Freunde von Freunden

Ilias Dahimène
Founder and Owner of Sea You , Studio, Leopoldstadt, Vienna
Workplaces > Ilias Dahimène

Früher hieß es, wer etwas als Musiker erreichen will, sollte Österreich lieber verlassen. Doch inzwischen sieht es ganz anders aus in der Alpenrepublik, denn es hat sich einiges in der österreichischen Musikszene getan. Während die großen Labels in den Nuller-Jahren noch den Raubkopierer-Teufel an die Wand malten, nahmen die Wiener Kreativen die Angelegenheit selbst in die Hand. Und das mit viel Erfolg!

Ein gutes Beispiel dafür ist Ilias Dahimène, der seit 2006 das Musiklabel Seayou betreibt. Es gehört nicht nur zu den Wichtigsten in Österreich, sondern hat auch international für viel Aufmerksamkeit sorgt. Die Bands, die alle Genre-Grenzen sprengen, genießen bei der Full-Service-Agentur zusätzlich zu den offensichtlichen Dienstleistungen, wie der Musikverwertung auch psychologische Betreuung. Vor kurzem hat er das Wiener Label ‘Problembär-Record’ übernommen. Neben der Musik hat Ilias aber noch eine zweite Leidenschaft: das Skateboarden, das er genau wie die Musik gerne an verschiedenen Orten praktiziert und ihn so zu dem ein oder anderen Roadtrip verleitet. Tagelang ohne Duschen auskommen, nimmt er dafür gerne in Kauf.

Als ob Ilias nicht schon genug ausgelastet wäre, gründete er vor kurzem gemeinsam mit Stefan Redelsteiner, dem Chef des befreundeten Wiener Indie-Labels ’Problembär Records’ auch noch den Verlag Redelsteiner Dahimène Edition.

Wir haben den Label-Boss mit österreischischen und algerischen Wurzeln in seinem Büro im Wiener Bezirk Leopoldstadt besucht und mit ihm nicht nur über Platten und die Zukunft der Musikbranche gesprochen, sondern auch über Abenteuer, wie das Übernachten in einem Mailänder Flüchtlinslager und das billigste Bier am Donaukanal.

Freunde von Freunden — Ilias Dahimène — Founder and Owner of Sea You , Studio, Leopoldstadt, Vienna  — https://www.freundevonfreunden.com/de/workplaces/ilias-dahimene/

Freunde von Freunden — Ilias Dahimène — Founder and Owner of Sea You , Studio, Leopoldstadt, Vienna  — https://www.freundevonfreunden.com/de/workplaces/ilias-dahimene/

Freunde von Freunden — Ilias Dahimène — Founder and Owner of Sea You , Studio, Leopoldstadt, Vienna  — https://www.freundevonfreunden.com/de/workplaces/ilias-dahimene/

Freunde von Freunden — Ilias Dahimène — Founder and Owner of Sea You , Studio, Leopoldstadt, Vienna  — https://www.freundevonfreunden.com/de/workplaces/ilias-dahimene/

Freunde von Freunden — Ilias Dahimène — Founder and Owner of Sea You , Studio, Leopoldstadt, Vienna  — https://www.freundevonfreunden.com/de/workplaces/ilias-dahimene/

Freunde von Freunden — Ilias Dahimène — Founder and Owner of Sea You , Studio, Leopoldstadt, Vienna  — https://www.freundevonfreunden.com/de/workplaces/ilias-dahimene/

Freunde von Freunden — Ilias Dahimène — Founder and Owner of Sea You , Studio, Leopoldstadt, Vienna  — https://www.freundevonfreunden.com/de/workplaces/ilias-dahimene/

Freunde von Freunden — Ilias Dahimène — Founder and Owner of Sea You , Studio, Leopoldstadt, Vienna  — https://www.freundevonfreunden.com/de/workplaces/ilias-dahimene/

Freunde von Freunden — Ilias Dahimène — Founder and Owner of Sea You , Studio, Leopoldstadt, Vienna  — https://www.freundevonfreunden.com/de/workplaces/ilias-dahimene/

Freunde von Freunden — Ilias Dahimène — Founder and Owner of Sea You , Studio, Leopoldstadt, Vienna  — https://www.freundevonfreunden.com/de/workplaces/ilias-dahimene/

Freunde von Freunden — Ilias Dahimène — Founder and Owner of Sea You , Studio, Leopoldstadt, Vienna  — https://www.freundevonfreunden.com/de/workplaces/ilias-dahimene/

Freunde von Freunden — Ilias Dahimène — Founder and Owner of Sea You , Studio, Leopoldstadt, Vienna  — https://www.freundevonfreunden.com/de/workplaces/ilias-dahimene/

Freunde von Freunden — Ilias Dahimène — Founder and Owner of Sea You , Studio, Leopoldstadt, Vienna  — https://www.freundevonfreunden.com/de/workplaces/ilias-dahimene/

Hat Musik schon immer eine Rolle in deinem Leben gespielt?

Ja, schon als kleines Kind war ich sehr musikaffin. Ich glaube, das liegt an meinen Eltern, die mich früh auf Konzerte von Bob Dylan und den Rolling Stones mitgenommen haben. Mit zwölf Jahren haben mich dann aber die ganzen Punk-Sachen mehr interessiert.

Und spielst du auch selbst?

Ja, mit 14 Jahren habe ich angefangen in Bands als Bassist und Gittarist zu spielen und bin bis Mitte zwanzig mit Hardcore-Bands auf Tour gewesen. Dann habe ich mir überlegt, was ich machen soll. Und dann hat es sich zum Glück so ergeben, dass ich das Label gegründet hab. Ich kann es zwar immer noch nicht so ganz glauben kann, aber ich bin sehr froh darüber.

Kannst du dich noch an deinen ersten Plattenkauf erinnern?

Das waren sogar zwei CDs, die ich von meinem Taschengeld gekauft habe: ’Against the Grain’ von Bad Religion und ’Use Your Illusion II’ von Guns ‘n’ Roses.

Was hörst du jetzt für Musik?

Eigentlich alles, es ist es total durchmischt. Früher war ich oft auf Raves und habe viel Hip-Hop gehört. Aber inzwischen geht es mir gar nicht mehr um die Musik an sich, sondern viel mehr um die Person, die dahinter steht und was sie mit der Musik macht.

Hier im Büro stehen coole Skateboard-Decks — was hat es damit auf sich?

Das war eine total spannende Zusammenarbeit mit Brutal Beauty, einem Kunst- und Skateboard-Label aus Graz. Unsere Bands Die Eternias und Dust Covered Carpet haben eine Split-EP aufgenommen und die passenden Decks und T-Shirts entworfen.

Skaten war ja auch schon immer ein Thema bei dir, oder?

Ja, das war mein Ding: Skateboarden und Musik waren meine zwei Hauptausdrucksformen. Das ist auch immer noch so, nur hat sich das Gewicht ein bisschen mehr zur Musik verlagert. Ich bin jetzt mehr der Vermittler als der Ausführende.

Wo bist du eigentlich geboren und aufgewachsen?

Ich bin in Freistadt in Österreich geboren. Mein Vater kommt aus Algerien, meine Mutter aus Österreich und wir sind die ersten vier Jahre nur umgezogen. Eine Weile habe ich in Algier gewohnt, später in München und dann die meiste Zeit an der bayrisch-österreichischen Grenze bei Passau.

Wie bist du dann nach Wien gekommen?

Ein Klassiker: Ich bin in der Schule zweimal sitzen geblieben und dann nach Wien gezogen, weil ich nicht wusste, was ich machen wollte. Zuerst habe ich Philosophie studiert, dann aber recht früh angefangen, neben der eigenen Musik andere Sachen zu machen. Zum Beispiel für tourende Bands Konzerte veranstaltet. Mein Lebensmittelpunkt hatte irgendwie immer irgendwas mit Musik zu tun.

2006 hast du dann das Label gegründet.

Genau, unsere erste Platte war damals das Debut von ’go die big city!’

Eine tolle Platte: klein, aber fein! Mittlerweile veröffentlicht ihr mitunter enorme Doppel-Live-Alben. Spiegelt das für dich die Entwicklung des Labels wieder?

Teils, teils. Wir hätten das am Anfang sicher nie so machen können. Andererseits: als ich angefangen und diese Platte gemacht habe, wollte ich eigentlich nie ein Label gründen, um damit meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Es gab vier Tracks, die super waren – und dazu noch von einem coolen Künstler – mehr braucht man nicht. Eine klassische Label-Gründungsgeschichte eben. Und nach dem guten Feedback dazu, habe ich mir alles über Musikvermittlung selbst beigebracht und das Label gegründet.

Welche Genres gibt es bei dem Label?

Alles, quer durch die Bank. Nachdem ich aus so einer starken Subkultur komme, wollte ich nicht auch noch mit dem Label in einer bestimmten Ästhetik feststecken. Mir ist nur wichtig, dass Künstler und Musik spannend sind.

Findest du es gut sich nicht festzulegen?

Naja, es ist ein großes Risiko, weil wir Sachen rausbringen, die Leute gar nicht so richtig zuordnen können. Wir machen eben nicht nur Indie-Bands, die sich gut verkaufen, sondern auch welche, die ein bisschen experimenteller und edgy sind.

Ist es befreiend keinen Label-Sound zu haben?

Es hat Vor- und Nachteile. Man kann als Genre-Label schnell Aufmerksamkeit erregen, wenn das Timing stimmt und die Musik in das allgemeine Lifestyle-Ding reinpasst. Aber man ist dann eben extrem an Trends gebunden. Viele Labels in der Vergangenheit, die in genau dem Zeitpunkt gut gepasst haben, tun sich nach ein paar Jahren schwer. Wir haben den Vorteil trendunabhängig zu sein. Dafür gibt es die Schwierigkeit, immer wieder Aufmerksamkeit erregen zu müssen, da unsere Bands so unterschiedlich sind.

Wie gehst du mit dem Begriff Indie-Label um?

Wir sind es ein bisschen aus Zwang. Natürlich sind wir aber sehr happy damit. Allein in den letzten zehn Jahren haben sich die Indie-Strukturen extrem professionalisiert und die Indies haben ihren Marktanteil verdoppelt, während die Majors verloren haben. Es sind eben zwei verschiedene Modelle in der Musikindustrie.

Hat der Zuwachs bei den kleinen Labels auch mit Streaming zu tun?

Der Zuwachs hat hauptsächlich damit zu tun, dass durch das Internet die klassischen Gatekeeper weggebrochen sind: Print ist nicht mehr so wichtig wie früher und Musikfernsehen gibt es auch nicht mehr. So kann man eine unbekannte Band extrem schnell promoten. Früher war das gar nicht so möglich, da man eben immer an den Gatekeepern vorbei musste. Im Grunde war das eine Art Demokratisierungsprozess.

Streaming ist also doch nicht der Erlöser?

Doch, ich stehe dem sehr positiv gegenüber und nutze es auch privat sehr viel. Vor allem ist es tatsächlich ein Modell, mit dem man in Zukunft Musik verwerten kann. Es ist mittlerweile viel bequemer, als Runterladen. Viele beschweren sich immer, dass es extrem wenig einbringt pro Stream, aber das ist halt ein Massenmedium und funktioniert dann am besten, wenn es die Masse benutzt.

Was bedeutet das für die Künstler?

Sie sollten sich überlegen, was sie wollen, welche Art Karriere sie anstreben und in welchem Radius sie gespielt werden möchten. Ich bin definitiv keiner, der die Majors verflucht, weil es ist halt doch nicht so einfach ist, ein kleines Label zu führen.

Wie finden Künstler zu euch?

Am Anfang waren es nur Freunde oder Bekannte. Dadurch, dass ich relativ oft auf Tour war, habe ich schon immer viele internationale Bands gekannt. Manchmal schreiben uns auch Booking-Agenturen an, die von Amerika aus ein europäisches Label suchen. Mittlerweile kriegen wir auch Demos zugesandt: Die Band Fijuka haben wir beispielsweise auf diesem Weg für uns gewonnen.

Können Labels mehr als eine Orientierungshilfe für Bands sein?

Im Prinzip sollte ein Label nur schauen, dass die Platte in den Läden steht und in den Medien präsent ist. Wie erfüllen aber auch ganz viele Zusatzaufgaben, die bis zur psychologischen Betreuung reichen. Deswegen haben wir uns im Antrag auf die Wiener Kulturförderung von departure auch als Full-Service-Agentur bezeichnet.

Welche Rolle spielt Förderung denn, insbesondere in der Musikszene?

In Österreich haben wir das Problem, dass die klassische Musik sehr dominiert und den gesamten Fördertopf für sich beansprucht. Für Pop-Musik bleibt da kaum etwas übrig. Bis auf die Förderung von departure gibt’s da eigentlich nichts.

Was macht Wien als Standort für dein Label dennoch interessant?

Wien ist sehr angenehm: Es hat die richtige Größe, liegt sehr zentral, ist billig und hat eine hohe Lebensqualität. Und es ist gemütlich! Auch wenn in Wien nicht die riesigen Medien sitzen, kann man leicht Aufmerksamkeit in Österreich erregen. Es gibt schon Überlegungen, ob man das Label auch woanders führen könnte, aber das ist nicht so fix.

Welche Städte würden da in Frage kommen?

Die klassischen Großstädte, in denen die Medien sitzen: London, Berlin, Paris, Barcelona. Dinge, die wir teilweise noch an externe Agentur auslagern müssen, könnte man dort direkt erledigen.

Und warum dann doch noch Wien?

Ich wohne jetzt seit zwölf Jahren hier und bin ein ziemlicher Wien-Fan. Ich war schon immer viel unterwegs und kenne auch die meisten anderen europäischen Städte. Aber Wien hat eben eine gute Mischung von der Größe, vom Preis und von der Lebensqualität. Der einzige Nachteil sind die langen Winter. Sonst kann ich mich nicht beschweren. Und wenn man viel rauskommt, weiß man das auch mehr zu schätzen.

Hast du Lieblingserinnerungen von deinem Rauskommen?

Ja, wenn wir mit Bands auf Tour waren, haben wir immer extrem viel erlebt. In Mailand haben wir zum Beispiel im Flüchtlingslager geschlafen, in Squads ohne Strom. Skateboard-Roadtrips waren natürlich auch immer sehr lustige Erfahrungen: eine Woche mit vier Freunden im Auto ohne zu duschen.

Und was ist dein Lieblingsort, wenn du zuhause bist?

Die Hafenkneipe ist im Sommer so etwas wie ein Geheimtipp. Da sie am ruhigeren Teil vom Donaukanal liegt findet hier selten jemand hin. Und das, obwohl sie das billigste Bier am ganzen Kanal verkaufen.

Seit neustem bist du nicht nur Label-Chef, sondern verlegst auch Bücher?

Genau, seit 2013 betreibe ich mit Stefan Redelsteiner, dem Labelchef von ’Problembär Records’, die Redelsteiner Dahimène Edition.

Wie kam es dazu?

Meine Mutter war Autorin, durch ihren Freundeskreis habe ich also das ganze Literaturschaffen schon immer mitbekommen. Obwohl ich das, was sie und ihre Bekannten da gemacht haben, eher schlecht fand. Ich habe zum Beispiel immer viel mit ihr gestritten, warum sie Thomas Bernhard gut findet, den fand ich immer total furchtbar. Irgendwie dachte ich mir dann: Es muss ja irgendwas geben, was nicht so ist und habe mit Stefan geredet, der auch schon immer einen Verlag gründen wollte. Wir waren uns einig, dass wir eigentlich keine Zeit dafür haben und überlegten: Wenn wir das zu zweit machen, können wir uns vielleicht die Arbeit teilen und ganz wenig machen.

Ist der Plan aufgegangen?

Nein, natürlich nicht. Es ist ganz schön viel Arbeit.

Vielen Dank an Ilias, dass er sich trotzdem Zeit für das interessante Gespräch genommen hat. Weitere Informationen zu seine Musiklabel findet sich hier und zu seinem Verlag hier.

Dieses Porträt ist in Zusammenarbeit mit der Wirtschaftsagentur Wien und ihrem Kreativzentrum departure entstanden. Mehr Porträts und Berichte zu der Wiener Kreativszene gibt es hier

Fotos: Lukas Gansterer

Interview & Text: Philipp Daun