Marcel Bühler

Ein Hinterhof in Neukölln mit diversen Gewerbeflächen. Vorne ein kleiner türkischer Kiosk, von hinten hört man das Kreischen einer Schreinersäge. Wir besuchen Marcel Bühler, Konzeptkünstler, in seinem Atelier. Marcel Bühler ist bekannt für seine präzisen, kunsthistorisch verwurzelten Werke, die durch ihre ästhetische Perfektion bestechen. In Mülheim an der Ruhr geboren, studierte er später an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Im Atelier viele Reihen von Collagen, im Raster gehängt, jede in Walnussholz gerahmt. Es ist eine große Serie mit dem Titel “Die halbe Reise”. 180 Einzelarbeiten, die in drei großen Blöcken im September des vergangenen Jahres in der Galerie Cream Contemporary präsentiert wurden.
Marcel Bühler war Stipendiat der Villa Aurora, Los Angeles. Ein Teil der Collagenserie entstand dort, während eines Gastaufenthalts des Künstlers im Frühjahr 2009.
Auch an der Wand: Eine Lichtinstallation aus Kirmeslampen die den Schriftzug “art sucks” bildet.
Das komplexe Spiel aus Verweisen auf die Kunstgeschichte, den Alltag, die Gesellschaft und das eigene Werk, ist zentral in Bühlers Schaffen. Bei unserem Besuch bekommen wir Einblick in den künstlerischen Kosmos Marcel Bühlers.

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Wie kommst Du zu diesem Atelier?
Bis vor einigen Jahren habe ich mich mir mit meiner Lebensgefährtin Cornelia Renz ein Atelier geteilt. Wir arbeiten hier schon seit 2001. Ich mache aber ziemlich viel Krach und Staub und das verträgt sich gar nicht mit ihrer Arbeitsweise, besonders der Staub macht sich schlecht auf ihren Acrylglasplatten. So habe ich ein eigenes Atelier bezogen und bin jetzt quasi nebenan.

Sind wir hier noch in Kreuzberg?
Nein. Das ist bereits Neukölln (er schaltet die Arbeit “art sucks” ein und hat Angst, dass die Sicherungen rausfliegen).

Machst Du viele Lichtinstallationen?
„Viele“ ist immer eine relative Größe. Nein, an sich nicht unbedingt, aber sie haben einen wichtigen Platz in meinem Schaffen.


Wie lange benötigst Du für eine dieser Arbeiten?

Das ist nicht so einfach zu sagen. Es gibt ja immer zwei Zeiten, in denen ein Kunstwerk entsteht. Zum einen gibt es die Phase des Entwurfs, der muss wachsen. Das kannst du nicht in Stunden und Tagen rechnen – das dauert. Die Umsetzung selbst ist dann kein größerer Akt mehr. Bei der Arbeit hier (zeigt auf art sucks) gab es dann aber doch ein großes Problem bei der Fertigstellung. Ich hatte die Bohrungen für die Lampenfassungen durch eine fehlerhafte Händlerangabe falsch dimensioniert. Die Lampen waren schon geliefert und ich musste alle 200 Löcher in der Edelstahlplatte von Hand nachschneiden. Solche doofen Zufälle kosten echt Zeit. Wer mal mit Edelstahl gearbeitet hat, weiß, wie zäh der ist und wovon ich rede.


Malerei machst Du auch noch?

Nein. Ich habe mein Grundstudium im Fachbereich Malerei abgeschlossen. Sie findet aber heute keinen Platz mehr in meinem Werk.

Wo kommst Du ursprünglich her?
Aus dem Ruhrgebiet.

Du warst letztes Jahr einen Monat in Los Angeles…
Ja, in der Villa Aurora in Pacific Palisades. Dort hatte ich ein Gaststipendium. Und da sind viele meiner Collagen entstanden. Das Haus ist eine Künstlerresidenz, die alte Lion Feuchtwanger-Villa. Mit Exilanten-Kultur förmlich vollgesogen. Eine tolle Zeit. Morgens aus dem Zimmer raus auf die Terrasse mit Blick auf den Pazifik. Draußen zu arbeiten war ziemlich schwierig, da ist es oft sehr windig. Trotzdem hätten das Klima und die Stimmung zum konzentrierten Arbeiten nicht besser sein können.


Gibt es bleibende Erinnerungen aus der Zeit in der Villa?

Ich habe in Los Angeles unter anderem Christopher Grimes kennengelernt, einen sehr interessanten Galeristen mit einem spannenden Programm, der auch regelmäßig hier auf dem Art Forum vertreten ist. Er hat mich auf meine Bitte hin extra in der in den Palisades besucht und sich sehr viel Zeit genommen, um sich meine Sachen anzugucken und mit mir über die Arbeiten zu sprechen.
Dann habe ich durch einen kuriosen Zufall den Drehbuchautor von „Good Morning Vietnam“, Mitch Markowitz, kennengelernt. Da sprichst du auf einmal mit jemandem, von dem du einen Film gesehen hast – dazu noch einen bekannten und tollen Film. Und dann stellt sich raus: Er ist ein Freund der Villa.

Ein bestimmter Ort, den Du jedem in L. A. empfehlen würdest?
Das Getty Center. Ein unbeschreiblicher Ort. Du fährst von der Villa aus den Sunset Boulevard hoch bis zum Taleinschnitt, wo die Autobahn nach San Fernando Valley geht. Da liegt das Getty am Berg und schaut über ganz L. A. Ein Research Center und Ausstellungsort für zeitgenössische und klassische Kunst, das ich jedem Besucher der Stadt empfehlen kann.


Gibt es in Los Angeles eine nennenswerte Kunstszene?

Es gibt zumindest viele Künstler, aber natürlich deshalb auch viel Schrott. Ich hab nur wenige Galerien gefunden, die mir gefallen haben. Los Angeles Downtown war total leer. Da hab ich die Leute in der Villa gefragt „Wo sind die Menschen? Wo sind die Künstler?“ Es war schon ein kleiner Schock, als mir dann gesagt wurde, das sei dort eigentlich immer so. Obwohl, es ist schon ein bisschen ungerecht so zu urteilen, weil es eine Stadt mit gigantischer Flächenausdehung ist. Und mit sehr vielen Kunstzentren. Ich war wahrscheinlich bloß nicht an den richtigen Stellen.

Erzähl uns was zu Deiner Kunst und den Hintergründen Deiner Arbeit.
Ich sitze jeden Tag im Atelier rum und frage mich, was ein Künstler macht (lacht). Nein, im Ernst: Mit den Fragen, die ich mir stelle, suche ich immer nach einem Grund für das, was ich hier tue. Das ist zum Teil ein Diskurs, der in den 1980ern und noch davor wurzelt. Wenn Leute beim Anblick meiner Kunst selber anfangen zu denken, macht mich das wirklich an. Bei der Arbeit Not done yet gibt es beispielsweise oft die Interpretation, dass die Skulptur noch nicht fertig gestellt ist. Dabei hat sie ganz offensichtlich ein ziemliches High-End-Finish. In einer zweiten Bedeutungsebene meine ich aber mit dem Satz Not done yet vielmehr ein uneingelöstes Versprechen, etwas, das im besten Fall Erwartungen beim Betrachter hervorruft. Da kommt noch was…


Ein Versprechen, das Du noch einlösen wirst?

Das gilt für jeden, der diese Aussage trifft. Ich habe sie in einem Jahresbericht des Möbelbauers Miller gefunden und mir angeeignet. Ich arbeite viel mit Zitaten, weil mich der Begriff des kulturellen Gewebes interessiert. Das ist eine Sache, die ich vielleicht mit „systemischen Bedingungen“ erklären kann: Es sind die kulturellen Zusammenhänge, die helfen zu begründen, warum ich heute das mache, was ich zurzeit mache. Das basiert auf der Tatsache, dass es vor mir eine ziemlich große Menge von Künstlern gab, deren Kunstwerke unser und eben auch mein kulturelles Gedächtnis darstellen. Ihre Werke verbinden sich über mein Tun zu etwas Neuem. Ich arbeite dabei aber nicht aktiv auf einen Paradigmenwechsel hin, sondern es wächst Neues auf Vorhandenem. Die Collagen der Serie „Die Halbe Reise“ zum Beispiel, haben vielfältige Bezugspunkte in Kunstgeschichte und Literatur.
Wir sind generell immer dem verhaftet, was wir wissen, das sich aus dem rekrutiert, was wir gelesen, gesehen, erfahren haben. Und damit gründen wir in eben diesem kulturellen Gewebe.

Das hat viel mit Wissen und Wissensaneignung zu tun. Woher stammen dieses Wissen und die Neugier?
Ich fresse ständig Wissen und Material in mich rein. Du kannst nicht genug Bücher lesen. Je mehr du weißt, desto mehr siehst du auch in der Welt und verstehst einfach besser, warum bestimmte Dinge passieren. Aber woher die Neugierde stammt kann ich nicht sagen. Die war einfach schon immer da – solange ich denken kann.

Du hast auch einen Lehrauftrag?
Ja. Ich lehre an der Fachhochschule in Potsdam im Fachbereich Design. Da bringe ich den Studenten künstlerische Grundlagen bei.

Du hattest die zwei Phasen angesprochen, die ein Kunstwerk zur Entstehung benötigt. Hast Du einen geregelten Tagesablauf und Zeitplan?
Ich hab es immer mal wieder versucht, aber ich bin leider ziemlich faul. Ideen kommen – und leider gehen sie dann auch manchmal wieder. Das ist bei mir ein Prozess, der dauert einfach seine Zeit und der ist unbeeinflussbar durch einen festen Tagesablauf.
Aktuell arbeite ich unter anderem an einem Kunst-am-Bau- Projekt. Das ist für mich ein großes Experiment. Die Idee ist da, aber bis so etwas dann umgesetzt wird, vergeht Zeit – mitunter ziemlich viel. Ich konstruiere sozusagen erst einmal im Kopf. Und sobald Idee und Konzept stehen, fange ich an über Materialien und Techniken nachzudenken.

Gibt es in Berlin eine Verbundenheit unter den Künstlern?
Nein, es gibt in Berlin einfach zu viele Künstler, als das du alle kennen könntest. Bei den Künstlern gibt es für mich einen kleinen Kreis, den ich regelmäßig treffe. Ich kenne viele Leute, die in der Brunnenstraße sitzen. Das ist meine Generation und ich habe mit vielen zusammen studiert.


Wie nimmst Du die kommerziellen Aspekte der Kunst wahr?

Die Ökonomisierung der Kunstwelt sehe ich als Ausprägung eines generellen Phänomen unserer Zeit, der allgemeinen Ökonomisierung auch des Privaten. Es scheint so, als ob allem ein Preisschild angeklebt werden müsste. Dass auch die Kunst zurzeit, und wahrscheinlich auch noch in Zukunft, diese „Wichtigkeit“ erreicht hat, liegt daran, dass sie ein perfektes Zahlungsmittel für eine spezielle Form der Wirtschaft darstellt, nämlich diejenige der Aufmerksamkeit. Die Kunst ist ein fast schon paradigmatisches Beispiel für Aufmerksamkeitsökonomie. Oft scheint es zwar, als kämen die Inhalte zu kurz, als ob Kunst in den Bereich des Showbiz abgleiten würde. Auf der anderen Seite, meine Güte, so viele Leute, wie heute, haben noch nie mit und von Kunst gelebt.
Außerdem habe ich generell keine kulturpessimistischen Ansichten. Ich freue mich, wenn Kunst im Fokus steht.


Welches Verhältnis hast Du zu Sammlern deiner Kunst?

Mit manchen Sammlern kommst du eher selten in Kontakt, aber über die Jahre sind viele Sammler zu Freunden geworden. Da hast du eine tolle Zeit miteinander und es geht nicht mehr primär darum, dass die Leute deine Kunst kaufen.

Welche Städte beeindrucken dich neben Los Angeles und Berlin?
Barcelona finde ich spannend, London auch. New York finde ich großartig. Die üblichen Verdächtigen. Aber mich interessieren Orte in Osteuropa genauso, Danzig, Warschau Prag, Budapest. Auch so ein Bereich kulturellen Gewebes, das sich mir langsam erschließt.
Im Übrigen habe ich auf der Rückreise von L. A. noch Freunde in New York besucht und da lustigerweise festgestellt, dass ich mit meinen in L. A. begonnenen Collagen dort viel weiter gekommen wäre.


In welcher Hinsicht?

Wegen der Materialien, die ich dafür verwende. Was du dort in den Straßen findest, ist unglaublich interessant. Wenn du mit einem Teppichmesser durch die Straßen läufst, und dich traust die Müllsäcke mit den Papierabfällen aufzuschneiden findest du die tollsten Dinge, die du für deine künstlerische Arbeit verwenden kannst. Außerdem gibt es eine Menge gut sortierter Flohmärkte. L. A. kam mir vielmehr von der Konsum- und Wegwerf-Gesellschaft beherrscht vor. Jedes Haus hatte seine Mülltonnenbatterien. Alles war ziemlich geleckt. Aber oft sind gerade urbaner Schrott und in den Straßen gefundenes Material Nährboden und Ausgangspunkt meiner Arbeiten. Die sind auch Teil des kulturellen Gewebes und New York ist voll davon.

Das kurze Eintauchen in den Alltag von Marcel Bühler hat uns vor allem ein gezeigt: Kunst ist Arbeit und verlangt ein hohes Maß an Disziplin und guter Vorbereitung. Seine Kunst stellt einen Schaffenprozess dar, der auf vielerlei Inspirationsquellen und einem breiten Interessenfeld aufbaut.
Mehr Informationen zu seiner Kunst und seinem Werdegang findet ihr hier. Ein Besuch bei seiner nächsten Ausstellung würde sich in jedem Fall lohnen.

Interview: Tim Seifert
Text: Moritz Kaufmann
Fotografie: Ailine Liefeld