Warum der Berliner Architekt Etienne Descloux immer noch alles von Hand zeichnet und trotzdem einer der modernsten seiner Zeit ist
Aus dem, was er vorfindet, entwickelt der stille Star der Galeriearchitekten eine Ästhetik und Formensprache, die in unterschiedlichen kreativen Feldern aufgeht, Berlin
LAMY × FvF
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Etienne Descloux mag es gerne klassisch. Der Schweizer Architekt zeichnet alle seine Entwürfe erst mal mit der Hand. Er arbeitet fast ausschließlich für die Kunstszene: für Museen, Galerien und Kunstsammler – und will die Welt ein wenig schöner, seltsamer, aufregender machen.

„Die Architektur durchdringt alle Bereiche des Lebens, wir alle sind von ihr umgeben. Deshalb ist sie so wichtig”, erklärt Etienne. Sie bilde den Hintergrund eines jeden Lebens und diesen Wert, den die Architektur damit in sich trägt, den möchte er wertschätzen – indem er gestaltet. „Auch wenn das vielleicht zu simpel ist für einen Architekten,“ sagt Etienne, „ich will gern schöne Lösungen finden.“

Der Architekt steht an der Küchenzeile der oberen Etage seiner Wohnung in Berlin Mitte und bereitet einen Verveine-Tee zu. Der Raum ist gut drei Meter hoch und die Fenster zeigen in einen riesigen Hinterhof, fast schon ein Park. An einem der Fenster hat er eine Vielzahl von Bilderrahmen in verschiedenen Formen und Größen mit Fotos und Fundstücken drapiert. Seine Affinität zur Kunst zeigt sich auch an seinen namhaften Auftraggebern wie dem renommierten Kunsthaus Bregenz oder der Galerie Isabella Bortolozzi, aber seine Arbeit reicht weit über die Kunstwelt hinaus: Zu seinem Portfolio zählen auch Projekte für A.P.C., BLESS und das Dreischeibenhaus in Düsseldorf – er ist außerdem der kreative Kopf hinter dem FvF Apartment in Berlin.

 

„Entwerfen ohne skizzieren, das geht nicht. Das Skizzieren ist wesentlich.“

Etienne setzt sich aufs Sofa, wo das gelbe Skizzenpapier und ein Füller liegen. Gerade arbeitet er an einem Entwurf für eine New Yorker Galerie, die jetzt einen Projektraum in Brooklyn eröffnen will.

Dieses Portrait ist Teil einer Kollaboration mit LAMY, die den kreativen Schaffensprozess mit der Hand zelebriert.

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Das sieht spannend aus. Kannst du uns ein wenig über das Brooklyn-Galerie-Projekt erzählen?

Ich war neulich in New York, um mir den Raum anzusehen und ein Gefühl zu bekommen für die Proportionen und den Kontext. Es geht um einen einzigen Raum in dem zuvor eine Garage war. Vorne gibt es ein Rolltor, das wird auch bleiben – und dann gibt es diesen Innenraum. Wir machen daraus aber nicht so einen sleeken Galerieraum, wie man das in New York gerade so macht. Ich will den Boden so lassen, die Wände werden nur weiß  gestrichen, aber nichts ausgebessert.

Wirklich? Auch der Boden bleibt, wie er in der Garage war?

Ja. Natürlich wird der gesäubert, aber alle Rillen und Rinnen und Unebenheiten werden bleiben. Ich suche eigentlich immer nach dem richtigen Eingriff, nach der richtigen Geste, die einen Raum verändert, aber nicht entstellt. Es ist mir wichtig, ein Gefühl für die Geschichte des Raumes zu bewahren, etwas von der ursprünglichen Qualität des Ortes zu belassen.

Was gibt es noch für Eingriffe?

Das Licht ist natürlich eine wichtige Setzung. Das verändert die Wahrnehmung enorm. Dann gibt es vorne eine gewinkelte Glasfront, die sichtbar wird, wenn das Rolltor offen ist. Und am

Ende des Raumes wird es eine „geknickte“ Wand geben, die frei steht und etwas Platz lässt zur Rückwand. An dieser Wand kann man dann Kunst aufhängen, sie als Bühne nutzen oder drum herum gehen.

Der Verveine-Tee ist ausgetrunken. Etienne bricht auf in sein Studio in der Linienstraße. Er geht den Weg, den er jeden Morgen nimmt: vorbei an seinem Gemüsebeet, über die Oranienburger Straße und die Tucholskystraße in die Linienstraße. Bis er an einem Plattenbau ankommt.

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Wie wichtig ist dir das Zeichnen?

Entwerfen ohne skizzieren, das geht nicht. Ich weiß, dass ich einen Raum erst wirklich über die Skizze begreife. Dazu muss ich meine Hände benutzen. Das ist ein kreativer Prozess, der seinen Weg über die Finger in mich hinein findet. Über den Kopf geht das nicht. Das Zeichnen ist maßgeblich. Das Skizzieren ist wesentlich. Es gibt vielleicht eine Idee, eine Vision – und die visualisiere ich mit einem Füller auf Papier. Was mir schlagartig klar macht, ob die Idee so funktionieren könnte oder nicht.

Peter Sloterdijk hat einmal gesagt: „Der Mensch ist das Tier, das mit den Händen denkt.“ Ist es das, was du meinst?

Ja, ich glaube schon. Mir erschließt sich vieles erst über Stift und Papier. Die Räume abzuschreiten oder einen Grundriss vor sich zu haben ist notwendig, aber die Kreativität, das Begreifen, die Entwicklung der Gestalt kommt erst mit dem Zeichnen mit der Hand, dem Kritzeln und Krakeln, da materialisiert sich etwas.

Gibt es einen Vorsprung durch Technik? Bringt die Digitalisierung mit perfekt berechneten 3-D-Objekten einen Mehrwert?

Grundsätzlich bin ich gern altmodisch. Innovation überlasse ich anderen. Digitalisierung ist nicht mein Terrain. Als ich anfing zu studieren haben wir noch alles mit der Hand gezeichnet. Von vorne bis hinten. Dann kamen die Zeichenprogramme auf dem Computer. Die nutze ich heute natürlich auch, etwa um zu sehen, ob der Entwurf in der Perspektive funktioniert. Diese digitale

Strichzeichnung sieht auch der Bauherr, aber bei mir gibt es keine Renderings. Das ist nicht meins. Und ich denke auch nicht, dass dadurch präziser gebaut wird.

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„Ich skizziere so lange, bis ich das Gefühl habe: Das ist es jetzt.“

Du bist in der französischen Schweiz aufgewachsen und warst von klein auf zweisprachig, weil deine Mutter deutsch ist. Gibt es im Französischen eigentlich ein Wort wie das deutsche „begreifen“?

Du meinst, dass man etwas versteht und erfasst, wenn man es angefasst hat? Hm, nein, ich glaube, das gibt es im Französischen nicht. Begreifen ist eigentlich ein tolles Wort. Manchmal braucht es auch einfach eine Erfahrung, dann hat man mit Glück etwas begriffen. Beispielsweise kam nach einem Artikel über mich in in einem Architekturmagazin ein Auftraggeber auf mich zu, der mich unbedingt als Architekt anheuern wollte. Ich habe dann auch für ihn gearbeitet, aber ich muss sagen: Es war kein wirklich gutes Projekt. Es lief einfach nicht rund. Und da habe ich für mich begriffen, dass ich am liebsten für Freunde arbeite – und vielleicht für Freunde von Freunden. Das ist wirklich so. Vermutlich kenne ich auch genügend

Künstler und Galeristen, dass mir die Arbeit nie ausgeht.

Und du arbeitest immer nur für Freunde? Immer für Künstler?

Ja, wenn ich mir meine Projekte so ansehe, stimmt das. Es gibt immer eine familiäre Atmosphäre. Und im weitesten Sinne bewege ich mich immer in Künstlerkreisen. Es ist vielleicht auch mal ein Kunstsammler dabei, der ein Restaurant plant. Aber den kenne ich dann über den Galeristen; oder ein Künstler, den ich lange kenne, kauft sich eine Eigentumswohnung und möchte die umgebaut haben.

Oder das Haus für deine ältere Schwester. Das war sicher auch familiär.

Ja, das war spannend. Meine Schwester lebte lange in den USA und auch sonst hatten wir uns voneinander entfernt. Dann hatte sie die Idee mit ihrer Familie, den beiden Kindern und dem Hund in unserer Heimatstadt Neuchâtel ein Haus zu bauen – und sie wollte, dass ich das mache. Ich hatte viel Zeit und über die Entwicklung und die Auseinandersetzung hat sich unser Verhältnis ganz neu geordnet. Das Haus hat uns einander näher gebracht. Sonst wird ja eher behauptet, Bauprojekte entzweien.

Vom Papier in die Wirklichkeit:

Einblicke in Etiennes Arbeit/Projekte

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„Zeichnen mit der Hand, da materialisiert sich etwas.“

Wie gestaltete sich die Entwurfsphase?

Ich glaube, ich habe gefühlte 2.000 Zeichnungen von der Fassade gemacht. Na gut, vielleicht waren es in Wirklichkeit mehrere Hundert. Jedenfalls waren das die Handskizzen (holt einen großen Stapel Papiere heraus), von denen ich dann eine digitalisierte Fassung anfertigte – und von da an konnte ich am Computer Minimalitäten mit einem Klick ändern und unzählige Varianten versuchen. Das ist dann auch die Freiheit der Technik, von der wir vorhin sprachen.

Marshall McLuhan sagte: Das Medium ist die Botschaft. Was meinst du, haben deine Werkzeuge Auswirkungen auf deine Entwürfe?

Das müsstet du vielleicht Tobias [Engelschall], meinen Partner, fragen. Der ist Architektur-Theoretiker (lacht). Im Ernst, ich glaube, ich kann das wirklich nicht beurteilen, ich mache das so wie ich es mache. Ich zeichne mit der Hand, dann kommt die Computer-

Zeichnung. Vielleicht lege ich da noch mal ein Transparent drüber und benutze wieder den Füller. Ich mache das so lange, bis ich das Gefühl habe: Das ist es jetzt. Das ist ein Prozess, den ich mit Leidenschaft verfolge. Ich will das beste Ergebnis. Ob also das Medium meine Ästhetik beeinflusst, müssen andere beurteilen.

Und du wusstest schon immer, dass du Architekt werden willst?

Ja, schon als Kind habe ich Häuser gemalt in allen Formen und Farben. Meine Mutter hat auch ein paar von den Zeichnungen aufgehoben. Bevorzugt habe ich das Pyramidenhaus und das achteckige Haus. Ich interessiere mich auch heute hauptsächlich für Architektur und Kunst und mache den ganzen Tag nichts anderes. Manchmal gehe ich ins Berghain oder in die Philharmonie – oder wir kochen mal was. Aber ich tue was mir gefällt, da brauche ich nichts anderes.

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Danke, Etienne, für den Verveine-Tee, für den Einlass in dein Reich und den Einblick in deine Projekte – nicht zu vergessen das Gemüsebeet.

Wir wünschen dir eine gute Ernte im Sommer und noch viele weitere Herzensprojekte. Wer sich für die Arbeiten von Etienne interessiert, findet hier einige Beispiele.

Dieses Portrait ist in Zusammenarbeit mit LAMY entstanden. Es ist Teil einer Serie, in der wir Menschen unterschiedlichster Professionen vorstellen. Was sie eint, ist das Schreiben und Zeichnen von Hand, das als eines der persönlichsten und authentischsten Ausdrucksmittel zum Ausgangspunkt für Inspiration und Kreativität wird. 

Entdecke weitere kreative Persönlichkeiten in Berlin und schaue dir unsere Porträts an, die sich großartiger Architektur widmen.

Interview & Text: Gudrun Pawelke
Fotos: Felix Brüggemann