieht nach der Triennale am Oberhafen?

Der Plan ist, den Oberhafen als offizielle kulturelle und kreative Gegend in Hamburg als einen einzigartigen Ort für Ausstellungen und Veranstaltungen zu etablieren, der gleichzeitig auch als Treffpunkt für Künstler und Kuratoren dient.

Robert Morat Galerie – eine von Hamburgs bedeutendsten Galerien

Gerade haben wir die internationale Bedeutung der Robert Morat Galerie diskutiert, als wir sie mit Krzysztof auch persönlich in Augenschein nehmen. Obwohl Robert während unseres Besuchs leider nicht anwesend ist, können wir die Signifikanz seiner Galerie in der Kunstwelt und seinen Platz auf der Triennale der Photographie spüren.

Warum hast du uns zur Robert Morat Galerie geführt, Krzysztof?

Das ist einfach – weil sie aus internationaler Perspektive mit Sicherheit die bedeutendste Galerie in ganz Hamburg ist. Um ehrlich zu sein, hatte ich schon von ihr gehört noch bevor ich von der Triennale der Photographie wusste, und man sollte sie während der Triennale auf keinen Fall verpassen.

Was findet in der Zeit hier in der Galerie statt?

Robert zeigt derzeit zwei Ausstellungen, die man sich den ganzen Sommer über anschauen kann: ‘Waldungen’ und ‘Portraits‘ von Bernhard Fuchs. In Bezug auf die Triennale wird die Galerie Robert Morat als eine Art Satelliten-Ausstellungsort fungieren, auch als Gastgeberin des Triennale Abend am 20. Juni.

Schanzenviertel – ein neu belebtes Viertel

Zum Abschluss verschlägt es uns westwärts ins lebendige Schanzenviertel, das für seine Bars und günstigen internationalen Restaurants und Essgelegenheiten bekannt ist – aber Krzysztof empfiehlt die Gegend auch wegen ihrer Kunst. Wenn er seine Freizeit nicht gerade damit verbringt, die örtlichen Flomärkte nach Antiquitäten zu durchstöbern, geht er in eine Galerie. Die Schlumper gehört etwa dazu, eine Institution, die aus zwei Locations in Nähe der Feldstraße besteht, und welche die Arbeiten von Künstlern mit und ohne Handycap zeigt.

Was liebst du so am Schanzenviertel?

Ich habe viel Zeit im Schanzenviertel verbracht, weil es sich so vertraut anfühlt. Ich glaube, dass die Leute hier langsamer leben als andernorts in Hamburg. Das Leben hier dreht sich nicht ums Geschäftemachen – sondern darum, den Augenblick zu genießen.

Ich mag auch die kreative Seele des Schanzenviertels – etwa  die Tatsache, dass immer mal wieder Pop-up-Bars, Galerien oder Veranstaltungen für bloß eine Nacht auftauchen. Das ist auch der Grund, warum sich die Schanze bei jedem Besuch anders anfühlt, und das, obwohl ich hier ziemlich oft bin.

Welche Orte empfiehlst du hier?

Ich liebe die Nepalesische Snack Bar ‘Fewa Asia Imbiss’, die direkt neben ‘Kopiba’ liegt, das ich auf jeden Fall für guten Kaffee empfehlen kann. Am liebsten würde ich im Fewa täglich Mittag machen oder zu Abend essen – so gut schmeckt es hier. Und wenn du meine ganz persönliche Essensempfehlung hören willst, versuch es mit der Nummer 102 auf der Speisekarte.

Kommst du auch am Wochenende auf die Schanze?

Ja, absolut. Ich liebe den Flohmarkt neben dem Knust, der jeden Samstag dort stattfindet. Und nachts gehe ich gern in den Saal2, meine Lieblingsbar am Schulterblatt.

Eine letzte Frage, Krzysztof: Ist das ein Tattoo aus ‘Der kleine Prinz’ auf deinem Arm?

Ja, das ist es. Es erinnert mich daran, niemals wirklich erwachsen zu werden.

Dieses Porträt ist Teil unserer “Guided and Curated” Serie, die FvF gemeinsam mit MINI Deutschland, dem offiziellen Sponsor der Triennale der Photographie Hamburgproduziert hat. In diesem besonderen Feature gibt uns Krzysztof eine Tour ausgewählter Standorte, die während der Triennale Ausstellungen veranstalten.

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Englische Redaktion: Shoko Wanger