Tomorrow Today: Gallery Festival in Wien
Ein Blick hinter die Kulissen des curated by_vienna, Vienna
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Das Wiener Kunstevent curated by_vienna ist mehr als ein gewöhnliches Galerienfestival: Als wichtiger Impulsgeber hat es das Ziel, den Galerienstandort Wien zu stärken und die Produktion für zeitgenössische Kunst in Wien in den Vordergrund zu stellen.

Im Rahmen von curated by_vienna widmen sich die teilnehmenden Galerien in von internationalen Kuratoren gestalteten Ausstellungen einem gemeinsamen Thema. Das diesjährige Festival bot dabei Sprengstoff für eine kontroverse Debatte.

„Tomorrow Today“ – unter diesem Titel wurde im September zum sechsten Mal das »curated by_vienna« ausgetragen. Das Festival, das seit 2009 von departure, dem Kreativzentrum der Wirtschaftsagentur der Stadt Wien veranstaltet wird, hat das Ziel, die Wiener Galerieszene als Standort zu stärken und weltweit zu vernetzen.

Kann Kunst wirklich etwas verändern?

Den Status Quo hinterfragen

Den Rahmen für „curated by_vienna“ bildet ein spannendes und unkonventionelles Konzept, welches ausgewählten Wiener Galerien die Möglichkeit bietet, international arbeitende Kuratorinnen und Kuratoren für die Zusammenstellung je einer Ausstellung einzuladen. Die Kuratoren sind dabei nicht an das Programm der Galerien gebunden, sondern bekommen thematische Vorgaben für ihre Arbeit, die sich als roter Faden durch das Festival ziehen.

Der interessante Aspekt – gerade für die diesjährige Schnittstelle „Kunst und Kapital“ – ist, dass die Galerien sich durch ihre Teilnahme für ein Produktionsformat entscheiden, bei dem der ökonomische Nutzen nicht unbedingt im Vordergrund steht. Für die Kuratorinnen und Kuratoren, die ansonsten in Museen, Kunsthallen und Kunstvereinen oder frei arbeiten, stellt sich die Herausforderung, ihre Konzepte unter anderen institutionellen Rahmenbedingungen als gewohnt umzusetzen.

In diesem Jahr widmete sich curated by_vienna dem Verhältnis von Kunst und Kapital. Ausgangspunkt für diese Auseinandersetzung war der Essay „Tomorrow Today“ des Philosophen und Literaturwissenschaftlers Armen Avanessian, der den inhaltlichen Rahmen für das Festival bildete. „Science Fiction ist heute der bessere, wenn nicht sogar einzig mögliche Realismus“, schreibt Avanessian. Er verweist dabei auf ein Zitat von J. G. Ballard und nimmt diesen Gedanken für “Tomorrow Today” zum Anlass, um unsere künstlerische, ökonomische und politische Gegenwart aus der Perspektive der bereits angebrochenen Zukunft zu betrachten. Im Text stellt Avanessian die provokante These auf, dass der Kapitalismus wie wir ihn kennen und mit ihm auch die zeitgenössische Kunst am Ende sind. Aus seiner Sicht haben die jetzigen Formen der Herstellung von Kunst und ihrer Vermarktung keine zufriedenstellenden Antworten mehr auf die drängenden Fragen von heute. Der kontrovers diskutierte Text will den Beteiligten im Kunstbetrieb jedoch auch die Möglichkeit eröffnen, über die Situation der Kunst und über Alternativen zum Status Quo nachzudenken.

Armen Avanessian: “Meine Hypothese ist, dass wir aus der Zukunft zurückblickend sehen werden, dass die Contemporary Art eigentlich am Ende ist.”

Diese Galerien haben wir besucht:

  • (EN) Christine König Galerie: Cointemporary (Andy Boot & Valentin Ruhry) – “Relational Changes”

  • (EN) Galerie Elisabeth & Klaus Thoman: Veit Loers – “Retro Store”

  • (EN) Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder: Kolja Reichert – “Produktion”

  • (EN) Galerie Steinek: Myriam Ben Salah – “Like the Deserts Miss the Real”

Der Wiener Kurator und Kunstkritiker Andreas Spiegl war für FvF vor Ort, um sich in die Debatte einzuklinken und mit verschiedenen Akteuren des Festivals zu sprechen. Dafür hat er nicht nur Philosoph Avanessian zu seinem Essay befragt, sondern auch mit der Galeristin Christine König, dem Kurator Veit Loers und der Kuratorin Myriam Ben Salah gesprochen. Besonders Galeristin König zeigt sich dabei beeindruckt von der Aktualität von Avanessians Denkanstoß: „Ich glaube, dass für die Reihe »curated by_vienna« noch nie ein Text so bedeutend war wie jener des jungen Philosophen. Er ist in diesem Jahr von einer Aktualität, die mich erschüttert.“

Veit Loers: “Das ist auch philosophisch gemeint: Es gibt keinen Schritt nach vorne, der nicht auch etwas aus der Vergangenheit beinhaltet.”

Christine König: “Das ist unsere Aufgabe als Galeristen: Dass wir mithelfen, die Kunst weiter voranzutreiben”

Myriam Ben Salah: “Wenn Du in einer Welt lebst, wo die Dinge bereits so beschleunigt sind, dass sie wie Science Fiction aussehen und wo der Kapitalismus kurz vor seinem Ende steht: Wie reagiert man dann darauf?”

Wir bedanken uns bei allen Protagonistinnen und Protagonisten unseres Videos für den herzlichen Empfang und die offenen Gespräche. Ein besonderer Dank geht außerdem an die Galerie Steinek, Christine König Galerie und Andy Boot & Valentin Ruhry, Galerie Elisabeth & Klaus Thoman, Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder und Kolja Reichert.

Dieses Video ist in Zusammenarbeit mit der Wirtschaftsagentur Wien und ihrem Kreativzentrum departure entstanden. Mehr Portraits und Berichte zu der Wiener Kreativszene gibt es hier. Die Galeriefotos wurden von eSeL.at fotografiert.

Interview: Andreas Spiegl
Text: Hanno Stecher
Fotograferin: Lisa Marie Edi
Video: Retina Fabrik