Marsano Flower Workshop
(EN) A Flower Arrangement Workshop with Marsano, Berlin
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Einst gehörte es zum guten Ton, spätestens im Zuge der Emanzipation geriet es ins Abseits: die Kunst des Blumenbindens. In New York und London hat die kreative Szene die Schönheit dieses Handwerks wieder für sich entdeckt und bricht fast lustvoll die starren Regeln traditioneller Floristen.

Marsano, Berlins schönstes Blumen- und Interiorgeschäft und einer der Vorreiter dieses Ansatzes in Deutschland, hat im Freunde von Freunde Apartment pünktlich zum Frühlingsbeginn zu seinem ersten Flower Workshop geladen. Mitgründer Andreas Namysl und Katrin Jahn sowie ihre Assistentin Elena führten eine kleine Anzahl handverlesener blumenbegeisterter Gäste in die Grundlagen des Straußbindens ein – aber von was für Sträußen!

Wer eine Kultur verstehen wolle, müsse in ihre Gärten schauen, heißt es. Die prächtigsten Exemplare in der Antike gediehen in wasserarmen Regionen – Blumen- und Pflanzenvielfalt als Zeichen des Reichtums, aber auch der Dekadenz.

Was im Großen funktioniert, lässt sich auch im Kleinen beobachten. Balkonbepflanzung, Blumensträuße und Sukkulenten verschönern jede Wohnung, egal, wie hoch zeitlicher Einsatz oder Budget ausfallen. Entscheidend sind Geschmack und Geschick. Und deshalb erzählen Blumenarrangements eine Menge über ihren Besitzer und seine Zeit.

 

„Es gibt keine hässlichen Blumen, nur hässliche Kontexte“, weiß Andreas Namysl, Mitgründer von Marsano. Im Klartext: Wurden früher die Reihen kleiner Kakteen, die hinter beigen Gardinen hervorlugten, als piefig verschmäht, haben Sukkulenten und Palmblätter mittlerweile fast ikonographischen Status erreicht, insbesondere bei Freunden des Minimalismus. Darüber hinaus finden heute auch Nutzpflanzen, Wiesenblumen, Beeren und Früchte Eingang in den Kanon offenerer Blumenhändler.

Die starren Regeln von einst, bei denen Blumen bestimmten Anlässen, Aussagen oder Jahreszeiten zugeschrieben werden, werden mit Efeu, Kornblumen, Hagebutten, Paprika oder Ananas im Blumengebinde aufgebrochen. „Dicke fette, ganz aufgeblühte Papagaitulpen kombiniert mit coralfarbenen Pfingstrosen, Dahlien, duftende englische Gartenrosen sowie pinke Hortensien und Geranien dazu … Das ist schon fantastisch“, schwelgte Marsano-Mitgründerin Annett Kuhlmann im Freunde von Freunde Interview über die Grenzgänge ihrer Zunft.

Ein Trend, der keiner sein möchte, schwappt aus England und den USA hinüber: Das kreative Bewusstsein für den Beruf Florist steht im Wandel. Nicht nur als eine simple Dienstleistung, sondern als kreative Arbeit verstanden wird sie längst in anderen Städten wie London und New York, bei der die Protagonisten die starren Regeln ihrer konservativen Lehrer und Kollegen lustvoll ignorieren. Marsano versucht sich seit einigen Jahren ebenso erfolgreich darin, auch hierzulande diesen kreativen, offenen, ja berauschenden Blumenpfad zu ebnen.

Was in anderen Bereichen längst selbstverständlich ist, bahnt sich langsam auch in dieser Branche an: die „Nicht anfassen“ und „keine Selbstbedienung“-Schilder verschwinden. Denn wer sich wirklich für Blumen interessiert, möchte ihre Schönheit genießen und deshalb erhalten – und rupft eben nicht achtlos die Stengel aus den Wassertöpfen, noch bevor sie ins Bukett wandern. Längst wollen wir als Kunden der Blumenhändlerin nicht mehr nur dabei zuschauen, wie sie stoisch den Strauß hellgelber Hyazinthen bindet und mit Schleierkraut und Spitzenmanschette versieht.

Blumen selbst in die Hand zu nehmen, neben andere zu legen, um Wirkung, Farb- und Formspiel zu testen, ihre Texturen zu spüren, ihren Duft wahrzunehmen und auszuprobieren, wie sie in welchem Winkel fallen, wenn ich sie in einem Strauß drapiere: All das war natürlich Teil des Flower Workshop von Marsano, der am letzten Samstag im Freunde von Freunde Apartment stattfand.

Blumen und die Kunst, sie zu arrangieren oder: Die Grundlagen des Straußbindens zu erlernen, so lautete der Lockruf der Crew rund um Marsano, dem eine handverlesene Zahl von Berlinern an einem sonnigen Samstagnachmittag nicht widerstehen konnte. Einst Töchtern aus sogenanntem ‚höherem Hause‘ vermittelt und im Zuge der Emanzipierung vom Radar verschwunden, wird es nun im Rahmen von Wissenstransfer und Do-it-yourself wieder entdeckt und zu Recht für veritabel befunden. Neben den Damen nahmen auch Männer teil, allen voran Andreas Namysl, der mit seinen fachkundigen Erläuterungen und Tipps durch den Nachmittag führte.

Und obgleich Marsano alle 15 Teilnehmer mit derselben Blumenauswahl bestückte, konnten die Sträuße tatsächlich nicht unterschiedlicher ausfallen. Architekt Sigurd Larsen zeigte einen souveränen Umgang mit Formen: Ein schweres Element im Arrangement erhält einen Gegenpart auf der anderen Seite, damit der Strauß nicht kippt – sowohl optisch als auch im buchstäblichen Sinne. Sein Strauß war als einer der ersten fertig. Alexa von Heydens Blumen wirkte ebenso offen und aufmerksam wie die Autorin und Schmuckdesignerin selbst, Schneebälle und Mohn aus ihrem Gebinde schauten fast keck hervor. Modedesigner Hien Le arbeitete mit großer Ruhe an seinem Blumen, er band sie viel kompakter als die anderen Teilnehmer – was seinen Blumen einen reduzierten Look verlieh und mit seinen eigenen modischen Entwürfen korrespondieren mag.

Warum sich die geladenen Berliner Kreativen vielleicht auch so gut mit den dargebotenen Blumen anfreunden konnten – Strauß eins bestand aus Schneebällen, Mohn, Tulpen; Strauß zwei aus Strelizien, französischen Tulpen, Hahnenkamm (von den Teilnehmern Gehirnblumen getauft), Zweigen (Monstera) und zwei Palmblätter (Anturie) – liegt an dem spielerischen Umgang Marsanos mit Gestaltung. Farben, Formen und Materialien geben den Zeitgeist wieder: Vor Beginn der Saison erstellt das Team Moodboards, auf denen keine Blumen abgebildet sind – sondern Motive aus Mode, Kunst und Design. Mit diesen Bildern im Kopf geht es auf den Blumengroßmarkt, um die passenden Gewächse für den Laden zu erstehen. Das schließt nachhaltige und saisongerechte florale Gestaltung mit ein.
Nicht zuletzt aber ist es das stille Glück, etwas mit seinen Händen zu schaffen und die überwältigende Schönheit der Blumen selbst, die zu dem einschlägigen Erfolg des Seminars beitrugen – so landeten bereits während des Workshops noch die ersten wunderschönen Blumenbilder auf Instagram. Wer eine Kultur verstehen will, muss also in ihre Gärten, Vasen – und Social Media Kanäle schauen.

Vielen Dank an Andreas Namysl, Katrin Jahn und ihre Assistentin Elena für die sachkundigen Hinweise sowie die Ermunterungen, den Umgang mit den gerade erlernten Regeln locker zu halten und natürlich auch für die wunderbaren Blumen. Vielen Dank an Rausch für die köstlichen Fruchtsäfte zur Stärkung während des Seminars.

Bring mehr in Erfahrung über das FvF Apartment –unserem vielseitigen Ort der Begegnung für interessante Leute und großartige Ideen.

Fotografie: Carina Adam / Carmen Reina
Text: Nella Beljan