Andreas Waldschütz sucht das Außerweltliche, in seinen Fotos und im Leben
Der österreichische Fotograf über das Spiel mit dem Licht, Berlin
Zumtobel × FvF
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In seiner Arbeit sucht der Fotograf Andreas Waldschütz nach außergewöhnlichen Orten für seine Bilder. Die findet er auf der ganzen Welt, aber auch am Waldrand in der Nähe von Berlin.

Es ist ein wenig wie mit den Gezeiten. Eine Zeit lang fluteten die kreativen Köpfe die Innenstädte, denn dort sind die Jobs, die Bars und die Altbauwohnungen. Jetzt, so scheint es, wird das Landleben wieder attraktiv. Das findet zumindest der Fotograf Andreas Waldschütz. Eine halbe Stunde nördlich von Berlin haben er und seine Frau ein Haus am See gefunden, und sie pendeln zwischen Wandlitz und der Stadtwohnung in Tempelhof.

„Ich mag das ja“, sagt Andreas, denn in Wien ist er am Stadtrand aufgewachsen. „Im 22. Bezirk. Das ist fast schon Niederösterreich.“ Dort, wo es nur Felder gibt und sonst nichts, hielt er Ende der Achtziger auch seine erste Kamera in der Hand. Eine alte russische Zenit Spiegelreflex, das Geschenk seines Onkels. Bloß, als die ersten entwickelten Bilder zurückkamen, war der Junge enttäuscht. Bald gab der Zehnjährige die Fotografie wieder auf. „Da muss man viel üben, und ich bin davon wieder abgekommen.“ Nach der Schule dann: Ausbildung zum Großhandelskaufmann, Job in einem Aluminiumbetrieb. Später, mit 18, Mitarbeit in einer Wiener Eventagentur, nach drei Jahren ausgebrannt, Reise nach Neuseeland und Australien. Von dort verschlug es ihn in die USA.

Um die Jahrtausendwende gab es in San Francisco eine große Indie-Film-Gemeinde. „Now or never, the big dream“, sagt Andreas. Sein big dream ist: an der Westküste großer Regisseur zu werden. Das war noch die Zeit von MTV. Andreas drehte Musikvideos und Kurzfilme, und damit machte er nach seiner Rückkehr nach Europa weiter. Bis 2007 in seine Londoner Wohnung eingebrochen wurde. Der Grundlage seiner Existenz beraubt – seine Kameras und Festplatten wurden gestohlen – flog er mit einem guten Freund nach Südafrika. Dort kam ihm die Idee, mit dem Filmen aufzuhören und Fotograf zu werden.

Früher Vogel: Spaziergänge durch den Wald gehören zu Andreas’ Morgenroutine seitdem er an den Berliner Stadtrand gezogen ist.

Als er in Südafrika war, hörte Andreas zum ersten Mal von dem Dorf Kolmanskop in Namibia. Die Siedlung wurde in der Kolonialzeit 650 Kilometer südlich der Hauptstadt Windhoek gegründet, für die Arbeiter der naheliegenden Diamantenmine. Die Häuser sehen so aus, als könnten sie auch im Umland von Freiburg stehen. Kolmanskop ist seit Jahrzehnten verlassen. Die Dünen holen sich die Straßen zurück, die Häuser mit ihren Schwarzwaldgiebeln füllen sich allmählich mit Sand.

Die Faszination für die Geisterstadt kann man sofort nachvollziehen. „Ich habe mir in den Kopf gesetzt: Ich muss dort eine Geschichte fotografieren.“ Das ging aber nicht gleich. Erst musste der Fotograf Geld sparen. Nach zwei Jahren konnte er dann mit einem Team nach Namibia, um diese Story zu machen. Das war nicht Andreas’ erste Arbeit als Fotograf, aber seine erste große eigene. Für sein Portfolio ist er ein großes Risiko eingegangen. Andreas: „Das hat sich professionell angefühlt – nur, dass ich alles selbst bezahlt habe.“ Er sucht die out-of-this-world locations. Dabei ist er nicht allein, sondern meistens mit einem Team unterwegs – vom Kreativdirektor bis zum Stylisten. Zu sagen, dass Licht das Rohmaterial der Fotografie ist, wäre trivial. Und doch ist es Andreas’ vielleicht wichtigstes gestalterisches Mittel. In seinen Arbeiten gibt es manchmal harte Kontraste, manchmal sind die Bilder verträumt und unscharf. In jedem Fall: „Für mich gibt es nichts Langweiligeres als ein vollkommen scharfes Bild.“ Selbst wenn er mit langer Belichtungszeit aufnimmt, benutzt er kein Stativ. Manchmal brauchen die out-of-this-world locations ein wenig Inszenierung – in Form von Licht. Zum Beispiel sein Imagefilm für Zumtobel, gedreht im Lichtforum Dornbirn. „Als ich das erste Mal durch das Forum lief, fühlte ich mich wie im Film ‚2001: A Space Odyssey’. Entsprechend schwierig ist es, meinen eigenen dort entstandenen Film in Worte zu fassen. Eigentlich geht es um Licht. Der Film ist Licht.” Weil er seine Karriere als Filmemacher begonnen hat, ist er es ohnehin gewohnt, mit künstlichem Licht zu arbeiten. So sehr, dass er als Fotograf nicht mit herkömmlichem Blitzlicht arbeitet, sondern gleich mit Filmlichtern. Das Ergebnis sind radikal moderne, fast schon futuristische Bilder.

Es gab eine Zeit, in der die Überschneidung von Kunst- und Modewelt noch nicht so selbstverständlich war wie heute. Seine Bilder, sagte Andreas einmal, seien zu abstrakt für die Modewelt und zu kommerziell für den Kunstmarkt: „Für ‚Sand People’, die Story die ich in Namibia fotografiert habe, versuchte ich in Wien eine Galerie zu finden. Die fanden das gut, aber sagten auch: Das ist Modefotografie. Eine klassische Galerie hatte damit nichts am Hut.“ Natürlich kein Grund, aufzugeben: „Stattdessen haben wir die Arbeiten in einem Off-Space gezeigt, 2009 im Rahmen der Wiener Modewoche. Wir hatten große Bilder und eine Installation mit Sand. Und mein Sounddesigner hat Lautsprechermembranen im Sand versteckt, damit die Sandkörner anfangen zu tanzen. Wir haben noch einen Film in Namibia gedreht, der war dort auch zu sehen.“

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Immer dabei, wenn es in den Wald geht: „Aya (links) kommt aus Ungarn und ist seit neun Monaten bei uns. Leo (rechts) habe ich vor sieben Jahren in Spanien von der Straße geholt.“
Andreas im Alter von 4 Jahren. „Meine Großmutter hat mich zu einem Fotografen geschleppt, worauf ich wohl gar keine Lust hatte. Schon ironisch, denn jetzt bin ich selbst Fotograf.“
Die Masken für die Serie „Escape“ wurden von einem holländischen Künstler angefertigt. „Monate nach meiner Anfrage einige seiner Masken in einem Shooting benutzen zu können bot er an, Masken speziell für das Projekt zu kreieren – ohne etwas dafür zu wollen.“
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„Ein festes Studio habe ich nicht. Ich arbeite aber sehr gern in den beiden Kreuzberger Miet-Studios Allmost und Chérie. Chérie ist super, weil ich da mit Tageslicht fotografieren kann.“

„Wenn ich etwas mache, mache ich es nicht halbherzig. Ich habe zu allen Projekten ja gesagt.“

Seit neun Jahren ist Andreas im Business. Das ging gut, bis er 2011, am Vorabend einer Indienreise, zusammenbrach. „Ich habe permanent gearbeitet. Wenn ich etwas mache, mache ich es nicht halbherzig. Ich habe zu allen Projekten ja gesagt. Mittlerweile weiß ich es besser und kenne meinen Körper. Das musste ich erst lernen.“, sagt er. Am nächsten Morgen stieg er nicht ins Flugzeug. Stattdessen blieb er in Österreich und begann in einem Kloster eine einwöchige Fastenkur. Morgens Tee, mittags Saft, abends klare Suppe, Schweigen optional. Seither hat der Fotograf das Fasten in sein Leben eingebaut: „Wenn man sein System nicht mehr so zumüllt, passieren tolle Sachen. Für den Körper und den Geist.”

Über Modefilme hat Andreas wieder zum bewegten Bild zurückgefunden. Aber Modefotografie ist für ihn nicht mehr Nummer eins. „Wenn ich ganz hinauf möchte, müsste ich jetzt meinen Standort wechseln – nach New York oder nach Mailand gehen. Darauf habe ich keine Lust. Ich gehe lieber mit meinen Hunden in den Wald.“ Der Wald liegt hinter seinem Haus außerhalb Berlins, an der Grenze zwischen Wandlitz und Lanke. Morgens, wenn er am See spazieren geht, begegnet er selten Menschen.

„Wir ziehen da raus und haben keine Ahnung“, sagt Andreas, „es ist zwar so romantisch, wie man es sich vorstellt. Aber nachts am Lagerfeuer hört man die komischen Geräusche aus dem Wald.“ Zum Glück gibt es da noch die Nachbarn, beispielsweise den Jäger Till, der gerne abends noch vorbeikommt, wenn er sieht, dass noch Licht brennt. Bei einem Bier erklärt er dann den neuen Landbewohnern, welche Tiere sich hinter den Geräuschen aus dem Wald verbergen. Die out-of-this-world locations sind manchmal gleich bei Berlin.

Eine fantastische Reise durch das Licht

Andreas’ Zusammenarbeit mit Zumtobel

Dieses Porträt ist anlässlich der Zusammenarbeit von Andreas Waldschütz und Zumtobel entstanden. Mit seinem Lichtforum am Hauptsitz in Dornbirn hat der renommierte Lichtanbieter einen Ort geschaffen, der die Gestaltungskraft von Licht erlebbar macht. Andreas Waldschütz hat seine persönliche Interpretation des Forums in einem futuristischen Kurzfilm umgesetzt. Mehr zu den Arbeiten von Andreas gibt es auf der Website des Künstlers.

Das österreichische Traditionsunternehmen Zumtobel ist bekannt für die Entwicklung innovativer und nachhaltiger Lichtlösungen. Auch am Einrichtungs- und Beleuchtungskonzept des Friends Space hat Zumtobel als Partner mitgewirkt.

Text: Phillip Hindahl
Fotografie: Robert Rieger