Cornelia Renz

Eine kleine rote Matratze, daneben eine Stehlampe deren gebrochenen Lichtstrahl wir nur erahnen können.
An einem sonnigen Vormittag treffen wir die Künstlerin Cornelia Renz in ihrem Atelier. Sie scheint gerade eine Ausstellung vorzubereiten, wir müssen uns vorsichtig bewegen. Überall findet man offene Farbdosen, Stifte und Vorlagen. Die Bilderrahmen stehen draußen im Flur, sie würden zuviel Platz wegnehmen. In der Mitte des Raumes eines ihrer spektakulären Bilder im Anfangsstadium. Man erkennt schnell, mit welcher Detailgenauigkeit und Sorgfalt sie arbeitet. Jeder Strich muss sitzen, jeder Farbton ist auf den anderen abestimmt. Nichts wird dem Zufall überlassen.

Auf Kissen auf dem Boden sitzend erzählt uns Cornelia Genaueres zu ihrer perfekten Technik, ihrer Vergangenheit, ihren zukünftigen Zielen und den Vorteilen Berlins als Kunststandort.

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Wie bist Du Künstlerin geworden?
Ich habe vor meinem Studium erst eine Schreinerlehre gemacht, in Kaufbeuren, weil ich Restauratorin werden wollte. Ich habe ein Berufsschuljahr mitgemacht, das war sehr schön: Man macht reines Handwerk. Rein, wie Holzverbindungen ohne Nägel und Ähnliches. Dort habe ich festgestellt, dass ich handwerklich definitiv nicht begabt bin. Was die Grundvoraussetzung für Restauratoren ist.
Nach dieser Erkenntnis bin ich nach Augsburg gegangen und habe Kunsterziehung studiert. Genauer gesagt habe ich mit Germanistik begonnen und dann Kunsterziehung studiert, mit Psychologie und Kunstgeschichte im Nebenfach. Ich hatte viel Kunstpraxis und es gab irgendwann ein Sommerseminar. Da kam Bernhard Heisig nach Augsburg. Heisig, der damals schon in Leipzig nicht mehr unterrichtete. Der war toll.

Er war ein bekannter Professor.
Die Wende war damals noch nicht lange her, und es war klar, dass er seine Professur nicht würde halten können, auf Grund seiner Einbindung in das DDR-Regime. Als Typ war er aber klasse, einer der Wenigen, die völlig offen mit ihrer Vergangenheit umgingen. Er war extrem enthusiastisch, was seine Lehre betraf. Er hat die Leute mitgerissen. Nach dem Seminar hatte ich das Gefühl, dass ich mich in Leipzig für Kunst bewerben sollte.

Das war dann Anfang der 1990er?
Ja, ich habe 1993 in Leipzig angefangen regulär Malerei und Grafik zu studieren. Erst zwei Jahre Grundstudium und dann war ich bei Sighard Gille in der Fachklasse. Er war Heisigs Schüler. 1998 war ich fertig mit dem Diplom. 2001 schloss ich den Meisterschüler ab. In der Zeit war ich dann mit Marcel Bühler zusammen und den musste ich ein bisschen überreden, dass er mit mir nach Berlin geht.

Wie hast du damals gearbeitet?
Als ich noch bei Gille studierte, war das heftige Malerei, also mit richtig heftig viel Farbe …

Öl, Acryl?
Das war Öl auf einer Art Leinwand. Man konnte deutlich meine Verankerung in Gilles Klasse sehen. Mit dem Meisterschülerstudium kam dann der Bruch. Ich spürte, dass ich inhaltlich mit dem was ich machte nicht weiter kam – mit der Technik, die ich verwendete. Mit meiner Erfahrung aus den künstlerischen Werkstätten begann ich dann zu experimentieren.


Gab es bestimmte Punkte die Dich für Deinen künstlerischen Werdegang geprägt haben?

Entscheidend war für mich ein bestimmtes Buch. Es wurde in den 1930ern geschrieben, ein Handbuch für den Notfallmediziner im Krieg. Es enthält unglaublich drastische Illustrationen, die erklären wie im Feld Notfalloperationen durchzuführen waren. Im Feld, ohne Operationssaal …


… unter Beschuss.

Und das waren sehr einfache, simpel gehaltene Illustrationen, die trotzdem drastische Sachen darstellten … so gruselig. Das Ganze aber in einer technischen, effizienten Bildersprache. Was es noch unheimlicher machte, war der historische Kontext, in dem dieses Buch geschrieben wurde. Es war offensichtlich Teil der Kriegsvorbereitung, das wurde so aber natürlich nicht vermittelt. Das Ganze lief eher unter dem Motto: „Natürlich wollen wir nicht auf den Krieg hinarbeiten, aber im Falle, dass Deutschland …“ Und dann gab es auch noch ein Kapitel darüber, wie man Selbstverletzungen erkennt. Wie erkennt man Leute, die sich selbst verletzen, um dem Kriegsdienst zu entfliehen?

Inwieweit war das eine Inspiration?
Das war so ambivalent. Auf der einen Seite tat es so humanistisch und dann war aber völlig klar, dass es nur darum ging, die Leute einfach weiter kämpfen lassen zu können. Und das spiegelte sich in dem ganzen Versuch, die zerfetzten weichen Wunden, die eigentlich so matschig sind, in einem so technisch gehaltenen Strich zu erfassen. Diese Diskrepanz war für mich spannend. Der Versuch, etwas ganz kühl und klar darzustellen, etwas völlig Undarstellbares.
Zu dieser ersten Inspiration kam dann noch, dass ich den Outsiderkünstler Henry Darger für mich entdeckte. Er starb 1950 und erst nach seinem Tod wurde sein riesiges Œuvre entdeckt. Unter Anderem machte der auch Collagen. Da waren riesige Konvolute an Büchern, mittlerweile sind sie komplett auseinander genommen und die Arbeiten werden einzeln verkauft. Und das sind immer Mädchen und die Mädchen haben meistens kleine Pimmel. Die ganzen Geschichten, die er geschrieben hat handeln von einer riesigen Schlacht in der geht es um einen ewig lang andauernden Krieg zwischen zwei Mädchenarmeen. Die Guten und die Bösen. Zum einen Teil sind die Arbeiten unheimlich grausam, auf der anderen Seite sind die Werke aber auch voller schöner Blumen und Schmetterlinge.


Das waren für Dich kreative Quellen.

Ja, genau. Und die haben dann dazu geführt, dass ich mir wirklich überlegt habe, was ich mit meiner Technik machen kann. Da hat auch der Zufall eine Rolle gespielt. Ich hatte damals einen Auftrag für ein Kunst-am-Bau-Projekt. Bei der Gelegenheit habe ich mit Acrylglas gearbeitet, auf das ich mit Pinsel malte. Ich merkte, dass es sehr gut geht. Vor allem merkte ich, dass ich darauf einen tollen Strich habe. Bei Radierung habe ich einen sehr klaren Strich, aber der ist sehr klein, er ist nicht farbig und er bricht aus. Ich wollte so etwas, wo ich diesen klaren Strich habe, mit dem ich farbig arbeiten kann und wo es nicht so altmodisch aussieht.

Du hast dann begonnen mit Filzstift zu arbeiten, richtig?
Ich habe erst mit Flitzstift gearbeitet und da verbleicht der Strich. Später musste ich Teile dieser Werke restaurieren. Irgendwann habe ich auch festgestellt, dass auf dem Acrylglas der Strich dadurch, dass er nicht einzieht, seine Schärfe beibehält.

Wo bekommst du die Stifte her?
Ich lasse mir meine Tuschen anmischen. Sie bestehen zu einem sehr hohen Anteil aus
Pigmenten. Sie verbleichen nicht mehr. Es gibt keine besseren Farben als die, die ich verwende. Es gibt eine Skala von eins bis acht, was die Lichtechtheit betrifft und meine Stifte sind selbst verdünnt acht.


Das Material das du für deine Rahmen verwendest, erinnert an Hackbretter. Wie heißt es genau?

PE. Polyethylen, das ist ein weißer Kunststoff.

… was ja auch inhaltlich sehr gut passt. Wie würdest du selber Dein Werk beschreiben?
Also ich neige in letzter Zeit dazu, einfach zu sagen, dass sich in meinen Bildern alles um Identität dreht. Teilweise kommt meine Beschäftigung mit diesem Thema aus meinem Studium. Damals habe ich angefangen Bilder aus den Fotoalben meiner Eltern und von mir selber zu bearbeiten. Was mir dabei auffiel, war die Art und Weise wie Erinnerungen aufgebaut sind, wie Familiengeschichten geschrieben werden. Das funktioniert über eine selektive Auswahl.
Da macht man nur die Fotos rein, von denen man wollte, dass sie jemand sieht. Das waren meistens Feiertage, Weihnachten, irgendwelche glücklichen Familiengeschichten. Und für mich stellte sich dann die Frage, wie zum Teil diese Bilder andere Erinnerungen überschreiben. Schließlich weißt du gar nicht mehr was eigentlich die Realität war. Außerdem war es die Zeit, als Anna, meine Tochter, gerade in der Pubertät war. Und das ist ja auch eine Phase, die sehr wichtig ist für Identitätsbildung. Man probiert verschiedene Rollen aus. Über diese Phase kam ich zu dem karnevalesken Moment in meinen Arbeiten. Ich arbeite ja viel mit Verkleidung und Rollenspielen. Es gibt viele Masken, es gibt viele Personen, die männlich sind, aber weiblich aussehen oder aber, weiblich sind, aber männlich ausschauen. Es geht viel um ausprobieren, was man auch noch sein kann. Und dadurch implizit auch: Wie funktionieren Machtkonstellationen? Wenn ich meine Rolle ändere, wie kann ich anders auftreten?

Einiges dreht sich bei dir auch um Homosexualität. Woher kommt das Interesse dafür?
Das hat auch wieder mit Macht und Identität zu tun. Ich als weiße Europäerin bin sozusagen Teil einer herrschenden Klasse. Einfach gesagt: Wir sind die, die Geld haben. Wir sind die, die sehr viel definieren, die auch kulturelle Werte definieren. Und solche Definitionen und Werte treten am deutlichsten in solchen Zuschreibungen hervor: Frau ist so, Mann ist so. Homosexualität und die ganzen Gender- und Transgender-Geschichten sind für mich ein Moment, wo man sieht, was es noch für starke Rollenmodelle gibt.

Ein letztes interessantes Thema: Berlin als Kunststandort. Du hast auch Deine ersten Galerievertretungen hier gehabt.
Ja, ich wollte unbedingt nach Berlin. Ich wollte schon nach Berlin als ich noch nicht einmal studierte. Leipzig ist eine super Stadt. Sie war für mich auch spannend, weil ich aus dem Westen komme und keine Ostverwandtschaft habe. Es wurde aber auch klar, dass es sehr begrenzt ist. Als wir nach Berlin kamen, hatte Marcel noch eine Galerie in Leipzig. Wir kamen 2001 hierher, also passend zu 9/11. Da passierte erst mal gar nichts und ich hab eine Fortbildung gemacht. Und aus dieser Fortbildung heraus hatte dann Marcel erfahren dass eine Freundin eine Produzentengalerie eröffnet. Dann kam noch eine andere Produzentengalerie dazu und dann ging es los. Aus der ersten Produzentengalerie ist dann eine Zusammenarbeit mit Goff + Rosenthal aus New York entstanden. Da hatte ich dann zum ersten Mal eine internationale Galerie.

Cornelia Renz wird von Anita Beckers, Frankfurt und Cream Contemporary, Berlin vertreten. Ihre nächsten Ausstellungen sind in der Nolde Stiftung Berlin, dem Museum Villa Rot und dann in nächsten Jahr bei Cream Contemporary in Berlin und in der Galerie MendesWood in Sao Paulo, Brasilien.

Interview: Moritz Kaufmann
Fotografie: Ailine Liefeld