Kochen in einen neuen Start in Berlin mit dem Syrischen Koch Hadi Nsreeny
Eine Überbrückung zwischen Kulturen mit Essen und Freunden, Berlin
25hours Hotels × FvF
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Vom Hobbykoch zum Küchenchef – und das in nur einem Jahr. Die Geschichte von Hadi Nsreeny klingt im ersten Moment zu schön, um wahr zu sein. Dem Beginn dieser schnellen Karriere liegt allerdings eine dramatische Ausgangssituation zugrunde: Der junge Syrer ist einer von vielen Geflüchteten, die ihre Heimat wegen des dortigen Krieges verlassen musste.

Wie er dank der Initiative Über den Tellerrand und einer Verkettung glücklicher Umstände seine Passion zum Beruf machte, hat er Companion erzählt und dabei ein Gericht seiner Heimat zubereitet.

Die Hände mit Plastiktüten aus dem türkischen Supermarkt gefüllt, kommt Hadi Nsreeny im KitchenHub der Initiative Über den Tellerrand in Berlin-Schöneberg an. Er will heute nicht nur von seinem Neuanfang in Deutschland erzählen, sondern dabei auch noch Keapea, eine Art syrischen Fleischkuchen mit Lamm, Nüssen und Zimt, machen. Weil eine gute Vorbereitung beim Kochen wichtig ist, füllt er seine Einkäufe in viele weiße Schalen, bevor er das Lammhackfleisch mit dem Pürierstab zu einer cremigen Masse verarbeitet. Der 26-Jährige wirkt, als wäre er schon jahrelang in Berlin als Koch tätig. Dabei ist Hadi erst im Juni 2015 hergekommen aus Syrien.

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„Jeden Tag hört man nur von dem Krieg, dabei ist Syrien viel mehr als das.”

Der Weg von Aleppo, Hadis Heimatstadt, bis nach Falkensee bei Berlin, wo er heute lebt, hat 26 Tage gedauert. Zuerst ging es durch die  Türkei – im wahrsten Sinn des Wortes: Er war zu Fuß unterwegs, bevor er mit 44 weiteren Geflüchteten in einem kleinen Boot über das Mittelmeer nach Griechenland gelang. „Das war einer der schönsten Momente meines Lebens“, sagt er – und man ist sich nicht sicher, ob er das ironisch meint. Nein, so sei es wirklich gewesen. Natürlich hätte er davon gehört, wie gefährlich die Flucht über das Mittelmeer sei, aber im Boot, wo er eine Zeit lang nichts außer Wasser um sich herum sah, war er dann erleichtert und dachte: Jetzt hast du dich wirklich getraut! In Griechenland angekommen, ging es wieder zu Fuß bis nach Budapest, immer an den Gleisen entlang. Für die letzte Etappe, nach Deutschland, nahm Hadi schließlich den Zug. Angekommen in Berlin-Falkensee, hat er bereits kurz nach seinem Einzug in das dortige Asylbewerberheim Sabine Waldner, eine Unterstützerin der Initiative Über den Tellerrand, kennengelernt, die den Hobbykoch zum Projekt einlud.

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Die Idee für Über den Tellerrand entstand 2013 während eines Gründerwettbewerbs an der Freien Universität Berlin. Gemeinsam mit Kommilitonen wollten Ninon Demuth und Gerrit Kürschner ein Kochbuch mit Rezepten von Geflüchteten herausgeben. Aus der Wettbewerbsteilnahme wurde ein erfolgreiches Start-up zur Unterstützung der Integration von Geflüchteten mit einer beeindruckenden Bilanz: zwei Kochbücher, viele Kochkurse, bei denen Geflüchtete den Teilnehmern ihre Heimatküche näherbringen, Kooperationen mit Restaurants, Hotels und Märkten sowie ein KitchenHub in Berlin-Schöneberg. Nicht zu vergessen die Ausweitung des Projekts auf 17 weitere deutsche Städte und Amsterdam.

Hadi hat im Laufe des letzten Jahres mehrere Koch-Workshops bei Über den Tellerrand gegeben und findet es spannend, dass er den Teilnehmern nicht nur die syrischen Küche, sondern auch die Kultur des Landes erklären kann. „Jeden Tag hört man nur von dem Krieg, dabei ist Syrien viel mehr als das. Wir haben eine jahrtausendealte Kultur.“ Essen ist für Hadi Teil davon. Ausgebildeter Koch ist er allerdings nicht: „Ich bin eigentlich Webdesigner und habe sieben Jahre lang für eine große IT-Firma in Aleppo gearbeitet“, erzählt er, während an der Kochinsel im großen Raum des KitchenHubs steht und eine Handvoll Walnüsse im Mörser zerkleinert. Aber in seiner Heimat hat er schon als Kind gern gekocht und regelmäßig Mahlzeiten für seine Familie und Freunde zubereitet. In seinen Koch-Workshops hat er dann gemerkt, dass ihm auch eine Karriere in der Gastronomie gefallen würde. Ein glücklicher Zufall sollte Hadi in dieser Überlegung bestärken. Im Herbst 2015 kontaktiere das 25hours Hotel Bikini Berlin die Initiatoren von Über den Tellerrand – man wollte einen Koch oder eine Köchin einladen, im Neni Restaurant Gerichte aus ihrer Heimat zu kochen. Der Gewinn sollte an das Projekt gespendet werden.

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Kurz darauf stand Hadi für zwei Tage in der großen Küche des Neni, um Keapea, was er auch heute Mittag für das Team von Über den Tellerrand zubereitet, und Kapseh, ein arabisches Reisgericht, zu zaubern. „Das war mein erstes Mal in einer Restaurantküche. Ich kam da rein und sah lauter Köche, die mich erwartungsvoll angeguckt haben. Ich war wahnsinnig nervös“, erzählt der 26-Jährige. Der damalige Küchenchef Michél Engling konnte ihn aber schnell beruhigen. „Zum Abschied gab er mir das Neni-Kochbuch ,Lust auf fremde Küche‘. Auf die erste Seite hatte er geschrieben: ,Wenn du jemals beruflich als Koch arbeiten möchtest, sag mir Bescheid‘“, erzählt Hadi. Und so kam es, dass Hadi im Januar 2016 ein einmonatiges Praktikum dort absolvierte.

Hadi hatte seinen Freunden in dem Projekt gerade berichtet, dass er nach dem Praktikum im Neni beschlossen hätte, eine Karriere als Koch zu verfolgen, da erhielt das Team von Über den Tellerrand ein Jobangebot. Der Verleger Robert Eberhardt wollte ein neues Restaurant eröffnen und war auf der Suche nach einem Koch; seit Anfang März ist Hadi nun Küchenchef im neuen Restaurant Wolff & Eber in Berlin-Charlottenburg und zaubert dort märkisch-syrische Gerichte wie Rehrücken mit arabischen Gewürzen und Beilagen – und das alles nur ein Jahr nach seiner Flucht.

„Das alles ist nur wegen Über den Tellerrand passiert. Ich werde diesen Ort nie verlassen, ich habe hier sehr gute Freunde gefunden.“

„Ich und viele andere – wir mussten alle unser Leben komplett neu anfangen. Ich konnte das glücklicherweise in großen Schritten machen“, sagt Hadi. Er weiß, dass er eine einmalige Chance bekommen hat und ist sehr dankbar dafür. Glück im Unglück, könnte man sagen, denn schließlich musste der junge Syrer seine Heimat verlassen, weil dort seit fünf Jahren Bürgerkrieg herrscht – und eines ist ihm bei dieser glücklichen Wendung ganz klar: „Das alles ist nur wegen Über den Tellerrand passiert. Ich werde diesen Ort nie verlassen, ich habe hier sehr gute Freunde gefunden.“ Und darum geht es doch eigentlich auch beim Kochen: mit den liebsten Menschen schöne gemeinsame Stunden bei leckerem Essen verbringen. Aus den Zutaten in den Plastiktüten ist inzwischen ein wunderbar duftendes Keapea mit Salat für ein Team-Lunch geworden.

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Danke dir Hadi, für das (er)füllende Gespräch und Mahl. Wenn ihr ‘Über den Tellerrand’ unterstützen wollt, findet ihr mehr Informationen auf der Website oder wenn ihr ein Essen von Hadi probieren möchtet, besucht ihn im Wolff & Eber.

Der Artikel ist entnommen aus dem Companion Magazin, das in einer Kollaboration mit FvF’s Kreativagentur MoreSleep und 25hour Hotels entstanden ist.

Text: Katharina Pencz
Photos: Robert Rieger