Die Schweizer Dirigentin Lena-Lisa Wüstendörfer inszeniert klassische Stücke für das moderne Publikum
Hinter den Kulissen von Zürichs Konzertsälen beweist sie, dass ein klassisches Orchester alles andere als verstaubt sein kann, Zürich
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Klassische Musik ist verstaubt? Nicht wirklich. Die Schweizer Dirigentin Lena-Lisa Wüstendörfer nimmt uns mit hinter die Kulissen des Konzertbetriebs.

Der Taktstock fegt durch die Luft, die Flöten setzen ein, alle Musiker im Orchester haben ihre Blicke zur Dirigentin gewandt. Lena-Lisa Wüstendörfer ist in ihrem Element. Kurz vor dem Auftritt hat sie noch ihr offenes, blondes Haar mit Haarspray fixiert, ein Stück Schokolade genascht, die Klamotten zurechtgerückt, dann ging es auch schon los. Das Musikstück entfaltet sich unter ihren Gesten, das Publikum im Berner Münster atmet im Takt. Bereits seit zehn Jahren steht Lena-Lisa von Zürich aus als Dirigentin in Konzertsälen, ein Job, der nicht nur musikalisches Gehör und Führungskompetenz fordert, sondern auch körperliche Ausdauer: „Ich mache da Fitness auf einem Quadratmeter“, meint sie lachend.

Beim Stichwort „klassische Musik” denken viele wohl eher nicht an jemanden wie Lena-Lisa, vielmehr an längst verstorbene Komponisten mit Rokoko-Perücken, gut betuchte Senioren im Frack, Sekt und Brezeln im Opernhaus. Den Satz „Mama, ich möchte gerne Dirigentin werden“ hat auch Lena-Lisa als Kind nie ausgesprochen. Zwar ging die kulturinteressierte Familie Wüstendörfer gern einmal ins Theater oder ins Konzert, doch aus einer Musikerdynastie à la Mozart stammt Lena-Lisa nicht. Sie hat die klassische Musik vielmehr selbst für sich entdeckt. „Ich war schon immer fasziniert vom Orchesterklang, von den Emotionen, die man beim Publikum auslösen kann. Die Zuhörer verlassen den Saal mal aufgewühlt, mal glücklich oder getröstet. Mich hat beeindruckt, wie mächtig Musik ist.“ Lena-Lisa lernt Flöte, Geige und Klavier und studiert schließlich Violine an der Hochschule für Musik in Basel. Erst während des Studiums merkt sie, dass sie noch lieber dirigieren als selbst spielen würde – und schafft prompt die Aufnahmeprüfung für den Studiengang. „Ich hatte vorher schon die Gelegenheit mit Chören und kleineren Ensembles zu arbeiten, zum Teil war das aber auch ein Sprung ins kalte Wasser.“

Der Grosse Saal des Kulturcasinos Bern

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“Wichtig ist, ob du diesen Klangkörper kompetent durchs Stück führen kannst.“

Während Lena-Lisa erzählt, spricht sie ohne viel Geschnörkel. Man merkt, sie ist eine Person, die eine klare Linie verfolgt. Als Führungsperson eines Orchesters braucht sie die aber auch. Als sie ihren Abschluss macht, ist sie gerade mal 24 Jahre alt und leitet bereits Orchester und Chöre in der Größe von 80 bis 150 Musikern: „Jeder junge Dirigent muss sich beweisen, so wie sich jeder andere junge Mensch im Berufsalltag auch. Ich glaube, wichtig sind vor allem Fach- und Sozialkompetenz. Nach einer halben Stunde Orchesterprobe interessiert es eigentlich niemanden mehr, ob du alt oder jung, Mann oder Frau bist. Wichtig ist, ob du diesen Klangkörper kompetent durchs Stück führen kannst.“ Dass sie das kann, steht außer Frage. Sie ist heute etwa Gastdirigentin beim Züricher Kammerorchester und Thailand Philharmonic Orchestra oder betreut das Uniorchester Bern und den Berner Bach Chor.

Doch welchen Unterschied macht es eigentlich, welcher Dirigent oder welche Dirigentin vor einem Orchester steht? Lena-Lisa vergleicht ihre Aufgabe ein bisschen mit der eines Regisseurs. Zum einen koordiniert sie das Ensemble, zum anderen interpretiert sie das vorgegebene Material: „Wenn man fünf verschiedenen Filmregisseuren das gleiche Drehbuch vorlegt und bittet, sie sollen einen Film daraus machen, dann wird man fünf verschiedene Filme haben, die alle die gleiche Geschichte erzählen, aber eben jeder auf eine andere Art. So ist das auch, wenn man fünf verschiedenen Dirigenten eine Partitur gibt.“ Ihren eigenen Stil kann sie kaum in Worte fassen. Musik und Klänge lassen sich schlecht beschreiben.

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Wenn sie eine neue Partitur studiert, wie aktuell Beethovens 9. Sinfonie, dann gehört für sie eine ausgiebige Hintergrundrecherche dazu, ein Einfühlen in die Vergangenheit. „Ich will natürlich alles über die Zeit wissen, in der Beethoven seine Sinfonie geschrieben hat. Was haben sie für Instrumente gebraucht, was haben die verschiedenen Zeichen in der Partitur damals bedeutet? Gleichzeitig versuche ich herauszufinden, was Beethoven mit seiner Komposition aussagen wollte und was sie für mich bedeutet. Gewisse Sachen sind schriftlich nicht so genau festgehalten, sodass sie noch Spielraum lassen, um meine eigene Facette einzubringen.“

“Ich glaube, so etwas wie die 9. Sinfonie ist heute hochaktuell, gerade angesichts der aktuellen politischen Lage, in der man sich noch einmal viel mehr auf die Gemeinsamkeiten der verschiedenen Völker fokussieren sollte als auf die Unterschiede.“

Kurzer Exkurs: Uraufgeführt wurde Beethovens 9. Sinfonie 1824, seit 1985 erklingt sie als offizielle Europahymne. Im Finalsatz setzen ein Vokalsolist und ein Chor ein und singen die Ode an die Freude mit dem Text von Friedrich Schiller. Auch, wenn das Stück bereits fast zwei Jahrhunderte durchlebt hat, sieht Lena-Lisa darin eine zeitlose Bedeutung: „Da heißt es ja auch ‚Alle Menschen werden Brüder’. Ich glaube, so etwas wie die 9. Sinfonie ist heute hochaktuell, gerade angesichts der aktuellen politischen Lage, in der man sich noch einmal viel mehr auf die Gemeinsamkeiten der verschiedenen Völker fokussieren sollte als auf die Unterschiede.“

Lena-Lisas Geheimtipp für Schokoladenkuchen in Zürich: Conditorei Péclard

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Im Gespräch mit Lena-Lisa zeichnet sich ab, was man klassischer Musik schon lange nachsagt: Sie ist spannend – und immer noch relevant. Ginge es nach Lena-Lisa, sollten sich viel mehr Leute an sie herantrauen. „Ich finde, eine Polarisierung von Klassik auf der einen Seite und Popmusik auf der anderen Seite schade. Das sieht so aus, als hätten die beiden gar nichts miteinander zu tun. Ganz im Gegenteil.” So beruhe Filmmusik beispielsweise in ganz vielen Facetten auf romantischer Musik und Popmusik sei eigentlich harmonisch vergleichbar mit Klassik von Mozart, veranschaulicht Lena-Lisa. „Es ist ein bisschen wie mit Romeo und Julia. Das ist ja auch alt, aber es ist immer noch topaktuell. Es geht ja immer um die gleichen Emotionen, die gleichen Geschichten, die die Menschen bewegen. Liebe, Hass, Träume, Leid. Das ist in der Klassik und in der Musik, die wir Populärmusik nennen, genau so.“

Privat, gibt Lena-Lisa zu, höre sie selbst kaum Musik. Dabei würde sie sofort anfangen, zu analysieren. Das klingt nachvollziehbar, aber auch anstrengend. Gibt es denn etwas, bei dem sie mal nicht den Takt angibt? „In der Küche“, kommt sofort die Antwort. „Ich bin ganz schlecht im Kochen.“

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Danke, Lena-Lisa, dass du uns einen Einblick in deine Arbeit gegeben. Wir würden uns freuen, mehr Frauen wie dich am Dirigierpult zu sehen.

Für mehr Infos über Lena-Lisa, schaut mal auf ihre neue Website.

Diese Story wurde ursprünglich im Companion Magazin #10 veröffentlicht, das in allen 25hours Hotels ausliegt. Hier findet ihr weitere Companion-Artikel online.

Text: Milena Zwerenz
Fotografie: Yves Bachmann