Mit Jacqueline Blouin durch Zürichs Schmelztiegel
Das Viertel Kreis 4 bietet zuweilen die wildesten Geschichten der Stadt, Zürich
25h Hotels × FvF
Features > Mit Jacqueline Blouin durch Zürichs Schmelz…

Zürich, Kreis 4. Das Quartier um die Langstrasse, im Volksmund auch „Chreis Cheib“ genannt, bietet zuweilen die wildesten Geschichten der Stadt. Kulturmix, Rotlichtbezirk, Ausgehmeile und Gentrifizierung sind Schlagworte, die allesamt passen und unzählige Anekdoten versprechen.

Noch sind sie gemeinschaftlich bei einem Gang durch die Gegend zu erahnen und machen den Kreis 4 zu einem spannenden Schmelztiegel der Szenen, Kulturen und Generationen. Doch der Wandel schreitet rasant voran, wozu vor allem die Entwicklung der Europaallee beiträgt, ein 78.000 Quadratmeter großes Bauprojekt, das zwischen Langstrasse und dem zentralen Hauptbahnhof ein gänzlich neues Quartier entstehen lässt. Jacqueline Blouin ist Musikerin und stellvertretende Chefredakteurin des Schweizer Modemagazins Annabelle, dessen Redaktionsräumlichkeiten sich ebenfalls im Kreis 4 befinden. In der Schweiz mit deutschen und kanadischen Wurzeln aufgewachsen, zog es Jaqueline nach Jahren in Berlin 2015 wieder in die Stadt an der Limmat. Immer am Puls der Zeit, zeigt sie uns auf einem Spaziergang die für sie eindrücklichsten Facetten des Quartiers, in dem so unterschiedliche Welten aufeinandertreffen.

Unterwegs im Kreis 4

Neue und alte Entdeckungen

Amboss Rampe

Entspannte Bar mit eigenem Bier

Am Anfang unseres Ausflugs steht die Amboss Rampe. Das Lokal befindet sich im Kreis 5, doch es ist eines von Jacqueline Blouins Lieblingsorten und nur wenige Gehminuten vom Kreis 4 entfernt. Ein Zaun verbirgt den Blick auf die benachbarten Gleise und das Rattern und Rauschen der vorbeiziehenden Züge lässt ihre Nähe erahnen. Jenseits der Bahnstrecke befindet sich die Europaallee. Bei frostigen Temperaturen treffen wir eine fröhliche Jacqueline vor der Amboss Rampe, wo am Samstagmorgen noch Ruhe herrscht. Sie will uns die Bar zeigen, obwohl sie noch geschlossen ist, und späht durch die Fenster der Eingangstüre. „Montags steht hier Rundlauf auf dem Programm. Jeder, der Lust hat, spielt Pingpong und läuft dabei im Kreis um den Tisch. Das erinnert mich an meine Schulzeit und zeugt davon, wie locker es in der Bar zugeht“, sagt Jacqueline und fügt an: „Jeder ist willkommen.“ Serviert wird das eigens gebraute und auch an vielen anderen Orten in der Stadt erhältliche Amboss-Bier. Was der Singer-Songwriterin besonders gefällt? An manchen Abenden wird live musiziert. „Ich selbst bin hier zwar noch nicht aufgetreten, doch das Lokal vermittelt genau die entspannte Atmosphäre, die mir auch als Musikerin gefällt. Ich brauche nicht viel mehr als meine Gitarre und das Publikum ein gutes Getränk.“

Freunde-von-Freunden-Jacqueline-Krause-Blouin-Zurich-028

Fabrikat

Wundervolle Warenwelt

Freunde-von-Freunden-Jacqueline-Krause-Blouin-Zurich-041

“Die wohlüberlegte Auswahl an Handwerksgegenständen ist eine wahre Freude.”

Nun also auf in den Kreis 4. Glücklicherweise sind viele Distanzen in Zürichs Zentrum zu Fuß zu bewältigen. Um in das nahe gelegene Quartier zu gelangen, gehen wir erst zur Langstrasse, die sich als aufregende Ausgehmeile durch die Kreise 4 und 5 zieht. Neben alteingesessenen Läden finden sich hier im einstigen zwielichtigen Bahnhofsviertel ein paar spannende neue Galerien, Cafés und Shopkonzepte. Das aufwendig und eindrucksvoll gestaltete Warengeschäft Fabrikat von Regina Schibli und Gregory Donavon etwa lässt mit seiner Auswahl an handgefertigten Produkten – vom Bleistiftspitzer über die Pfeffermühle bis zur Werkzeugkiste – sogar das Herz eines Konsumskeptikers höher schlagen. „Handgefertigte Produkte sind sinnlich und oft von einer einzigartigen Ästhetik. Man kann sich in den liebevoll verarbeiteten Details verlieren“, sagt Regina. „Was wir damit selbst schaffen wollen, ist innezuhalten. Selbst handwerklich tätig zu werden, erlaubt außerdem Entschleunigung.“ Diese schafft allein schon das Begutachten des Sammelsuriums an schönen und praktischen Produkten. „Die wohlüberlegte Auswahl an Handwerksgegenständen ist eine wahre Freude“, sagt Jacqueline und liebäugelt mit ein paar Schreibutensilien.

Freunde-von-Freunden-Jacqueline-Krause-Blouin-Zurich-031
Freunde-von-Freunden-Jacqueline-Krause-Blouin-Zurich-052

Europaallee

Neuer Stadtteil mitten in Zürich

Freunde-von-Freunden-Jacqueline-Krause-Blouin-Zurich-075

Die umtriebige Nachbarschaft ruft und so ziehen wir weiter. Quasi einmal ums Eck – und nach wenigen Metern entlang der Kanonengasse landen wir an der Europaallee. Oder zumindest dort, wo sie auch nach Jahren der Bauarbeiten noch immer entsteht. Zwischen Hauptbahnhof und Langstrasse ziehen hier Liegenschaft für Liegenschaft neue Geschäfte, Unternehmen und Bewohner ein. „Skateshop, Burgerladen, Yogastudio und Tee-Boutique – es ist ein spannender Mix zu entdecken, auch wenn sich die Gegend selbst noch finden muss und bisher etwas verschlafen daherkommt“, sagt Jacqueline. „Mir gefällt, dass die Voraussetzung für neue Läden hier ein klares Nachhaltigkeitskonzept ist und dass in Shops wie Gris – Alliance des Créateurs Suisses oder Feinraus viele Schweizer Marken angeboten werden. Und als Geheimtipp bei Radix ein guter Kaffee.“ Wesentlich erwachen wird das Quartier sicherlich, sobald dieses Jahr das 25hours Hotel Langstrasse Zürich eröffnet und in naher Zukunft die neuen Büros von Google sowie das Kosmos Kulturhaus bezogen werden.

Freunde-von-Freunden-Jacqueline-Krause-Blouin-Zurich-100

Rec Rec

Momente für die Musik

Freunde-von-Freunden-Jacqueline-Krause-Blouin-Zurich-110

“Plattenläden sind für mich ein unausweichlicher Anziehungspunkt, zum Stöbern, Entdecken, um Inspiration zu finden und auch um zur Ruhe zu kommen.”

Ob zu Hause in Zürich oder in irgendeiner Metropole dieser Welt, Jacqueline zieht es früher oder später in einen Plattenladen. „Sie sind für mich ein unausweichlicher Anziehungspunkt, zum Stöbern, Entdecken, um Inspiration zu finden und auch um zur Ruhe zu kommen.“ In Zürich empfiehlt sie Rec Rec an der Rotwandstrasse als besten Recordstore der Stadt. Die Rotwandstrasse erreichen wir von der Europaallee über das Kanzleiareal in wenigen Minuten. Seit 1981 betreibt Veit Stauffer den Plattenladen und seit 23 Jahren an der aktuellen Adresse. Im kleinen Ladenlokal ist vor lauter Platten, CDs und Büchern kaum ein Durchkommen. Das hat durchaus Charme. Veit begrüßt den regelmäßigen Gast in seinem Shop. Es wird freundlich geplaudert. „Wie läuft das Geschäft?“, fragt die Musikerin. „Weißt du, der Abgesang der Platte wird schon eine Weile gesungen“, sagt Veit. „Doch die Labels bringen ja immer noch welche heraus. Mein Publikum ist jeden Alters und ich freue mich, dass oft neue Gesichter durch die Türe treten.“ Jacqueline spricht ihn auf eine orientalisch anmutende CD-Box mit Musik aus Marokko an. Bevor wir den Laden wieder Richtung Langstrasse verlassen, zückt sie ihre Brieftasche. Und langsam werden wir hungrig.

Palestine Grill

Bester Falafel der Stadt

Freunde-von-Freunden-Jacqueline-Krause-Blouin-Zurich-141

„Teilen wir einen Friedensteller“, schlägt Jacqueline vor. Den gibt es am Palestine Grill, gefeiert als eine der beliebtesten Imbissbuden der Stadt. Sie befindet sich an der Piazza Cella, die wir von der Rotwandstrasse über Müller-, Hohl- und Langstrasse in zehn Minuten erreichen und deren Name wohl kaum jemandem in der Stadt geläufig ist. Doch kennen tun sie viele, bildet sie doch so etwas wie das Epizentrum der Ausgehmeile. Hier treffen besonders bei Dunkelheit alle Feierfreudigen im Zwielicht aufeinander – ob Banker, Hipster oder Prostituierte. Bis zur späten Stunde gibt es hier den besten Falafel oder Hummus Zürichs, wie Jacqueline betont. Weswegen ob der langen Schlange etwas Geduld gefragt ist. Wer den leckeren Snack in Ruhe genießen will, tut dies wie wir am Nachmittag. Auf Spannung muss dabei nicht verzichtet werden, zu sehen gibt es an der Ecke nämlich immer etwas.

Kafi für Dich

Kaffeeklatsch mit Kindern

Freunde-von-Freunden-Jacqueline-Krause-Blouin-Zurich-150

Den Kaffee danach gibt es im Kafi für Dich. Das erreichen wir über die Langstrasse schlendernd, vorbei an hippen Bars, skurrilen Kleiderläden und einem Neubau, in den bald das vegetarische Restaurant Hiltl einziehen wird. Auf der Stauffacherstrasse biegen wir rechts ab. Gegenüber dem kleinen Park Bäckeranlage befindet sich das gemütliche Café. „Ich komme gern zum Arbeiten hierhin“, sagt Jacqueline. „Oder mit meinem Neffen Jay, denn es gibt hier eine Kinderspielecke.“ Tatsächlich ist das Café besonders familienfreundlich, so haben sich an einem lange Holztisch gleich einige junge Väter mit ihren Kindern niedergelassen. Letztere verziehen sich bald in besagte Spielecke. Auf der anderen Seite des Lokals sitzen wir etwas erhöht und bestellen frischen Ingwertee. „Früher wurden hier Konzerte veranstaltet, doch leider ist das aus lärmtechnischen Gründen mittlerweile verboten worden.“ Ein Problem, das den einen oder anderen Gastronomiebetrieb in der Gegend in den letzten Jahren heimgesucht hat. Doch die Laune will man sich deshalb nicht verderben lassen und trifft sich nach wie vor zum Kuchenessen oder beim sonntäglichen Brunch.

Schönstaub

Bodenständiger Blickfang

Freunde-von-Freunden-Jacqueline-Krause-Blouin-Zurich-175

Unsere letzte Station führt uns wieder zurück in die Nähe der Europaallee, zum Atelier und Showroom von Schönstaub. „Das Label für Wohnaccessoires von Nadja Stäubli hat sich erst mit ausgefallenen Teppichen einen Namen gemacht und sein Sortiment mittlerweile auf Accessoires wie Badetücher, Schalen und Seifen ausgebaut“, sagt Jacqueline. „Nadjas Entwürfe sind absolute Eyecatcher und einfach sehr cool.“ Zu sehen ist dies auf Anhieb in der Auslage im kleinen Schaufenster. Nadja begrüßt uns herzlich und beschreibt auf Nachfrage die neue Nachbarschaft, die buchstäblich vor ihrer Tür heranwächst, ähnlich wie Jacqueline früher am Tag als noch schläfrige Gegend, die sich momentan noch im Prozess des Aufwachens befindet. Und auch wenn es noch wenig Laufkundschaft gibt, fühlt sie sich mit ihrem Label hier gut aufgehoben. Nach unserem Ausflug können wir dies bestens nachempfinden. Die Zeit schreitet voran, wir verabschieden uns von Nadja und gehen vor das Atelier. Zum wiederholten Male am heutigen Tag treten wir auf die Baustellen der Europaallee und versuchen uns vorzustellen, wie lebhaft es hier einmal zugehen wird, wenn die unterschiedlichen Welten im Kreis 4 noch viel deutlicher aufeinandertreffen. 

Freunde-von-Freunden-Jacqueline-Krause-Blouin-Zurich-005

Danke, Jacqueline, für die schöne Führung durch deine Stadt.

Noch mehr über die Schweiz könnt ihr im Companion Magazin #9 erfahren, das in allen 25hours Hotels ausliegt.

Text: Jeremy Gloor
Fotos: Yves Bachmann