Unterwegs in Hamburgs Karoviertel mit Illustratorin Moshtari Hilal
Die Künstlerin zeigt uns die kreative Szene abseits der Schanze, Hamburg
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Im Hamburger Karolinenviertel herrscht ein ganz besonderer Charme. Einst eingekesselt wie ein gallisches Dorf zwischen Schlachthof, Messegelände und Heiligengeistfeld, konnte sich das ursprüngliche Arbeiterviertel im Altbaustil länger vor steigenden Mieten schützen als umliegende Stadtteile.

So ist seine von jeher multikulturell und alternativ geprägte Bürgerschaft heute noch lebendig. Im „Karoviertel“ leben Künstler und Denker neben alten Seebären und jungen Familien. Das Herz des Distrikts ist die Marktstraße, welche heute durch eine Brücke mit der Sternschanze verbunden ist. Dort locken Cafés und kleine kuriose Geschäfte, die zum Bummeln einladen.

Auch wenn sie nicht direkt hier wohnt, verbringt Moshtari Hilal ihre freie Zeit am liebsten hier, im Hotspot für Hamburgs kreative Community. Mit zwei Jahren ist die heute 23-jährige Hamburgerin mit ihrer Familie von Afghanistan in die Hansestadt geflüchtet, hier aufgewachsen und studiert momentan Politik- und Islamwissenschaften. Moshtari ist auch Künstlerin. In oft semi-biografischen Illustrationen hinterfragt sie Stereotype, kulturelle Vorurteile und Schönheitsideale. Frauen mit Damenbart, Männer mit Schleier – ihre Arbeiten stellt Moshtari auf Instagram; für sie eine sinnvolle Plattform, um die Sichtbarkeit von Kunst zu steigern.

Identität ist ein zentrales Thema ihres Schaffens und in ihren Augen etwas, das sich im permanenten Fluss befindet. Sie konstruiert sich über die Dinge, die man konsumiert. Bücher, Filme, Mode, Personen und Kultur, all das findet man in Städten – und deshalb gibt es genauso viele verschiedene Hamburgs wie Menschen, die hier leben. Wie sieht Moshtaris Hamburg aus? COMPANION hat sie auf der District Tour begleitet.

Moshtari Hilal liebste Orte auf einen Blick

Nachladen

Magazine, Comics, unabhängige Publikationen

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„Nachladen ist eins der wenigen Geschäfte in Hamburg für feine unabhängige Publikationen, Comic-Kunst oder Graphic Novels.“

„Das wird eine Route für Fußfaule“, sagt Moshtari Hilal lachend zu Beginn der gerade einmal 600 Meter langen Strecke vom letzten Zipfel der Schanze über die Eisenbahnbrücke ins Karolinenviertel, dem eigentlichen Ziel der District Tour. Erster Halt: Nachladen, der Shop eines Kreativkollektivs, das sich „Sternstunden des Kapitalismus“ nennt. Moshtari sagt: „Nachladen ist eins der wenigen Geschäfte in Hamburg für feine unabhängige Publikationen, Comic-Kunst oder Graphic Novels.“ Im Sortiment schlummern viele sogenannter „Zines“; Nischenmagazine in meist winziger Auflage zu kuriosen Themen, wie „Kratermenschen“ von Moritz Stetter – ein Heft voller Zeichnungen, die bekannte Menschen mit Kratern im Gesicht zeigen. Allein bei Nachladen könnte man ganze Nachmittage verbringen.

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Flohschanze

Jeden Samstag Flohmarkt

Weiter geht’s! Auf dem Weg zum Karoviertel legen wir einen Zwischenstopp auf dem Gelände der ehemaligen Rinderschlachthalle ein, in deren loftartigen Räumlichkeiten sich heute Galerien, Büros und Musikstudios befinden. Bei Sonnenschein machen es sich die Hamburger auf einer improvisierten Holztribüne gemütlich. „Jeden Samstag findet hier der Flohmarkt Flohschanze statt“, erzählt Moshtari. Ursprünglich als Anwohner- und Quartierflohmarkt gedacht, verkaufen hier heute professionelle und private Händler, was das Trödlerherz begehrt. Von antiken Möbeln über alte Koffer, Omas Teeservice bis hin zu Schmuck, Mode und jeder Menge Stehrümchen ist alles dabei. „Die Preise sind mittlerweile vielleicht etwas teurer als auf anderen Märkten“, sagt Moshtari, „dafür liegt der Markt zentral und man kann sich sicher sein, alle gerade ‚angesagten‘ Vintage-Dinge hier zu finden.“

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Bluesleeve

Concept Store für japanische Designer

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Über eine Eisenbahnbrücke geht es auf ins Karoviertel, Moshtaris Lieblingsgegend in Hamburg. „Heute verändert sich die Gegend aber genauso wie überall sonst“, erzählt Moshtari, die das Viertel schon seit ihrer Kindheit kennt. „Viele Läden von früher sind weg, neue kommen dazu. Das hat manchmal auch etwas Gutes.“ Wie im Falle von Bluesleeve, einem Concept Store für japanische Designer wie Yohji Yamamoto, Comme des Garçons oder Issey Miyake, der 2015 eröffnet hat. Hier geht Hamburgs kreative Szene ein und aus. Neben begehrten Vintage-Fundstücken gibt es fernöstliches Porzellan, Kunst- und Designobjekte. Wer nichts kaufen will, kommt einfach auf einen Plausch vorbei – Bluesleeve ist mehr als ein Shop, vielmehr eine Plattform für Mode- und Kunstinteressierte, die sich hier begegnen.

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Groove City

Wunderkammer für Musikliebhaber

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„Ich habe gar keinen Plattenspieler“, sagt Moshtari lachend, als sie den Plattenladen Groove City erreicht, der sich nur wenige Schritte von Bluesleeve entfernt befindet. „Ich möchte mir aber ganz dringend einen kaufen!“ Der Hamburger Kult-DJ Booty Carrell, der gern mal türkische oder iranische Funkmusik aus den 70er-Jahren auflegt und nebenbei hier arbeitet, hat sie auf den Geschmack gebracht. Obwohl mitten am Tag, ist Groove City rappelvoll. Vom hippen Werber mit Hornbrille bis zum bouncenden Teenager ist alles vertreten. Soul, Funk, Reggae und Hip-Hop, darunter auch viele arabische oder persische Raritäten – eine Wunderkammer für Musikliebhaber. Besitzerin Marga Glanz begrüßt Moshtari herzlich und überreicht ihr ein paar Platten. „Die sind ein Geschenk von Booty Carrell. Ich bekomme Musik, dafür er mein neues Künstlerbuch ‚We Were Drawn Here‘“, erklärt sie. Klingt nach einer echten Win-Win-Situation!

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Galerie der Schlumper

Ateliergemeinschaft mit sozialem Ansatz

„Mir gefällt der soziale Ansatz der Schlumper genauso wie die gezeigten Arbeiten.“

Auf einer District Tour mit Künstlerin Moshtari darf der Besuch einer Ausstellung nicht fehlen! Ebenfalls auf der Marktstraße liegt die Galerie der Schlumper. Dahinter steht die 1980 gegründete gleichnamige Ateliergemeinschaft von Künstlern mit unterschiedlichen Behinderungen und künstlerisch individuellen Positionen, die in den hellen Räumlichkeiten mit der einladend großen Fensterfront ihre Werke ausstellen. Moshtari sagt: „Mir gefällt der soziale Ansatz der Schlumper genauso wie die gezeigten Arbeiten.“ Hier sieht es bewusst nicht aus wie in einem „Sozialcafé“ und auch Kunstschaffende ohne Behinderungen werden eingeladen, Arbeiten auszustellen. Gute Kunst soll eben gut präsentiert werden – ganz egal, wer sie geschaffen hat. Zur Unterstützung der Schlumper werden übrigens immer Mitglieder des Freundeskreises gesucht.

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(EN) Café Panther

Treffpunkt für Punks, Philosophen und Künstler

Nach so vielen Eindrücken schwirrt einem langsam der Kopf. „Zeit für einen Saft“, sagt Moshtari. Schräg gegenüber der Schlumper-Galerie befindet sich das urige Café Panther, in dem es sich die Hamburgerin gern mal mit einem Buch gemütlich macht. Bei gutem Wetter locken die Tische auf dem Gehweg, von wo aus sich herrlich das rege Treiben auf der Straße beobachten lässt. Das Bistro ist eine Instanz auf der Marktstraße, in dem sich Punks, Philosophen und Künstler schon vor mehr als zehn Jahren zu Speis und Trank in Bioqualität trafen. Benannt ist der Laden übrigens nach Rainer Maria Rilkes berühmtem „Panther“- Gedicht. Ob der Titel, wie in Rilkes Poesie, eine Anspielung auf die vermeintliche Selbstentfremdung des Großstädters sein soll? Wer eine Leere verspürt, kann sie hier jedenfalls hervorragend mit herzhaften Gemüse-Smoothies und duftendem Kuchen füllen.

Peacetanbul

Ein Mix aus mediterranen Speisen und amerikanischen Klassikern

Mittlerweile macht sich ein Hungergefühl bemerkbar. Wenn Moshtari im Karoviertel unterwegs ist, geht sie zum Essen am liebsten ins Peacetanbul. Dass das Restaurant irgendetwas mit türkischer Küche zu tun haben muss und die Betreiber auf Frieden der Kulturen setzen, erschließt sich über den Namen. So begrüßt den Ankommenden bereits ein freudiges hebräisches „Shalomchen“ an der Tür; ähnlich heiter geht es im mit kunterbunten Steinen, Fliesen und Spiegeln verzierten Inneren weiter. „Multi-Cuisine“ lautet das Motto: Im Peacetanbul werden mediterrane Speisen mit amerikanischen Klassikern gemixt. Heraus kommt etwa ein türkisch angehauchter Burger mit Lammfleisch, Ziegenkäse oder Köfte. Zu empfehlen sind außerdem die gefüllten Weinblätter und würzigen Gemüsepasten. Dazu eine erfrischende hausgemachte Limonade – so lässt sich ein entdeckungsreicher Tag in Hamburg hervorragend ausklingen.

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Danke, Moshtari, dass du uns mit an deine liebsten Orte genommen hast.

Wenn ihr noch mehr über Moshtari erfahren und ihre Arbeiten bewundern wollt, schaut auf ihre Website oder ihren Blog.

Diese Story könnt ihr auch im Companion Magazin #10 lesen, das in allen 25hours Hotels ausliegt.