Raul Walch

Beinahe wären wir am Eingang zu Rauls Atelier vorbeigelaufen; die Graffitis und Plakate ziehen sich gleichförmig über die Häuserwände und Türen. Die Oranienstrasse wirkt wie aus einer längst vergangenen Zeit, in der noch keine indischen All You Can Eat Restaurants mit vietnamesischen Szenelokalen um die Gunst der Touristen werben mussten. Vorbei an einem Berg Sneaker und diversen Skateboards treten wir ein in Rauls Wohnung. Wir werden freudig empfangen und gleich mit Kuchen vom türkischen Bäcker nebenan versorgt.

Der Raum ist voll mit Büchern und Skulpturen, man weiß gar nicht, welchen Gegenstand man zuerst inspizieren möchte, aber da beginnt Raul auch schon von seiner Espressomaschine zu schwärmen:„Kaffee für alle!” Oder doch nicht, die Sicherung ist rausgeflogen – mal wieder. Raul erzählt uns wie er die letzten Wochen damit zugebracht hat, sein Atelier leer zu räumen, sich von alten Arbeiten zu trennen oder diese in der ganzen Stadt zu verteilen. Seitdem das Atelier leer ist fliegt auch dauernd die Sicherung raus. Schicksal? Vielleicht. Vielleicht ist irgendwo der Kreislauf gestört oder schlichtweg überlastet.

Ehe wir uns versehen, sind wir in ein Gespräch über die Veränderungen des Kiezes, Sanierungen und zu hohe Mieten vertieft. Seit zehn Jahren wohnt und arbeitet Raul in dem Hinterhaus eines typischen Kreuzberger Altbaus. Nachdem mittlerweile fast alle Fassaden hergerichtet wurden und die Pastelltönen für ein milderes, neues Kreuzberg stehen, dringt die Veränderung jetzt auch in die Hinterhöfe. Für Raul bedeutet das, alles muss raus. Die erste Abschiedsparty wurde dann auch gleich wegen Lärmbelästigung von der Polizei geräumt. Die war durch das Slime Konzert wenige Tage zuvor im SO36 sowieso noch nervös – und wenn man schon mal in der Nähe ist, warum nicht vorbeigucken.

Der Gedanke, bald ohne festes Atelier zu sein, hat für Raul auch einen befreienden Charakter:„Ich finde die Idee schön, sich über die ganze Stadt zu verteilen. Kleine Orte zu haben, an denen man konzentriert an einer Sache arbeitet.“

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Nachdem Raul, man könnte sagen, die ganze akademische Vielfalt des deutschen Hochschulbetriebes ausgekostet hat, ist er angefangen bei Soziologie und Lateinamerikanistik über ein Bildhauerstudium an der Kunsthochschule Weißensee am Institut für Raumexperimente von Olafur Eliasson gestrandet. Enttäuscht von dem klassischen Kunststudium und mit viel Interesse für gesellschaftliche Gefüge, findet er dort seine künstlerische Heimat. Die ersten Interventionen von öffentlichem Raum fanden aber schon viel früher statt. Aufgewachsen in Frankfurt „der Stadt der hohen Türme, der großen Träume und tiefen Gedanken”, in der der Kontrast zwischen Arm und Reich so scharf ist, wie in keiner anderen deutschen Stadt. Als wir beginnen über die Unterschiede zwischen Berlin und Frankfurt zu sprechen, schweift sein Blick für eine Sekunde gedankenverloren aus dem Fenster, „ja, das sind zwei sehr verschiedene Städte. Komisch, dass die beide in Deutschland liegen.“
Obwohl der Mensch immer Mittelpunkt und Motivation seiner Arbeiten ist, ist er selten ihr Gegenstand. Ob menschenleere Ackerflächen in Südspanien oder verlassene Straßenzüge in Detroit, es finden sich nur Spuren und Hülsen – aber das Leben, das findet irgendwo anders statt.

Der Gedanke, kein Atelier zu haben ist also befreiend?
Ja, total. Natürlich habe ich es immer einfach gehabt mit diesem großen, schönen Raum aber abgesehen davon, fande ich die Idee schön sich über die Stadt zu verteilen. Kleine Orte zu haben, an denen man konzentriert an einer Sache arbeitet. Dazu gehört auch immaterieller zu arbeiten, ohne immer die gleichen Arbeitsmaterialien zu verwenden.

Der Ort steht für dich also in direkte Verbindung zu den Ideen, die du entwirfst?
Ich weiß nicht, ob das so ist. Einfach rausgehen und dann passiert etwas, so einfach ist es dann doch nicht. Ich habe es als sehr befreiend empfunden, das ganze alte Zeug loszuwerden. Irgendwie hänge ich auch nicht sehr an Sachen, sondern an Menschen, an Situationen und Aktionen. Nicht so sehr an diesem Objekthaften. Es war einfach so befreiend, das Atelier aufzulösen und rauszugehen und die Dinge in Berlin zu verteilen. Ich hab ganz viel klein gehexelt und wie Rollsplitt in der Stadt verteilt. Ich hab noch einen Keller von einem Freund in 61, da habe ich mein ganzes Werkzeug, da kann ich kleine Sachen fertigen. Dann hab ich noch ein Keller in Mitte, ein Lager in Weißensee und eine Wohnung von einem Freund, der selten da ist, in Mitte und im Pfefferberg hab ich auch noch was. Das hört sich jetzt vielleicht ein bisschen unkonzentriert an, aber ich finde das ganz gut, sich so ein bisschen zu dezentralisieren.

Ist das nicht so wie so schwierig, Arbeits- und Wohnraum in einem zu haben. Manchmal braucht man doch auch einfach Abstand von der Arbeit, um neue Ideen zu entwickeln?
Ne abschalten geht eh nicht, dass ist sehr schwierig. Das Zimmer hätte ich aber schon gerne behalten.

Du machst auch manchmal Partys in deinem Atelier?
Ich hab da so ein paar Abschiedspartys gemacht. Ach, übrigens ich habe auch türkischen Kuchen wenn jemand möchte.
Ich hab eine Weihnachtsparty gemacht, das war eigentlich die Abschiedsparty, aber dann haben wir noch eine Silvesterparty gemacht. Auch so ein bisschen aus Trotz, weil sich bei dieser Weihnachtsfeier eben Dinge bemerkbar gemacht haben, die zeigen, wie sich die Situation hier im Kiez verändert. Ich hab hier oft laut gearbeitet oder viele Leute da gehabt und es hat sich nie jemand beschwert. Das war einfach alles entspannt, man hat sich einfach arrangiert. Die einen fangen nachts an zu trommeln oder hören wahnsinnig laut Musik. Jeder eben so wie er es braucht. Dadurch, dass jeder mal laut sein darf ist das okay.

Und das hat sich geändert?
Das hat sich geändert! An diesem Abend wurde andauernd die Polizei gerufen und eigentlich ruft hier keiner die Polizei. Außer es passiert wirklich etwas Schlimmes. Am Anfang haben die das erst gar nicht so ernst genommen, aber dann beim dritten Mal haben sie die Feier geräumt und eine politische Veranstaltung daraus gemacht und so getan als wäre das eine Zusammenrottung von Linksradikalen. Die kamen dann wirklich mit Knüppel und Schlagstock und sind ins Atelier gestürmt. Einen Kumpel haben sie zusammengeschlagen. Der wurde dann festgenommen wegen Beamtenbeleidigung und was war es noch … Widerstand gegen die Staatsgewalt! Der hat dann seinen Morgen in der Ausnüchterungszelle verbracht. Dann wurde auch noch Anzeige wegen Gefangenenbefreiung ausgesprochen. Da kommt halt einfach Kreuzberg/Oranienstrasse mit ins Spiel. Drei Tage davor war hier ein Slime Konzert im SO36. Die Fans waren so um die Fünfzig und haben einen Nostalgischen gehabt und eine Barrikade gebaut und dementsprechend wurde das dann alles in einen Topf geworfen. Das war skurril. Um fünf war dann das ganze Spektakel vorbei und ich hatte eine Anzeige wegen Ruhestörung. Da dachte ich mir, „Oke dann machen wir es an Silvester noch mal, aber lauter.“ Das war schön.

Dann hat das Atelier also gleich noch einen neuen Nutzen verabreicht bekommen?
Ja, genau. Ich habe dann auch gleich die ganzen Freunde dazu genutzt, das Atelier leer zu räumen.

Hast du unabhängig davon geplant, bzw. kannst du dir es vorstellen, in absehbarer Zeit an einem anderen Ort zu leben und zu arbeiten?
Klar fühle ich mich zu Berlin verbunden, zu dem Kiez aber immer weniger. Ich finde schon, dass man nach zehn Jahren Berlin auch weiterziehen kann. Ich bin jetzt nicht auf der Suche nach irgendeiner Szene oder so. Viele Leute die nach Berlin kommen sehnen sich nach einem neuen zu Hause und bewältigen dann hier ihre Jugendprobleme. Ich bin jetzt dreißig und hab schon Lust noch mal rauszukommen.

Schwebt dir da eine bestimmte Stadt vor?
Ich hab letztes Jahr einen Trip durch die Staaten gemacht und das war ganz aufregend. Vielleicht geht es aber gar nicht so sehr, um das irgendwo ankommen. Es geht darum aufzubrechen und in Bewegung zu bleiben. Deswegen gefällt mir auch der Gedanke so sehr, kein Atelier und keinen Ort zu haben, der einen zu stark bindet, so dass man alleine um den Ort zu erhalten, so viel arbeiten muss. Dann nimmt einem das Dasein des Ortes zu viele Freiheiten.

Du bist in Frankfurt aufgewachsen und seit über 10 Jahren in Berlin, welchen Einfluss haben diese beiden Städte auf deine Arbeit?
Frankfurt ist halt … mh, lustig darüber nachzudenken. Ich bin in Frankfurt aufgewachsen und dadurch ist sicherlich alles was ich mache auch irgendwie beeinflusst. Auch wenn ich Frankfurt so ein bisschen ablehne, habe ich so eine Art Hassliebe zu der Stadt. Ich fahre noch gerne hin, bin aber auch ganz schnell wieder weg.

Gibt es einen bestimmten Ort an den du immer wieder zurückkehrst?
Ja, vielleicht die Hauptwache da haben wir immer viel rumgehangen. Da wurde geskated und da haben sich einfach alle getroffen. Vielleicht hat das da so ein bisschen angefangen, dass man den öffentlichen Raum mitgestaltet. Dass man Dinge baut an denen man fahren kann oder dass man einfach sprüht. Aber auch das Rumhängen auf einem Platz über denn alle nur drüber hasten. So im Schatten der hohen Türme. Frankfurt ist natürlich inspirierend für mich. Es ist ja auch für viele die Stadt der großen Träume und tiefen Gedanken und vielleicht versucht man so etwas zu verbinden, wenn man dort aufwächst. Es ist auch einfach ein bisschen rougher als Berlin. Die vielen Leute, die nach Berlin kommen wollen sich schon eine kleine heile Welt schaffen und in Frankfurt ist diese Welt alleine durch den allgegenwärtigen Kontrast zwischen Arm und Reich und dieses ganze Karrieristische total gebrochen. Viele Leute kommen dahin, um wirklich zu arbeiten und hier leben die Leute eher mehr. Natürlich leben die Leute in Frankfurt auch, aber eher dann wenn man das Konto voll hat. Ja, das sind zwei sehr verschiedene Städte. Komisch, dass die beide in Deutschland liegen.

Und was war der Grund dafür, nach Berlin zu gehen?
Meine Familie hat sich so ein bisschen gespalten. Meine Schwester und meine Mutter haben hier gewohnt und mein kleiner Bruder ist hier auch aufgewachsen. Ich war dann erst in Charlottenburg, das habe ich zwei Monate ausgehalten und dann bin ich hier gestrandet.

Damals hast du aber noch keine Kunst gemacht, sondern hast im Hörsaal brav Soziologie und Geschichte gepaukt?
Woher weißt du denn das alles? Was ich alles studiert habe, das ist unglaublich. Ich hab auch noch Lateinamerikanistik studiert und lateinamerikanische Literatur. Man kann vieles studieren und das bringt einen auch alles irgendwie weiter. Ich war nur einfach nicht von der Überzeugung, dass mich ein Kunststudium als Künstler weiterbringt oder hilfreich ist. Ich bin dann an die Kunsthochschule Weißensee und das hat mir überhaupt nicht gefallen. Es war schon schön, weil das einem eine gewisse Sicherheit gibt. Man ist jetzt also Kunststudent und muss sein künstlerisches Schaffen nicht andauernd in Frage stellen. Man ist irgendwo angekommen. Das hört sich ganz gut an, fühlt sich auch erstmal ganz gut an, wenn man dann aber versucht, sich mit der Lehre anzufreunden, dann wird es manchmal schwer. Es wird versucht, eine klassische künstlerische Grundausbildung zu vermitteln, aber die ist dann auch nicht so gut, dass man wirklich sagen kann, dass man eine klassische Bildhauer Ausbildung genossen hat. Es gibt einerseits so traditionelle Werte, die man nicht aus den Augen verlieren möchte aber andererseits sind die auch so verblasst, die sind nur noch Schein. Ich finde es gar nicht so schlecht, wenn man künstlerische Fertigkeiten hat, aber es ist nicht notwendig.

Du warst am Institut für Raumexperimente bei Olafur Eliasson, der ja einen ganz andere Auffassung von Kunst hat. Ihm geht es darum, raus in den öffentlichen Raum zu gehen und darauf Einfluss zu nehmen. Wie bist du zu ihm gekommen?
Wenn er das sagt, dann passt das ja ganz gut zu meiner Stimmung, vielleicht fühle ich mich deswegen dort so gut aufgehoben. Ich habe diesen akademischen Künstlerweg, das war ja ein Diplomstudiengang, hingeworfen. Es hat mir irgendwie nichts gebracht und vielleicht bin ich dort auch angeeckt. Ich habe mich dort beworben und nach zehn Jahre studieren an verschiedensten Institutionen habe ich da ein ganz gutes Zuhause gefunden. Ich kann es mir eigentlich nicht besser vorstellen.

Inwiefern bist du durch seinen Ansatz beeinflusst?
Zunächst einmal hat es mir die Möglichkeit gegeben, das was ich eh schon mache, einfach mal sein zu lassen. Dinge, die für mich schon funktioniert haben oder auch eine künstlerische Praxis, die funktionierte, Positionen, die für mich Sinn gemacht haben, einfach wieder sein zu lassen. Nicht von ganz vorne anfangen, aber schon irgendwie etwas anderes machen. Etwas anderes als das, was ich so wie so schon tue. Das war total stark und hat mich unglaublich belebt. Es hat mich auch befreit von diesem manischen arbeiten. Jetzt sind es bei mir eher mehrere Dinge die mitschwingen. Es ist konzept- und ideenlastiger geworden. Es ist auch nicht mehr nur meine Geschichte und das wo ich herkomme oder wo ich mich gerade befinde. Es geht mehr um die Leute, die sich um mich rum bewegen. Die versuche ich auch immer mehr einzubeziehen.

Mittlerweile machst du Fotografien, Installationen und Performances. Was ist davon neu hinzugekommen?
Das Performative ist hinzugekommen. Das Partizipatorische macht mir auch am meisten Spaß. Wenn ich statt auf einer Gruppenausstellung, wo ich eines von vielen Objekten stelle einfach Freunde einlade und dann dreißig Leute mit ihren Zimmerpflanzen durch den Raum laufen. Ich hatte das Gefühl ich bespiele den ganzen Raum und es hat eine persönliche Note. Es geht um die kleinste gemeinsame Verantwortung, die man für ein Lebewesen oder einen Organismus übernimmt. Diese Verantwortung weiterzugeben war erstmal schon ein großer Schritt und es war auch für mich interessant, dass man doch so viel fordern kann. Man muss als Künstler nicht nur geben, sondern man darf auch fordern.

Glaubst du, dass du dadurch begonnen hast deine Umwelt anders zu sehen, auf andere Dinge zu achten? Wenn du hier auf die Straße trittst, was siehst du dann?
Die Welt ist jetzt nicht anders geworden, aber das Gefühl, was ich selber zu meiner Arbeit habe, das ist anders geworden. Man braucht keinen Ort, man kann sich auch einfach mal irgendwo hinstellen und warten was passiert. Meistens passiert etwas. Irgendeine Erkenntnis gibt es immer.

Was war deine Motivation nach Almeria zu reisen?
Nach Almeria bin ich gezielt gefahren, weil mich diese ganz einfache Architektur der Gewächshäuser interessiert hat. Klar, von oben sieht das aus wie normale Felderwirtschaft, aber wenn man da vor Ort ist in diesen Plastikschluchten und diese Menschenleere spürt, das ist schon was anderes. Man ist draußen, aber trotzdem gibt es keinen Boden mehr, es gibt nur Plastik. Das sieht so richtig schön schrecklich aus. Und es ist natürlich auch eine Tragödie. Es ist einfach in Europa Menschenrechte und ethische Grundsätze zu haben, diese auch einzuhalten ist aber ein ganz anderes Thema. Wir sehen uns gerne in der Vorreiterrolle für Europa, aber mit gewissen Problemen in Europa wollen wir nichts zu tun haben.

Das Sozialkritische macht also einen großen Teil deiner Motivation aus?
Es ist immer Motivation es gehört einfach mit dazu. Inwieweit ich das jetzt auf die Spitze treibe und in einer Arbeit akzentuiere, finde ich nicht so relevant. Ich glaube nicht, dass ich pädagogisch wertvolle Arbeiten machen kann. Das ist dann eher so ein Konglomerat aus Interessen, was sich zusammenfügt.

Glaubst du das Kunst das überhaupt kann?
Klar, es gibt unheimlich starke politische Arbeiten und es gibt auch diesen politischen Künstler. Den gibt es auf jeden Fall. Aber es gibt eine gewisse Angst davor, eine politische Aussage in Arbeiten zu treffen. Das Problem ist vielleicht auch, dass es nicht mehr so klare politische Kategorien und Statements gib. Das hat sich alles verwässert. Ein Freund von mir war jetzt gerade im Kongo und hat eine Reportage über die Coltanmienen gemacht. An denen verdienen viele Konzerne unheimlich viel Geld. Der kam mit wahnsinnigen Geschichten zurück. So etwas ist sicherlich meinungsbildender, als wenn man jetzt ein Handy aus Coltan in eine Galerie legt. Ich weiß nicht ob es einzelne Arbeiten sind, die da etwas bewirken können, sondern vielleicht eher der Künstler selber indem er Aussagen macht.

Detroit, Almeria, Istanbul das sind alles Orte, die Inhalte deiner Arbeiten sind. Gibt es etwas, was diese Orte gemein haben?
Die ganzen Orte sind schon sehr abgefuckt, sehr morbide. Ich habe immer versucht auch das Schöne zu finden, aber es ist mir nicht immer gelungen. Gerade in Detroit war die Frustration noch größer, als ich es erahnt hatte. Ich war auch schockiert von diesem allgegenwärtigen Rassismus. Ich wollte dann dort auch nicht mehr sein. Ich kam mir vor wie ein Voyeur oder Tourist, der sich am Leid der anderen ergötzt. Ich mag es lieber, wenn ich langsam an einen Ort ankomme und durch das Fliegen ist man immer gleich da. Durch das Fahren kommt man in die skurrilsten Orte, da versteht man dann erst was Amerika wirklich ist. Ich war da in einem kleinen Ort, da bin ich morgens um Sieben angekommen und mir kamen diese riesigen, over-sized Trucks mit Häusern entgegen. Dann kam ich in den Ort rein und da war eine Fabrik, wo wahrscheinlich die ganze Ortschaft angestellt war, wo eben diese Fertighäuser hergestellt wurden. Vor der Fabrik war ein Parkplatz und da ging dann morgens das Eisentor auf und herausgefahren kam eine Herde von diesen Häusern. Ich kam gerade aus Detroit und das war ein unglaublicher Kontrast. Das zerfallene, morbide von Deroit und dann diese Hochglanz Fertighäuser. Der ganze Ort bestand aus diesen Häusern, man hätte diese Fabrik wahrscheinlich irgendwo anders abwerfen können und der Ort hätte sich dann so Sincity mäßig darum gebildet. Also ein wahnsinnig kontrastreiches Land.

Suchst du den Kontakt mit den Menschen vor Ort?
Ich fotografiere viel, aber eigentlich nie die Menschen. Wenn dann mal nur von der Seite. Da interessiert mich dann mehr, wie sich so ein Ort architektonisch entwickelt. An den Örtlichkeiten kann man viel ablesen über die Existenzen der Menschen. In Detroit findet eine absolute Spaltung zwischen Weißen und Schwarzen statt. Es gibt die reichen Außenbezirke und im innerstädtischen Bereich sind nur Schwarze und da musst du niemanden fragen, was da los ist, das siehst du einfach. Aber man lernt immer Leute kennen. In Detroit war das total spooky, weil die Leute immer dachten ich hätte mich verirrt. Ich wurde andauernd gefragt,„are you lost?“
Funktionslose Gebäude finde ich davon abgesehen sehr spannend, weil sie etwas Skulpturales haben und nur noch die Hüllen ihrer Existenz sind und nur noch Vergangenheit symbolisieren.

Jetzt haben wir die ganze Zeit nur über todernste Themen gesprochen, wie steht es denn um den Humor bei dir?
Humor ist eigentlich auch etwas sehr ernstes. Es ist natürlich ein schöner Weg, jemanden erst einmal an Kunst heranzuführen und Interesse zu wecken. Wenn dann noch etwas mitklingt ist es besser. Aber natürlich freut man sich, wenn man amüsieren kann und Leidenschaft produziert sich auch über Spaß und Freude. Meistens sieht man es den Dingen an, wenn sie nicht mit Leidenschaft und Freude entstehen.

Wie verkaufst du deine Arbeiten?
Ich verkaufe arbeiten, aber bisher habe ich an dem Kunstmarkt noch nicht so Freude gefunden und er auch nicht an mir. Das finde ich aber auch gar nicht so verkehrt. Ich habe es irgendwie so weit organisiert, dass ich mich davon gar nicht so abhängig machen muss. Es ist auch wieder so eine Hassliebe. Es ist eine wahnsinnige Freiheit etwas zu tun, unabhängig von dem was der Markt verlangt, deswegen glaube ich, dass für die Kunst das Prinzip,ich bin das wovon ich lebe, nicht gilt.

Aber woher kommt diese enorme Diskrepanz zwischen der Freiheit der Kunst und der Institutionalisierung des Kunstmarktes?
Vielleicht ist das einfach das, wie sich Märkte entwickeln. Vielleicht unterscheiden sich der Immobilienmarkt und der Kunstmarkt gar nicht so sehr voneinander, sondern sind sich sehr ähnlich. Es ist auch einfach etwas, mit dem ich mich überhaupt nicht beschäftigen will.

Du liest also keine einschlägigen Kunstmagazine?
Ich habe es versucht mich mit den Zeitungen auseinanderzusetzen und mein Kioskbesitzer hier, der interessiert sich sehr für deutsche Literatur, liest aber alles auf türkisch, mit dem habe ich mich mal über meine Arbeit unterhalten. Ich finde so ein nachbarschaftliches geben und nehmen sehr schön und er meinte dann, ich kann alle seine Magazine mal mitnehmen. Er meinte, dass sei gut für mich. Also ich habe es probiert, aber es hat mich nicht interessiert. Klar, du kannst dich als Künstler unheimlich viel mit Kunst auseinandersetzen, aber mich hat von Anfang an eher die Auseinandersetzung mit anderen Feldern interessiert.

Hat man da auch Angst, dass die eigenen Ideen dadurch beeinflusst werden?
Das wird es ja automatisch. Das ist auch gerade bei der Kunstausbildung das Problem. Man kommt da raus und hat so ein bisschen künstlerische Fertigkeiten, die dann jeder hat. Vielleicht ist es einfacher, wenn man sich mit ganz anderen Themen beschäftigt und eher darüber nachdenkt, wie man das mit Kunst in Verbindung bringen kann oder wie man die Kunst bereichern kann. Ich war gerade letzte Woche im tiefsten Bergwerk Europas in Osnabrück. Die bauen dort Anthrazit ab, das ist so das Kerosin unter den Kohlearten. Die reinste Kohle, brennt wie sonst was. Deswegen lohnt es sich da, richtig in die Tiefe zu gehen.
Die meisten Bergwerke befinden sich vielleicht bis zu 600 Meter unter dem Meeresspiegel oder über der Erde. Dieses Bergwerk ist aber 1600 Meter unter der Erde! Das ist eigentlich unglaublich, da unter herrscht so ein krasser Druck und es ist um die 50 Grad warm. Letzten Sommer habe ich am Rügener Kreidefelsen Kreide abgebaut und ganz tolles Material dadurch zusammenbekommen. Ich dachte mir, jetzt will ich auch Material aus der Tiefe holen. Ich habe die dann merhmals angeschrieben und gesagt, dass ich Bildhauer bin und mir da untern gerne Material sichern würde. Das hat etwas gedauert bis die das vertsanden haben. Ich hatte auch ein völlig komisches Bild von der Arbeit dort unten. Ich dachte, die gehen da mit Hacke rein und graben Brocken raus. Ich bin dann 1300 unter den Meeresspiegel gefahren und habe mir angesehn, wie die da unten arbeiten. Das war wahnsinnig spannend, weil du da unten auf so einer Art Fließband fährst. Die Transportwege sind da so lang, anders könnte man das gar nicht bewältigen.

Hört sich ein bisschen nach Science Fiction an.
Das sieht auch so aus wie Science Fiction! Die können da unten keine normalen Schienen bauen, sondern müssen alles von der Decke hängen lassen, weil der Druck von unten so groß ist, dass sich der Boden da unter sofort verzieht. Es gibt also ein riesiges Netz von Schwebebahnen, die durch die Erde düsen. Die Maschinen sind alle luftdicht verschlossen, wegen der Explosionsgefahr. Ich wollte das natürlich alles dokumentieren, aber hätte ich mir eigentlich davor denken können, dass die da sehr rigoros sind. Die schönsten Bilder sind dann doch meistens die, die man nicht festhalten kann.
Ich werde diese Brocken jetzt wahrscheinlich nehmen und in die Berge fahren. Auf das Mattehorn oder so, dann bringe ich die Kohle von 1400 Metern tiefe auf 4000 Meter Höhe.

Würdest du sagen du bist eher durch die Natur oder den urbanen Raum inspiriert?
Ich bin durch meine Lebenswelt inspiriert und ich lebe in der Stadt. Ich werde auch immer in der Stadt leben und mich zieht es immer mehr in größere Städte. Von hier würde ich am liebsten nach Sao Paulo oder Mexico City.

Bevor wir gleich los gehen noch eine letzte Anekdote zum Thema Bergmänner?
Für die ist es eine andere Welt da unten. Die haben mir immer wieder versichert, „hier unten ist die Welt in Ordnung, weil es keine Frauen gibt.“
Das sind sehr stolze Arbeiter und taffe Burschen. Der Beruf ist so eine Qual, das er eigentlich zur Lebensaufgabe wird, aber anscheinend ist die Welt da trotzdem noch in Ordnung …

Draußen beginnt es langsam zu dämmern und Raul drängt es nach draußen. Bewaffnet mit rechteckigen Spiegeln und dem Vorderlicht eines Porsche 911 („Der stand ganz lange in der Torstrasse rum, Fahrerflucht oder so …”), ziehen wir über die Oranienstrasse, in die Adalbertstrasse und bleiben vor der architektonischen Perle, dem NKZ stehen. In den siebziger Jahren als großvolumiges Bauprojekt hochgezogen, ohne jegliche Rücksichtnahme auf soziale Wohnstrukturen, geschweige den ästhetischen Anspruch, ist es mittlerweile zu einer Art morbiden Wahrzeichens geworden. Mit Kamera, Vorderlicht und Spiegeln begeben wir uns in das Innere des Kolosses. Immer wieder scheitern wir an verschlossenen Türen oder defekten Aufzügen bis wir endlich das Dach erreichen.
Der Himmel reist auf und die Szenerie taucht in ein kitschig rotes Licht. Raul befindet sich auf dem Dach des leerstehenden Parkhauses gegenüber und sendet Morsezeichen in die Welt hinaus. Unser Lachen schallt über die Dächer hinweg und so endet unser Samstagnachmittag in Kreuzberg unter Freunden.
Eine Auswahl von Rauls Arbeiten findet ihr unter raulwalch.net oder bei einem Spaziergang durch die Stadt.

Interview: Antonia Märzhäuser
Fotografie: Ailine Liefeld
Video: Fette Sans