Simon Astridge über Architektur, die sich um Handlungen dreht
Warum der Londoner Architekt in seinen eleganten, preisgekrönten Wohnräumen den Alltag zelebriert und “der sterile weiße Kubus in einer perfekten Welt” nicht mehr zeitgemäß ist, London
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„Das ist manchmal schon ein sehr seltsames Gefühl…“, huscht es beiläufig über Simon Astridges Lippen, kurz bevor er zum ersten Mal nach Jahren wieder das renovierte Haus betritt, mit dem er sich als Architekt einen Namen gemacht hat.

Beim Hereingehen führt er dieses Gefühl näher aus. Auf den ersten Blick handelt es sich bei dem Gebäude in einer unscheinbaren Straße im Südlondoner Stadtteil Balham um ein ganz normales Viktorianisches Reihenhaus. „Auch kleine Häuser entstehen manchmal über viele Jahre. Mit dem Kunden zusammen steckt man da jede Woche so viel Zeit hinein, und am Ende fühlt es sich fast so an, als gebe man ein Kind in seine Obhut. Klar komme ich gerne zurück und schaue mir das Ganze mal wieder an!“

 

Diese fast rührende Anekdote beschreibt zum Einstieg ganz gut, wie Simon arbeitet: seine Wohnräume sind keine Summe an flachen Objekten, sondern eine Erfahrungssammlung, die gepflegt sein will, mit der man leben und wachsen will.

 

Besagtes Haus ist weitläufig bekannt als das Plywood House—„Hat sich die Presse ausgedacht“, sagt Simon. Über ein enges Viktorianisches Treppenhaus gelangt man zum Treppenabsatz im ersten Stock, und sofort wird klar, wie es zu diesem Spitznamen kommen konnte. Bis hoch über die originalen Dachsparren hinaus erstreckt sich ein gänzlich mit Speerholzplatten ausgekleidetes Loft. Hier—oberhalb der alten Backsteinwand und mit Blick auf die Küche im Erdgeschoss aus kühlem Stahl und Beton—befindet sich die Master Suite, „ein designierter Ort des Rückzugs,“ so Simon. Die unmittelbare Dominanz der weichen Oberfläche und der warmen Töne des nackten Holzes zieht den Betrachter ganz unerwartet in ihren Bann. Aber auch die anderen Materialien im Haus haben es Simon angetan. Mit einer Gelassenheit angelehnt an den weiten Schnitt seiner Comme des Garçons Hose schreitet er durch die Räumlichkeiten und streicht im Vorbeigehen mit der Hand über ein Stück Küchenwand. Kurz beleben die durch ein dezent platziertes Oberlicht hereinfallenden Sonnenstrahlen den marmorierten Beton. Ähnlich verhält es sich mit dem Licht unter der Glasdecke der Sperrholzsuite: „Der Himmel ist im Grunde das wichtigste Material, das in diesem Projekt zur Verwendung kam,“ gesteht Simon. „Die Lichtverhältnisse, das Gefühl von Regen. Es geht um das Erleben der Raumatmosphäre—ich finde das eine wirklich schöne Idee.“

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“Manchmal verbringe ich 95% meiner Zeit damit, die Leute von dieser 5% Idee zu überzeugen.”

Schöne Ideen machen Simons gesamte Arbeit aus: Die eleganten und wohlbedachten ästhetischen Freuden seiner fertigen Projekte lassen sich die ihnen zugrundeliegenden philosophischen Wurzeln und Rahmenkonzepte kaum anmerken. Einmal erwähnt Simon begeistert Heidegger und weitere europäische Repräsentanten der Phänomenologie des 19. und 20. Jahrhunderts. Von außen mag das nach übertrieben wissenschaftlicher Selbstdarstellung aussehen und mit der Realität seiner fertigen Arbeiten wenig zu tun haben. Allerdings findet man in diesem Element seines übergreifenden architektonischen Ansatzes den Weg zurück zu den Anfängen seines architektonischen Fundaments von den „Verben statt Nomen“—eine weitere schöne Idee, wenn man sie denn so nennen mag. „Im Gespräch mit unseren Kunden verwenden wir lieber Verben statt Nomen,“ erklärt er. „Nomen sind im Vergleich zu Verben ziemlich flache Gebilde, die man mit Vorstellungen von ‚Schlafzimmern’, ‚Küchen’ und ‚Badezimmern’ verbindet. Wir wollen uns auf die Handlungen konzentrieren, die in diesen Räumen stattfinden. Die Frage ist: Was machen Leute hier?“ Nicht jeder Kunde springt sofort auf diesen Zug mit auf, aber Simons Überzeugung steckt an. „Darum geht es für mich in der Architektur, auch wenn ich manchmal 95% meiner Zeit damit verbringe, die Leute von dieser 5% Idee zu überzeugen.“

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(EN) “We need to be radically ordinary and I think that’s what we are trying to do as architects.”

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„Der sterile weiße Kubus in einer perfekten Welt ist einfach nicht mehr zeitgemäß. Wir müssen das Erleben wieder zu einem Teil unseres Denkens machen.“

Ein Besuch in Simons eigenem gerade renovierten Zuhause im Norden Londons offenbart die volle und logische Umsetzung seiner Ideen. Hier, wo er keinen kundenforcierten Kompromissen unterliegt, beugen sich die Interieurs dem Mantra „Verben statt Nomen“ ganz buchstäblich: die Tun-Wörter finden sich als Schriftzug fast unmerklich auf den Innenkanten der jeweiligen Türen. So flimmert uns beim Betreten des Badezimmers das Wort bathing entgegen. „Man überschreitet dadurch bewusst gesetzte Schwellen und macht tatsächlich etwas“, erklärt Simon. „In diesem Haus kommt dem Baden ein hoher Stellenwert zu. Man kommt über den Teppichboden im Flur an, die Füße wohlig massiert, und betritt dann im Bereich des Waschbeckens den Holzfußboden—hier kann man sich entkleiden und waschen. Eine weitere Schwelle führt hinüber zum Natursteinboden, dem eigentlichen Badebereich.“ Allein schon als konkrete Struktur—eine Ansammlung ausgewählter Objekte und Installationen—ist das Badezimmer ein verschönerter Raum. Doch durch das Prisma von Simons erfahrungsbezogenem Ansatz betrachtet werden alltägliche Handlungen zu luxuriösen Momenten umfunktioniert, die ihre Umgebung unterstreichen, statt von ihnen abzulenken. „Der sterile weiße Kubus in einer perfekten Welt ist einfach nicht mehr zeitgemäß. Wir müssen das Erleben wieder zu einem Teil unseres Denkens machen.“

 

Natürlich ist diese Konzentration auf die Frage des Raumes im Verhältnis zu seiner Erfahrung vorrangig für Anhänger des Prinzips form follows function interessant. Kurz kommt Simon auf den amerikanischen Architekten Louis Khan zu sprechen, der meinte, Frank Lloyd Wright habe die Raumform schon gesehen, bevor er überhaupt wusste, welchen Zweck sie erfüllen sollte. „Da bin ich genau das Gegenteil,“ sagt Simon und kommentiert aktuelle Tendenzen im Umgang mit offenen Räumlichkeiten in Wohnhäusern. Momentan begeistere ihn die Arbeit an einem Familienhaus, in dem die Eltern von der Küche aus sowohl mit ihren spielenden Kindern als auch ihren am Esstisch sitzenden Freunden Kontakt halten wollen, während sie selbst an einer Kücheninsel kochen. „Wenn aber [ein potenzieller Kunde] einfach einen großen, offenen Raum haben will und diesen lediglich deshalb mit einer Glaswand teilt, weil er denkt, dass das cool aussieht—da machen wir nicht mit.“ Simon spricht eine Vielzahl an Themen an, doch nur dieses eine lässt seinen eher gutmütigen Erzählfluss (ein klein wenig) aufwallen: „Manche Architekten wollen unbedingt zuerst eine schöne Form haben, das wird dann manchmal Pfauenarchitektur genannt. Wir wissen alle, wer diese Architekten sind. Wenn ich mir ihre Räume ansehe, habe ich immer das Gefühl, angeschrien zu werden.“

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Von diesem Ansatz aus gelangen wir zurück zu Simons Lehrjahren. Er erzählt, er habe bereits mit 11 gewusst, dass er Architekt werden wollte. Auslöser war der Besuch eines von einem „berühmten Architekten“ designten Apartments, an dem ihn besonders die ausgefallene Verwendung von Gras und Wasser faszinierte. „Was immer er beruflich macht, will ich auch machen“, dachte er sich. Simon strebte über den üblichen Weg des künstlerischen Unterrichts und der entsprechenden Hobbies ein Architekturstudium an. Doch erst im vierten Jahr desselben, so Simon, sei es um ihn und die Architektur geschehen gewesen. Diese zweite Schlüsselerfahrung hielt lange an. Sie begann mit dem Zuspruch eines inspirierenden Lehrers und gipfelte in einer erleuchtenden Reise. In seiner Abschlussarbeit verglich er Wohnhäuser in Marrakesch und Dubai: „Diese zwei Städte sind total verschieden. Beide haben eine ganz andere Geschichte, und doch gibt es auch kulturelle, religiöse, kulinarische und klimatische Gemeinsamkeiten. Die Typologie ihrer Häuser ist sehr unterschiedlich. In Marrakesch dominiert der sehr ruhige Hof, umgeben von Wasser und Pflanzen. In Dubai dagegen besteht alles aus Glas. Technologie ist Trumpf.“ Simon musste sich entscheiden, welcher Art von Architektur er folgen wollte. „Will ich solche Hochhäuser bauen? Oder nicht doch lieber Wohnhäuser mit Türgriffen, die ihren Besitzern etwas bedeuten?“

 

Die Antwort liegt auf der Hand, und beim leisesten Zweifel ist Simons eigenes Zuhause der beste Beweis. Das Haus, das er mit seiner Frau bewohnt, war ursprünglich eine einebige Wohnung im Obergeschoss eines umgebauten Viktorianischen Reihenhauses. Nachdem sie die Immobilie für sich sichern konnten, bauten sie zuerst ein zweites, großzügiges Geschoss unter das Dach. Dort sitzt Simon nun und erzählt, zurückgelehnt in einen schlichten Holzstuhl, der gut zum utilitaristischen Touch des an eine Arbeitsbank erinnernden Esstischs passt, auf dem Simon seine Tasse meisterhaft gepressten Kaffee abstellt. Zu seiner Linken gestattet eine Glaswand den Blick auf die vielfältige und majestätische Londoner Skyline—ein Highlight, so Simon, das er jedem anderen Element im Haus vorzieht. Rechts von ihm öffnet sich ein intimer Wohnraum, der nahtlos übergeht in eine erlesene Sammlung aus Keramiken und japanischen Geräten, die die Küchenräumlichkeiten eines Gourmets erahnen lassen. Und was die bereits beiläufig von Simon erwähnten Türklinken angeht, diese wurden von ihm in die Konversation eingebracht nur um dann einen Einblick in die eigene Griffeauswahl für seine Küchenschränke zu geben—Rohrleitungselemente mal anders eingesetzt. Gleich darunter schließen sich an den bereits beschriebenen Badebereich zwei Schlafzimmer an.

 

Nach einem ausführlichen und erhellenden Exkurs über die außergewöhnlichen Tonwände, die die Innenräume in sanfte Grün- und Grautöne hüllen, zieht es Simon aus dem stillen und eleganten Plywood House und seinem eigenen Zuhause nach draußen. Gegen Abend begeben wir uns auf einem Leinpfad entlang des Ufers schnellen Schrittes zur Endstation dieses Tages: Simon Astridges bescheidenes Büro in King’s Cross, in welchem er all seine Ideen in die Tat umsetzt. Hier lassen wir ihn zurück mit seinen Entwürfen und Modellen, die eine solch zentrale Rolle in seiner Arbeit spielen. Das Tun als raison d’être. Verben statt Nomen. Immer.

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Danke, Simon, für die spannende Einführung in Deine Arbeit. Mehr Informationen über Simon Astridge findet man hier.

Dieses FvF Porträt ist Teil der Serie Home Stories, die in Zusammenarbeit mit Siemens Home Appliances entsteht. In Home Stories gehen wir innovativen Ansätzen der städtischen Wohnkultur nach und beleuchten sie durch die Augen einiger ausgewählter Protagonisten der modernen, globalen Stadt. Wir zeigen ungewöhnliche Schauplätze, stellen ihre ästhetischen und technologischen Eigenschaften heraus und gewähren Einblicke hinter die Kulissen interessanter Lebensläufe.

Text: James Darton 
Fotografie: Dunja Opalko