Nachtsicht: Dan Holdsworths lichtdurchströmte Szenen enthüllen die Peripherien der Natur
Der britische Fotograf fängt das Licht und die Geologie des Vallée de Joux ein, Le Brassus
Audemars Piguet × FvF
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Karge Gegenden, die an Alien Welten aus Sci-Fi Filmen erinnern, von leeren Parkplätzen zu unheimlichen Landschaften, ohne jede menschliche Spur: Dan Holdsworths Fotografien beschwören ein Gefühl post-apokalyptischer Verlassenheit, das den Betrachter in eine hypnotische Welt hineinzieht.

Als Sohn eines Wissenschaftlers und einer Keramikerin, ist der britische Künstler bestens vertraut mit der Verbindung von Technologie und Kunst. Holdworths Arbeiten wurden von Kritikern als „kraftvolle Visionen der zeitgenössischen Welt“ oder „moderner Spiritualismus“ beschrieben, der gleichzeitig auf die lange Geschichte der Landschaftsfotografie und der Kartografie verweist. Ausgebildet in den Grundlagen seines Handwerks und inzwischen auch Experte auf dem Gebiet der Kartografie, orientiert er sich entlang von Gletschern und Bergen um seinen Weg in entlegene und fesselnde Landschaften zu finden.

Neben dem kraftvollen Element der Nyktophylie, ist eines der konstanten Charakteristika von Holdsworths Arbeit die lange Belichtungszeit, mit der er Lichteffekte kreiert, die Bilder einer anderen Welt hervorzurufen scheinen—unsere Vorstellung von Realität wird dadurch immer wieder hinterfragt. Im Gespräch mit Dan, einer fachkundigen Diskussion über technische und geologische Phänomene, wird mehr als deutlich, dass seine Hingabe zu diesen Themen tief in ihm verankert ist.

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Deine Kunst hat einen sehr wissenschaftlichen Charakter. All das Programmieren, die Software, das Mapping, deine langfristige Kollaboration mit Forschern der Northumbria Universität in Newcastle, England.

Mein Interesse an Wissenschaft und Technologie war bereits in einem sehr frühen Stadium meiner Arbeit ausgeprägt, eigentlich schon in meinen frühen Zwanzigern. Damals habe ich Orte wie die Europäische Weltraumorganisation in Französisch-Guayana oder das Arecibo Observatorium, ein Radioteleskop, in Puerto Rico bereist. Mein Vater war Wissenschaftler und wir besuchten oft seine Werkstatt, um zu sehen, woran er gerade arbeitete. Damals wurden unzählige Innovationen geschaffen, wie zum Beispiel metallisierter Kunststoff, den wir heutzutage überall verwenden.

Was hat deine Mutter gemacht?

Sie war Künstlerin, eine Keramikerin. Von klein auf hat sie mir klar gemacht, wie wichtig ein Umweltbewusstsein ist. Ich bin nah am Yorkshire Nationalpark im Norden Englands aufgewachsen. Also hatte ich immer diese starke Beziehung, sowohl zur Industrie und der Wissenschaftswelt meines Vaters als auch zu dieser anderen Welt der Natur. Meine Mutter war die erste, die in dem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, Recycling durchgesetzt hat. Sie ist 73 und verbringt ihre Tage immer noch draußen mit Gartenarbeit. Sie fängt um 7 Uhr morgens an und hört erst spät in der Nacht auf.

Was wolltest du werden, als du ein Kind warst?

Ich wollte erst Architekt werden, dann Grafikdesigner. Schon mit 14 Jahren habe ich angefangen, Fotos zu machen. Meine Eltern haben mir dann ein Abonnement vom i-D Magazine geschenkt—damals war es nur gefaltetes Papier, zusammen geklammert am Heftrücken. In den 80ern war ich inspiriert von Wolfgang Tillmans subkulturellem Ansatz und die Landschaftsfotografie hat mich immer auf ganz natürliche Weise angezogen.

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Welche Beziehung hast du zur langen Geschichte der Kartographie und Landschaftsfotografie?

Fotografen wie Carleton Watkins und Timothy O’Sullivan waren Pioniere. Im 19. Jahrhundert wurden sie von der US-Regierung beauftragt zu reisen und gemeinsam mit Geologen und Kartographen den amerikanischen Westen zu erschließen—hauptsächlich für militärische und wirtschaftliche Zwecke. Sie waren die ersten, die Landschaften wie den Grand Canyon untersucht und erfasst haben. Ein Jahrhundert später sehen wir das Fortleben ihres Werkes, bekannt als die „New Topographics“, für die ich starkes Interesse und Zuneigung hege—insbesondere für Lewis Baltz. Er hatte einen sehr konzeptionellen Zugang zu seinen typographischen Arbeiten.

Siehst du deine Arbeit als eine Art Weiterführung von ihrer?

Ich sehe meine Arbeit in Relation zu dieser Entwicklungskurve, eine Art Zukunfts-Kurve. Ihre Arbeit lag im Grenzgebiet von Wissenschaft, Wissen, Technologie, von künstlerischen Bemühungen und künstlerischen Kreationen. Sie war einfach grandios. Sie entdeckten und verzeichneten den Planeten Erde und schufen Kunst aus ihrer eigenen Forschung. Als Carleton Watkins seine Landschaftsfotos schoss, war das die Spitze der damaligen Wissenschaft, nichts war radikaler und innovativer als das.

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“Meine Arbeit geht über die Grenzen der Fotografie hinaus.”

Die moderne Technologie erlaubt es dir, mit deiner Arbeit noch viel weiter zu gehen, als es deine Vorfahren taten.

Meine Arbeit ist ein Hybrid aus Fotografie und Kartografie. Sie geht über die Grenzen der Fotografie hinaus. 2011 bin ich auf etwas gestoßen, das meine Überlegungen zu meiner wissenschaftlichen Recherche und der Geschichte der Kartografie sofort angesprochen hat. Ich hatte Mapping Daten der US Geological NASA gefunden, 3D Bilder vom Mount St. Helens an der US Westküste in Washington State. Das Material hat mich sehr überrascht. Man erkennt zwar, dass es sich um digitales Material handelt, doch da ist diese Spannung mit dem Fotografischen. Ich wollte die Möglichkeiten erkunden, mit diesem Material zu arbeiten und habe deshalb Kontakt zu meiner lokalen Universität aufgenommen, die Nortumbria Universität in Newcastle, um mich mit einem Wissenschaftler namens Stuart Dunning zu treffen. Ich habe ihm dann einfach von meinem Interesse an der Geschichte der Kartografie und Fotografie erzählt und er war total fasziniert. Es stellte sich heraus, dass sein Onkel ein berühmter Künstler in Kanada ist, der sich schon seit den 70er Jahren intensiv mit der Kybernetik auseinandersetzt. Gerade arbeite ich mit dem Geologen Mark Allan zusammen, der an alpinen Gletschern forscht. Er misst Felsen in kubischem Volumen, nicht in zwei, sondern in drei Dimensionen—und hat diesen Prozess bis auf ein Millimeter-Level der Exaktheit verfeinert. Es ist faszinierend!

(EN) Continuous Topography: Reimaging the Vallée de Joux

(EN) A body of work by Dan Holdsworth that invites us to reimagine our relationship to time

“Ich suche also nach einem Weg, um den Raum der Wahrnehmung irgendwo zwischen Mensch und Technik auszudrücken.”

Deine Fotos wurden als moderner Spiritualismus beschrieben. Stimmst du dieser Darstellung zu?

Ich bin an ehrlichen und engagierten Unterhaltungen über Wissenschaft, Technologie und die menschliche Natur interessiert. All diese Fragen versuche ich zu absorbieren und in meine Arbeit zu übertragen. Ein großer Teil meiner Arbeit dreht sich um Wahrnehmung. Ich suche also nach einem Weg, um diesen Raum der Wahrnehmung irgendwo zwischen Mensch und Technik auszudrücken. Die Existenz der Subjekte meiner Fotos liegt außerhalb und jenseits unserer eigenen. Vielleicht kommt hier die Spiritualität ins Spiel. Ich versuche immer, eine Oberfläche mit einer ganz bestimmten Ästhetik zu erschaffen, die so die Aufmerksamkeit des Auges auf sich zieht, obwohl meine Arbeit sehr auf Forschung basiert und experimentell ist.

Mit deiner vereinigenden Herangehensweise an Kunst und Technologie hast du die Aufmerksamkeit von einer der renommiertesten Manufakturen für Luxusuhren gewonnen, dem Schweizer Familienunternehmen Audemars Piguet. Seit 2011 arbeitest du nun in ihrem Auftrag. Wie sieht diese Kollaboration konkret aus?  

Es ist eine gleichwertige, sich stets weiterentwickelnde Partnerschaft. Sie verstehen meine Ideen und sind sehr offen eingestellt. Mit ihnen zusammen zu arbeiten bedeutet außergewöhnliche Integrität und Perfektion, etwas, das man als Künstler nur sehr schwer findet. Ihr Creative Director hat mich vor fünf Jahren ins Vallée de Joux im Jura Gebirge eingeladen. Ich glaube sie dachten, ich würde nur ein paar Nächte bleiben, doch am Ende habe ich die abgelegene und außergewöhnliche Natur dort vier Wochen lang erkundet. Ich bin wirklich in dem Tal versunken.

Entscheidende Momente

Dan Holdsworth über die anhaltende Kraft des Vallée de Joux

Ein Besuch der Art Basel mit Dan Holdsworth

Wissenschaft und Kunst vereint in einer neuen Serie fotografischer Arbeiten

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Continuous Topography: Dan Holdsworth’s Ausstellung bei S + B

Ein Rundgang der zeitgenössischen Kunst in historischer Kulisse des Zürcher Schloss Sihlberg

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“Die Freiheit und die Weite, die Intimität und das Unbekannte—das reizt mich an der Arbeit in der Natur.“

Das Resultat sehen wir nun in ihren Werbekampagnen. Früher haben sich diese auf Produktdetails konzentriert, jetzt sieht man deine Kunst. Welche Parallelen gibt es zwischen deiner Arbeit und Audemars Piguets feiner Uhrmacherkunst?  

Ich würde sagen, es geht um die Beziehung zwischen Natur und Technik und um die Wahrnehmung von Zeit, etwas, das unser Dasein in der Welt dramatisch beeinflusst. Wir teilen ein ehrliches Interesse an der Natur. Audemars Piguet leitet eine Stiftung, die die Forschung zum Bewahren der Wälder unterstützt. Sie haben einen unglaublichen Respekt für die Umwelt. Ich persönlich habe mich mein ganzes erwachsenes Leben lang für die menschliche Interaktion mit der Welt und dem Klimawandel interessiert. Es ist dieses gemeinsame Verständnis, das unsere Partnerschaft bedeutungsvoll macht.

Die Natur ist offensichtlich ein Thema, das deine ganze Arbeit durchdringt. Welche Landschaften reizen dich am meisten?

Gletscherlandschaften bieten uns eine Art planetarischen Wechsel, wenn man das Eis betritt, tauscht man den Komfort der alltäglichen Existenz gegen die dynamische Fragilität dieses außerirdischen Gletscher-Terrains ein. Die Freiheit und die Weite, die Intimität und das Unbekannte—das reizt mich an der Natur.

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Vielen Dank, Dan,

für deine Zeit und für diese einzigartige Führung zu Audemars Piguets Stand auf der Art Basel und deiner Ausstellung “A Future Archeology” in der Galerie Scheublein & Bak in Zürich. Diese Ausstellung zeigt die Weltpremiere von Dan Holdsworths Serie “Continuous Topography” welche er seit 2013 entwickelt hat—zu sehen bis zum 2. September 2016.

Für diese Kollaboration mit Audemars Piguet wirft FvF einen Blick hinter die Kulissen ihrer Zusammenarbeit mit dem britischen Künstler Dan Holdsworth und ihrem Engagement in der Kunst. Das Schweizer Familienunternehmen versucht seit jeher, kreative Visionen mit künstlerischen und technischen Können zu verbinden. 2013 hat Audemars Piguet seine Innovationskraft und den unabhängigen Geist ausgeweitet und wurde globaler Partner der Art Basel, der weltweit führenden Messe für zeitgenössische Kunst.

 

Text: Stephanie Rebonati
Fotografie: Conny Mirbach