Weniger ist mehr: Architekt Oke Hauser über die Zukunft urbanen Zusammenlebens
Warum Wohnen im kleinen Maßstab am Ende mehr Platz für alle bedeutet, Berlin
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Es wohnen so viele Menschen in Städten wie noch nie zuvor, genau genommen mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung. Doch der Platz in den urbanen Zentren ist begrenzt.

Das Angebot an Wohnraum in den Städten kann gar nicht so schnell wachsen, wie Menschen hinzuziehen. Ein Missstand, der nach kreativer Bewältigung ruft. Der Architekt Oke Hauser beschäftigt sich seit Jahren mit Urbanisierungsprozessen sowie unkonventionellen Lösungen für den resultieren Platzmangel. Berlin ist für ihn hinsichtlich dieser Fragen eine Vorzeigestadt. Er selbst hat zuvor hier gelebt und kommt oft zurück, um sich von den Projekten vor Ort inspirieren zu lassen. Allerdings sieht der kreative Kopf von MINI Living auch häufig, wie die viel gestellte Frage nach bezahlbarem Wohnraum zu übereilten Lösungen führt, die sich zwar als massentauglich, aber in den wenigsten Fällen als menschenfreundlich herausstellen: „Wenn man sich die urbanen Räume der globalisierten Welt anschaut, muss man feststellen, dass es eigentlich nur zwei Wohnkonzepte gibt, die momentan im großen Maßstab realisiert werden: das Bauen in die Höhe in den Ballungszentren oder eben in die Horizontalen im städtischen Umland.“ Wobei weder Hochhäuser noch Suburbanisierung für ihn die geeignete Antwort auf eine der brennendsten Fragen unserer Zeit bieten. Beides sind Modelle, die der Nachkriegsmoderne entstammen – einer Zeit, in der die Ansprüche ans Wohnen noch komplett andere waren als heute.

„Wohnkonzepte sollten keine kategorischen Lösungen sein, dafür sind Menschen zu unterschiedlich.“

Unter den aktuellen Wohnansprüchen rangieren Individualität und Flexibilität ganz weit oben. Für Oke ist es offensichtlich, dass sich die Bedürfnisse unserer Zeit kaum mit Baulösungen aus dem letzten Jahrhundert befriedigen lassen: „Wohnkonzepte sollten keine kategorischen Lösungen sein, dafür sind Menschen zu unterschiedlich.“ So ist zum Beispiel Corbusiers ikonische Unité d’Habitation in Berlin, die den Beinamen der „Wohnmaschine“ trägt, ein Musterbeispiel effizienter Raumnutzung, aber ein Alptraum für den Ausdruck von Individualität. „Die Unité beinhaltet faszinierende Gedanken, wie beispielsweise das Konzept der Stadt als Haus, aber das Wohnen wurde zu sehr durchdekliniert. Die Bewohner können kaum persönlichen Einfluss auf ihre Wohnwelt nehmen, alles ist bereits definiert: die Materialität, die Farben, die Wohnraumkonzepte. Das passt nicht mehr in unsere Zeit.“

Mit Oke Hauser auf den Spuren innovativer Wohnprojekte in Berlin

Ein Containerdorf für Studierende: EBA51 Container Village

Das Containerdorf im Berliner Stadtteil Treptow-Köpenick wird von Holzer Kobler Architekten realisiert und von einem privaten Investor finanziert. Insgesamt geplant ist eine Anlage aus 400 Containern, die Studierenden unterschiedliche Wohnformen ermöglichen: allein, zu zweit oder zu dritt. Der Mietpreis ist dabei für den Einzelnen gleichbleibend. Das Grundstück soll darüber hinaus Platz für Urban-Gardening-Projekte und sportliche Aktivitäten bieten.

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MINI Living ist eine Initiative, die diese alten Wohnkonventionen aufbrechen will und versucht, die unterschiedlichen Bedürfnisse der heutigen Zeit in experimentellen Architekturprojekten abzubilden, wie zuletzt während des Salone del Mobile in Mailand oder während des London Design Festivals. MINI Living ist eine Art Think Tank für den innovativen Umgang mit Platz. „Creative use of space“, so lautet das Schlüsselprinzip des Automobilherstellers, das sich nahtlos auf die Herausforderungen urbanen Platzmangels übertragen lässt. Was zunächst verwundern mag, hat sich in der Praxis bereits als logische Konsequenz erwiesen. „Unsere Sichtweise auf die Stadt ist holistisch, natürlich besteht die Stadt aus Mobilität, genau wie aus Architektur und vor allem aber den Menschen und deren Art, wie sie die Stadt prägen.“

„Stadt definiert sich durch Begegnung, durch Diversität, durch Austausch – deswegen brauchen wir Räume, die dies auch zulassen.“

Für den ersten öffentlichen Auftritt während des diesjährigen Salone del Mobile arbeiteten Oke und das Team um MINI Living mit den japanischen Architekten ON Design und den Berliner Ingenieuren von Arup zusammen. Entstanden ist eine Installation, die flexibles Wohnen auf 30 Quadratmetern demonstriert. „Do Disturb“ – als eine Einladung zum Stören sind die wandelbaren Wandmodule gedacht, in die alle notwendigen Wohnfunktionen wie beispielweise die Küche integriert sind. Die Module verbinden die Wohnung mit der Mikronachbarschaft oder trennen sie eben von ihr. Die Bewohner können frei darüber entscheiden, ob sie für sich sein möchten oder ob sie ihren Wohnraum für die direkte Nachbarschaft öffnen und so gleichzeitig mehr zusammenhängenden Platz generieren. Ein Wohnszenario wie dieses lässt die konventionelle Grenze zwischen privatem und öffentlichem Raum verschwimmen. Genau das macht für Oke das Leben in der Stadt aus: „Stadt definiert sich durch Begegnung, durch Diversität, durch Austausch – deswegen brauchen wir Räume, die dies auch zulassen.“ Treppenhäuser und Korridore zählen für ihn nicht wirklich zu solchen Begegnungszonen. In solchen Bewegungsräumen findet meist nicht mehr als eine flüchtige Begrüßung statt, sie laden weder zum Aufenthalt ein, noch bieten sie sich als flexible Erweiterungen des persönlichen Wohnraums an.

Gemeinschaftsprojekt mit Zugang zur Spree: Spreefeld Coop Housing

Spreefeld ist das Gemeinschaftsprojekt 90 verschiedener privater Bauherren, an dessen Umsetzung die Berliner Büros Carpaneto Schöningh, Fatkoehl und BARarchitekten beteiligt waren. Von dem visionären Wohnkonzept profitieren nicht nur die Bewohner, denn wesentlicher Bestandteil dieses Projekts ist, dass der Zugang zur Spree für die Öffentlichkeit erhalten bleibt.

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„Wir sollten die Stadt nicht nur nutzen, sondern auch machen.“

Was also können Orte der Begegnung sein und was passiert dort? „Begegnung muss sich aus den Bedürfnissen der Menschen heraus entwickeln. Wie und wo sich Menschen treffen sollen, lässt sich schlecht ‚von oben‘ bestimmen“, stellt Oke fest. Wer die Augen aufhält, wird sehen, dass die direkten Einschreibungen unserer Bedürfnisse bereits im Stadtbild zu finden sind. Trampelpfade machen beispielsweise sichtbar, wie fern die in der Stadt festgelegten Routen und Wege oftmals von der tatsächlichen Bewegung ihrer Bewohner liegen. „Wir sollten die Stadt nicht nur nutzen, sondern auch machen.“ In Okes Augen braucht es eine größere Beteiligung der Bewohnerinnen und -bewohner an den Planungs- und Gestaltungsprozessen, damit unsere räumliche Umgebung auch wirklich den Ansprüchen an ein modernes Leben in der Stadt gerecht werden kann.

Die dreiteilige, begrünte „Forest” Installation, die MINI Living in Zusammenarbeit mit dem Londoner Architekten Asif Khan für das London Design Festival erarbeitet hat, ist ein Vorschlag, den Begriff vom „Third Space“ mit Leben zu füllen – geteilt und im öffentlichen Raum. Gemeint sind jene Räume, die zwischen privat und öffentlich liegen: „Diese Orte sind nicht dein Zuhause, nicht dein Arbeitsplatz, sondern ein Zwischenraum, den du für eine bestimmte Zeit in Anspruch nehmen kannst.“ Sie sind ein Angebot zur Erholung, Inspiration und Begegnung, gewissermaßen eine gebaute Vision dessen, was in der zukünftigen Stadt eine immer wichtigere Rolle einnehmen wird: geteilter Raum mit temporärem Zugang.

DAZ – Deutsches Architektur Zentrum als Ideenlabor und Ort des Austausches

In direkter Nachbarschaft zum Spreefeld Projekt liegt das Deutsche Architektur Zentrum, welches sich als Ideenlabor und Ort des Austausches versteht. Mit regelmäßigen Ausstellungen und Veranstaltungen liefert das DAZ einen wichtigen Beitrag zur Debatte, wie wir in den Städten leben wollen.

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Wenn der Platz in den Städten begrenzt ist, aber alle in der Stadt leben wollen, lautet die unausweichliche Erkenntnis, dass wir den vorhandenen Platz flexibler nutzen müssen. Oke, der eigentlich in München lebt, aber aus beruflichen Gründen momentan ein eher nomadisches Leben führt, kommt immer wieder nach Berlin, um die Entwicklung von unkonventionellen Bau- und Nachbarschaftsprojekten zu verfolgen. Spreefeld Coop Housing ist für ihn ein solches Vorzeigekonzept aus Berlin. Hier haben sich mehrere private Anteilseigner zusammengeschlossen, um ihre eigene Nachbarschaft zu bauen. Drei achtgeschossige Wohnhäuser beheimaten verschiedene Wohnungstypen und mehrere „Optionsräume“, die je nach Bedarf eine unterschiedliche, temporäre Nutzung erfahren, ob als Esszimmer, Yogastudio oder Atelier. „Bei Projekten wie dem Spreefeld sieht man, wie neue Raumkategorien entstehen. Es gibt mehrere Begegnungsräume, dafür ist das Wohnen kleiner oder flexibler ausgelegt, es liegt also ein größerer Schwerpunkt auf dem Zwischenraum.“

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Am Lokdepot: 15 Häuser mit unterschiedlichen Wohnungstypen

Der vom Architekturbüro Robertneun entworfene Wohnungsneubau, bestehend aus 15 Häusern mit unterschiedlichen Wohnungstypen, steht an einem Ort, der eigentlich bereits als Gewerbegebiet vorgesehen war. Mit Eröffnung des Gleisdreieckparks wurde jedoch deutlich, dass das Areal an der Grenze der Stadtteile Schöneberg und Kreuzberg ein attraktiver Wohnort werden könnte.

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Ideen für flexibles Wohnen von MINI Living

Wie die Initiative auf kreative Weise alte Wohnkonventionen aufbrechen will

„Stadt ist nicht nur Raum, sondern auch Zeit.“

Berlins Stadtentwicklung ist natürlich spezifisch. Aufgrund ihrer Vergangenheit verfügt die Stadt immer noch über mehr Freiräume als andere Metropolen. Mit dem Fall der Mauer entstand im Zentrum der Stadt eine Leerstelle, in der Subkulturen gedeihen konnten und kreative Aneignungsprozesse stattfanden. Das „Stadt-Machen“ hat hier zweifelsfrei eine besondere Geschichte. Auch deshalb ist Berlin für Oke einer der spannendsten Orte in Hinblick auf die Entwicklung von Wohnkonzepten: „Ich bin oft in New York und spreche dort mit vielen verschiedenen Architekten, die sich alle völlig fasziniert von der Idee der Baugruppe zeigen. Dort gibt es einfach wenig Vergleichbares“. Eine andere Stadt, auf die Oke mit großem Interesse schaut, ist Zürich – auch hier entstehen neue Typologien des Wohnens, die eine Tendenz zu Projekten in kleinerem Maßstab erkennen lassen. Die Genossenschaft Kalkbreite beispielsweise strebt als öffentlich zugängliches Wohnhaus die Vernetzung mit der direkten Umgebung an, während seine inneren Strukturen durch Clusterwohnungen (Kleinwohnungen mit Zugang zu Gemeinschaftsräumen) flexibel bleiben. Zusätzlicher Platz kann vorübergehend hinzugemietet werden.

„Stadt ist nicht nur Raum, sondern auch Zeit“. Wohn- und Arbeitssituationen ändern sich heute schneller denn je. Der Schlüssel zu einem kreativen Umgang mit dem vorhandenen Platz könnte also darin liegen, den privaten Raum möglichst klein zu halten und zusätzlichen Platz zeitweise zu aktivieren, so wie es einige Wohnkonzepte bereits vormachen. Auf diese Weise würde eine ständige Neuverhandlung von Stadt entsprechend unserer wechselnden Bedürfnisse stattfinden. „Creative use of space“ ist dabei nicht allein eine Designfrage, sondern Verhandlungssache zwischen den Disziplinen, zwischen den Menschen.

Die in den 1950er Jahren gebaute “Wohnmaschine” Unité d’Habitation

Das in den 1950er Jahren in Berlin gebaute Corbusier-Haus wird nicht zu Unrecht auch als Wohnmaschine bezeichnet. Zuvor bereits in Marseille realisiert, gilt die Unité bis heute als eines der radikalsten Beispiele für serielles Bauen und Vorläufer der Plattenbauten. Dem menschlichen Maß entlehnt, bieten die Parzellen zwar effiziente Raumlösungen, allerdings wenig Raum für individuelle Bedürfnisse.

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Danke Oke, dass du deinen Blick auf Berlin mit uns geteilt hast. Wer mehr über die Arbeit von MINI Living erfahren möchte, kann das Interview mit Architekt Asif Khan auf FvF lesen oder den offiziellen MINI Tumblr besuchen.

Dieses Porträt ist im Vorfeld zu The Sooner Now entstanden, einer eintägigen Veranstaltung, während der sich FvF und MINI zusammen mit der FvF-Community bei Vorträgen, Diskussionen und Panels austauschen, wie wir in Zukunft in der Stadt wohnen werden. Oke Hauser wird als Co-Host und Redner dabei sein.

Text: Vanessa Oberin
Fotografie: Daniel Müller