Markus & Daniel Freitag
Gründer und Creative Directors bei FREITAG, Studio, Zürich
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Natürlich treffen wir Daniel und Markus Freitag an einem Freitag in ihrem Studio. Die beiden Brüder sind in und über die Schweiz hinaus für ihr gleichnamiges Taschenlabel FREITAG bekannt.

Aus gebrauchten LKW-Planen, Autogurten und Fahrradschläuchen entwickeln sie Gepäckstücke und Accessoires für Menschen in Bewegung. An der nördlichen Stadtgrenze Zürichs tüfteln die zwei im Freitag lab. an der Umsetzung neuer Ideen – wie zum Beispiel ihrer ersten Textillinie F-abric, in der fünf Jahre Entwicklungsarbeit steckt. Das Resultat: eine kleine Kollektion aus in Europa produzierten, vollständig kompostierbaren Kleidungsstücken.

Das Eckatelier der Freitag Brüder befindet sich im dritten Stock der großen Fabrikhalle, wo die ausgebreiteten Lastwagenplanen für die Taschen von Hand zerlegt werden. Gut 350 Tonnen davon werden jährlich zur Weiterverwertung angeliefert – pro Jahr werden rund 350.000 ihrer Fabrikate, alles Einzelstücke, fabriziert. Den Soundtrack dazu liefern die Mitarbeiter gleich selbst. In der großen Fabrikhalle läuft der interne Sender Radio F: Wer will, kann sich als DJ betätigen und die Arbeitsmusik bestimmen.

Freitag funktioniert in Kreisläufen, dem Leitmotiv von Markus und Daniel Freitag. Ihr Unternehmen gründeten sie 1993, lange bevor Nachhaltigkeit im Gespräch war. Damals gab es weder die Abfallgebühr, geschweige denn das Wort Upcycling. Bereits in ihrem Elternhaus war Wiederverwertung Thema, genauer: bei der Gartenarbeit. “Kompost-Erde gab einfach die besseren Zucchetti”, erinnert sich Daniel. 22 Jahre nach der Gründung beschäftigt Freitag rund 150 Mitarbeiter, verkauft in zwei Produktlinien über 50 unterschiedliche Artikel und betreibt in der Schweiz, Deutschland, Wien und Tokyo insgesamt zehn eigene Läden.

In der Schweiz ist man stolz auf die mit zahlreichen Designpreisen prämierte Marke Freitag. Sie steht für typisch helvetische Merkmale wie ökologisches Bewusstsein, reduzierte Form und Funktionalität. Die Entwürfe von Markus und Daniel Freitag zählen zu den wichtigsten zeitgenössischen Beiträgen zur Schweizer Design-Geschichte.

Hättet ihr euch als Kinder vorstellen können, später als Brüderduo Karriere zu machen?

Daniel: Nicht direkt, aber es gab in der Kindheit schon erste Indizien [lacht]. Während der Schulzeit waren die freien Nachmittage lustiger, wenn wir sie zusammen verbrachten. Mit vier Händen kann man einfach mehr machen, zum Beispiel ein besseres Floß bauen. Während der Lehre [Daniel als Grafiker, Markus als Dekorationsgestalter] ging dann jeder seinen eigenen Weg. Über die Idee mit den Taschen fanden wir mit Anfang Zwanzig wieder zusammen. Natürlich geraten wir manchmal aneinander, aber das Positive unserer Zusammenarbeit dominiert.

Versteht ihr Freitag als Familienbetrieb?

Markus: Ja, obwohl wir kein über Generationen gewachsenes Unternehmen sind, ähnelt unsere Denkhaltung den Familienbetrieben. Alle Entscheidungen werden hier im Haus gefällt und man sieht sich spätestens beim Mittagessen in der Kantine wieder. Ganz am Anfang half uns sogar unsere Mutter beim Anstellen der ersten Mitarbeitenden.

Wie teilt ihr die Arbeit unter euch auf?

Daniel: Wir haben in den 20 Jahren schon so ziemlich alles ausprobiert. Es kostet viel Zeit, uns gegenseitig abzugleichen, wenn wir unsere Aufgabenbereiche strikt voneinander trennen. Da wir unterschiedlich ticken, ist es aber wertvoll, unsere beiden Perspektiven zu vereinen. So haben wir noch keine dauerhafte Regelung gefunden, was die Aufgabenverteilung betrifft.

Ihr wart beim Bau eures heutigen Firmengebäudes involviert. Was war euch besonders wichtig?

Markus: Wir wollten eigentlich, dass unser Regenwassertank [die Freitag-Planen werden mit gesammeltem Regenwasser gewaschen] als Schwimmbecken in der Fabrikhalle steht. Dieser Plan ging leider nicht auf. Abgesehen davon, konnten wir viele Vorstellungen realisieren, insbesondere die hohe Flexibilität in der Raumgestaltung und die Durchlässigkeit zwischen Produktion und Administration. Es entspricht unserer Grundhaltung, dass diese zwei Bereiche nicht völlig getrennt von einander operieren. Die fünf Planen-Einkäufer sollen auf den Zerlegplatz schauen können und Sales-Mitarbeiter das Hochregallager, wo unsere Produkte liegen, im Auge haben.

Daniel: Wir haben uns einen Dachgarten gewünscht. Die Gartenarchitektin hat auf dem Dach die Ried-Vegetation wieder hergestellt, welche in diesem Landstück vor der Überbauung vorhanden war. Wir genießen diese Frischluftzone und sie ist ein guter Standort für unseren Kompost. Der Innenausbau wiederum ist sehr minimal mit Rohbeton, Zementfaserplatten, frei liegender Haustechnik und ohne Lüftung. Dieser einfache Laborbaustil passt zu uns und zu den Grundwerten von Freitag. Und – wie man sieht – mögen wir einfach dieses Industrie-Grün sehr [der Freitag-Grünton ist eine Mischung aus RAL 6011 Resedagrün und RAL 6021 Blassgrün].

Beeinflusst der Arbeitsraum eure Kreativität?

Markus: Der Raum hat sicherlich einen Einfluss auf den kreativen Prozess. Er sollte modular aufgebaut sein und eine gewisse Beweglichkeit gewährleisten. Auf keinen Fall darf er sich wie ein Korsett anfühlen. Kleine Meeting-Räume mit schlechter Luft, in denen man sich auf den Füßen herumsteht, funktionieren nicht. Ideen brauchen Raum. Diesen Raum muss man sich schaffen, damit man ihn kreativ füllen kann.

Daniel: Für unser kreatives Schaffen entwickeln wir immer wieder eigene Raumlösungen, wie unsere Charts zum Aufhängen. Damit lassen sich visualisierte Ideen leicht im Haus herumtragen. Hinzu kommt, dass wir nebst unserer Rolle als Creative Directors noch ganz andere Aufgaben übernehmen. Freitag entwickelt nicht nur Taschen, sondern stellt diese auch her, vermarktet, vertreibt und verkauft sie. Wir denken als Designer folglich nicht nur ans Produkt, sondern haben von Anfang an den gesamten Kreislauf im Kopf. Wir möchten, dass die Freitag-Handschrift bei jedem Prozessschritt erkennbar ist.

Was macht für euch gutes Design aus?

Markus: Ich mag das grafische Design von Industriekatalogen sehr. Grundsätzlich interessieren mich Entwürfe von Handwerkern mehr als so genanntes Autorendesign. Wenn zum Beispiel eine Schreinerei einen coolen Tisch herstellt, der sich gut verkauft, und so zu einer Möbelfirma wird, entspricht das mehr meiner ganzheitlichen Betrachtungsweise, als wenn Philippe Starck mit dem x-ten Wurf auf den Markt kommt.

Daniel: Mir gefällt es ebenfalls, wenn ein Design-Brand auf ein Handwerk zurückgeht. Persönlich kann ich mich für zeitgenössische wie auch für historische Entwürfe begeistern. Bei Freitag sind wir nicht klassische Design-Dienstleister, die eine unverkennbare Sprache sprechen müssen. Wir haben das Privileg, viel freier denken zu dürfen – immer unter der Bedingung, dass es in Kreisläufen geschieht.

Mit dem Fahrradanhänger fuhr Markus die erste LKW-Plane von einem Speditionsbetrieb auf direktem Weg in seine WG im Zürcher Industriequartier. Im Wohnzimmer im fünften Stock zerschnitten sie die ausgelegte Plane mit Teppichmessern, mehr schlecht als recht. Das feste Material der Planen ruinierte zwei Nähmaschinen, bis sie mit dem Profi-Gerät eines Sattlers die erste Tasche herstellten, inspiriert von den Messenger Bags der Fahrradkuriere. Das Pioniermodell ist heute im Besitz des Museums für Gestaltung in Zürich und darf nur mit weißen Handschuhen angefasst werden. Dasselbe Modell steht in der permanenten Sammlung des MoMa in New York.

1997 ging es zum ersten Mal nach Japan, wo die Freitag Taschen ebenfalls sehr begehrt sind. Ihren ersten eigenen Laden eröffneten Daniel und Markus zwei Jahre später in Davos, dem bekannten Wintersportziel, der dank des regen Tourismus’ für weiter wachsende weltweite Aufmerksamkeit des Labels sorgte.

Die rasche Internationalisierung brachte neue Herausforderungen mit sich: In den Anfängen kannten sie noch alle Freitag-Taschen-Träger persönlich, waren es doch Freunde oder Freunde von Freunden. Heute hingegen tragen ihre Eltern genauso selbstverständlich Freitag wie eine 20-jährige Studentin in Tokyo. “Junge Leute kaufen unsere Produkte, die 1993 noch gar nicht geboren waren. Andererseits kann man mit den Taschen alt werden”, freuen sich die beiden Brüder.

Was geht euch durch den Kopf, wenn Ihr eure Produkte auf der Straße seht?

Markus: Mich freut es immer sehr, wenn die Funktionalität der Taschen wirklich zum Einsatz kommt. Gerade heute Morgen habe ich eine junge Frau mit unserem Rucksackmodell F151 Victor gesehen, das sie richtig strapazierte: voll gefüllt mit frischen Orangensäften, die sie verteilte.

Daniel: Ich finde es auch nach 20 Jahren noch sehr spannend zu sehen, für welche Tasche sich eine Person entschieden hat und vor allem auch für welches Design. Jede Tasche ist ein Unikat und wir glauben, dass Menschen unsere Produkte sehr bewusst kaufen. Das ist auch ein Grund, weshalb fremde Menschen über unsere Produkte angeblich leicht ins Gespräch kommen. Eine Japanerin, deren Tochter ihren zukünftigen Mann über eine Tasche von uns kennen gelernt hat, hat uns sogar einmal das Replikat einer Freitag-Tasche aus Kimono-Stoff geschenkt.

Freitag macht seit jeher keine Anzeigen-Werbung und pflegt auch sonst keine ‘laute Kommunikation’. Wie steht ihr zu Kollaborationen mit anderen Labels oder zu Spezialeditionen?

Markus: Grundsätzlich machen wir das gerne. Konkret gestalten sich diese Geschichten jedoch meist schwierig, insbesondere, weil wir Einzelstücke produzieren. So müssen wir für unseren Web-Store jedes einzelne Produkt fotografieren und können nicht einfach ein Sample verwenden. Das ist ein riesiger Aufwand, den sich viele potentielle Partner gar nicht bewusst sind.

Daniel: Wir möchten auch nicht, dass Freitag-Produkte im Ausverkauf landen. Deshalb nehmen wir alle nicht verkauften Artikel von unseren Wiederverkäufern zurück. Da halten wir strikt am Zyklusdenken fest. Im Gegensatz zum saisonalen Trendverhalten der Modeindustrie, in der jede Saison alles komplett ausgewechselt wird. Wer mit Freitag kollaboriert, tut dies nicht einfach mit einer Produktpalette, sondern mit einem ausgeklügelten Kreislaufsystem.

Als Kreativdirektoren seid ihr auch Angestellte eurer eigenen Firma. Wie gestaltet sich da der Umgang mit den Mitarbeitern?

Markus: Wir haben schon festgestellt, dass sich Abteilungen an Aussagen von uns hielten, an die wir uns selber nicht mehr erinnern konnten. So etwas entdeckt man jedoch erst im direkten Gespräch. Wir versuchen so gut es geht, den persönlichen Kontakt zu pflegen. Am besten geht dies beim gemeinsamen Mittagessen mit neuen Mitarbeitenden oder auch solchen, welche bereits das 10- oder 15-jährige Arbeitsjubiläum bei uns feiern. Um im Arbeitsalltag in den verschiedenen Abteilungen zu zirkulieren, fehlt uns leider oft die Zeit. Und für den Fall, dass wir vor lauter Arbeit nicht in der Kantine essen können, haben wir im Atelier einen eigenen Salzstreuer stationiert.

Daniel: Mit rund 150 Mitarbeitenden sind wir kein Riesenkonzern und dennoch sind bei uns von der Finanzabteilung bis zum Zerlegplatz die unterschiedlichsten Charaktere gefragt. Mir ist es sehr wichtig, dass wir unsere Identifikation mit der Marke Freitag und die Lust, uns zu verbessern, vorleben. Schließlich möchten wir diese Begeisterung auch von den Mitarbeitenden spüren.

Wie erlebt ihr den Mega-Trend Nachhaltigkeit?

Daniel: Mit gemischten Gefühlen. Für uns war Nachhaltigkeit nie das primäre Verkaufsargument und dennoch werden wir immer wieder als Paradebeispiel für ein ‘sustainable Brand’ präsentiert. Unser Anspruch war von Anfang an simpel: funktionelle und schöne Taschen aus rezyklierten Materialien. Die ökologische Komponente ist Teil unserer Kernidee und nicht etwa unser USP oder ein Marketing-Anstrich. Zudem fühlen wir uns als Marke in der ‘ethisch vertretbaren, grünen Ecke’ nicht sehr wohl.

Markus: Ähnlich verhält es sich mit der Diskussion über nachhaltiges Design. Wir denken, dass Überlegungen zur Nachhaltigkeit eines Produktes zwingend Bestandteil des Designprozesses sein müssen. Sie sind kein Positionierungsmerkmal, sondern Pflicht, ansonsten verdient ein Objekt nicht die Design-Qualifikation. Und im besten Fall sieht man einer Sache sowieso nicht an, dass sie 100% nachhaltig ist.

Wird die Marke Freitag auch ohne euch weiter existieren?

Daniel: Über die Frage, wie wir uns überflüssig machen können, denken wir tatsächlich nach, auch wenn wir uns angesichts unseres Alters noch etwas Zeit lassen könnten [beide sind Mitte 40]. Wir beschäftigen bei Freitag eine Reihe von Designern. Nicht zuletzt für sie haben wir als Arbeitswerkzeug ein Buch eingeführt, welches die Was-, Wie- und Warum-Prinzipien von Freitag bündelt. Man kann es als Rezeptbuch oder Manifest bezeichnen. Es soll unseren Kreativen ermöglichen, im Geiste von Freitag gestalterisch zu wirken, ohne sich von der Frage ‘Was werden die Brüder dazu sagen?’ aufhalten zu lassen.

Der rote Faden in ihrer Designsprache war durch die selbst auferlegte Einschränkung auf wiederverwertete Materialien automatisch gegeben – in kommerzieller Hinsicht nicht immer eine einfache Entscheidung. Mit dem Kapitel F-abric betreten sie Neuland, bei dem sie ‘der Geschichte von Freitag treu bleiben’ wollen. Ein immer wiederkehrendes Element dieser Geschichte ist das Fahrrad. Nicht nur sind Daniel und Markus selber bekannt für ihre Liebe zum faltbaren Zweirad. Auch in der Fabrikhalle steht inmitten zwischen Rollen von Planen und gelben Trenngittern die ‘Velogarderobe’, in der Mitarbeiter ihre Fahrräder aufhängen, damit der Sattel bis Feierabend trocken und warm bleibt. Das Fahrrad hat für die Freitags einen hohen Symbolgehalt. Es versinnbildlicht für sie die tollste Art, etwas zu erleben und konsequenterweise sollten Freitag-Produkte so fahrradtauglich wie möglich sein. Die Reiselust der beiden Brüder, natürlich mit dem Velo, ist nach wie vor ungebrochen, lassen sie sich auf ihren Trips doch gern inspirieren. “Eine Tasche braucht man nur, wenn man unterwegs ist”, resümiert Daniel und bringt damit auf den Punkt, wie wichtig es ist, dass sie immer wieder in Bewegung seien. Nicht zuletzt, um eigenhändig ihre neusten Prototypen zu testen.

Danke, Daniel und Markus, für die Besichtigung im Gewerbehaus Nœrd und das interessante Interview. 

Wer mehr über den Zürcher Taschen-Fabrikanten erfahren oder selber Teil des großen Kreislaufes werden möchte, kann dies hier tun.

Unsere Serie FvF Workplaces widmet sich den Studios und Arbeitsräumen kreativer Köpfe aus der ganzen Welt. Mehr Interviews aus Zürich gibt es hier.

Fotographie: Robbie Lawrence
Interview & Text: Sandro Murchini