Von der Faser bis zur Tasche: Nachhaltigkeit beginnt beim Material
Das Schweizer Label QWSTION ist auf der Suche nach dem Textil der Zukunft, Zürich
QWSTION × FvF
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Wer die stetige Suche nach sinnvollen Antworten zur Leitlinie erklärt und nach den
ideellen Ansprüchen der Zeit fragt, schafft einen kreativen Nährboden auf dem das eigene Schaffen nie zum Stillstand kommt.

Das Schweizer Taschenlabel QWSTION trägt eine mit Fragezeichen versehene Maxime und die Absicht dahinter prominent als Namen. QWSTION fordert eine reife und neugierige Kundschaft dazu auf, die wahre Qualität von Produkten sowie das eigene Konsumverhalten zu hinterfragen. Derweil wird das Team um die Gründer Sebastian Kruit, Fabrice Aeberhard, Matthias Graf, Hannes Schoenegger und Christian Kaegi dazu angeregt, bestehende Ansätze in Design, Funktion, Materialien sowie die entsprechenden Prozesse immer wieder aufs Neue zu analysieren, zu überdenken und zu optimieren. Bis quasi keine Fragen mehr offen bleiben.

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Designer Christian Kaegi ist bei QWSTION für die Creative Direction zuständig

„Diesen Punkt werden wir wohl nie erreichen“, sagt Designer Christian Kaegi und fügt an: „Das ist auch gut so. Wir sehen unsere Arbeit als einen immer weiter reichenden Lernprozess, der uns ständig weiter antreibt.“ Seit der Gründung der Marke im Jahr 2008 in Zürich sei man in diesem Prozess zwar schon einige gute Schritte vorwärts gekommen, besonders was die markeninterne Materialentwicklung angeht, doch tauchen durch mehr Wissen wiederum neue Fragen auf, denen man nachgehen möchte. „Wir sehen uns als Brand im Bereich Produktdesign in einer ernstzunehmenden Verantwortung. Wir wollen zweifelsohne ansprechende und zugängliche Produkte entwerfen, jedoch mit dem konsequenten Anliegen, die Natur in allen Belangen möglichst schonend in Anspruch zu nehmen.” Dies sei in ihrem Business leider immer noch nicht die Norm. Das Sortiment von QWSTION besteht indes auch nicht – wie bei manch anderen Marken – aus mehreren vollkommen neuen Kollektionen pro Jahr. Zwar wird das Sortiment immer mal wieder um neue Modelle erweitert, doch vor allem werden bereits existierende überarbeitet und verbessert, in Design und Funktion genau so wie in ihrer Materialität.

„Wir sehen unsere Arbeit als einen immer weiter reichenden Lernprozess.“

— Christian Kaegi

Vor allem Letzteres bedeutet, dass das Team bereits beim Beziehen des Rohstoffs für ein Garn seinen Einfluss nimmt. „Die Materialentwicklung war nicht von Anfang an integraler Teil unseres Prozesses“, sagt Christian Kaegi. „Für unsere allererste Kollektion haben wir, wie es bei einem Großteil von Designmarken gängig ist, einen Stoffhersteller aufgesucht, der uns bereits bestehendes Material liefert. Wir wollten es dann ganz einfach für unsere Entwürfe einsetzen.“ Dass es von Anfang an ein möglichst natürlicher Stoff sein sollte, da waren sich die Gründer allerdings einig. „Bereits im Designstudium war Nachhaltigkeit ein immer wiederkehrendes Thema.” Dies hieß für QWSTIONs anfängliche Entscheidungen, dass man für die eigenen Taschen etwa kein Nylon mit PVC-Beschichtung sondern eine Naturfaser wie gewachste Baumwolle einsetzen wollte. „Das war sehr früh unsere Hauptidee“, sagt Christian Kaegi. Ebenso kam das Vorhaben, in China herzustellen rasch zur Sprache, denn dort waren schon vor zehn Jahren großes Know-how und die entsprechende Infrastruktur auf relativ überschaubarem Terrain vorhanden. In China zu produzieren sollte selbstredend zu transparenten sowie ökologisch und ethisch vertretbaren Bedingungen geschehen.

„Wir machten bei der Materialbeschaffung am Anfang allerdings ein paar negative Erfahrungen, erhielten nicht geliefert, was wir bestellt hatten. So wurde für uns bald klar, dass wir Produzenten finden wollen, mit denen wir bereits früh im Herstellungsprozess kollaborieren können.“ Soll heißen, schon bei der Beschaffung der Faser und nicht erst bei der Herstellung des gewebten Stoffs. Fündig wurde QWSTION in der chinesischen Stadt Huizhou, die außerhalb von Hong Kong liegt. In enger Kollaboration wird dort seit 2009 mit einer Gerberei und weiteren Produktionsstätten in der Region an der Herstellung von natürlichen, aber auch innovativen Stoffen gearbeitet. Diese Zusammenarbeit wird seit jeher von jährlichen Besuchen durch Christian Kaegi zur Überprüfung der Qualitätsstandards begleitet. Der Anspruch ist nämlich äußerst hoch. Deshalb sind die wichtigsten von QWSTIONs Partnerbetrieben BSCI-zertifiziert, tragen also das Gütesiegel einer EU-Initiative, die einen Verhaltenskodex mit ökologischen Richtlinien und fairen Standards für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vorschreibt. Ob BSCI-zertifiziert oder nicht, QWSTION überzeugen sich selbst regelmäßig von den Produktionsbedingungen vor Ort. „Ohne solche Voraussetzungen kommt für uns eine Zusammenarbeit nicht in Frage.“

„Bereits im Designstudium war Nachhaltigkeit ein immer wiederkehrendes Thema.”

— Christian Kaegi

Über die Jahre hat QWSTION die Qualität der verwendeten Materialien immer weiter verbessert. 85 Prozent der Baumwollstoffe, die das Label für seine Produkte nutzt, werden aus Bio-Baumwolle hergestellt. Während viele der anderen Materialien ebenfalls nachhaltig produziert werden, investieren QWSTION stetig, um diesen Prozentsatz noch weiter zu erhöhen. Bio-Baumwolle, rezyklierte Baumwolle oder pflanzlich gegerbtes Leder werden etwa für die schlichten und multifunktionalen Rucksäcke, Weekender, Tote-Bags und Reisetaschen verwendet. Aus dem für QWSTION typisch reduzierten Sortiment fällt dabei ein Kleidungsstück heraus, das in Zusammenarbeit mit dem ebenfalls in der Region Zürich ansässigen Textil-Entwicklungs-Studio D.N.S entstanden ist. Obwohl keine Tasche, ist der Mantel aus CottonShell ein Paradebeispiel für das Innovationsbedürfnis und den sinnvollen Materialeinsatz von QWSTION.

„CottonShell ist ein von uns entwickeltes Material, dessen grundlegende Technologie seit vielen Jahrzehnten bekannt ist“, sagt Thomas Deutschenbaur, der gemeinsam mit Marcel Geser von D.N.S mit dem Design-Label kollaboriert. „Diese Technologie kam aber lange nicht mehr groß zum Zug, da sie im Herstellungsprozess hohe Kosten verursacht. Bei CottonShell kommen nun modernste Produktionskomponenten zum Einsatz, was den Preis auch bei Einsatz von zertifizierter Bio-Baumwolle deutlich senkt.“ Der gewobene Baumwoll-Stoff ist winddicht und wasserabweisend und wurde ursprünglich in England produziert. In den 1930er Jahren setzte man den Vorgängerstoff von CottonShell für Feuerwehrschläuche und Wasserbehälter ein, während des zweiten Weltkrieges schützten Overalls aus dem Gewebe britische Piloten. „Das neue und von uns so benannte CottonShell-Material ist ein funktionelles Gewebe, wofür Fasern besonders weich gesponnen und gezwirnt werden, dann in höchstmöglicher Dichte verwoben. Das Resultat ist ein Allwetter-Gewebe mit rein natürlichen Eigenschaften. Es ist atmungsaktiv und erlaubt einen hohen Tragekomfort – und es besteht zu einhundert Prozent aus einem nachwachsenden Rohstoff.“

Der All Weather Coat von QWSTION und D.N.S ist durch die dichte Webart von CottonShell wasserabweisend. Er kommt ohne eine Laminierung mit synthetischen Stoffen aus. Produziert wird der Mantel in einer polnischen Näherei, mit weniger Energieaufwand als beim Gebrauch neuer Technologien wie Lasercutting.

„Der Ansatz des gemeinsamen Projekts war letztendlich einen Mantel zu entwickeln, der mit den selben Gedanken entworfen wurde, wie unsere Taschen: zeitlos, vielseitig einsetzbar, nachhaltig und langlebig.“

— Christian Kaegi

Die Zusammenarbeit mit D.N.S ist wie so vieles im Hause QWSTION einer organischen Entwicklung zu verdanken. Thomas Deutschenbaur und Marcel Geeser teilten sich vor Jahren mit den QWSTION-Designern ein Büro, eine freundschaftliche Verbindung wurde also schon eine ganze Weile vor der Kollaboration geknüpft. „Auch wenn über die Jahre immer ein Austausch stattfand, wollten wir für ein gemeinsames Projekt auf passender Grundlage zusammenfinden“, sagt Thomas Deutschenbaur. „Marcel hat die Entwicklung des CottonShell-Materials vor etwas mehr als zwei Jahren zum Thema gemacht, und es wurde schnell klar, dass es perfekt zur Evolution und Philosophie der Marke QWSTION passt.“ Da D.N.S selbst als eines der weltweit renommiertesten Textil-Entwicklungs-Studios im Bekleidungsbereich tätig ist, wurde anstelle des Entwurfs einer Tasche der Allwetter-Mantel gewählt. „Wiederum eine sinnvolle Entscheidung, die auch aus der Geschichte des Materials hervorging“, sagt Christian Kaegi. „Zudem steht der Mantel für die wichtigsten Werte unserer Marke: Er ist zeitlos im Design, langlebig und vielseitig einsetzbar.“

Die Faszination für das Material sowie die stetige Selbstbefragung der Marke haben des Weiteren zu einer Kollaboration mit dem Design-Masterstudiengang der Kunst- und Design-Hochschule ECAL in der Nähe von Lausanne geführt. „Es ist ein bedeutender Teil der Ausbildung, dass Studentinnen und Studenten jeweils mit etablierten Marken zusammenarbeiten“, sagt Thilo Alex Brunner, der selbst als Designer sowie als Associate Professor an der ECAL tätig ist. „QWSTION ist eine aufsteigende Marke und bietet dem Studiengang eine besondere Konstellation, denn Christian doziert selbst seit ein paar Jahren bei uns. Die Zusammenarbeit mit der Marke eines Dozenten ist eher ungewöhnlich, doch sie ermöglichte uns eine wesentlich persönlichere Betreuung durch den Auftraggeber. Da wir CottonShell als Ausgangsmaterial wählten, wurde das Designstudio von QWSTION genau so wie jenes von D.N.S besucht.“ CottonShell wurde für das Projekt aus drei wesentlichen Gründen gewählt: Es ist sehr funktional, natürlich und wird in der Schweiz hergestellt. „Es wäre allerdings zu offensichtlich gewesen, wenn das Briefing für die Studentinnen und Studenten lediglich nach Taschen verlangt hätte. Brands sollen von uns das Unerwartete erwarten dürfen.“

„Der Kern der Aufgabe lag im Experimentieren mit dem neuen Material im Kontext von tragbaren Objekten“, sagt Christian Kaegi. Im Rahmen der Vienna Design Week im Herbst 2017 wurden die zehn Resultate schließlich im QWSTION-Conceptstore in Wien enthüllt. Darunter ein als Reiseaccessoire entworfener Schal mit integrierten Taschen, ein Rucksack der mit einem Handgriff zum Regenponcho umfunktioniert wird, eine dreiteilige Reisetasche, eine Fototasche und ein komplex konstruierter Regenschirm aus hundert Einzelteilen sowie dazu passende Gamaschen. „Es ist ein elementarer Teil dieser Kollaborationen zwischen Studierenden und Brands, den Marken Produkte zu präsentieren, die aus dem üblichen Rahmen fallen“, sagt Thilo Alex Brunner. „Ganz im Sinne von QWSTIONs Motto, gängige Vorstellungen und Normen zu hinterfragen.“

Studierende entwerfen Prototypen aus CottonShell

Eine der großen Fragen, die sich auch in der Arbeit von Christian Kaegi immer wieder stellt, ist diejenige nach den Bedürfnissen der Kundschaft. „So wie unsere Produkte optisch und funktionell daher kommen, sprechen sie sicherlich ein breites Publikum an. Durch unsere klaren Prinzipien bei der Materialentwicklung stellen wir allerdings mit unserer progressiven Herangehensweise noch ein Nischenprodukt her.“ Der Markt verlange nicht in besonders großem Maße nach wahrhaftig nachhaltigen Stoffen, denn der Grossteil der Kundschaft hat noch kein Bewusstsein dafür. Ein dahingehender Trend stehe noch ganz am Anfang. „Wir wollen unseren Beitrag dazu leisten, damit sich dies ändert. Es gehört deshalb eindeutig zu unseren Aufgaben, durch das Vermitteln von Hintergrundwissen und Aufzeigen von Prozessen mehr Sensibilität für unsere Art der Produktgestaltung zu schaffen.“ Eine klare Erkenntnis, die bei QWSTION ausnahmsweise nicht in Frage gestellt wird.

Mehr über QWSTION, D.N.S und CottonShell

Das Zürcher Taschenlabel QWSTION bedient eine immer mobiler werdende Generation mit funktionalen Allroundern und kollaboriert seit der ersten Stunde mit den Materialproduzenten  D.N.S (Development Never Stops). Marcel Geser und Thomas Deutschenbauer und ihr Team um D.N.S unterstützen QWSTION (dazu gehören Gründer Sebastian Kruit, Fabrice Aeberhard, Matthias Graf, Hannes Schoenegger und Christian Kaegi) dabei, ihre Designs alltagstauglich zu machen.

Das Unternehmen CottonShell stammt ebenfalls aus der Schweiz und stellt den
gleichnamigen  atmungsaktiven, wasserfesten Baumwollstoff her. Mitarbeiter wie
Thomas Deutschenbauer (ebenfalls D.N.S) wollen unsere Perspektive auf alltägliche
Kleidungsstücke verändern – und uns vom Kunststoff wegbringen. Mehr zu D.N.S findet ihr hier, zur Webseite von CottonShell geht es hier entlang. Das Herzstück der
Kollaboration, den Allwetter-Mantel, gibt es im Online-Shop oder in einem QWSTION-Store zu kaufen. Das kollaborative Projekt ECAL + QWSTION wird vom 8. März bis 7. April 2018 in einer Ausstellung im Zürcher QWSTION Store vorgestellt.

Dieser Beitrag ist in Zusammenarbeit von Freunde von Freunden und QWSTION entstanden. Beide verbindet ein gemeinsames Interesse an wegweisenden Ideen und nachhaltiger Mode. Letztes Jahr besuchten wir das schweizer Taschenlabel und schauten hinter die Kulissen. Daraufhin beschlossen wir, zwei Themen zu vertiefen, die bei QWSTION einen besonderen Stellenwert einnehmen: nachhaltige Produktionsmethoden und Innovationsmöglichkeiten des Offlinehandels. Das Firmenporträt findet ihr hier. Der nächste Beitrag der gemeinsamen Reihe wird sich dem Retail-Konzept von QWSTION widmen.

Text: Jeremy Gloor
Fotografie: Yves Bachmann, ECAL/Younès Klouche, Aimee Shirley, QWSTION