Titus Schade
Maler, Atelier und Tour, Leipzig
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Zig zusammengeknüllte Papierstreifen voller Farbkleckse und bunter Pinselstriche häufen sich zu einem kleinen vertrackten Turm in Titus Schades Atelier.

Nein, das ist keine Kunst, bei genauerem Hinsehen entpuppt sich das Ganze als ein großer Haufen Klebestreifenreste aus Krepp. Damit hat der Maler Flächen auf der Leinwand abgegrenzt, die er mit Öl- und Acrylfarben auf der Leinwand auftrug.

Schades Arbeiten wirken, anders als sein überraschend eklektisches Atelier, zumindest auf den ersten Blick sehr geometrisch und kühl. Die akkurat gezogenen Flächen in den Bildern schaffen einen Kontrast zu den eher locker gemalten Partien. Sie heben eine Künstlichkeit hervor. “Mittlerweile werfe ich die Kreppreste gar nicht mehr weg. Der Haufen ist zu einer Art stiller Begleiter gewachsen”, erläutert der gebürtige Leipziger mit einem breiten Lächeln.

Der Künstler Titus Schade nimmt uns mit auf eine ganz persönliche Tour durch seine Heimatstadt Leipzig. Er will uns die Orte zeigen, die ihn inspirieren. In den 2000er Jahren sorgten insbesondere die Werke Neo Rauchs, dessen Meisterschülerabsolvent Titus ist, für einen internationalen Hype: Die Leipziger Malerei wurde plötzlich auf die Weltbühne des internationalen Kunstmarktes katapultiert. Vom Gelände der Spinnerei aus, auf dem Titus’ Atelier liegt, hat er sich eine kleine Reiseroute für uns überlegt, mit der wir einen sicheren Pfad durch das Dickicht des Kultur-Dschungels Leipzigs finden. Als häufiger Gast der angesehenen, aber auch der OFF-Galerien, bietet er uns damit einen unvergleichlichen Blick auf seine Stadt.

Spinnerei Leipzig: Atelier Titus Schade / Werkschauhalle

Die Spinnerei liegt im Westen Leipzigs, genauer gesagt in Lindenau. Auf dem zehn Hektar großen Gelände stehen 20 mehrgeschossige Gebäude. Die Spinnerei war einst die größte des europäischen Festlandes. Vom Krieg blieb das Areal verschont, da die Bomberpiloten die begrünten riesigen Dächer aus der Luft angeblich für Wiesen hielten. Mit dem Produktionsstopp 1993 öffnete sich das Gelände für Maler. Neo Rauch hat hier als einer der ersten Künstler sein Atelier bezogen und auch Titus Schades Arbeitsraum befindet sich auf dem Gelände.

Titus genießt die Nähe zu anderen Künstlern auf dem stillgelegten Industriegelände. “Die Spinnerei ist wie eine Stadt in der Stadt – das hat hier etwas Dorf Ähnliches, aber auch nach außen Abgegrenztes! Man trifft ständig auf Kollegen, kann sich aber andererseits auch gut aus dem Weg gehen.”

Dieses so genannte Dorfleben zeigt sich auch in der Werkschauhalle. Dort werden wir, bevor wir das Gelände verlassen, eine Ausstellung aller Künstler besuchen, die in der Spinnerei arbeiten. In der Austellung ist Titus natürlich auch vertreten.

Titus, danke dass du uns in deinem Atelier empfängst. Vorweg: Nennst du dich Künstler oder Maler?

 

Ich mag den Ausdruck Künstler nicht, damit habe ich Probleme. Dann denke ich an so etwas wie einen Zauberkünstler oder Hochseilartisten. Ich sehe mich als Maler oder Bildermacher. Malerei ist ein langsames Medium. Nicht innerhalb von Sekunden, sondern in Wochen und durch Handarbeit entsteht das, was ich mache.

Du bist in Leipzig geboren und aufgewachsen. Hast du jemals außerhalb von Leipzig gelebt?

 

Ich bin nie dauerhaft aus Leipzig weggegangen. Meine Eltern hatten noch Anfang 1989 den Ausreiseantrag in den Westen gestellt, was für mich als Kind schrecklich war, da ich mein Umfeld verlassen sollte. Durch die sich abzeichnenden politischen Entwicklungen entschlossen sie sich dann doch hier zu bleiben. Ich glaube, dass ich dadurch auch sehr heimatverbunden bin – was ja nicht ausschließt, irgendwann einmal temporär wegzugehen.

Was empfindest du als Vorteil am Standort Leipzig?

Momentan zieht alle Welt nach Leipzig  – es passiert hier einfach viel. Leipzig ist ein guter Ort mit viel Freiraum, um konzentriert zu arbeiten. Nicht zu groß, nicht zu klein.

Auf der einen Seite ist die Stadt aalglatt, auf der anderen Seite gibt es noch diese maroden Ecken und Hinterhöfe, die ich aus meiner Kindheit kenne. Man denkt, man kennt jeden Teil, wenn man wie ich hier geboren und aufgewachsen ist, und wird doch immer wieder überrascht von versteckten Ecken. Die Eigentümlichkeit der Stadt kann man jedoch mit Worten nicht beschreiben. Leipzig ist ein Ort des Rückzugs, man hat hier einfach viel Platz. Dann wiederum ist es sehr lebendig. Das ist ein guter Kontrast.

Die Leipziger Schule hat in den 2000er Jahren einen unvergleichlichen internationalen Boom erfahren, Neo Rauch war und ist eine der Gallionsfiguren. Was ist das Besondere an der Malerei-Ausbildung in Leipzig, die diesen Hype erklären könnte?

Die Frage nach dem ‘Warum’ des Booms kann man nicht in ein oder zwei Sätzen beantworten, das ist viel komplexer. Aber ja, ich kann gern versuchen zu erläutern, was das Besondere an der Ausbildung an der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) / Leipzig war. Vor allem das Grundstudium war sehr handwerklich orientiert. Bodenständigkeit haben wir durch die Nachdrücklichkeit in der Lehre an der Hochschule verinnerlicht. Ich denke dabei an das ständige Modell- und Aktzeichnen, den anatomischen Unterricht und die Kurse in den verschiedenen druckgrafischen Medien und Werkstätten. Das Grundhandwerk der Malerei und Zeichnung wurde von vorne bis hinten durchdekliniert.
Es ist doch so, dass man mit dem Studium beginnt und eigentlich sofort große Bilder malen, ‘richtige’ Kunst machen will. Aber dann muss man den ganzen Tag zeichnen. Manchmal arbeiteten wir sieben Stunden am Tag vor dem Modell und die Professoren und Dozenten guckten uns jede halbe Stunde über die Schulter. Man dachte, man hätte gerade eine solide Zeichnung hingelegt – und schon wurde man dann wieder direkt auf den Boden der Tatsachen geholt. Die ständige Kritik, die man in der Klasse und vom Professor bekommt, hilft sehr, sich in Demut gegenüber dem Medium zu üben und an sich zu arbeiten, das Handwerk zu erlernen. Ähnliche Mechanismen setzten sich dann in den Konsultationen im Hauptstudium mit Neo Rauch fort, der schon beim Betreten des Ateliers sah, wo es in den Arbeiten klemmte.

Wir stehen vor einer Leinwand, auf der verschiedene, einzelne gemalte Bilder angeordnet sind. Die Petersburger Hängung gibt Titus Schade, einstiger Meisterschüler Neo Rauchs, als Referenz für diese Bilderreihen an. Das Prinzip geht ursprünglich auf die russische Eremitage in St. Petersburg zurück. Die dicht an dicht platzierten Einzelbilder sollten damals den Reichtum und die Vielfalt der Sammlung zeigen.

Schade möchte hiermit auf einer Leinwand verschiedene Malstile nebeneinander vereinen und dabei von figürlich bis abstrakt arbeiten. Für Schade ist die Leinwand eine Art Bühne, auf der er Dinge arrangiert – ähnlich wie ein Modellbauer die Modellbauplatte mit verschiedenen Dingen bestückt.

 

 

Was schätzt du an der Malerei?

Eine eigene Ordnung schaffen zu können und Dinge zu kontrollieren. Inszenierung auf kleinstem Raum, auf dieser Leinwand. Malerei hat aber auch etwas Spielerisches. Ich arbeite gerade an circa 30 kleineren Leinwänden. Die Idee dabei ist, lockerer und unmittelbarer zu werden. Man arbeitet einfach leichter und schneller im Umgang mit kleinen Bildern. Dabei passieren oft zufällig Sachen, die im größeren Format vielleicht nicht von sich aus entstehen würden. Ich mag etwa die kleine Wolke auf einem meiner Bilder, die ist aus sich heraus entstanden, weil ich eine kleine Stelle mit dem Daumen verrieben habe.

Warum möchtest du, dass deine Bilder teilweise auch kalt und künstlich wirken?

Ich mag die Künstlichkeit in meinen Bildern, weil dann anders gemalte, ‘warme’ oder natürliche Stellen besser oder stärker hervorkommen. Einen Kontrast auf die Bühne zu legen, finde ich spannend. Die Leinwand ist dann wie ein Fenster, eine Kulisse, ein Film oder eine Art Videospiel aus der Ich-Perspektive.

Spinnerei: Atelier für Radierung Leipzig, Vlado & Maria Ondrej

In Leipzig wird viel gedruckt, und das aus einer langen Tradition heraus. Die Werkstatt von Vlado und Maria Ondrej liegt gleich neben Titus’ Atelier. Hier haben die Ondrejs “Die kalte Stadt”, eine Edition mit Titus’ Radierungen, hergestellt. Maria Ondrej holt es mit äußerster Bedachtsamkeit hervor. “Wenn man weiß, wieviel Arbeit hier drin steckt, dann wird es direkt etwas Feierliches, diese Grafikkassette anzuschauen”, erläutert Maria Ondrej. Gemeinsam mit ihrem Mann Vlado, einstmals ihr Lehrer, betreibt sie das Radieratelier.

Spinnerei: EIGEN + ART / Leipzig

Der Gründer von Eigen + Art, Gerd Harry (‘Judy’) Lybke, war einst als cleverer Galerist und Geschäftsmann maßgeblich für den Hype der Leipziger Malerei verantwortlich. In der Dependance in Leipzig, die sich ebenfalls auf dem Areal der Spinnerei befindet, treffen wir Elke Hannemann. Sie leitet die Galerie vor Ort.

Ein riesengroßer Raum, lichthell, mit Betonböden, in dem selbst großformatige Bilder klein wirken. In einer Ecke ein Metall-Kasten, in dem auf einem Gitter-Schienensystem Bilder archiviert sind. Elke schätzt Titus’ Fähigkeit, reale Räume auf eigene Art neu zu interpretieren: “Das ist reine Geometrie: Dieses Haus, das in vielen Arbeiten von Titus auftaucht, ist viel spitzwinkliger als die Häuser in der Realität. Im Bild ist es viel prägnanter, es ist eben Komposition.”

 

Lindenauer Hafen & Karl-Heine Kanal

Bei strahlendem Sonnenschein führt Titus uns zu drei alten leerstehenden riesigen Speichergebäuden am Lindenauer Hafen. Jene erwähnten Spitzgiebel-Häuser, die in seinen Arbeiten auftauchen könnten. Wortlos zeigt er uns diesen Ort.

 

Du hast diese Speichergebäude neben anderen reellen Orten in deine Arbeiten aufgenommen. Warum?

Mit dem Beruf des Malers habe ich eine Form gefunden, Dinge mitzuteilen, die nicht verbalisierbar sind. Das, was ich mache, ist Ordnung in einem privaten Bilderkosmos zu schaffen. Es geht auch um Hierarchien innerhalb des Bildgeschehens. Worum es dort aber tatsächlich geht, das kann man gar nicht so genau erklären. Das soll der Betrachter für sich selbst herausfinden. Ich mag es nicht, Vorgaben zu Lesarten zu machen oder Anleitungen zu stricken. Dabei interessieren und inspirieren mich die verschiedensten Dinge. Ich versuche Sekundärmaterial, wie z.B. Fotos, so weit wie möglich aus dem Schaffensprozess fern zu halten. Ich vertraue dem Bild und dem Medium Malerei.

Bist du oft am Kanal, Titus?

Ich fahre tagtäglich mindestens zwei Mal eilig mit dem Rad am Kanal vorbei, auf meinem Weg von Zuhause ins Atelier und zurück. Richtig genießen kann man diesen Ort aber nur bei einem entspannten Spaziergang.

G2 Kunsthalle

Die G2 Kunsthalle – welche die Sammlung Hildebrand mit Schwerpunkt Malerei beherbergt – leitet und kuratiert die Kunsthistorikerin Anka Ziefer. Das Herz der Sammlung besteht aus Kunst aus Leipzig, unter anderem mit Arbeiten von Neo Rauch, Hans Aichinger, David Schnell, Matthias Weischer und Tilo Baumgärtel.  “Die Leute wollen Malerei sehen, das ist eine wichtige Tradition. Malerei schafft es seit Jahrtausenden immer wieder, zu neuer Darstellung zu finden”, merkt Ziefer an. In der Sammlung befinden sich auch Titus’ Arbeiten: “Ich erinnere mich an eine Leinwand, die mir sehr wichtig war. Ich wollte sie eigentlich für mich selbst aufbewahren. Steffen Hildebrand konnte sie dann doch erwerben, weil ich denke, dass sie hier sehr gut aufgehoben ist.”

MdBK: Museum der bildenden Künste

Hauptsächlich Malerei zeigt das MdBK. Titus trifft sich zu einem Rundgang mit Marcus Andrew Hurttig, einem der wissenschaftlichen Mitarbeiter des Hauses. Die Sammlung unter dem Dach des imposanten Gebäudes mit dem beeindruckenden Treppenhaus, in dem eine gigantische Wandarbeit von Jonathan Meese hängt, spannt einen Bogen von alten Meistern zur Kunst der Gegenwart. “Sehr starke Bilder von Cranach, El Greco, Bartolomeo Manfredi, Peter Paul Rubens bis hin zu Caspar David Friedrich, Max Beckmann und Lovis Corinth, aber auch zeitgenössische Malerei kann man hier sehen”, so Titus Schade.

GfZK: Galerie für Zeitgenössische Kunst

Die Galerie befindet sich im Leipziger Musikviertel, in Spuckweite von Titus’ alter Hochschule, der HGB. Die Herfurtsche Villa steht tatsächlich diagonal auf dem Gelände. Sie schließt an den Clara-Zetkin-Park an. Für die Ausstellungsräume kam 2004 ein moderner Kubus hinzu, ein funktionaler Flachbau, bei dem sich Trennwände verschieben lassen.

Ortloff Kunstraum

Halb Club, halb Kunstraum, so erlangte das Ortloff lokale Berühmtheit. 2007 gegründet, war Titus einer der ersten, die hier ausgestellt haben. Anfangs wurden ausschließlich Leipziger Künstler vertreten, die Nähe zur HGB unverkennbar. Heute seien aber Positionen aus ganz Deutschland und Europa vertreten. Inzwischen hat sich das Ortloff zu einem festen Bestandteil der Leipziger Kunstszene entwickelt. Das Ortloff bietet nicht nur jungen Künstlern und der OFF-Kunst ein Forum, sondern nimmt auch Bezug auf seinen Stadtteil Lindenau. Einst Arbeiterbezirk, schritt die Gentrifizierung zügig voran.

Völkerschlachtdenkmal

Titus besteht auf diesen Zwischenhalt. Die Wirkung, die das 300.000t schwere Denkmal auch heute noch auf seine Besucher hat, war von seinen Erbauern wohlkalkuliert. Trotz des martialischen und nationalistischen Impetus, strahlt dieser Ort eine eigentümliche Ruhe aus und man versteht, wieso Titus ihn so gern zeigen wollte. 1913 eingeweiht, wurde das Denkmal nach einem Entwurf des Architekten Bruno Schmitz gebaut. Es sitzt auf einer steinernen Plattform, von einem künstlichen Wasserbecken umgeben. Am Ort des Kampfgeschehens der Völkerschlacht von 1813 errichtet, die zur Niederlage Napoleons führte, überholen einen heute Jogger auf den Stufen nach oben. Dies stört die Stille seltsamerweise nicht. “Ich bin an diesem für mich sehr inspirierenden Ort zwar relativ selten, aber dieses wichtige Wahrzeichen der Stadt übt eine magische Anziehungskraft auf mich aus”, so Titus.

Bar Blaue Perle

Ein alter heruntergekommener Hyundai steht mitten im Biergarten der Bar Blaue Perle, umgeben von Tischen, Stühlen und Hockern in den wildesten Ensembles. Getränke gibt es zu einem sehr moderaten Preis. Die Jungs, die hinter dem mobilen Bierwagen arbeiten, begrüßen Titus mit ausgesprochener Warmherzigkeit. Der vordere Barbereich hat offiziell noch geschlossen, wir dürfen uns jedoch umsehen. Teil des Dekors sind mit rotem Kunstleder bezogene Barhocker, Plüsch, Tierprints und Silberfolie. Leipzig für die Nimmermüden, die verrücktesten Gewächse der Stadt versammeln sich hier. Sehen und Gesehenwerden, aber auch ein Platz, um in Ruhe ein Bier zu trinken, solange man früh genug kommt.

 

So endet die Tour durch das Leipzig, das uns der Künstler Titus Schade gezeigt hat, an einem der Orte, die für das Schaffen ebenso wichtig sind, wie das konzentrierte Arbeiten selbst: das Loslassen und Treffen von Freunden, mehr oder weniger beschwingt.

Dieses Porträt ist Teil unserer “Guided and Curated” Serie, die FvF gemeinsam mit MINI Deutschland produziert hat. Ausgewählte Personen teilen Einblicke in ihre Städte durch Guides, die auf ihre jeweiligen Expertisen zurechtgeschnitten sind.

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Photography: Tim Adler
Text: Nella Beljan
Englisch Editor: Aggi Cantrill