Sich eine eigene Welt weben: Die Sprache von Amy Reviers handgemachten Gewändern
Wie ein jahrhundertealtes Handwerk in neuem Glanz erstrahlt, London
Werde Magazin × FvF
Interviews > Sich eine eigene Welt weben: Die Sprache von…

“…She appears, head lifted; she is borne upon a shuttle—an image from a Nordic tale, a drama of the sea, with waves to navigate,savage or tame. But let us leave the sea…”

Amy Revier schaut von dem Gedicht auf, das sie gerade vorliest – eine Art Einführung in Isabella DuCrots Text On Textile, geschrieben von Patrizia Cavalli. Die Nachmittagssonne, die durch die hauchdünnen Fenster ihres 1930er Apartments fällt, strahlt Amys Gesicht an. In ihrem Blick sieht man, dass ihr die Worte viel bedeuten. Es ist ein Blick, der sagt: „Das hier erfasst etwas über mich”.

Amy taucht gern in Worte ein – man muss sich nur nur die ansehen, die auf ihrer Website zu finden sind. Oder man wirft einen Blick auf die altertümlichen Wälzer, die die Bücherregale in ihrem Haus schmücken, das sie mit ihrem Partner Clayton Littlejohn, dem amerikanischen Philosophen und Sammler rarer Bücher, teilt. Sie taucht gern in Worte ein, aber sie sind (bis jetzt zumindest) nicht ihr vornehmliches Ausdrucksmedium. Amy ist Weberin. Trotzdem hat man das Bedürfnis, wenn man Leute wie Amy trifft, sie in eine andere, anspruchsvollere Rolle stecken zu wollen. Zu sagen: Das ist, was du tust und das ist, was du bist. Eine Künstlerin. Eine Bildhauerin. Eine Performerin. Eine Modedesignerin. Such dir etwas aus, sei diese Person. An diesem Nachmittag in ihrem Zuhause in Hampstead wird klar, dass sie zu unterschiedlichen Graden all diese Dinge ist und war. Sie schwebt in diesem befreienden Raum des „Dazwischen”.

Wer sich von Amys Arbeit inspiriert fühlt, kann in einem Tutorial im Werde Magazin lernen, wie ein blumiges Webstück entsteht. Die Zusammenarbeit von FvF und Werde gründet auf einem gemeinsamen Interesse am kreativen Umgang mit der Natur.

Freunde-von-Freunden-Amy-Revier-8323-1

Amy webt. Von einer texanischen Kindheit in Gesellschaft von Farmern, zur Kunsthochschule im städtischen Dallas, über eine besinnliche Zeit in Island. Bis hierhin, North London, ihrem Zuhause der letzten fünf Jahre. Sie webt. Jetzt gerade schlängelt sie sich durch das ungestüme Grün ihres Gartens, den sie mit den anderen Bewohnern des Gebäudes teilt. Der Garten erstreckt sich zwischen einem trostlosen Tennisplatz und altmodischen Squashplatz, die ihrerseits scheinbar mit der Zeit von allen, außer Amy und ihrem geliebten Border Collie Agnes, vergessen wurden. Sie hat den Morgen mit der Zubereitung einer schonend gegarten Rinderbrust verbracht, die nun gemeinsam mit handgemachten Tacos und drei verschiedenen Salsas – natürlich auch selbst gemacht – beim Grill im Garten warten. „Die Gerichte sind nicht wirklich mexikanisch, eher ‘Tex-Mex’”, sagt Amy während sie eine dampfende Schüssel mit Bohnenmus vom Herd nimmt. „Mein Großvater war Farmer und diese Art von Essen habe ich schon gemeinsam mit meinem Vater zubereitet als ich etwa zehn Jahre alt war.” Sie stellt die Bohnen ab, rührt die Avocadosalsa um und tritt dann zurück, um das Mahl zu begutachten. „Wir haben immer etwas gefunden, um kreativ zu sein”, sagt sie und zuckt mit den Achseln. „Ich bin in Austin auf dem Land aufgewachsen. Mein Großvater hat Sattel hergestellt, mein Bruder ist Architekt geworden. Wir haben einfach alles Mögliche selbst gebaut.”

“Es gibt so viele Ebenen, die man durchdringen muss und ich bin fasziniert, wie das funktioniert.”

Das viele Selbermachen in der Kindheit führte sie schließlich zur Kunsthochschule in Dallas, wo sie sich auf Skulptur spezialisierte. Es war eine Zeit und ein Ort, von dem Amy gerührt spricht. Es war die die Zeit, in der sie vom konventionellen künstlerischen Weg, den sie eigentlich einschlagen wollte, abkam. „Damals, zwischen 2005 und 2009, galten Textilien in der Kunstwelt noch als absolut inakzeptabel. Sie wurden als Kunsthandwerk angesehen und riefen hauptsächlich Assoziationen von Weiblichkeit und Häuslichkeit hervor. An all dem hatte ich aber kein Interesse!” Neben der praktischen Übung konzentrierte sich Amy also auf Entwürfe von Überwinterungsszenarien und Kokons, wobei der Herstellungsprozess die gleiche Bedeutung einnahm wie die fertig gestellte Skulptur. „Weißt du, ich habe mich innerlich immer intelligent gefühlt, aber nach außen hin ließ sich das nicht so gut zeigen. Es gibt so viele Ebenen, die man durchdringen muss und ich bin fasziniert, wie das funktioniert. Meine skulpturalen Arbeiten spielen damit, sie sind ein metaphorisches Graben, um zu einem anderem Ort zu gelangen, zu einer anderen Level.” Während sie sich mit diesen Gedanken auseinandersetzte, wurde das Weben selbst – die Steuerung, der Prozess – genauso wichtig wie das Ergebnis. Die letzte Skulptur war unweigerlich mit der vorherigen verbunden.

Freunde-von-Freunden-Amy-Revier-8362
(EN) Amy works with an archaic, Scandinavian floor loom - it’s wooden frame completely fills an entire room in her home.
Freunde-von-Freunden-Amy-Revier-8338
Freunde-von-Freunden-Amy-Revier-8473-1
(EN) The garments that she weaves are created almost exclusively for private clients and London boutique Hostem, all of whom understand the painstaking work that goes into each one.
Freunde-von-Freunden-Amy-Revier-8347

Grobe Schnitte, zarte Details

Amy Reviers modische Unikate

“Das erste Mal in meinem Leben sagte ich aber ‘Fuck off, nein…’. Tatsächlich hatte ich endlich Zeit, um nachzudenken, zu lesen und für mich zu sein.”

Irgendwann wurde Dallas zu Island. Grund: ein Fulbright Stipendium und die Einsicht, dass der erhoffte Weg in die Welt der Galerien durch einen Master of Fine Arts nicht ihr Weg war. Sie landete in Island inmitten den Nachwirkungen der Finanzkrise. „Die gesamte Infrastruktur war quasi lahmgelegt”, sagt Amy. „In gewisser Hinsicht war das großartig, weil es bedeutete, dass die Menschen ehrlich miteinander sein mussten und ein wirklicher kultureller Dialog entstand.” Auf persönlicher Ebene erlebte Amy eine neue Freiheit des Seins. „Ich habe schon immer dieses und jenes gemacht, eine Kommission geleitet oder etwas anderes auf die Beine gestellt. Das erste Mal in meinem Leben sagte ich aber ‘Fuck off, nein…’. Tatsächlich hatte ich endlich Zeit, um nachzudenken, zu lesen und für mich zu sein.” In der ganzen Zeit blieb das Weben eine leise Konstante in ihrem Leben. Als sie nach sechs kurzen Monaten zurück nach Texas kam, entschieden sich Amy und Clayton, ein Leben voller gemeinsamer Reisen zu verfolgen – und landeten prompt in London, das seitdem ihr Zuhause ist. „Wenn ich jetzt darüber nachdenke, ist es irre, was ich von Clayton erwartet habe”, sagt Amy während sie in Lachen ausbricht. „’Komm, hol dir einen der schwierigsten Jobs in der akademischen Welt – ein Job in Philosophie – entweder in Paris, Berlin, London, Island oder Antwerpen. Komm, mach das.’” Ihr Gesicht leuchtet auf. „Und er hat’s gemacht!”

Nach unserem Lunch zieht es Amy zurück in den tiefstgelegenen Raum des Hauses. Es ist der Raum, in dem sie die meisten Tage verbringt. Hier sitzt sie an dem traditionell schwedischen Schaftwebstuhl und arbeitet. Der Webstuhl füllt den ganzen Raum aus, aber ohne ihn zu dominieren: Er ist aus weichem skelettartigem Holz mit viel Luft zwischen den einzelnen Streben, die ihn zusammenhalten. Amy setzt sich hin und nimmt das Schiffchen in die Hand; steht wieder auf, schweift umher, liest das Gedicht laut vor – head lifted… with waves to navigate… – und setzt sich wieder hin. Sie beginnt zu weben. Anfänglich spricht sie, während ihre Hände durch die Wolle gleiten und ihre Füße die Hebel unter ihr bedienen. Sie spricht über das Gefühl, an einem traditionellen statt einem modernen Webstuhl zu sitzen (“in ihm steckt Geschichte, er bewegt sich mit dir”) und redet über die sorgfältig ausgewählten, handgefärbten Garne, die sie aus Japan hat. Schon bald gleitet sie in ein Schweigen über. Eine Mischung aus intensiver Konzentration und totaler Versunkenheit macht sich in dem Zimmer breit. Unter ihren Händen erscheint ganz langsam ein rechteckiger Streifen Stoff.

Freunde-von-Freunden-Amy-Revier-8176
Freunde-von-Freunden-Amy-Revier-8213-1
Freunde-von-Freunden-Amy-Revier-8267-1
(EN) Amy prepares a lunch of home-made tacos, slow-cooked brisket and myriad salsas: inspired by her Texan upbringing and enjoyed by the tennis court behind her home.
Freunde-von-Freunden-Amy-Revier-8544
(EN) Amy shares her home with her partner, the philosopher Clayton Littlejohn. His ever-growing collection of rare books and manuscripts provide the perfect backdrop (and inspiration) for her weaving.
Freunde-von-Freunden-Amy-Revier-8827
Freunde-von-Freunden-Amy-Revier-8572
Freunde-von-Freunden-Amy-Revier-8585-1
Freunde-von-Freunden-Amy-Revier-8574

Zwischen Amys früheren performativen Arbeiten und den Kleidungsstücken, die sie heute produziert, lassen sich deutliche Parallelen ausmachen. Sie alle sind mühevoll handgewebte Einzelteile für private Kunden und für ihren einzigen Vertrieb, die East Londoner Boutique Hostem. Die Nischengemeinschaft aus Amys Bewunderern versteht, dass sie nicht einfach nur ein Kleidungsstück trägt, sie sieht das wochenlange Weben und die jahrhundertealte Arbeitstechnik, die Einzug in dieses Kleidungsstück halten. Diese Leute tragen etwas von Amy, das diese nicht so recht in Worte fassen kann, das aber von ihrer mühevollen und gleichzeitig meditativen Arbeit nachwirkt.

Irgendwann wird aus dem Nachmittag ein sehr später Nachmittag und Amy bricht mit Agnes zum berühmten Hampstead Heath auf, der um die Ecke von ihrer Wohnung liegt. Hier hat sie ihren Tag mit einem Bad im Teich begonnen. „Dort trifft man diese unglaublichen Frauen, die achtzig Jahre alt sind und richtig aktiv schwimmen”, sagt Amy, während sie einen gut durchgekauten Tennisball aufhebt, den Agnes vorübergehend vergessen hat. „Ich lasse mich aber meistens einfach nur treiben”, fügt sie hinzu. Während sie in Richtung des Kenwood House im Norden läuft, zeigt Amy immer wieder enthusiastisch auf ihre liebsten Details in der sich ständig verändernden Landschaft. Es ist leicht nachzuvollziehen, warum Amy die Heide so sehr liebt: Sie gleicht einer großen Fläche, in deren 700 Acker Zeit und Raum und Ideen eingewebt sind; ein Querschnitt von Teichen, Seen, prächtigen Häusern, rauem, alten Waldgelände, architektonischen Kuriositäten, Menschen und keinen Menschen und endlich – als das letzte Tageslicht verschwindet – ein großer Donnerschlag glorreichen, sintflutartigen Regens, der zu diesem Ort lauter spricht, als es Worte je könnten.

Freunde-von-Freunden-Amy-Revier-8134-1
Freunde-von-Freunden-Amy-Revier-8884
(EN) Every day, Amy takes her beloved dog Agnes for marathon walks around Hampstead Heath - a stone’s throw from her home and liberating jolt from the intense confines of her studio.
Freunde-von-Freunden-Amy-Revier-8876
Freunde-von-Freunden-Amy-Revier-8909-1

Danke, Amy, für die herzliche Einladung in dein Zuhause. Um weiter in Amys Welt einzutauchen, besucht ihre Webseite oder schaut bei Hostem in East London vorbei.

Zusammen mit Werde treffen wir außergewöhnliche, kreative Frauen, die die Natur schätzen. Besucht das Werde Magazin, um im DIY-Tutorial von Amy Revier zu lernen, wie ihr ein romantisches Tischgesteck bastelt. Hier könnt ihr nochmal die vorherige Geschichte lesen, in der die australische Floristin Ruby Barber über ihr grünes Unternehmen spricht.

Text: James Darton
Fotografie: Daniel Müller