Sich Zeit nehmen: im Vallée de Joux mit Olivier Audemars
Mit einem ungebrochenen Unabhängigkeitsdrang konstruiert das Schweizer Familienunternehmen seine weltweit renommierten Uhrwerke,
Audemars Piguet × FvF
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Mit seinen schneebedeckten Hängen und dem blass schimmernden Lac de Joux stellt das Vallée de Joux ein perfektes Postkartenmotiv dar. Das war jedoch nicht immer so.

Lange galt das Tal mit seinen harten und langen Wintern als eine Umgebung, die den Menschen feindlich gegenüber steht. Niemand unternahm den ernsthaften Versuch, auf diesem abgeschiedenen Fleck Erde sesshaft zu werden. Es war die Flucht vor dem religiösem Fanatismus, der im 16. Jahrhundert Siedler in das Tal brauchte, und mit ihnen einen Geist der Unabhängigkeit. Die Winter im Tal waren lang, und es ist wohl der Ironie der Geschichte geschuldet, dass diejenigen, die Zeit im Überfluss hatten, zu den Meistern ihrer Vermessung wurden.

Auch heute führt nur eine schmale Landstraße in das abgelegenen Hochtal. Ab und an verirren sich ein paar Touristen in die Gegend. Meistens sind es aber Gäste, die aus fernen Ländern angeflogen kommen, um einmal an dem Ort gewesen zu sein, der heute als Wiege des Schweizer Uhrhandwerks gilt. Dabei wird ein Teil Geschichte oft genug unterschlagen: nämlich, dass die Schweizer Uhrmachertradition mit einer Gruppe Querköpfe begann, die schlichtweg nach einer Beschäftigung suchten.

Audemars Piguet gehört zu eben jenen Schweizer Uhrmanufakturen, die sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Tal gegründet und sich in Le Brassus einen Geist von Unabhängigkeit bewahrt haben. Hier treffen wir Olivier Audemars, der zusammen mit Jasmine Audemars das Familienunternehmen von Audemars und Piguet heute in vierter Generation fortführt. Er ist nur wenige Meter von der Manufaktur entfernt aufgewachsen. Es war Oliviers Großvater, der ihn als Kind immer wieder in die Manufaktur mitgenommen hat und mit dem Handwerk vertraut machte. Die Geschichte könnte also schnell erzählt sein: Der Enkel tritt in die Fußstapfen seines Urgroßvaters und führt die fast 150 Jahre alte Tradition in die nächste Generation über.

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So einfach war es dann aber doch nicht. Während Oliviers Schwestern beide eine künstlerische Laufbahn einschlugen, schloss Olivier sein Ingenieurstudium in Materialphysik ab und gründete sein eigenes Laboratorium. “Ich bin der am wenigsten ‘Künstlerische’ bei uns in der Familie”, sagt er fast entschuldigend. Dann aber erklärt er, dass für ihn die Künste und die Physik gar nicht so weit voneinander entfernt liegen: “Beide beschäftigen sich mit den großen Fragen der Menschheit, beide stellen philosophische Fragen. So ist mein Weg in die Physik auch ein Ausdruck meines kreativen Ichs.” Olivier ist ein ziemlich entspannter Typ, das attestieren ihm alle seine Mitarbeiter. Einer, der gerne Geschichten erzählt. Wir sind also in den nächsten zwei Tagen vor allem damit beschäftigt, diesen Geschichten zu folgen. Denn bei Audemars Piguet gibt es viele davon und Olivier kennt sie alle.

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“Das Unternehmen gehört den Leuten, die hier arbeiten – den Uhrmachern, ihren Familien und dem Tal.”

Heute ist Olivier froh, den beruflichen Umweg über die Physik gegangen zu sein. Seine eigene Firma führt er auch heute noch, neben seiner Haupttätigkeit als Vorstandsmitglied. “Das Unternehmen gehört den Leuten, die hier arbeiten – den Uhrmachern, ihren Familien und dem Tal. Wir tun alles, damit das auch so bleibt”, erklärt er uns auf dem Weg in eine der drei Manufakturen. Was sich zunächst nach sozialistischer Utopie anhört ist ziemlich nah dran an dem, was die Uhrenbranche einst ausgezeichnet hat: Statt einzelne, unabhängige Unternehmen zu gründen, wurde in Kollektiven zusammengearbeitet. Die Idee, sich zu differenzieren und selbstständig zu machen, ist relativ neu. Auch die Idee, Uhren in größeren Stückzahlen als Kollektionen zu produzieren, ist ein Kind des Marketings. Denn erst so konnten Uhren zur Marke werden. Davor war jedes Stück ein Unikat. So kommt es, dass Audemars Piguet erst 1955 die erste Serie auf den Markt gebracht hat. Zu diesem Zeitpunkt hatte das Unternehmen bereits seit 80 Jahren Uhren hergestellt. Auch heute dauert es noch mindestens drei Jahre, bis eine Uhr so weit entwickelt ist, dass sie serienmäßig produziert werden kann, erklärt uns Olivier, während wir an einem Arm des namensgebenden Flusses Le Brassus durch das Dorf spazieren.

Wir erreichen die Manufaktur. Hier beginnt man zu verstehen, wie ein Produkt zum Teil der Identität einer ganzen Nation werden konnte. 400 Uhrmacher und Handwerker produzieren hier jährlich 36.000 Uhren. Zum Vergleich: Rolex produziert in der gleichen Zeit nicht weniger als eine Millionen Exemplare. Olivier führt uns durch die Hallen, die eine Mischung aus Labor und Werkstatt sind. Die Gerätschaften auf den Tischen erinnern an einen Zahnarztbesuch. Alles ist irgendwie kleiner als anderswo: Winzige Zangen und Pinzetten liegen bereit, es gibt unfassbar viele Teilchen, die hier zu Uhren zusammengesetzt werden und deren Wert einen schwindelig werden lässt. 648 Teile hat das Uhrwerk einer Grande Complication – sechs Monate, das sind circa 1000 Stunden, baut ein Uhrmacher an solch einem Mikrokosmos. “Es ist fast so wie eine Geburt”, sagt Olivier während er einen Blick durch das Mikroskop wirft. Viele der Teile sind so klein, dass man sie gerade noch mit dem bloßen Auge erkennen kann. 80% der Uhr wird hier selbst hergestellt, ein Prozentsatz, den selbst in der Schweiz kaum ein Uhrenhersteller aufweisen kann. Die restlichen 20% stammen von spezialisierten Zulieferern. Ein großer Bereich der Herstellung der Uhr liegt also im Vallée du Joux. In diesem Umstand steckt wieder etwas vom Rebellentum der Gründerjahre – man könnte fast sagen, es ist eine gewisse Dickköpfigkeit, die sich durch die Geschichte des Unternehmens zieht.

400 Uhrmacher und Handwerker produzieren hier jährlich 38.000 Uhren.

648 Teile hat das Uhrwerk einer Grande Complication – sechs Monate, das sind circa 1000 Stunden, baut ein Uhrmacher an solch einem Mikrokosmos.

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Es gab Zeiten, da hat die Manufaktur nur eine einzige Uhr im Jahr produziert. Eine einzige. Damals waren nur noch fünf Uhrmacher übrig – und alles, weil sich die Inhaber strikt weigerten, die Prozesse zu mechanisieren. Sie sahen darin längerfristig einen Verlust – eine Weitsicht, die sich am Ende ausgezahlt hat. Statt wie andere Unternehmen vermehrt mit Maschinen zu arbeiten, begann Audermars Piguet noch mehr Wert auf die Arbeit von Hand zu legen und diese immer weiter zu perfektionieren. Während der Quarzkrise in den Siebzigern gingen zwei Drittel der Jobs in der Uhrenbranche verloren. Damals dachte man, die mechanische Uhr sei überflüssig geworden, das Uhrenhandwerk am Ende.

“Wir versuchen immer, an das anzuknüpfen, was wir von unseren Vorfahren gelernt haben.”

Rückblickend lässt sich jedoch ein sehr klares, aber dennoch überaus erstaunliches Muster erkennen: Immer dann, wenn in der Branche panikartig entlassen und mechanisiert wurde, hat sich Audemars Piguet auf seine Herkunft, seine Tradition und sein “Savoir-Faire” – sein Know-How berufen. “Wir versuchen immer, an das anzuknüpfen, was wir von unseren Vorfahren gelernt haben und was wir an Wissen angehäuft haben. Und es dann noch besser zu machen.” Diese Worte von Olivier hören sich wunderbar schlüssig an, und genau darin steckt vielleicht das Geheimrezept für den Erfolg des Unternehmens. Es impliziert nämlich, dass man Innovation erst einmal definieren muss. Innovation kann auch bedeuten, dass man sich bewusst gegen Neuerungen stellt und so alte Produktionsweisen und Berufsbilder erhält.

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Das lässt sich am besten in der Restaurationswerkstatt beobachten, die sich noch immer im ursprünglichen Wohnhaus der Audemars-Familie befindet. An diesem Ort, der heute ein Museum ist, treffen wir die beiden Uhrmacher Francisco und Angelo bei der Arbeit an. Hier werden nicht einfach alte Uhren restauriert. Es ist eher so, als würde hier Vergangenheit originalgetreu reproduziert. Produktionsweisen und Werkzeuge entsprechen denen von vor 100 Jahren. Und bevor eine Uhr restauriert werden kann, kann es passieren, dass Francisco und Angelo erst einmal das Werkzeug dafür nachbauen müssen. Die Bezeichnung “Ersatzteillager” ist eigentlich irreführend, vielmehr ist es ein Modellager, denn die alten Teile werden nicht verbaut, sondern nachgebaut. Francisco ist seit 36 Jahren im Unternehmen, und als wir ihn bei der Arbeit besuchen, ist er eigentlich schon auf dem Nachhauseweg. Es ist 16 Uhr, Feierabend für die meisten Uhrmacher. Dann geht es nochmal auf den Berg. Oder in Franciscos Fall auf die Straße – er ist bereits mehrmals den New York Marathon gelaufen. “Als Zweitberuf bin ich eigentlich Kehrer”, sagt er mit einem Lächeln, als ihm ein kleines Ersatzstück aus der Hand fällt. “Wenn du an so einem Teil zwanzig Stunden sitzt, dann suchst du, bis du es gefunden hast.“ Es kam auch schon einmal vor, dass ein Teil in der Entlüftungsanlage wiedergefunden wurde. So viel zum Thema Ausdauer in allen Lebensbereichen.

“Die Uhr ist Ausdruck der Kunst des Uhrmachers.”

Das Vallée de Joux ist ein wundervoller Ort, an welchem Utopie gelebt wird und eine sehr lebendige Vergangenheit die Zukunft bestimmt. Am Ende unserer Tour durch die Manufaktur sagt Olivier einen Satz, der exemplarisch für die Philosophie seines Handwerks ist: “Die Uhr ist Ausdruck der Kunst des Uhrmachers – es war immer unser Ziel, sie noch komplizierter zu machen.” Und im Fall von Audemars Piguet ist sie auch ein Ausdruck ihrer direkten Umgebung im Vallée de Joux. Das Tal und die Geisteshaltung der Menschen hinterlassen ihre Spuren in den Uhren, die hier gefertigt werden: Die ganze Welt findet sich darin wieder und wieder und selbst die Astronomie hat ihre Fingerabdrücke in diesen kleinen Universen aus Bewegungen und Zeigern hinterlassen.

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Danke, Olivier,  für die Zeit, die Du mit uns verbracht hast und für die einzigartige Tour durch die spannende Geschichte des Unternehmens und des Vallée de Joux.

In Kollaboration mit Audemars Piguet schaut FvF hinter die Kulissen des Schweizer Familienunternehmens, um mehr über die bewegte Geschichte und das komplexe Handwerk der Uhrmacherei zu erfahren. FvF beleuchtet das kulturelle Engagement der Schweizer, welches von der Partnerschaft mit Kunstinstitutionen wie der Art Basel bis zur Förderung von Künstlern und Kunstprojekten reicht.

Text: Antonia Märzhäuser
Fotografie: Laurent Burst