Stephan Tillmans
Designer & Fotograf, Apartment & Büro, Kreuzberg, Berlin
FvF × vitra
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Stephan Tillmans versucht die Balance zwischen Künstler- und Berufsleben zu meistern. In seiner preisgekrönten Abschlussarbeit namens Leuchtpunktordnungen, einer Fotoserie, hat er den Lichteffekt beim Ausschalten eines Röhrenfernsehers festgehalten. Gerade tritt Stephan seine erste feste Stelle als Service Designer an.

So zielgerichtet war Stephan nicht immer, erst nach zwei abgebrochenen Studiengängen hatte er den richtigen Weg für sich gefunden.

In Stephan Tillmans Berliner Altbauwohnung – wohlüberlegt und minimalistisch eingerichtet – erzählt er uns von seinem erstaunlichen Werdegang, wie er mit Erfolgsdruck umgeht und warum ausgerechnet unser Alltag die meisten Tücken berge.

Dieses Portrait ist Teil unser Zusammenarbeit mit Zeit Online, bei der regelmäßig ausgewählte Fotos auf Zeit Magazin Online erscheinen.

Du hast mit deiner Studiums-Abschlussarbeit gleich den renommierten Lead Award und andere wichtige Preise gewonnen. Warst du immer schon so zielstrebig?

Nein. Ich habe zwei Studienfächer abgebrochen, bevor ich zum Design kam: Zuletzt bin ich bei BWL in Emden klassisch gescheitert, das dieses Studium nichts für mich war, hatte ich erst gemerkt, als ich schon mittendrin war.

Wie so viele wollte ich dann in Berlin mein Glück versuchen und habe erst einmal beim Theater gejobbt – das war eine ganz neue Welt für mich. Wir mussten zwischen den Szenen das Bühnenbild umbauen, da waren alle auf Zack und das war manchmal recht turbulent.

Nach dem BWL-Studienalltag in der Kleinstadt war das genau die Abwechslung, die ich brauchte. Ich konnte mich mit Menschen austauschen, denen es ähnlich ging. Endlich konnte ich den Kopf frei kriegen, um in Ruhe zu gucken, wo ich beruflich wirklich hin wollte. Eigentlich hatte ich schon immer den Wunsch, Design zu studieren. Aber ich wusste zunächst nicht, was mich dazu befähigt.

Wie hat der Erfolg deine Arbeit beeinflusst?

Natürlich waren die Auszeichnungen eine schöne Bestätigung für die harte Arbeit. Gleichzeitig hat mich die plötzliche Aufmerksamkeit auch überfordert. Auf einmal gab es ein erwartungsvolles Publikum. Da passiert es schnell, dass du selbst viel zu viel von dir verlangst. Dazu kommt, dass ich mich und meine Arbeit plötzlich öffentlich definieren musste. Aber so weit war ich noch gar nicht – und bin es vielleicht bis heute nicht. Ich messe die Qualität neuer Ideen immer noch an dem Erfolg von Leuchtpunktordnungen (der Name der Abschlussarbeit).

Ich war mir während meines Studiums sicher, dass ich beruflich ins klassische Kommunikationsdesign will. Dann aber kam mir die Idee für meine Abschlussarbeit, die in eine völlig andere Richtung ging. Das Projekt war künstlerisch viel freier und abstrakter, das hatte mich am Anfang sogar abgeschreckt. Genau damit Erfolg zu haben, war zunächst verwirrend.

In einer Rezension heißt es über deine Abschlussarbeit, es gehe um die “Deaths of Televisions”? Kannst du das erläutern?

Meine Fotoserie ist in einer Zeit erschienen, in welcher der klassische Röhrenfernseher bereits ausgestorben war. Leuchtpunktordnungen kann als Visualisierung dieses Prozesses interpretiert werden.

Schon die grundlegende Art und Weise, wie wir Bewegtbilder konsumieren, durchläuft gerade einen Wandel. Das klassische Broadcasting wird wohl bald so gut wie keine Bedeutung mehr haben. Wir kommen nicht mehr mit der ganzen Familie vor dem Fernseher zusammen, sondern streamen beim Zähneputzen einen Film auf dem iPad. Diese Entwicklung könnte ebenfalls symbolisch in der Serie veranschaulicht sein.

Ich sehe in den Bildern aber weniger ein Sterben. Für mich bedeuten sie die Geburt von etwas Neuem. Ein Fernsehbild verschwindet, aber auf dem Weg ins Nichts entsteht ein anderes visuelles Ereignis. Das Foto als Medium fängt einen Moment ein und bewahrt und erhält ihn.

Muss Kunst immer eine Botschaft vermitteln?

Lange habe ich es für sehr wichtig gehalten, dass Kunst etwas Bestimmtes aussagt. Aber als ich vor einem größeren Publikum über meine Arbeit sprechen musste, ist mir immer mehr bewusst geworden, wie viele unterschiedliche Blickwinkel es auf meine Arbeit gibt. Und ehrlich gesagt hat meine Botschaft von Abstraktion und Konkretisierung in der Fotografie viele Leute auch einfach gelangweilt.

Mittlerweile glaube ich, dass es nicht die Hauptaufgabe des Künstlers ist, den Dingen eine konkrete Aussage aufzudrücken und so halte ich die inhaltlichen Informationen zu meiner Arbeit recht knapp. Ich finde es auch spannend, wenn die Menschen mir von ihren persönlichen Eindrücken und Assoziationen erzählen.

Stephan, alle Möbel und Details in deiner Wohnung wirken sorgfältig komponiert. Wo suchst du nach neuen Möbeln?

Wahrscheinlich stand schon einmal jedes Teil an jedem Ort in unserer Wohnung. Irgendwann haben wir entschieden, dass es sich so, wie jetzt alles steht, am besten anfühlt. Seitdem verändern wir es selten, aber wenn ich plötzlich das Gefühl habe, es ist an der Zeit etwas auszutauschen, schaue ich sehr gezielt und aufwändig in diversen Blogs. Ich weiß sehr schnell, was ich will.
Hauptsächlich suche ich im Internet nach guten Stücken. Auch wenn es viele Second Hand Design Möbelläden in Berlin gibt – meistens sind die wirklich tollen Stücke schon weg oder sie sind unbezahlbar. In den Geschäften am Stadtrand hat man vielleicht noch Glück. Vitra ist allerdings überall sehr begehrt.

Die weißen DKX Wire Chairs habe ich online unter Kleinanzeigen gefunden. Leider werden sie schnell zur Kleiderablage, ich schaufele sie regelmäßig wieder frei. Die Eames Plastic Side Chairs am Esstisch standen nach einer Büroauflösung in Spanien bei einer Online-Auktion zum Verkauf. Die schwarzen DKX Wire Chairs mit Polster habe ich als Leasing-Rückläufer in einem Laden für Büromöbel gekauft.

Als das Paket kam, habe ich mich richtig gewundert, wie schwer es war – die Stühle sehen so leicht aus, aber an dem Gewicht spürt man die Qualität. Dazu ist dieses Modell auch noch richtig bequem. Ich glaube, die Stühle sind mir von allen die liebsten.

Kommen wir auf deinen neuen Job zu sprechen. Wie sieht deine Arbeit als Service Designer aus?

Mein neuer Job ist meine erste Festanstellung. Allein das bringt schon viele Veränderungen mit sich. Als Designer sehe ich es als meine Aufgabe, Dinge für den Menschen einfacher, verständlicher oder benutzbarer zu machen. Als Service Designer arbeite ich ziemlich nah an den Bedürfnissen von Menschen. Unsere kleinste Einheit ist also nicht eine Zielgruppe, sondern eine einzelne Person. Dazu gehört das Begleiten, Beobachten und Befragen dieser Person, um zu verstehen, welche ‘Probleme’ diese haben könnte, zum Beispiel beim Einchecken am Flughafen oder beim Finden einer neuen Wohnung.

Daraus entstehen dann Services oder Geschäftsmodelle, die wir etwa über eine App erlebbar machen. Ich arbeite also in der Regel nicht an materiellen Produkten, sondern an Strategien und Abläufen, die ein möglichst positives Erlebnis für den Nutzer schaffen.

Eine der Schnittmengen zwischen meinem Beruf als Service Designer und meiner Tätigkeit als Künstler sehe ich in der Beobachtung von Alltagssituationen. Das Aufblitzen des Fernsehers beim Ausschalten war schon immer da. Wir haben es schon immer irgendwie wahrgenommen und irgendwann einfach ausgeblendet, um eine Parallele zu meiner besagten Abschlussarbeit zu ziehen. Als Service Designer geht es auch oft darum, Dinge, die schon immer so waren, in einem neuen Kontext zu verstehen.

Hat dich das Berufsleben verändert?

Nach der Uni habe ich freiberuflich als Gestalter gearbeitet. Aber irgendwann habe ich mich damit nicht mehr wohl gefühlt. Zum Beispiel habe ich Werbekampagnen für Produkte entwickelt, die überhaupt keinen Mehrwert hatten. Ich hatte also das Leben der Menschen nicht erleichtert, sondern wohl eher verkompliziert.

Aus diesem Grund bin ich für ein Semester an die HPI School of Design Thinking in Potsdam gegangen, um eine neue Perspektive auf meinen Job als Designer zu bekommen. Design Thinking orientiert sich sehr stark an den Bedürfnissen von einzelnen Konsumenten/Usern und versucht, Lösungen für diese zu entwickeln. Für mich war das eine inspirierende Einstellung, die mir geholfen hat, wieder den Sinn in meiner Arbeit zu sehen.

Auch als Künstler arbeite ich seitdem viel effektiver und ziehe schon früh die Meinung anderer hinzu – also fail often and early. Das Feedback meines ehemaligen Tutors James Higginson und die meines guten Freundes Max Kersting bedeuten mir viel und haben mir schon oft geholfen.

Siehst du dich als Künstler oder Designer?

Nach dem plötzlichen Erfolg mit meiner Abschlussarbeit habe ich mich nicht zwischen Kunst und Design entschieden, auch wenn viele das vielleicht von mir erwartet haben. Ich bin weder Künstler noch Designer – ich bin etwas dazwischen.

Leider ist das in der Umsetzung sehr viel komplizierter, auch ich muss gucken, wie ich meine Miete zahle. So bleibt das freie Fotografieren oft auf der Strecke, denn bezahlte Designaufträge haben Priorität. Da ich jetzt fest arbeite, fällt die Aufteilung nicht mehr so schwer. Während der Woche bin ich gerade auf jeden Fall Designer.

Als Service Designer sorgst du dafür, dass Arbeitsschritte für den User leichter werden, dass sich unser Arbeitstempo beschleunigt.  Aber geht es dir als Künstler nicht gerade um Entschleunigung?

Das ist richtig. Dass alles schnell gehen soll, belastet mich als Künstler. Ständig fragt jemand: Wann bringst du denn mal etwas Neues heraus? Die Leute können nicht verstehen, warum meine letzte Fotoarbeit zwei Jahre her ist. Aber etwas völlig Neues zu kreieren braucht Zeit.

Was könnten wir an unseren alltäglichen Gewohnheiten verbessern?

Ich finde besonders schade, dass wir oft alles gleichzeitig machen. Dadurch machen wir auch nichts richtig. Wir sind kaum noch in der Lage, uns nur auf eine Sache zu konzentrieren.

Ich möchte das gerne wieder lernen, schon angefangen bei den kleinen Dingen: Wenn du dich mit jemandem unterhälst, unterhalte dich. Wenn du dann auf dein Handy guckst, guck wirklich auf dein Handy. Ich habe das Gefühl, es kostet uns wahnsinnig viel Energie, sich nur auf eine Sache zu konzentrieren. Jetzt klinge ich wie eine alte Frau. (lacht)

Du hast mal erwähnt, dass unser Lebensstil nicht an die neuen Bedürfnisse des Menschen angepasst sei. Was meinst du damit?

Die Arbeit nimmt einen Großteil unseres Lebens ein, aber gerade dort fühlen sich immer mehr Menschen am unglücklichsten. An der wachsenden Zahl von Burn-Outs lässt sich das vielleicht gut ablesen.

Das System Berufsleben ist veraltet, das fängt schon beim klassischen Arbeitsplatz an. Nachwievor erledigen wir fast alle wichtigen Aufgaben im Sitzen.

Sitzen ist das neue Rauchen und wir sind nicht dafür gemacht, täglich acht Stunden in gekrümmter Haltung vor einem Schreibtisch zu sitzen.

Ich bin nicht sicher, ob Stehen die richtige Alternative ist, aber an der School of Design Thinking haben wir alle meistens im Stehen gearbeitet. Das bringt gerade in Meetings eine ganz andere Dynamik mit sich.

Ich finde es toll, bestehende Systeme zu hinterfragen. Gerade, weil ich selbst durch meinen persönlichen Balanceakt zwischen Kunst und Design auf ein Umdenken angewiesen bin.

Stephan, vielen Dank für deine Zeit und den Einblick in deine Gedanken wie auch in dein schönes Zuhause!

Dieses Portrait ist Teil unserer Kollaboration mit Vitra. Hier geht es zu weiteren Eindrücken von unserem Besuch bei Stephan. Mehr über seine Arbeit erfahrt ihr auf seiner Website.

Wir unterhalten uns regelmäßig mit kreativen Köpfen in Berlin. Hier findet ihr alle Interviews aus der Stadt.

Interview & Text: Leonie Haenchen
Fotografie & Video: Philipp Langenheim & Corina Schadendorf