Auf den zweiten Blick: Die geheimen Glanzlichter der französischen Hauptstadt
Eine Entdeckungstour durch Paris' energetischste und vielfältigste Nachbarschaft an der Seite von Alex Toledano, Paris
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Es wäre schwer, einen besseren Guide für diesen meist unbeachteten Teil von Paris zu finden als Alex Toledano, Kunstberater und Spezialist für die Geschichte des post-revolutionären Frankreichs.

Toledano schrieb seine Dissertation über genau jenes Gebiet, das wir nun in unserer Tour erkunden werden. Gemeinsam wollen wir die historische Rue du Faubourg-Saint-Denis nachverfolgen – eine der Hauptpilgerrouten der Stadtbewohner auf ihrem Weg zur Basilica Saint-Denis und heute die zentrale Straße durch eine sich rapide gentrifizierende Gegend. „Das hier ist eine Marktstraße“, erklärt Alex. Und trotz ihrer aufkeimenden Beliebtheit unter jungen Kreativen, sagt er, sei sie nach wie vor am stärksten durch die Pendler beeinflusst, die täglich zu Tausenden durch den Gare du Nord in die Stadt strömen – auch wir beginnen hier unserer Tour. „Dieses Viertel lädt dazu ein, einen lebendigen Ort zu sehen, der mit der stereotypen Vorstellung von Paris als altmodische und zurückgewandte Stadt bricht“, erzählt er. „Paris ist eine aufregende und lebhafte Stadt; doch der Großteil des Lebens in den Straßen kommt von außerhalb.“

Karte der Pariser Sehenswürdigkeiten

Das Tor zum Zentrum

Gare du Nord, 18 Rue de Dunkerque

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Wir beginnen unsere Tour am Gare du Nord – nicht nur Paris belebtester Bahnhof, sondern, wie unser Guide betont, gemessen am täglichen Verkehr auch der belebteste der Welt außerhalb Japans. Der Name deutet bereits die Funktion des Bahnhofs an: Er ist die Verbindung in die Hauptstädte Nordeuropas. Doch die Inspiration für Alex’ Tour sind die alltäglichen Expeditionen einer beträchtlichen Anzahl von Passagieren nach Paris, die aus den weniger entlegenen Orten des Pariser Vorstadtgürtels wie Saint-Denis oder Drancy kommen. Alex fordert uns dazu auf, den doppelten Zweck der Station zu sehen: „In der Haupthalle kommt der Großteil der internationalen Züge an und bringt Menschen aus London, Brüssel, Amsterdam, Lille oder anderen großen Städten hierher“, sagt er. „Und dann haben wir auf der Ostseite des Bahnhofs die Regionalzüge – der RER [Réseau Express Régional]. Es ist wichtig, beide Seiten zu sehen.“ Nachdem das gesagt ist, wird klar, dass wir unseren Tag mit der zweiten Art von Reisenden verbringen werden. „Der RER ist der Trichter nach Paris. Blickt man auf die Tage zurück, an denen die RER-Linien bestreikt wurden, war dieser Teil von Paris menschenleer, also das ganze 10., 18. und 19. Arrondissement“, erklärt Alex. „Die Läden haben einfach nicht geöffnet. Ohne diese Verbindung ist es für die Menschen gar nicht möglich, in die Stadt zu kommen.“

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Die ganze Welt in einem Viertel

Saravanaa Bhavan, 170 Rue du Faubourg-Saint-Denis

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Wir verlassen den Bahnhof durch seine eindrucksvolle Beaux-Arts-Fassade in Richtung Paris-Zentrum und laufen den Berg hinab, auf dem die Station liegt. Erster Halt: Essen! „Verlässt man den Gare du Nord, gibt es hier ohne Zweifel das einfachste und beste Essen direkt neben dem Bahnhof“, sagt Alex. Wir gehen in Richtung Saravanaa Bhavan, 107 Rue du Faubourg-Saint-Denis. „Das Restaurant ist Teil einer größeren Kette, die südindische Küche anbietet“, sagt unser Tourguide, der diesen Stopp gewählt hat, um uns eine Momentaufnahme der Vielfalt dieser Nachbarschaft zu zeigen. „Die Menschen, die hier arbeiten, sind Teil der größten tamilischen Gemeinschaft ganz Frankreichs“, sagt Alex. „Sie kamen als Bürgerkriegsflüchtlinge aus Sri Lanka. Eines der Merkmale dieser Nachbarschaft ist, dass viele der Menschen oder ihre Eltern politische Flüchtlinge waren.“
Wir folgen der Rue du Faubourg-Saint-Denis und Alex erklärt, dass sich hier viele Pakistanis und Bangalen niedergelassen haben. Ein kleines Stück weiter gibt es eine Community links-politischer Türken, die nach dem erfolgreichen Militärputsch in den 1980ern geflohen sind. Genau wie kurdische Gruppen, die, wie unser stets sachkundiger Guide erklärt, entweder ausgewiesen wurden oder aus der Türkei geflohen sind. Er erwähnt auch die ex-jugoslawischer Gemeinden aus dem heutigen Serbien und Kroatien oder anderen Ländern.

Alte Geschichte vs. moderne Ambitionen

Square Alban-Satrange, Boulevard de Magenta

„Paris ist eine aufregende und lebhafte Stadt; doch der Großteil des Lebens in den Straßen kommt von außerhalb.“

Um zu unserem nächsten Stopp zu gelangen, folgen wir der Rue du Faubourg-Saint-Denis bis zum Square Alban-Satrange. „Das hier ist ein einfacher, eher unscheinbarer Park, der in den 80er-Jahren gebaut wurde. Aber er ist interessant, weil wir an ihm die lange Geschichte dieser Nachbarschaft sehen können“, merkt Alex an. „Hier stand ein Kloster namens Saint-Lazare, das bis ins Mittelalter zurückdatiert werden konnte. Sie haben die gesamte Front niedergerissen, um diesen Park zu bauen. So kann man hier heute wirklich erstaunliche alte Kirchenarchitektur sehen, die völlig umgestaltet wurde.“
Das Kloster wurde in die Medienbibliothek Médiathèque Françoise Sagan umgewandelt; ihre modernen Ambitionen sind nun verankert in der jahrhundertealten Geschichte des Ortes. „Die Gegend hier lag außerhalb von Paris. Als der König damals starb, begann die Beerdigungsprozession in Notre Dame und ging die Rue Saint-Denis herunter in Richtung der Basilika [nördlich der Stadt, in Saint-Denis]. Das war eine wichtige Prozessionsroute – und der erste Halt auf dem Weg war hier, die Église Saint-Lazare“, erklärt Alex. „Diese Straße existiert schon sehr, sehr lange – betrachtet man eine Karte der Stadt, dann sieht man, dass sie eine der einzigen außerhalb der Stadt gebauten Teile ist.“

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Kosmopolitischer Sound

New Morning, 7-9 Rue des Petites Écuries

Alex’ nächste Wahl ist New Morning, eine Konzerthalle, 7–9 Rue des Petites-Écuries. „Dies ist eine der wichtigsten Konzerthallen für Jazz und Weltmusik“, sagt er und erzählt von „15 bis 20 Konzerten“, die er hier gesehen hat – das Beste darunter die Afrobeat-Gruppe Antibalas. „Es ist total intim, es ist klein, es ist voll. Normalerweise gibt es Tische vorn, hinten kann man stehen. Das hier ist kein gigantischer Raum, in dem es sich anfühlt, als wäre da eine Riesendistanz zwischen den Performern und ihrem Publikum – es ist intim. Ich habe hier Musiker auf dem höchsten Niveau spielen hören.“
New Mornings aktuelles Erscheinungsbild täuscht über seine spannende Vergangenheit hinweg. „Es eröffnete zu einer Zeit in der Geschichte dieser Gegend, in der fast alle Fabriken zumachten. So gab es eine Menge Leerstand, die einstigen Werkstätten wurden schließlich auf neue Arten genutzt.“ Auch das New Morning gehört dazu: Es steht auf dem Boden einer ehemaligen Druckerei der einflussreichen französischen Zeitung Le Parisien.

Café Connections

La Ferme, 5 Rue des Petites Écuries

„Dieses Viertel lädt dazu ein, einen lebendigen Ort zu sehen, der mit der stereotypischen Vorstellung von Paris als altmodische und zurückgewandte Stadt bricht.“

Vor oder nach dem Besuch einer Show im New Morning sollte man auf einen Drink ins Café nebenan, La Ferme, vorbeischauen. „Wenn man einen guten Platz im New Morning erwischen möchte, muss man zeitig da sein und normalerweise gibt es eine Schlange“, rät Alex. „Das hier ist der perfekte Ort für einen Drink.“ Gleichzeitig ist es einer seiner persönlichen Lieblingsspots: „Die Familie, die die Bar und das Restaurant betreibt, war in all den Jahren unglaublich freundlich zu mir – während ich an meiner Arbeit schrieb, haben sie mich so vielen Leuten vorgestellt. So ist das, wenn man eine Nachbarschaftsbar wie diese führt: Man kennt jeden. Der Vater der Familie wurde in Algerien geboren, dann zogen sie nach Paris. All seine Söhne und ihre Cousins arbeiten hier und führen es heute weiter. Was ich daran liebe, ist, dass sie nicht versuchen trendy zu sein.“ Das ist inzwischen eine immer seltener werdende Qualität in dieser Gegend. Alex empfiehlt, zum Essen zu bleiben, idealerweise sollte es der Couscous sein. „Sie servieren ganz fantastisches nordafrikanisches Essen“, sagt er. „Es ist einfach angenehm, hier zu verweilen, ohne das Gefühl zu haben, man müsse dafür cool sein. Bei ihnen ist einfach jeder willkommen.“

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Chin Chin

Le Syndicat, 51 Rue du Faubourg-Saint-Denis

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Wir kehren zurück auf die Rue du Faubourg-Saint-Denis und folgen der Straße bergab bis zur Nummer 51, der Cocktailbar Le Syndicat. „Das hier ist einer der neuen trendy Orte“, sagt Alex. „Es ist superhip – die Art von Bar, über die der Condé Nast Traveler schreibt.“ Trotzdem sollte das nicht von einem Besuch abhalten, denn: „Es ist eine Bemerkung wert, weil es tatsächlich gut ist. Die Cocktails sind fantastisch und ihr Konzept großartig: Sie benutzen ausschließlich französische Spirituosen. Das heißt, man kann verschiedene klassische Drinks probieren, die neu interpretiert wurden, um den Geschmack der unterschiedlichen Alkoholika am besten herauszustellen.“ Das Personal, so erzählt unser Guide weiter, ist ebenfalls freundlich: „Sie haben nichts von der Überheblichkeit einiger anderer Lokale.“ Sein Tipp: „Ihre Version eines Gin Tonics, mit einer französischen Spirituose auf Wachholderbasis, die zwar mit Gin verwandt ist, den Drink aber doch verändert. Er ist ein bisschen bitterer, viel subtiler – ein abgewandelter Gin Tonic.“

Die Türschwelle der Geschichte

Passage du Prado, 12 Rue du Faubourg-Saint-Denis

Für unseren letzten Halt laufen wir beinahe bis an das untere Ende der Rue du Faubourg-Saint-Denis. Die Nummer 12 ist die Passage du Prado, eine der letzten noch stehenden Arkaden aus dem 18. Jahrhundert. „Das hier sind umgebaute, private Durchgänge, in denen die Leute tagsüber einkaufen gehen konnten“, erzählt Alex. Doch die Geschichte dieser Passage ist bewegter als anderswo. Er fährt fort: „Historisch gesehen war das hier kein Ort, den die Leute gern besuchten – die Arkade war für regen Drogenhandel bekannt. Doch in den letzten Jahren ist es ordentlicher geworden und nun gibt es hier eine Menge ganz unterschiedlicher Geschäfte: pakistanische Friseurläden, ein Café für Türken aus einer bestimmten Region des Landes, Urdu-Übersetzungsläden, die offizielle Dokumente ins Französische übertragen, ein mauritisches Restaurant, Bollywood-Film- und Musikläden – es ist ein toller Ort, um die Vielfalt dieser Nachbarschaft zu sehen.“
Die Tour neigt sich dem Ende zu, doch man sollte keinesfalls verpassen, einen Blick auf die Porte Saint-Denis zu werfen, welche die Kriegserfolge von Louis XIV. feiert. „Das ist das Ende der Straße – einst die äußere Grenze von Paris und gebaut von Louis XIV.“, sagt Alex. „Die Porte Saint-Denis ist die schönere der beiden und ein perfekter Eingang zu dieser Straße.“

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Danke, Alex, für die die Tour durch diesen interessanten und vielseitigen Pariser Stadtteil. Mehr Portraits aus Paris sind hier zu finden.

Dieses Portrait ist Teil des Companion Magazine, das FvF für 25hours Hotels entwickelt. Mehr zur neuen Ausgabe #8 kann man im FvF Journal lesen.

Text: Diane Vadino
Fotografie: Robert Rieger