Uta Grosenick
Publisher at DISTANZ, Apartment, Friedrichshain, Berlin
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In Zeiten des digitalen Wandels, in denen im Netz Texte und Bilder jederzeit zum freien Konsum bereitstehen, wird die sinnliche Ebene analoger Bücher immer essentieller.

Der Duft von Druckerfarbe, das Rascheln der Seiten beim schnellen Blättern, ein leichtes Kribbeln in den Fingerspitzen beim Streichen über das Cover; nicht zuletzt die Funktion des Buches als ästhetisches Objekt, das sich harmonisch einfügt in die Lebens- und Dingwelt des Lesers, zeugt von dem emotionalen Wert, der von einem gedruckten Werk im Gegensatz zu seinem digitalen Äquivalent ausgeht.

Immer mehr kommt es auf die Verpackung an. Wer in gleichem Maße aber auch auf Inhalt setzt, hält sich an Uta Grosenick. Gemeinsam mit dem Agentur-Betreiber und Kunst-Mäzen Christian Boros gründete die Kölnerin 2010 den Verlag Distanz mit Standort Berlin, der sich auf intelligente schöne Bildbände aus den Sparten zeitgenössische Kunst und Lifestyle spezialisiert hat. Ihr besonderes Steckenpferd sind Monografien junger Künstler, die in gemeinsamer, enger Zusammenarbeit entstehen. Beinahe 200 Bücher wurden seit der Gründung von Distanz bereits verlegt – eine beachtliche Zahl, die Erfolg bedeutet.

Vielleicht versteht Uta Grosenick ihr Handwerk so gut, weil sie Wissen mit Leidenschaft und Intuition mit Reflektion kombiniert und alles aufbaut auf ein Fundament aus langjähriger Erfahrung in ganz unterschiedlichen Bereichen der Kunst- und Kulturrezeption. Vor der Gründung des Distanz Verlags arbeitete sie als freie Herausgeberin bei Taschen und als Programmleiterin bei DuMont, als Projektmanagerin an den Hamburger Deichtorhallen und als Kuratorin am Kunstmuseum Wolfsburg. Privat zeigt sich ihre Passion für die Materie an ihrer Sammlung zeitgenössischer Arbeiten zum Beispiel von Wolfgang Tillmans, Tobias Rehberger oder  Florian Meisenberg – und an teils engen Freundschaften, die sie mit den jeweiligen Künstlern verbinden.

„Wer mit Kunst arbeitet, lebt auch damit“, sagt Uta einmal während unseres Interviews, als wir die Verlegerin zu Hause in ihrer Wohnung in Friedrichshain besuchen. Gleiches gilt übrigens auch für Bücher. Das helle Apartment, gelegen in dem ruhigen Hinterhof einer quirligen Straße, gleicht einer aufgeräumten Wunderkammer, in der eine unangestrengte Ansammlung aus wohl gestalteten Bildbänden, Kunstwerken und ein über die Jahre zusammengewachsenes Mobiliar kreative Adern praktisch freilegt. Die ideale Kulisse für ein Gespräch über das Verlegen, Kunst und den wachsenden Einfluss des Digitalen – und für Fotos, geschossen von Utas gutem Freund, dem Modefotografen Joachim Baldauf.

Gemeinsam mit Christian Boros hast Du 2010 den Distanz Verlag gegründet. In Zeiten, in denen die Printbranche zittert – wie kommt man darauf, einen Kunstbuchverlag ins Leben zu rufen?

Ich war neun Jahre lang freie Herausgeberin bei Taschen und habe dort zwanzig Bücher herausgegeben, bevor ich Programmleiterin Kunst beim DuMont Verlag wurde. Ich kannte Christian Boros schon sehr lange aus der rheinischen Kunstszene – wir kommen ja beide aus Köln – arbeitsmäßig gab es aber bis dato noch keine Berührung. Das änderte sich, als die Autostadt Wolfsburg ein Jahrbuch veröffentlichen wollte, das Christian konzipierte und welches von DuMont verlegt wurde. So lernten wir uns kennen und haben ein zweites Projekt realisiert: eine Monografie über Erwin Wurm. Zeitgleich hat es bei DuMont gravierende Veränderungen gegeben, die mich nicht sehr glücklich gemacht haben. Da sind wir auf die Idee gekommen, selber einen Verlag aufzumachen.

Was unterscheidet den Distanz Verlag von anderen Kunstbuchverlagen?

Inhaltlich ist es das, wofür wir stehen: zeitgenössische Kunst. Auf dem Feld kennen wir uns aus und können unseren Kunden Authentizität vermitteln – auch, weil ein persönliches Interesse besteht. Was sehr gut funktioniert hat, ist, dass wir am Anfang unsere Netzwerke zusammen geschmissen haben. So hatten wir gleich Kunden, die mit uns arbeiten wollten. Wir sind sehr schnell eine Marke in der Kunstbuch-Verlagslandschaft geworden. Und die Arbeit macht wahnsinnig viel Spaß.

Wieso „Distanz“?

Zunächst wollten wir nicht unsere Namen zum Logo machen, ein eigenständiger Begriff musste also her; gar nicht so einfach. Ich erinnere mich noch sehr genau dran, wie eines Sonntagmorgens um halb acht mein Telefon klingelte. Christian war dran und sagte: Wie soll das Ding denn jetzt heißen? Fortschritt oder Distanz? Und dann hab ich gesagt: Nee, Fortschritt, das geht gar nicht. Also wurde es Distanz. Die Kunstszene fand den Namen anfangs doof, die Werbeszene hingegen super, weil man ihn sich schnell einprägt.

Christian Boros hat mal gesagt, Distanz sei eine Haltung.

Wir sagen immer: Aus der Distanz sieht man besser. Zu uns kommen viele junge Künstler; viele, die ihr erstes Buch machen. Die sind meist ganz nah dran an ihrer eigenen Arbeit und brauchen einen reflektierten Blick als Hilfestellung. Wie positioniere ich mich eigentlich? Wie stelle ich mich im Buch dar? Das sieht man nicht, wenn man mitten drin ist. So freundschaftlich wir mit allen Künstlern auch verbunden sind: Eine gewisse Distanz ist wichtig, um ein gutes Produkt zu machen.

Eure Produkte sind edel gestaltete Hardcover-Bücher über Kunst und Lifestyle – höchst analog. Wie steht Ihr zum Digitalen?

Was ich gerne machen würde, ist eine App und nicht bloß ein E-Book, in dem man das Lineare eines gedruckten Buches – das Umblättern der Seiten – eins zu eins darstellt. Eine App sehe ich als Kugel, wo man in verschiedene Richtungen gehen kann. Das reizt mich. Wir haben uns das mal vorgenommen.

Zudem arbeiten wir viel mit Social Media-Kanälen und haben natürlich eine Website. Dennoch machen wir sehr klassische Bücher. Jedes Buch ist dabei anders, unterscheidet sich in Papier, Format und Ausstattung und wird so zu etwas besonderem. Das ist das wichtigste für uns. Wir sehen das auch an unseren Künstlern: Alle haben zwar ihre eigenen Websites, aber trotzdem wollen alle auch ein Buch, was man in den Händen halten kann.

Woher kommt es wohl, dass die Menschheit immer noch so ein Bedürfnis nach dem gedruckten Buch hat – obwohl viele Inhalte schnell und kostenlos auch im Netz zu finden sind?

Ein Buch ist ein ästhetischer Gegenstand. Das ist noch einmal eine ganz andere Ebene als „online“. Man kann es anfassen, fühlen, daran riechen. Ein gedrucktes Buch appelliert an unsere Sinne.

Stellt der Leser heute einen anderen Anspruch an gedruckte Bücher als noch vor der digitalen Revolution?

Definitiv. Ich glaube, er sucht bewusster aus. Gerade im Bereich der Belletristik entscheidet er sich wohl häufiger gegen ein Taschenbuch oder Hardcover und für eine E-Version für sein Kindle oder iPad. Da hat man halt nicht so viel zu schleppen, wenn man umzieht. Nach wie vor hat der Leser aber dieses Bedürfnis nach einem schönen haptischen Moment. Und nach einem Objekt, das er sich auf den Tisch legen oder ins Regal stellen kann.

Glaubst Du, dass sich auch die Art und Weise, wie Menschen Bücher inhaltlich konsumieren, durch den Einfluss des Digitalen in den letzten Jahren verändert hat?

Was mir auffällt ist, dass man immer häufiger Menschen sieht, die zum Beispiel in der U-Bahn ihr Kindle zücken. Die also auch mal zwischendrin lesen, auf kurzen Strecken. Ob sie aber tatsächlich mehr lesen? Ich würde es mir wünschen. Durch das E-Book geht die Beschaffung von Büchern schneller – man lädt sich einfach mal eben was runter. Vielleicht verwirft man es dadurch auch schneller, liest nicht zu Ende. Das weiß ich nicht.

Distanz verlegt auch die Bücher von Freunde von Freunden, gerade ist das zweite erschienen. Wie schafft man es, ein digitales Magazin schlüssig in ein gedrucktes Format zu transformieren?

Freunde von Freunden funktioniert ganz fantastisch auch als Buch! Man muss natürlich eine Auswahl treffen – ein Buch hat im Vergleich zum Endlos-Platz im Netz ja nur eine gewisse Anzahl von Seiten. Aber eine Beschränkung ist auch etwas Gutes: Über allem steht dann die Frage, was das wirklich wichtige, entscheidende an einer Person oder Wohnung ist, was man von ihr zeigen möchte. Da geht es um die Essenz.

Für die Auswahl ist das Team von Freunde von Freunden zuständig, für ihr zweites Buch haben sie 45 Wohnungen und Häuser auf fünf Kontinenten ausgesucht. Diese können in einem gedruckten Format sehr klassisch dargestellt werden, dennoch kann man hervorragend mit dem Layout spielen. Doppelseiten, Panorama-Blicke, kleine Details, die betont werden – so sehen sie toll aus, diese gedruckten Wohnungen. Und das finde ich sehr spannend.

Wie bist Du eigentlich dazu gekommen, Bücher zu verlegen?

Mein Berufswunsch war ursprünglich Dramaturgin. Ich wollte gerne zum Theater, habe neben Kunstgeschichte auch Theaterwissenschaften studiert und meine ersten Schritte am Thalia Theater in Hamburg gemacht. Damals habe ich Harald Szeemann kennen gelernt, den berühmten Schweizer Ausstellungsmacher. Ich hatte das große Glück, mit ihm an den Hamburger Deichtorhallen zusammenzuarbeiten, später war ich dort auch noch als Projektmanagerin tätig – ich glaube, ab da war erst einmal der Weg in Richtung Kunst gesetzt.

Von dort ging ich zur Bundeskunsthalle, wo mich Pontus Hultén unter seine Fittiche nahm, der Gründungsdirektor des Pariser Centre Georges Pompidou. Dann wurde ich Kuratorin am Kunstmuseum Wolfsburg, aber wie das Leben eben so spielt: 1996 kam mein Sohn Carlo zur Welt, das veränderte einiges. Acht Tage nach seiner Geburt rief mich Benedikt Taschen an – wir kennen uns seit der Schulzeit – und sagte: Komm in meinen Verlag, ich kann dich hier gebrauchen. Und so habe ich Bücher gemacht.

Was war dort Dein erstes Buch?

Das war „Art at the Turn of the Millennium“, es folgten weitere Listenbücher, zum Beispiel  und „Art Now“. Alles sehr populäre Werke, die sich weltweit in hoher Auflage verkauft haben.

Woher kommt überhaupt Dein Interesse für Kunst?

Ich bin so erzogen worden. Sechs Tage war Schule angesagt und am siebten Kunst. Jeden Sonntag, gemeinsam mit meinem Vater. Mal ausschlafen gab es nicht. Sobald das Museum aufmachte, waren wir da. In Köln ging man ins Museum Ludwig oder ins Wallraf-Richartz Museum. Wenn man im Rheinland aufwächst, gehört eine Auseinandersetzung mit Kunst sowieso sehr stark zum Lebensgefühl, aber mein Vater hat mir obendrein sehr früh viele Dinge gezeigt und erklärt. Das hat mich natürlich geprägt.

Du bist auch Sammlerin. Welche Kriterien muss ein Kunstwerk erfüllen, um in Deiner Sammlung zu landen?

Kunstwerke wähle ich intuitiv aus, allerdings ist mein Zugang zur Kunst ein sehr persönlicher. Ich habe einige Fotografien von Wolfgang Tillmans, dazu Tobias Rehberger. Die Künstler, deren Arbeiten ich sammle, kenne ich in der Regel gut. Zu vielen Werken gibt es eine besondere Geschichte. Im Flur steht zum Beispiel ein großes Werk von meiner besten Freundin Anca Munteanu Rimnic. Im letzten Jahr hat sie eine Video-Performance („Bear“, 2013) gedreht, bei der ich ihr assistiert habe. Sie hatte sich dafür mehrere dunkle Schaffelle umgebunden und unter ihrem Gesäß und unter den Schuhsohlen Stahlplatten befestigt. In diesem Bärenkostüm saß sie in einer weißen Kulisse zwischen hunderten von Kristallvasen und Kristallschalen, die sie nach und nach mit dem Hinterteil, den Füßen und einem kleinen Hammer in der Hand zertrümmerte. Der Boden der Performance war mit einem dicken weißen Papier ausgelegt. Im Laufe der Aktion bekam das Papier Schrammen, Löcher und Fußabdrücke und zahlreiche Glassplitter traten sich darin fest. Am Ende rollten wir das Papier auf und nahmen es mit. Da uns beiden die Oberfläche sehr gefiel, schnitt Anca das Papier rechtwinklig zu und ich kaufte es ihr als eigenständige Arbeit ab, die ich rahmen ließ. Sie trägt den Titel „Leaving Cure, Effort for Paper“, 2013.

Siehst Du Kunst auch als Investition?

Es ist natürlich immer schön, wenn das Geld nicht weggeschmissen ist, aber das spielt keine primäre Rolle. Ich kenne die Künstler, die ich sammele, und mir ist es wichtig, sie auch durch das Sammeln ein Stück zu begleiten. Zu sehen, wie die sich entwickeln. Darum finde ich zeitgenössische Kunst wohl auch so spannend: weil ich das gleiche erlebe, was der Künstler erlebt. Wir leben in der gleichen Welt, in der gleichen Gegenwart.

Kannst Du Dir vorstellen, ohne Kunst zu leben?

Ich glaube, wenn man mit Kunst arbeitet, lebt man auch damit. Eine Wohnung ohne Bücher und ohne Kunst kann ich mir nicht vorstellen. Auch, wenn mich das manchmal vor Herausforderungen stellt. Ich habe zum Beispiel einige großformatige Gemälde von Florian Meisenberg. Diese in meine Wohnung zu bekommen, war ein wahrer Akt. Die mussten teilweise über den Balkon reingezogen werden (lacht). Aber für mich ist einfach ganz wichtig, Bilder und Skulpturen um mich zu haben.

Hier in meiner Berliner Wohnung sieht man allerdings nur einen Ausschnitt. Ein Teil meiner Sammlung ist nach wie vor in Köln.

Warum zog es Dich von Köln nach Berlin?

Die Kunst-Szene findet immer mehr in Berlin statt. Vor allem wenn man sich mit zeitgenössischer Kunst auseinandersetzt, kommt man an Berlin nicht vorbei. Außerdem fand ich die Stadt immer schon attraktiv und als ich mit Christian Boros den Distanz Verlag gegründet habe, war klar, dass dieser in Berlin sein soll.

Du lebst in Friedrichshain. Was schätzt Du an der Gegend?

Ich habe in Köln lange im Grünen gewohnt und wollte nun wieder urban leben. Das kann ich hier sehr gut, weil es turbulent ist. Im Hinterhof habe ich zwar grundsätzlich meine Ruhe, aber sobald ich vor die Tür gehe, geht der Trubel los. Diese Mischung gefällt mir. Gleich um die Ecke gibt es einen leckeren Currywurstladen, Curry 66 in der Grünberger Straße, und am Wochenende besuche ich gerne die Flohmärkte am Boxhagener Platz und auf dem RAW-Gelände in der Revaler Straße.

Und was schätzt Du an Deiner Wohnung?

Woran ich mich immer wieder erfreue, sind die hohen Decken. Komischerweise sind diese im gesamten Gebäude auf jeder Etage unterschiedlich hoch – da habe ich den Jackpot geknackt. Ganz fantastisch finde ich auch meinen Kamin, da sitze ich abends gerne mal davor und schaue ins Feuer.

Abgesehen von Kunst – was für Schätze finden sich sonst noch so in Deiner Wohnung?

Möbelmäßig? Stolz bin ich auf meine Küche, die habe ich gemeinsam mit Joachim Baldauf entworfen. Einiges habe ich auf Ebay gefunden, vieles ist Vintage. Zum Beispiel mein Bett. Ende der achtziger Jahre habe ich schon einmal kurz in Berlin gelebt, seitdem stand es im Keller. Einen echten Traum habe ich mir mit meinem Saarinen-Esstisch erfüllt, ein runder Tisch mit Marmorplatte, ein Entwurf aus den fünfziger Jahren. Den konnte ich mir aber nur leisten, weil er eine Bruchstelle hat.

Einiges ist auch neu, wie mein kleiner Hocker von Vitra oder mein Beistelltisch von New Tendency. Aber das allerneueste ist mein Lesesessel von Ink Furniture. Eine Kombination aus einem Vintage-Holzgestell und einem neuen, von einem Künstler gestalteten Polster. Den gibt es so nur ein einziges Mal.

Thanks!

Uta, vielen Dank für das tolle Gespräch. Mehr infos über DISTANZ gibt es auf der Webseite des Verlages. Danke an Joachim für die Fotos!

Mehr Informationen über unser neues Buch sowie die Möglichkeit, es direkt zu bestellen, gibt es hier.

Fotografie: Joachim Baldauf
Interview & Text: Celina Plag