Alles bleibt anders: Sati Zech
Wie die Künstlerin Leben und Arbeit verbindet, Berlin
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Ein junger Mann in geblümtem Hemd öffnet uns die Tür. Es ist einer der beiden neuen Untermieter im Zuhause von Sati Zech – die Berliner Künstlerin hat die aus Aleppo stammenden Flüchtlinge Wael und Hossam bei sich aufgenommen.

Die Brüder leben seit einigen Monaten zusammen ihr und ihrem Dalmatiner Rudi in ihrer charmant-chaotischen Charlottenburger Wohnung und haben ihr Leben kräftig umgekrempelt.

Das beginnt schon mit der Inneneinrichtung. Zierten bislang nur Werke anderer Künstler/innen und von Student/innen die Wände der Wohnung, so hat sich Zech nach dem Einzug der beiden neuen Mitbewohner entschlossen, auch zwei eigene Werke zu installieren. Sie will „ihre Jungs“ so mit ihrer Arbeit vertraut machen. Die beiden Stücke – ein abstraktes Gemälde in den für sie typischen satten roten Farben und eine elastische Plastik aus dicken schwarze Lederringen – stehen für verschiedene Stationen in ihrem Werk und nehmen den Besucher direkt für sich ein.

Auch sonst dominieren Kunst und Handwerk die beiden zentralen Räume von Zechs Wohnung, in welcher Wohn-, Ess- und Arbeitsbereich fließend ineinander übergehen. Direkt neben der Einbauküche und einem mit prächtigen Lilien geschmückten Esstisch befindet sich ein Arbeitstisch, an welchem sie an Wachsplastiken arbeitet. An allen anderen Ecken und Enden finden sich Fotos, Zeichnungen, Bücher und Kunstobjekte aus der ganzen Welt. Der Fundus aus bunt zusammengewürfelten Möbelstücken umfasst strenge Designklassiker genauso wie gemütliche Second-Hand-Stücke aus den Siebzigern.

„Ich sehe häufig bereits in einer Ausstellung, was an einer Arbeit noch gemacht werden muss. Kaum sind die Arbeiten raus, mache ich weiter.“

Zech erklärt uns, dass sie die Wohnung, in welcher sie schon seit knapp 15 Jahren lebt, flexibel eingerichtet hat: Nichts ist hier wirklich fest installiert, alles könnte in Windeseile umgebaut oder an einen anderen Ort gebracht werden. Dies zeigt, wie sehr die Idee eines stetigen Wandels das Denken und Arbeiten der Künstlerin bestimmt. Ein Motiv, das sich auch in ihrem Werk wieder findet. Denn nichts, was Sati Zech beginnt, ist je wirklich fertig: „Ich sehe häufig bereits in einer Ausstellung, was an einer Arbeit noch gemacht werden muss. Kaum sind die Arbeiten raus, mache ich weiter.“ Diese Rastlosigkeit und der Drang nach Veränderung offenbaren sich ganz besonders beim Besuch unserer nächsten Station – dem Atelier in Berlin-Moabit.

Hier herrscht ein geradezu ästhetisches Chaos aus Papierarbeiten, bemalten Stoffstreifen und Arbeitsmaterialien wie selbstgemischte Ölfarben. Zech widmet sich dort derzeit mit großer Hingabe ihren so genannten Bollenbildern, in welchen sie runde Formen in sattem Rot in unterschiedlichen Größen und Abständen an- und untereinander reiht. Das Projekt hat 2006 mit einer Ausstellung im Heidelberger Kunstverein begonnen und wird seitdem von Zech in immer neue Richtungen weitergedacht.

„In diesen Arbeiten geht es um Kommunikation. Die einzelnen Bollen sind wie Elemente eines Musikstücks. Oder Fahnen. Oder Haut, die mit Zeichen versehen ist.“

Für die Künstlerin ist die voluminöse und sinnliche traditionelle Kunst vieler afrikanischer Länder dabei ebenso Inspirationsquelle wie das Thema Weiblichkeit. Außerdem verfolgt sie mit der rhythmischen Anordnung der „Bollen“ auch den Zweck, mit Betrachtern in Kontakt zu treten: „In diesen Arbeiten geht es um Kommunikation. Die einzelnen Bollen sind wie Elemente eines Musikstücks. Oder Fahnen. Oder Haut, die mit Zeichen versehen ist.“

Kommunikation ist für Zech allerdings nichts, was ihr nur in künstlerischer Hinsicht wichtig ist. Das finden wir während des gemeinsamen Tags mit ihr schnell heraus. Egal, ob sie mit uns leidenschaftlich über Kunst spricht oder – wie im Fall ihrer neuen Untermieter – Flüchtlinge anspricht, die direkt neben ihrem Atelier vor der Landeszentrale für Gesundheit und Soziales auf eine Registrierung warten: Sati Zech geht auf Menschen zu, sucht den Austausch, verarbeitet ihre Erfahrungen. Es ist unheimlich motivierend und erfrischend, diesem Tatendrang zu zusehen.

Wie bedanken uns ganz herzlich bei Sati für die Einblicke in Leben und Arbeit und wünschen Ihr und ihren beiden Mitbewohnern nur das Beste.