Frauen im Kulturbetrieb und das leise Bröckeln der Glasdecke

Alyse Archer-Coité, Silke Hohmann, Kristina Leipold und Tanja Wagner sprechen bei The Sooner Now über Repräsentation, Gender Bias und Aufstiegschancen

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Silke Hohmann blickt in ein Organ aus Kunstharz, gefüllt mit Edelsteinen und organischem Material, das in der Berliner Galerie Wentrup ausgestellt ist – und wirkt dabei tiefenentspannt.

Die Redakteurin des Kunstmagazins Monopol ist mit Mariechen Danz’ Werk bereits vertraut; sie hat die irische Künstlerin vor ein paar Jahren auf die „Watchlist“ der Publikation gesetzt und ist begeistert zu sehen, wie weit sie seitdem gekommen ist. „Letztes Jahr war sie bei der 57. Biennale in Venedig dabei“, sagt Silke. „Es ist immer toll zu sehen, wie KünstlerInnen, von denen man schon früh überzeugt ist, ihren Weg machen.“

Künstlerinnen eine Stimme zu geben, ist für Silke Hohmann eine bewusste Entscheidung: Seit 2017 hat sie 11 Leitartikel für Monopol geschrieben, acht davon über Frauen. Die Kunstwelt erkennt heute an, dass eine gleichwertige Repräsentation der Geschlechter in Ausstellungen und Publikationen ein wesentlicher Bestandteil dessen ist, was Silke die „Korrektur der Kunstgeschichte“ nennt. Aber das war nicht immer so. Als Silke in ihren frühen Zwanzigern anfing, über Kunst und Kultur zu schreiben, stieß sie immer wieder auf Unverständnis, wenn sie darauf hinwies, dass eine Ausstellung wieder einmal nur Kunst von Männern zeigte. „Ich hörte immer solche Sachen wie: ‚Ähm, nein, wir wählen nicht anhand des Geschlechts, sondern anhand der Qualität aus‘“, sagt sie. „Etwas anderes, was mir immer wieder erzählt wurde, war, dass Quoten antifeministisch sind, weil die Leute für ihre Leistung anerkannt werden wollen und nicht für ihr Geschlecht.“

Bei The Sooner Now Berlin haben Alyse Archer-Coité, Silke Hohmann, Kristina Leipold und Tanja Wagner gemeinsam über die Rolle von Frauen im Kulturbetrieb diskutiert. Mehr über das gemeinsame Veranstaltungsformat von MINI und FvF am Ende dieses Artikels.

Silke Hohmann in der Galerie Alexander Levy; Arbeit im Hintergrund: Julius von Bismarck
Mariechen Danz: Digestive System 3D (fossalizing / extinct horn), 2018, Galerie Wentrup

Das Vorurteil, das hierin impliziert ist – nämlich dass die fehlende Repräsentation von Frauen in der Kunst auf mangelndes weibliches Talent zurückzuführen sei –, hat sich nur sehr schwer ins Wanken bringen lassen. Als Tanja Wagner 2010 ihre Stelle als Direktorin der Galerie Max Hetzler aufgab, um ihre eigene Galerie zu eröffnen, fand sie sich mit ähnlichen Anschauungen konfrontiert. „Ich unterhielt mich mit einer Kollegin von mir, auch eine Galeristin, und wir sprachen über Künstlerinnen. Sie meinte: ‚Ich würde so gerne mehr Frauen zeigen, aber es gibt einfach keine guten‘.“ Anstatt sich von diesem Standpunkt jedoch entmutigen zu lassen, sah sie ihn als Herausforderung. „Ihre Aussage hat irgendetwas in mir ausgelöst. Ich dachte mir, okay, ich gehe da raus und forsche nach und schaue, ob es wirklich so schwer ist, Künstlerinnen zu finden, die etwas zu sagen haben. Innerhalb von sechs Monaten hatte ich fünf fantastische Frauen ausfindig gemacht und das war der Startschuss für meine Galerie“, erinnert sie sich. Heute sind acht der neun Namen auf ihrer Liste Frauen – sehr ungewöhnlich für Deutschland, wo 80 Prozent der durch kommerzielle Galerien vertretenen KünstlerInnen männlich sind -, aber Tanja entscheidet sich bewusst dafür, dem nicht zu viel Beachtung zu schenken. „Ich finde es toll, dass sie weiblich sind, aber es geht mehr um die Positionen dieser Künstlerinnen und was sie zu sagen haben. Für mich dreht sich alles darum, eine globale Perspektive zu haben, über Themen zu sprechen, die für die Gesellschaft und das Leben des Individuums wirklich wichtig sind“, sagt sie.

„Ich würde mir wünschen, dass wir diese Dinge überhaupt nicht mehr diskutieren müssen und es einfach normal ist, dass Frauen ein Teil der Kunstwelt sind.“

— Kristina Leipold

Als Programmdirektorin von A/D/O, einer von MINI ins Leben gerufenen Designinstitution mit Werkstatt- und Coworking-Räumen in Brooklyn, hat Alyse Archer-Coité eine ähnliche Einstellung bezüglich des Marketings der Events, die sie organisiert. „Ich war noch nie bei einem Event, wo es hieß: ‚Und hier sind lauter weiße Männer, die über dieses und jenes Thema sprechen – willkommen‘“, sagt sie und lacht. Stattdessen bietet A/D/O ein breites Programm an, bei dem das Geschlecht der Beteiligten nicht hervorgehoben wird. „So wird erreicht, dass es als normal wahrgenommen wird, dass Frauen sich in einem solchen Raum aufhalten und über gewisse Dinge sprechen, man muss es nicht noch extra betonen. Denn das ist die wirklich wichtige Arbeit: durch Sprache Veränderungen herbeizuführen, ohne dass man dabei tatsächlich immer alles sagt“, fügt Alyse hinzu. Sie möchte auch hinter die binäre Geschlechtertrennung schauen und sich mit den Bedürfnissen derjenigen auseinandersetzen, die sich mit keinem Geschlecht identifizieren, sei es auf Seiten der Design- und Kunstschaffenden, die dort arbeiten, oder seitens der Besucherschaft von A/D/O. Als relativ neues Thema für die meisten Cisgender-Menschen (Individuen, deren Geschlechtsidentität dem Geschlecht entspricht, das ihnen bei der Geburt zugeteilt wurde) heißt das, dass es einen Dialog darüber gibt, wie Angestellte miteinander sprechen und aufeinander Bezug nehmen – eine entscheidende Komponente dabei, die Stimmen derjenigen, die sich nicht einem Geschlecht zuordnen, sichtbar zu machen. „Wir legen einfach neue Rahmenbedingungen und Regeln für unseren Ort fest“, erklärt Alyse.

„Mein Eindruck ist, dass die USA und einige andere Länder in Europa Deutschland um ein Jahrzehnt voraus sind.“

— Silke Hohmann

Das Bedürfnis, einfach in dieser Welt zu existieren, völlig unabhängig von dem – wenn überhaupt irgendeinem – Geschlecht, mit dem man sich identifiziert, ist ein gemeinsamer Nenner unter den vier Befragten: Als sie gefragt wird, was sie an der Kunstwelt ändern würde, hat Kristina Leipold einen Wunsch. „Ich würde mir wünschen, dass wir diese Dinge überhaupt nicht mehr diskutieren müssen und es einfach normal ist, dass Frauen ein Teil der Kunstwelt sind“, sagt sie. Falls in ihrer Stimme ein Hauch Frustration mitschwingt, liegt das daran, dass sie in ihrer neuen Rolle als Head of Finance and Development des weiblich geführten Management-Teams am Gropius Bau in Berlin in letzter Zeit viel zum Thema Gender befragt wurde. Die Direktorin des Ausstellungshauses, Stephanie Rosenthal, ist eine der acht Frauen, die 2018 zu Leiterinnen von deutschen Kunstinstitutionen ernannt wurden – unter anderem fiel die Wahl auch auf Nikola Dietrich vom Kölnischen Kunstverein und Susanne Pfeffer am MMK. Viele hoffen, dass diese Positionen dabei helfen können, den ungleichen Einfluss der Männer auf die Kunst- und Kulturlandschaft des Landes auszubalancieren.

Es ist jedoch offensichtlich, dass Deutschland noch einen langen Weg vor sich hat. Wie Alyse (die eine Zeit lang in Berlin gearbeitet hat) war auch Kristina in Berlin und New York angestellt und hat einen guten Eindruck davon bekommen, wie mit der Geschlechtergleichstellung in beiden Städten umgegangen wird. „Ich denke, dass in den USA ein ausgeprägtes Bewusstsein herrscht, wenn es um den Arbeitsplatz geht und darum, wie man miteinander interagiert und kommuniziert, kurzum: wie man seine Kolleginnen und Kollegen behandelt. Diese Erfahrung habe ich ebenfalls bei meiner Arbeit für Google in Deutschland gemacht, würde aber nicht sagen, dass dies hier der Normalfall ist“, sagt sie. Silke, die ebenfalls Deutsche ist, stimmt zu: „Mein Eindruck ist, dass die USA und einige andere Länder in Europa Deutschland um ein Jahrzehnt voraus sind.“

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Tanja Wagner und Silke Hohmann in der Galerie Tanja Wagner; Arbeit im Hintergrund: Grit Richter
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„Ich möchte die bestehenden Verhältnisse nicht reproduzieren, sondern aufbrechen. (...) Es gibt einen Berg an Kulturgeschichte, den wir noch durcharbeiten müssen.“ — Tanja Wagner
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Alyse Archer-Coité auf dem Dach von Bikini Berlin
Kristina Leipold gehört als Head of Finance and Development zum neuen, weiblich geführten Management-Team am Gropius Bau

„Viele der Themen, über die wir jetzt reden, sind ein Resultat davon, dass die Arbeit von Frauen nicht wertgeschätzt wird.“

— Alyse Archer-Coité

Ein entscheidender Unterschied, bei dem Deutschland die Nase vorn hat, ist allerdings der Mutterschutz. In den USA gibt es keine landesweit vorgeschriebene Regelung, nach der Eltern nach der Geburt von der Arbeit freigestellt werden, während sich Mütter hierzulande auf 14 Wochen voll bezahlten Mutterschaftsurlaub verlassen können. „Das amerikanische System ist etwas weniger nett zu Frauen“, gibt Alyse zu. „Ich denke, sie [amerikanische Unternehmen] halten schwangere Frauen für unbequem und teuer. Das muss sich ändern.“ Basierend auf den Erfahrungen, die sie bislang bei ihrer Arbeit im Gropius Bau gemacht hat, hält Kristina die Institution für familienfreundlich; die öffentliche Einrichtung erlaubt ihren Angestellten, ihre Arbeitszeiten an ihre Bedürfnisse anzupassen (zum Beispiel kann ein Elternteil seine Stunden auf sechzig Prozent reduzieren und später wieder erhöhen, sobald das Kind in die Schule geht). Aber für KünstlerInnen, deren Beschäftigungsverhältnis dem von Freischaffenden oder UnternehmerInnen gleicht, sind die Aussichten weniger rosig. Ein besonderer Punkt, bei dem KünstlerInnen mit Familien benachteiligt werden, sind Residency-Programme. „Es gibt Residencies, bei denen auf der Website ganz klar gesagt wird, dass Familien nicht erwünscht sind, dabei können viele KünstlerInnen, insbesondere am Anfang, nur so überleben, weil sie erst Erfahrung sammeln und sich ihren Markt erarbeiten müssen“, erklärt Tanja.

Ganz egal, welches Land oder welche Kultur man sich anschaut, Frauen sind größtenteils immer noch die primären Betreuungspersonen in den Familien, was bedeutet, dass Künstlerinnen durch die Entscheidung, Kinder zu bekommen, deutlich benachteiligt werden. Künstlerinnen wie Marina Abramović haben öffentlich darüber gesprochen, dass sie sich für ihre Karriere statt für Kinder entschieden haben, aber Tanja hofft, dass es für die neue Generation nicht mehr so sein wird. „Die Hälfte aller KünstlerInnen, mit denen ich arbeite, sind Eltern und das ist solch eine Inspiration, weil sie es trotz mangelnder Unterstützung schaffen. Eine meiner Künstlerinnen hat zwei Kinder innerhalb von vier Jahren bekommen und genau da kam ihre Karriere ins Rollen – nahezu ohne irgendwelche institutionelle Förderungen für die Ausstellungen und Preise, die sie bekommen hat. Das ist etwas, woran wir arbeiten und was wir besser unterstützen können“, sagt sie.

Am Ende haben dieses und viele andere Probleme von Frauen im Kulturbetrieb mit einem Phänomen zu tun, das Frauen in allen Branchen betrifft: der Gender-Pay-Gap. Gemeinhin wird gesagt, dass Frauen im Durchschnitt 80 Cent verdienen verglichen mit jedem Dollar, der in die Geldbeutel der Männer wandert. „Viele der Themen, über die wir jetzt reden, sind ein Resultat davon, dass die Arbeit von Frauen nicht wertgeschätzt wird“, sagt Alyse. „Nur wenn Frauen und Männer, oder überhaupt alle Menschen, die irgendwie am Arbeitsmarkt teilnehmen, den gleichen Zugang zu Wohlstand haben, kann die Entscheidung, die sie treffen [in Bezug auf Kinder], wirklich ihre eigene sein und nicht abhängig von irgendeinem ökonomischen Modell, das für ein bestimmtes Geschlecht entwickelt wurde. Das wäre ein toller Ausgangspunkt – und von da aus, wer weiß?“

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„Sprache hat sehr viel Macht“, sagt Alyse Archer Coité, im Wissen, dass gerade die vorherrschende Betonung auf Gender ein Zeichen dafür ist, wie weit wir noch von der Gleichberechtigung entfernt sind.
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„Der persönliche Kontakt zu Galerien ist unheimlich wichtig – Kunst kommt nicht per Mail.“ — Silke Hohmann; Arbeit im Hintergrund: Oliver Laric, Galerie Tanya Leighton
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Alyse Archer-Coité, Silke Hohmann, Kristina Leipold und Tanja Wagner waren alle Podiumsgäste bei The Sooner Now Berlin. Die Diskussion im 25hours Hotel Bikini Berlin drehte sich um die Rolle von Frauen im Kunst- und Kultursektor.

The Sooner Now ist eine gemeinsame initiative von FvF und MINI, die sich der Frage angenommen hat, wie wir zukünftig in unseren Städten leben wollen. Über das Jahr hinweg werden weitere Gesprächsrunden in ausgewählten deutschen Großstädten stattfinden. Alle nächsten Stationen findet ihr hier. Dieses Jahr wird die langjährige Zusammenarbeit vom Designmagazin IDEAT unterstützt.

Text: Chloe Stead für FvF Productions
Fotografie: Daniel Faro; Robert Rieger für FvF Productions