Reflexionen zum Regal
Die Kulturredakteurin und Autorin Anna Sinofzik macht sich über den tieferen Sinn des Regals Gedanken
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Wir unterteilen die Welt in Raster, um uns besser in ihr zurechtzufinden, um sie besser darstellen und durchsuchen zu können. Unsere Wohnungen unterteilen wir teilweise durch Regalbretter. Dafür gibt es mehr als nur pragmatische Gründe.

Neben dicht gereihten Büchern, Plattenspielern, gestapeltem Geschirr und reichlich Potenzial zum Raumteiler bergen Regale persönliche Geschichten. Wie die Frames eines Films erzählen ihre Fächer vom Leben. Und wie manches Bild prägen sich einige Regale ein Leben lang ein.

Im Bücherregal meiner Mutter haben Günther Grass’ Hundejahre neben dem Butt und der Blechtrommel gestanden, links davon Hanif Kureishis The Buddha of Suburbia und Kishons beste Geschichten. Allesamt hatten sie weiße Hardcoverrücken mit schwarzer, manchmal auch roter Schrift. Das Fach darüber füllte ein fast tadelloser Farbverlauf aus Titeln der Suhrkamp’schen Taschenbuchreihe, das ganz obere und für mich als Kind damals kaum sichtbare Fach ein Block knallgelber Reclamhefte. Es war in den 1980er-Jahren, gerade hatte Benetton die erste United-Colors-Kampagne herausgebracht, Greenpeaces Regenbogenaufkleber waren allgegenwärtig.

"Wir definieren uns durch die Dinge, die wir besitzen, das Regal ist ihr Display."

Bücher (außer vielleicht Ratgeber, Reiseführer und eben Reclams und Suhrkamps Serien) im Allgemeinen nicht allzu bunt. Wären sie es gewesen, hätte unser Regal sicher wie eine riesige Schachtel Stabilos ausgesehen, denn meine Mutter hätte sie nur grob nach Autoren, Verlagen und Größe, vor allem aber nach Farben sortiert. Sie selbst trug damals knallpinke Oililypullis zu orangenen Karottenjeans. Aber Metzlers graue Deutsche Literaturgeschichte musste neben Stewart Homes grauen Assault On Culture stehen. Harmonie bedeutete ihr mehr als benutzerfreundliche Organisation.

Bücher, deren Rücken farblich inkonsistent waren, sodass sie sich ihrer Kategorisierung entzogen, die Verläufe oder einfach keine Farbverwandten hatten, wanderten in die zweite Reihe. Da das Regal tief genug war, konnte sie Taschenbücher sogar dreireihig stellen. Besonders schlecht gestaltete Buchrücken verschwanden in den geschlossenen Modulen, in die meine Mutter auch sonst all das räumte, was ihr zu privat oder irgendwie peinlich war (Chaos, Pillendöschen, später Prinzen-CDs). Ihr Regal galt ihr als eine Art persönliches Ausdrucksmittel. Kurz bevor sie es gekauft hatte, hatte Pierre Bourdieu den Geschmack als symbolisches Kapital der Gesellschaft beschrieben.

Wir definieren uns durch die Dinge, die wir besitzen, das Regal ist ihr Display. »Sharing your shelf is sharing yourself«, erklärte Peter Knox im britischen Guardian; Knox ist Gründer der Internetseite ShareYourShelf.tumblr.com, auf der Menschen Bilder ihrer Bücherregale posten und kommentieren. »Express yourself« heißt heute auch »Exhibit yourself«. Man kann Regale nicht nur als Statement sehen, sondern auch als Setzkästen unseres Selbst. Anstelle von Muscheln, Matchboxautos oder Mitbringseln enthalten die meisten, die ich kenne, Modemagazine und monströse Monografien, Platten und ein paar Bilderrahmen. Mein eigenes außerdem: Einen kränkelnden Kaktus, ein Illustrated Lyrics Puzzle der Beatles, einen vogelförmigen Räucherstäbchenhalter aus Keramik mit Delft-Dekor und Bruchteile der Bibliothek meiner Mutter (mittlerweile kaum noch nach Farben sortiert).

“Ein Regal ist nie fertig, sondern stets im Werden begriffen.”

Ein Großteil des »Zeugs« in unseren Regalen mag ziemlich zusammenhanglos sein, aber die Struktur des Möbels macht es zu einer Gemeinschaft. Zu einer zeitweiligen, denn der Zustand des Regals ist launisch; seine offene Form lädt zur Rastlosigkeit, zum ständigen Hin- und Herräumen ein. Ein Regal ist nie fertig, sondern stets im Werden begriffen – ein bisschen so, wie wir selbst. Regale wachsen, manchmal wuchern sie auch. So simpel und skeletthaft sie eigentlich sind, so sehr schreien sie nach Interpretation. Intuition. Und Improvisation. Denn Dinge driften, im wahrsten Sinne des Debord’schen »Dérive«, oft scheinbar zufällig durchs Zimmer.

Regale sind universell (da beinahe jeder eines besitzt) und individuell (insofern eingerichtet keines dem anderen gleicht). Man kann sich das durchdesignteste Designerregal kaufen – im Grunde designt man es doch selbst. So gesehen propagiert das Regal das DIY-Paradigma des Punk. Anders gesehen wirkt es wie ein Manifest des Minimalismus, der Mondrian unter den Möbeln oder noch minimaler. Manche Regale sind simple Raster, die auf stringenten Strukturen basieren. Die besten aber brechen sie. Ein Anagramm des Rasters ist die Starre, doch sobald ein System zu rigide wird, muss man sich aus ihm befreien – das ist das Wesen einer jeden Revolution. Und eines jeden guten Regals. Ohne den berühmten Bruch sind Ordnungssysteme dumpf, dogmatisch, belanglos. Erst durch flexible Formen und die Dynamik, die das dialektische Pärchenprinzip von Ordnung und Unordnung erzeugt, entwickeln sie ihr ästhetisches Potenzial – und Persönlichkeit.

“Man kann sich das durchdesignteste Designerregal kaufen – im Grunde designt man es doch selbst.”

Es steckt das Wörtchen »egal« im Regal, doch im Grunde ist jeder Gegenstand in seinen Fächern dort aus irgendeinem Grund. Manche sind längst nicht mehr nur Sachen an sich, sondern Symbole für Orte, an denen wir mal waren, für Menschen, die wir mal kannten. Einige erinnern uns daran, wer wir selbst eigentlich sind oder werden wollen. Während die Gegenwart in Form von Gegenständen gern auf Sideboards und Schreibtischen herumfliegt, erzählen unsere Regale von Vergangenheit und Zukunft zugleich. Und es gibt Momente im Leben, da erscheinen uns solche Geschichten sperrig wie das Möbelstück selbst.

Als ich zum Studieren nach London ging, habe ich mein großes Regal im Lager gelassen. Drei Jahre darauf kam mir die Kiste mit dem alten Regalinhalt wie eine von Warhols Zeitkapseln vor, das Einräumen des Regals in Berlin wie ein Intro ins nächste Kapitel des Lebens.

Walter Benjamin hat in Hinblick auf seine heimische Bibliothek sinngemäß mal gesagt: Nicht die Dinge, die wir besitzen, leben in uns, sondern wir leben in den Dingen, die wir besitzen. Meine Mutter meinte, wenn es bei uns zu Hause mal brennen würde, dann wären – mich und die Katze mal ausgenommen – die Bücher aus dem Regal das Erste, was sie retten würde. Bei uns hat es zum Glück nie gebrannt. Aber auch Sachen haben Schicksale.

“Auch Sachen haben Schicksale.”

Als meine Eltern sich Anfang der 1990er-Jahre scheiden ließen, stand ein einzelnes Modul des weißen Bücherregals im Badezimmer des Einzimmerappartements meines Vaters und sah dort so verloren aus wie er zwischen den fremden Müttern, wenn er mich Freitags von der Schule abholte. Drin war kaum mehr als sein Kulturbeutel und eine Flasche Wash & Go. Symbole der Durchreise. Er wollte hier eben nicht lange bleiben. Die restlichen elf Module des Bücherregals waren im Wohnzimmer meiner Mutter geblieben, die allerdings hatte ihre Bücher darin neu sortiert. Grass’ Blechtrommel und Kureishis Buddha of Suburbia trennte nun ein kleiner Block knallbunter Selbsthilferatgeber. Es war das Ende einer Ära – und in etwa der Beginn der digitalen. Bald würde man mehr Daten als Dinge sortieren.

Manchmal scheint mir der »temp«-Ordner auf meinem Desktop das digitale Äquivalent zu den Schubladenmodulen im Regal meiner Mutter zu sein. Analoge Sachensammelstellen bleiben und kein »research«-Ordner kann breite Bücherreihen ersetzen. Aber ich bin schon in Wohnungen gewesen, in denen es gar keine richtigen Regale mehr gibt. An die Wände montiert mancher heute nur noch schmale Präsentationsboards für seine Prestigeprodukte, ein paar Siebdrucke und sein Fahrrad. Man kann das Minimalismus nennen. Hip. Oder neues Nomadentum. Die Apartments der Post-Regal-Generation sprechen von ganz großer Freiheit. Aber ihnen fehlen Geschichten.

Dieser Essay ist ursprünglich im “Personalities”-Buch erschienen, einer Kollaboration zwischen USM und Freunde von Freunden.

Anna Sinofzki hat Grafikdesign und Designkritik in London studiert. Sie lebt in Berlin und arbeitet dort als freie Kulturredakteurin und Autorin.