Mit Jörg Brüggemann auf deutschen Autobahnen
Der Ostkreuz-Fotograf befragt sein Medium und sein Land, Berlin
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Involviert, aber ohne Mitleid. Schonungslos, aber nicht bloßstellend. Aufrichtig muss Fotografie sein, eine Haltung vertreten. Doch am wichtigsten: Fotografen müssen aufhören so zu tun, als wären sie selbst unsichtbar.

Seit etwa eineinhalb Jahren schon fotografiert Jörg Brüggemann die deutsche Autobahn. Zu sehen sind die entstandenen Bilder bislang noch nicht. Für den Ostkreuz-Fotografen stellt sich gerade erst allmählich heraus, welche Geschichte seine Autobahnfotos erzählen können und welche Geschichte er sie erzählen lassen will. Das klingt, als ließe ihn die Instantness heutiger Fotografie – das heißt ihre unmittelbaren Verbreitungsmöglichkeiten – auf wohltuende Weise kalt. Aber auch so, als gäbe es ein Geheimnis, das der deutschen Autobahn zu entlocken wäre.

Im Gespräch mit den Kolleginnen und -kollegen in der Ostkreuz-Agentur tritt zunächst einmal Skepsis auf: „Was willst du denn mit der Autobahn? Das ist doch so ein 90er-Thema.“ Doch genau darin liegt für Jörg auch ein Ansporn: das zu fotografieren, wovon alle glauben, sich bereits ein Bild gemacht zu haben. Für seine früheren Arbeiten, wie die Porträtreihen der globalen Metal- oder Backpackerszene, hat ihn dieser Impuls oft ziemlich weit von Deutschland weggeführt, doch mittlerweile widmet er sich zunehmend dem Geschehen vor seiner eigenen Haustür: „Irgendwann habe ich festgestellt, dass ich für diesen Input gar nicht hinaus in die Welt muss, sondern, dass wir – ganz im Gegenteil – selbst beim Reisen allzu oft in unseren Bubbles bleiben.“

Dieses Porträt zeigt exklusiv einige Fotografien von Jörgs aktuellem Autobahnprojekt, gepaart mit den zeitgleich entstandenen Aufnahmen von unserem Fotografen Daniel Müller.

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„Deutsche Politiker haben eine Riesenangst vor dem Fotografiert-werden.“

Unsere Bubbles, oder medialen Filterblasen sind spätestens seit dem Brexit und der US-Wahl im vergangenen Jahr ein viel diskutiertes Symptom unserer Zeit. Einer Zeit, in der kaum jemand weiß, was der Nachbar denkt, während in den Kommentarspalten unter Klarnamen gehetzt wird. Ein Umstand, vor dem Jörg seine Augen nicht verschließen will: „Was ich niemals machen würde, ist Leute auf Facebook zu blockieren. Ich beobachte immer wieder, dass jemand androht, all seine Kontakte zu löschen, die ihn nerven. Aber ich finde, man muss sich das alles reinziehen.“ Sich das alles zu geben, vor nichts die Augen zu verschließen, das ist für ihn Teil seiner Aufgabe als Fotograf. Denn ohne eine klare Haltung entsteht selten gute Fotografie. „Auf theoretischer oder intellektueller Ebene einen Standpunkt zur Welt zu haben und dann beim Fotografieren physisch, vor Ort den Standpunkt zu suchen, der zu dem im Kopf passt – das ist das Ziel. Wenn du es schaffst, die beiden überein zu bringen, kommt ein gutes Bild, eine gute Geschichte dabei heraus.“

Während Jörgs persönliche Arbeiten eher Langzeitprojekte sind, in denen er das Verhältnis von Bild im Kopf und Fotografie Schritt für Schritt ausloten kann, muss es bei Auftragsarbeiten erwartungsgemäß schneller gehen. Als er im letzten Jahr Frank-Walter Steinmeier – zu dem Zeitpunkt noch deutscher Außenminister, mittlerweile Bundespräsident – für das Magazin Cicero fotografierte, sah sich Jörg mit einer für ihn neuen Situation konfrontiert: „Ich hatte das erste Mal in meinem Leben drei Minuten Zeit, um jemanden zu fotografieren.“ Was er später ablieferte, war das Bild eines Politikers, der nicht so Recht weiß, wie ihm geschieht. „Ich habe ihn einfach vor eine weiße Wand gestellt und draufgeblitzt. Er konnte sich vermutlich nicht vorstellen, wie das Bild aussieht, das ich gerade von ihm mache.“ Von seinem Ostkreuz-Kollegen Maurice Weiss, der schon seit längerer Zeit Politiker fotografiert, weiß Jörg: „Deutsche Politiker haben eine Riesenangst vor dem Fotografiert-werden.“ Der Grund dafür liegt möglicherweise auch darin, dass sich die wenigsten bewusst machen, wie Bilder eigentlich kommunizieren – „und gerade Bilder von ihnen selbst. Sie sehen sich selbst da drauf und haben gar nicht die Distanz, das wiederum als Bild zu betrachten.“

Jörgs Studio

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In direkter Nachbarschaft zum FvF-Büro liegen die Studioräume, die sich Jörg mit einem Dutzend anderer Freiberufler teilt.
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„Durch meinen Job lerne ich oft Leute kennen, die komplett andere Weltansichten vertreten, als ich selbst.“ So zum Beispiel die Mitglieder der Berliner Gothia-Burschenschaft, die Jörg für die ZEIT fotografiert hat.

„Medien sind ebenso Teil der Geschichte und das muss offengelegt werden.“

Zu einem Bild gehören immer zwei, auch wenn dies der Berufsethos vieler Fotojournalisten allzu gern verleugnet. Jörgs Faible für den harten Blitz hat nicht zuletzt damit zu tun, dass er sich als Fotograf ins Bild bringen will, ja sogar muss, um nicht zum Anhänger einer vermeintlich objektiven Bildrhetorik zu werden. So verrät der verschwitzte, ausgeblitzte Nacken von Frank-Walter Steinmeier mindestens genauso viel über den Fotografen wie den Fotografierten. Wir werden daran erinnert, dass das, was wir sehen, einem höchst subjektiven Blick unterliegt. Der Porträtierte wird nicht entblößt, sondern die Fotografie, die viel zu lange so getan hat, als sei sie ein Stück entnommene Realität. „Die Angst davor, falsch dargestellt zu werden und vor dem öffentlichen Bild, das daraus resultiert, kann ich natürlich verstehen“, räumt Jörg ein. „Über gewisse Grenzen hinwegzusehen, näher ranzugehen, entspricht im Moment aber vielleicht einem realistischeren Blick. Vielleicht braucht es ihn, um Politiker wieder menschlicher zu machen.“

Wenn der Ostkreuz-Fotograf bei seinen Auftragsarbeiten auf andere Fotografen und Fotojournalisten trifft, wird seiner Herangehensweise gelegentlich auch Unverständnis entgegengebracht. „Es gibt immer noch Fotografen, die glauben, sie dürften die Situation nicht stören, nicht mit den Leuten agieren, weil sie dann die Situation verfälschen – aber genau das tun sie doch sowieso schon, allein durch ihre schiere Präsenz.“ Jörgs Erstaunen über dieses naive Selbstverständnis nahm seinen Höhepunkt als er im vorletzten Sommer auf der griechischen Insel Kos von anderen Pressefotografen dafür angefeindet wurde, dass er statt des herannahenden Flüchtlingsbootes die am Wasser aufgereihten Fotografen in den Fokus nahm: „Mir war klar, dass ich nur ein Bild machen konnte. Und das bedeutete einen Schritt zurückzugehen, um die Fotografen, die am Strand auf ihr Bild warteten, mit aufs Bild zu nehmen. Weil ich glaube, dass die Medien ebenso Teil der Geschichte sind – und das muss offengelegt werden.“

Über die Autobahn gebaut

Wohnkomplex in der Schlangenbader Straße

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„Ich bin wirklich nicht daran interessiert, wenn ich alt bin, auf einen Werkkomplex zurückzuschauen, in dem plötzlich alles miteinander Sinn ergibt.“

Die Mittel und Wege, die Jörg helfen, die Subjektivität seiner Bilder zu markieren, ihnen eine Handschrift zu geben oder sie ironisch zu brechen, sind immer andere. Oft ist es der harte Blitz, der allerdings auch schnell zu einem stilistischen Gestus verkommen kann. Die Herausforderung besteht jedoch darin, nicht in ein Muster zu verfallen: „Der sogenannte Stil ist eigentlich eine Falle, in die man ziemlich schnell hineingerät und in die, zugegeben, auch jeder Fotograf auf eine Art hineingerät. Es gibt ein paar, die es schaffen, jedes Mal eine neue und wahrscheinlich auch richtige fotografische Umsetzung für Aufgaben zu finden und das finde ich oft viel interessanter als einmal eine gute Idee zu haben und dieses Foto dann ein Leben lang zu wiederholen.“ Auch den Gedanken an ein mögliches übergreifendes Thema in seiner Arbeit findet Jörg befremdlich: „Ich bin wirklich nicht daran interessiert, wenn ich alt bin, auf einen Werkkomplex zurückzuschauen, in dem plötzlich alles miteinander Sinn ergibt. Vielleicht gibt es bereits einen roten Faden in meinen Arbeiten, nur sehe ich ihn nicht. Was ich mir aber erhalten will, ist immer dem nachgehen zu können, was mich gerade anzieht.“

Dieses Verständnis einer Fotografie, die sich immer auch selbst befragen muss, ist etwas, das durch den Rückhalt in der Ostkreuz-Agentur wachsen konnte. Der Austausch mit den anderen Mitgliedern über die eigene Arbeit, aber auch das gemeinsame Aushandeln dessen, was Ostkreuz eigentlich sein kann, haben für Jörg einen hohen Wert: „Das ist eine totale Qualität in einem Beruf, der oft zwangsläufig auf das Dasein eines ‚lone wolf‘ hinausläuft.“ Dabei findet der Lernprozess in den Hochschulen immer im Klassenverband und im ständigen Austausch statt. „Nach dem Abschluss ist man plötzlich auf sich gestellt, manche versuchen dann krampfhaft, so ein Milieu wiederherzustellen – was ich gut nachvollziehen kann.“

A10 bei Michendorf

Eine Baustelle an der A10 hat Jörgs Interesse auf sich gezogen.
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„Manchmal ist es einfacher, die Außenseiterrolle anzunehmen und die Besonderheiten oder das Exotische eines Ortes in den Blick zu nehmen.“

Ostkreuz wurde 1990 nach dem Modell der Pariser Magnum-Agentur, das heißt von Fotografinnen und Fotografen selbst gegründet. Die heutigen 22 Mitglieder sind zugleich die Besitzerinnen und Besitzer der Agentur, was für eine große Verbindlichkeit und Nähe untereinander sorgt. Jörg, der vor knapp 8 Jahren hinzu kam, bezeichnet Ostkreuz als seine zweite Familie – ein Privileg, dessen er sich voll und ganz bewusst ist. Die Fotografinnen und Fotografen, so unterschiedlich ihre Motive letztlich sind, eint der Versuch einen aufrichtigen und menschlichen Blick auf die Welt wiederzugeben. Eine andere Beschreibung des gemeinsamen Prinzips liefert der Begriff der Autorenfotografie, die den Fotografen wie einen Schreiber versteht, der Thema und Umsetzung selbst wählt. Für Jörg geht es in der thematischen Auseinandersetzung stets um ein Aushandeln von „sympathisierender Nähe und kritischer Distanz“ und in seinem Selbstverständnis um „eine Balance von Selbstbewusstsein und Selbstzweifeln“, immer gebunden an die eigenen Erfahrungen.

Wenn Jörg von seinen Fahrten auf und abseits der Autobahn spricht, wirkt es so, als gäbe es da etwas, das er sich selbst erklären muss. „Eigentlich ist die Autobahn ein sehr demokratischer Ort. Mehr oder weniger alle in diesem Land nutzen sie. Gleichzeitig ist die Autobahn aber auch ein wahnsinnig unpersönlicher Ort. Jeder ist in seinem abgeschirmten Raum; selbst an den Raststätten gibt es kaum Interaktion.“ Vielleicht geht es ihm auch um die Frage, was das eigentlich für ein Land ist, auf das er da schaut. Die Autobahn ist natürlich ein deutsches Klischee – Land der Exportweltmeister und deutscher Automarken, Kraftwerk, kein Tempolimit – eine Kette von Assoziationen. Über die Menschen aber, die hier leben und darüber, was sie fühlen, verrät die Autobahn auf den ersten Blick wenig. Aber vielleicht lohnt es sich, genauer hinzuschauen.

Für jemanden, der in den letzten Jahren viel gereist ist und fast mehr in fremden Ländern als im eigenen fotografiert hat, ist die Beschäftigung mit einem Thema wie der deutschen Autobahn auch ein Wechsel des eigenen Standpunkts. „Manchmal ist es einfacher, die Außenseiterrolle anzunehmen und die Besonderheiten oder das Exotische eines Ortes in den Blick zu nehmen.“, erklärt Jörg im Rückblick auf seine frühere Arbeit. „An der Autobahn gibt es aber wenig Besonderes.“ Das allerdings gehört zu der Herausforderung, die sich der Fotograf gestellt hat: einen neuen Blick auf das zu finden, was ihn sowieso schon umgibt.

Danke Jörg,

dass wir dich einen Tag lang begleiten durften und die ersten Bilder von deinem aktuellen Projekt auf FvF zeigen können.

Wenn wir aus unserem Büro schauen, blicken wir über den Hof direkt in das Studio, das Jörg sich mit einem Dutzend anderer Freiberufler teilt. Es wurde also höchste Zeit ihm einen persönlichen Besuch abzustatten. Wer mehr über Jörgs aktuelle Arbeit erfahren möchte, ist auf seiner Website gut aufgehoben und auf Instagram kann man ihm auch folgen. Ausgewählte Reportagen sind auf der Seite von Ostkreuz zu finden.

Wer noch mehr Einblick in Jörgs Studio erhalten möchte, findet auf ZEIT Online eine besondere Bildauswahl von unserem Tag mit ihm.

Video: Robert Rieger
Fotografie: Daniel Müller
Text: Vanessa Oberin