Auf den Spuren der florierenden Kunstszene in der Industriestadt Prato
Ein Besuch bei Alessandra Tempesti im Studio Corte 17, einer ehemaligen Fabrik, die jetzt Coworking-Space und Kreativitätshub ist, Florence
A. Lange & Söhne × FvF
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Nur 40 Minuten von Florenz entfernt kommt die toskanische Kunst vor einer erstaunlichen Kulisse zur Entfaltung.

Nach dem Besuch bei der traditionellen, florentinischen Handwerkskunst machen wir einen Ausflug Richtung Norden, nach Prato. Bei der Einfahrt in die Stadt fallen zunächst die kahlen, industriellen Außenbezirke auf, die Prato umgeben. Der Weg ins Stadtzentrum führt an Produktionsanlagen, meist Textilfabriken, vorbei.

Der industrielle Charakter der Umgebung wirkt unter bewölktem Himmel – und auf unsere Brummschädel nach der ausschweifenden Weinverkostung letzte Nacht – anfangs eher ein bisschen abschreckend, doch mit der Ankunft im Studio Corte 17 ändert sich unser Eindruck von Prato schlagartig.

Im zu Beginn des 20. Jahrhunderts errichteten Gebäude des Studio Corte 17 wurde früher Wolle hergestellt. Nach Versiegen des Wollgeschäfts stand es Jahrzehnte lang leer. Mittlerweile befindet sich vor dem Industriebau ein üppiger Garten: Pflanzkübel, die aus wiederverwertetem Holz gezimmert und mit Sukkulenten und Kräutern gefüllt sind, und viele Sitzmöglichkeiten verleihen dem Eingangsbereich des Studios eine einladende Atmosphäre.

Das 2005 von Chiara Bettazzi gegründete SC17 ist heute ein Coworking-Space für Kunstschaffende und Hub für die Kreativen Pratos. „Ich komme aus Prato, aber das spüre ich jetzt erst richtig“, räumt Designerin Alessandra Tempesti ein. Sie arbeitet im SC17 an digitalen Textilentwürfen. „Dank Orten wie diesem ist Prato heute lebendiger und dynamischer.“

Alessandra ist in Prato geboren und aufgewachsen, hat in Florenz und Mailand studiert und ist dann zurück in ihre Heimatstadt gezogen. Sie hat anstelle von größeren italienischen Städten diesen Arbeitsort gewählt. Eine fragwürdige Entscheidung für eine selbstständige Textildesignerin, die mit Modemarken zusammenarbeitet, bedenkt man die enge Beziehung der Modeindustrie zu Florenz und Mailand; doch auch Prato ist historisch mit der Textilherstellung verbunden. „Florenz ist bekannt für große und institutionelle Events, aber Veranstaltungen für das, was gerade im Entstehen ist, passieren hier.“, erzählt Alessandra.

FvF wurde von dem renommierten Uhrenhersteller A. Lange & Söhne, einem in 1845 gegründeten Unternehmen, auf eine Reise in die Toskana eingeladen. Wir teilen mit der Uhrenmarke das Interesse an handgearbeiteter Qualität und haben zusammen die Welt der florentinischen Handwerkskunst und die junge Kunstszene in Prato erkundet.

Ehemals Fabrik, heute Atelier- und Coworking-Space: das SC17 in Prato

„Das Festival unternimmt die Anstrengung, eine Verbindung zwischen Vergangenem und Zukünftigem herzustellen.“

„Die Stadt war von der Krise in 2008 stark betroffen. Prato ist voller leerer Fabriken und viele Läden in der Innenstadt stehen ebenfalls leer – es gab einen Moment, da lag die Hälfte des Zentrums brach.“ Aber es dauerte nicht lange, bis die Kunstszene dieses Potenzial entdeckte, und nach und nach entstand ein Netzwerk aus 11 ehemaligen Industrieflächen wie dem SC17, das von Künstlern besiedelt wurde.

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Einige Arbeiten von Alessandra Tempesti

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Auch in ihrer eigenen Arbeit orientiert sich Alessandra oft an ihrer Umgebung. Sie hat Drucke entworfen, auf denen sich die toskanischen Berghänge widerspiegeln. „Ich fange nie bei Null an. Ich nehme immer einen Eindruck aus der Wirklichkeit und entwickle ihn dann weiter.“ Manchmal kommt ihre Inspiration aber auch von ferneren Orten, wie zum Beispiel für eine Kollaboration mit einer südafrikanischen Marke. „Das Wort Sampling bedeutet mir sehr viel. Ich sample Klänge und Formen.“, sagt Alessandra. Sie arbeitet nicht nur als Textildesignerin, sondern unter dem Namen Gea Brown auch als Soundkünstlerin. In ihren Performances verschmelzen gesprochene Lyrik, Samples und atmosphärische Klangkulissen miteinander. Vielleicht hat ja das dumpfe Brummen der schweren Maschinen aus den benachbarten Fabrikanlagen, das im SC17 ständig hörbar ist, so manches Dröhnen in Alessandras Musik inspiriert.

Auf einem Rundgang durch Pratos Zentrum fallen neben leeren Schaufenstern etliche neue Restaurants und Bars auf­ – Anzeichen dafür, dass Prato eine Stadt ist, die besteht – aber nicht vergisst. Als sich unsere Stadttour dem Ende neigt, sind die Straßen mit Studierenden der örtlichen Universität gefüllt. Der hiesige Lebensrhythmus ist im Vergleich zu den überlaufenen Straßen von Florenz bewusst langsamer und das Stadtzentrum ist durchaus schön. Irgendwann im 14. Jahrhundert gegründet, zeigt Prato noch heute sein unberührtes, makelloses Aussehen, das ihm einen einzigartigen Charme verleiht – es ist nachvollziehbar, warum die Künstler hierher statt nach Florenz strömen.

Unser Weg durch Prato

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Eines der vielen verlassenen Fabrikgebäude in Prato
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Mazzocchia – eine Skulptur von Ben Jakober und Yannick Vu
Pratos berühmtes Textilmuseum Campolmi hat seinen Sitz in einer alten Fabrik
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Die Basilica di Santa Maria delle Carceri aus dem 15. Jahrhundert
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Officina Gionvani ist Pratos Zentrum für Performancekunst und Jugendarbeit
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Prato ist der zweite Teil unserer Exkursion nach Norditalien mit der Luxusmarke A. Lange & Söhne. Sowohl unsere Stationen bei den florentinischen Handwerkskünstlern als auch die junge Kunstszene von Prato haben einen bleibenden Eindruck hinterlassen und uns tief inspiriert.