Vermächtnis und Renaissance florentinischen Handwerks
Mit A. Lange & Söhne zu Besuch bei den versierten Kunsthandwerkern in der Toskana, Florence
A. Lange & Söhne × FvF
Features > Vermächtnis und Renaissance florentinischen…

Wie überleben Handwerkskünstler in Zeiten zweitägiger Lieferzeiten und in Konkurrenz mit globalisierter Produktion? Ein Ausflug nach Florenz lässt uns die Bedeutung von Kunsthandwerk wiederentdecken.

Wer in Florenz in die richtige Gasse einbiegt, erlebt gelegentlich höchst romantische Szenen: Ein elegant gekleideter, älterer Mann, eine Toscano Garibaldi-Zigarre rauchend, geht an einer perfekt patinierten Hausfassade vorbei. Die historische Architektur und der Zauber der Stadt lösen eine nostalgische Sehnsucht nach längst vergangenen Zeiten aus.

Florenz, als eine der schönsten Städte der Welt, ist allerdings auch vor den Folgen des Städtetourismus’ nicht gewahr. Mit den Selfie-Stick schwingenden Touristengruppen kommen minderwertig produzierte Imitate regionaler Handwerkskunst und deren plumpe Kommerzialisierung. Glücklicherweise hebt sich die Wertschätzung für hochwertige Verarbeitung, Geschichte und Tradition nach wie vor davon ab.

FvF wurde von dem renommierten Uhrenhersteller A. Lange & Söhne, einem in 1845 gegründeten Unternehmen, nach Florenz eingeladen. Viele Angestellte pendeln von Dresden, auch das „Florenz an der Elbe“ genannt, zum Hauptsitz der Firma in Glashütte. Wir teilen mit der Uhrenmarke das Interesse an handgearbeiteter Qualität und haben zusammen die Welt der florentinischen Handwerkskunst erkundet.

„Die historische Architektur und der Charme der Stadt erwecken Nostalgie für eine Zeit, in der man vielleicht nicht einmal gelebt hat.“

Freunde-von-Freunden-Craftsmanship-Essay-Florence-6172

Die erste Station auf unserer Entdeckungsreise ist die Galleria Romanelli, weltweit eine der ältesten Bildhauerwerkstätten in Betrieb. Die Werkstatt liegt im Ortsteil Oltrarno, etwas entfernt von den touristischeren Gegenden in Florenz – dennoch läuft ab und zu ein vagabundierender Backpacker vorbei und späht staunend durch die Vordertür. Wenn man die Werkstatt betritt, ist es als tauche man ins Archiv der Uffizien ein, umrundet von hoch emporragenden Skulpturen, die Jahrhunderte und Generationen überdauert haben.

„Der Bildhauer Lorenzo Bartolini begann im späten 19. Jahrhundert hier zu arbeiten, als er für seine vielen Aufträge ein großes Atelier brauchte.“, erzählt Inhaber Raffaello Romanelli. „Einer seiner Schüler war mein Urururgroßvater Pasquale Romanelli; seitdem arbeitet meine Familie als Bildhauer hier.“ Rund um Florenz findet man Kunstwerke der Romanelli-Familie: in den Uffizien, auf der Ponte Vecchio, der Piazza Ognissanti. In der ganzen Stadt verteilt stehen symbolträchtige Skulpturen, die von der Familie restauriert wurden. Außerdem haben die Romanellis für Königshäuser und Kunstsammler auf der ganzen Welt Arbeiten angefertigt.

Atelier Romanelli

Bildhauerei-Studio, 1860 gegründet

Dieser Raum war ursprünglich eine Kirche, bevor er 1829 zu einer Skulpturenwerkstatt umfunktioniert wurde.

Raffaello C. Romanelli in seiner Familienwerkstatt, wo er unterrichtet und arbeitet.
Freunde-von-Freunden-Craftsmanship-Essay-Florence-6731
Fünf Generationen von Romanellis haben in dieser Werkstatt gearbeitet.
Freunde-von-Freunden-Craftsmanship-Essay-Florence-6755-1
Freunde-von-Freunden-Craftsmanship-Essay-Florence-6825
Raffaello unterrichtet Studierende, wie man verschiedene Materialien modelliert und formt.
Freunde-von-Freunden-Craftsmanship-Essay-Florence-6885-1
Einige der Werkzeuge und Techniken sind seit Entstehung der Werkstatt im 19. Jahrhundert dieselben.
Freunde-von-Freunden-Craftsmanship-Essay-Florence-6836-1
Freunde-von-Freunden-Craftsmanship-Essay-Florence-6768
Raffaello schnitzt Marmor nur von Hand und produziert Bronze-Stücke in limitierter Auflage.

Die beeindruckende, 16 Meter hohe, gewölbte Decke einer ehemalige Kirche aus dem 15. Jahrhundert, erlaubte erst Bartolini und später der Romanelli Familie ihre turmhohen Skulpturen zu entwerfen, von denen einige sich noch heute hier befinden. Für Raffaello, der aus einer derart traditionsreichen Familie stammt, war es selbstverständlich, das Gewerbe zu übernehmen und den Betrieb der Romanellis zu erhalten. Heute finanziert sich das Atelier durch Aufträge und einen von Raffaello zusammengestellten Werkkatalog, in dem Familienvermächtnis und modernes Feingefühl zusammenwirken.

Die skulpturalen Arbeitstechniken der Romanellis stehen in direkter Herkunftslinie mit Zeitgenossen Michelangelos. Raffaello verbreitet das überlieferte Wissen seiner Familie, indem er die Türen seines Bildhauerei-Ateliers Studierenden aus der ganzen Welt öffnet; auch während unserer Tour bilden Schüler sorgfältig Werke aus dem Studio nach.

Freunde-von-Freunden-Craftsmanship-Essay-Florence-6362-1

Die Künstlerwerkstatt von Restaurator Lorenzo Conti liegt in der Nähe der geschäftigen Fußgängerzone Borgo degli Albizi. Touristen, die sich draußen tummeln, sind häufig völlig ahnungslos von dem Schaffen, das sich drinnen abspielt. Während Raffaello und die Galleria Romanelli mit Mengen von Material zu tun haben, und mit Hammer und Meißel arbeiten, greift Conti zu Skalpell und Messinstrumenten; er ist auf die Kernrestaurierung von Gemälden mit beschädigten Leinwänden spezialisiert.

Die Arbeit eines Restaurators, der das Vergangene zu neuem Leben erweckt, ist ohnehin schon ein heikles Handwerk: eine Gratwanderung zwischen Erhaltung dessen, was noch vorhanden und Neuerschaffung dessen, was bereits verloren ist. Aber der Arbeitsbereich von Conti ist noch ein anderer. Auf den Gemälden, die in seinem Studio eintreffen, schält sich die Farbe von den Leinwänden ab, stellenweise fehlt die Leinwand gänzlich.

Atelier von Lorenzo Conti

Restaurateur

Lorenzo Conti ist als Restaurator auf die strukturelle Reparatur von Gemälden mit beschädigten Leinwänden spezialisiert.

Freunde-von-Freunden-Craftsmanship-Essay-Florence-6515
Lorenzo Conti benutzt Werkzeuge aus der Zahnmedizin, um einzelne Fäden einer Leinwand zusammenzuführen, die er dann an der richtigen Stelle verklebt. Diese Prozedur wiederholt er mit jedem Faden der beschädigten Leinwand.

Zur Restaurierung der Werke konsultiert Lorenzo Conti ihr Vorleben— er rekonstruiert die Werkstoffe, das Verfahren, mit dem damalige Maler die Leinwände behandelten, und entwirft die Arbeitsfläche, die andere Restauratoren später überpinseln werden. Nachdem er die Epoche bestimmt, aus dem das Bild stammt, besorgt er unbemalte Leinwand aus demselben Zeitalter und stellt in mühevoller Feinarbeit, Faser für Faser die fehlenden Teile der Oberfläche wieder her. Dieser Prozess kann, abhängig vom Zustand des Gemäldes, Monate kontinuierlicher Arbeit in Anspruch nehmen – und Conti ist weltweit einer der Wenigen, die dieses hochspezialisierte Handwerk beherrschen.

Das Antinori Weingut

Ein Familienbetrieb, dessen Geschichte über sechs Jahrhunderte zurückreicht

Dieses Gebäude repräsentiert mehr als 600 Jahre, in denen die Familie Antinori sich der Weinproduktion gewidmet hat.

Unsere Reise endet mit einem Abstecher zum atemberaubenden Weingut Antinori.
Von Florenz führt uns eine 45-minütige Fahrt in die Hügel von Chianti, die dortige Anlage ist ein Denkmal der Antinori-Familie und ihrer dynastischen Geschichte des Weinanbaus. In der Weinkellerei verschmelzen die funktionalen Aspekte eines Weingutbetriebs – die optimale Umgebung zur Traubenkultivierung, Herstellung und Lagerung der Weine – mit einem architektonischen Wunder, das dem Familienerbe, der Landschaft und der Geschichte des Weinanbaus in der Gegend alle Ehre macht.

Ein bisschen erinnert der Bau an den Hauptsitz eines Bösewichts aus einem James-Bond-Film: Naturbedingt verwitterter Stahl bildet die Skelettstruktur des Hauses, die mit roten toskanischen Fliesen, in der gleichen Farbe wie der Erdboden, ausgefüllt ist. Die Winzerei hat ihre unverwechselbare Architektur durchaus verdient. Der Familienbetrieb stellt seit der Gründung 1385 durch Giovanni di Piero Antinori regionalen Wein her, und ist das zehntälteste Familienunternehmen der Welt.

Der Wein, der hier produziert wird, gilt aus gutem Grund als einer der hochkarätigsten Chiantis, die es zu kaufen gibt. Die Hersteller haben direkten Zugang zu dem Wissen, das 26 vorangegangene Generationen angesammelt haben – eine Zeit mit vielen guten und auch einigen schlechten Jahren. Auf einer ausladenden Terrasse mit Ausblick auf die Weinberge der Toskana, an einem Glas Wein der Ernte 2015 nippend, ist die Beständigkeit des Unternehmens förmlich zu schmecken.

Freunde-von-Freunden-Craftsmanship-Essay-Florence-7016
Eine Mischung aus verwittertem Stahl, Glass, Holz und Terrakotta sind das Markenzeichen des Weinkellers.
Freunde-von-Freunden-Craftsmanship-Essay-Florence-7220

Seinen Abschluss findet unsere Reise durch die vielseitige florentinische Handwerkskunst in einer Demonstration des aufwendigen Emaillierungsprozesses, den die hochwertigen Uhren von A. Lange & Söhne durchlaufen. Wir dürfen zusehen, wie die Meister dieser Disziplin die Pigmente für die limitierte „1815 Rattrapante Perpetual Handwerkskunst” anrühren und sie auf das handgravierte Weißgoldzifferblatt aufbringen. Die Handwerkskünstler scheinen ganz in ihrem Element. Auch wenn Weinanbau und das Uhrenmacherei auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben, sind sich die Arbeit der Antinoris und das Kunsthandwerk von A. Lange & Söhne in Sachen Hingabe und Präzision sehr nah.

Die Farbe steht später noch einmal im Mittelpunkt – bei der Präsentation der Blauen Serie von A. Lange & Söhne. Ihren Namen verdankt sie der tiefblauen Farbe der Zifferblätter, welche die Zeiger und Appliken aus rhodiniertem Gold deutlich hervortreten lassen. Die beiden Handaufzugsmodelle „Lange 1” und „Saxonia” sowie die zwei Automatikmodelle „Lange 1 Daymatic” und „Saxonia Automatic” ziehen ihre zeitlose Eleganz aus dem Kontrast von Farbe und Material.

Die Arbeit „Biosphere 06“ von Tomás Saraceno ist eine von dreien, die im Weingut der Antinoris zu finden sind.
Freunde-von-Freunden-Craftsmanship-Essay-Florence-7242-1

Das englische Wort ,craft’ (Handwerk, selbst gemacht) wurde in jünster Vergangenheit vielen Produkten angeheftet, um ihnen eine Note von Authentizität und handwerklicher Herstellung zu verleihen: Craft-Bier, Craft-Kaffee, Craft-Lederschürzen. Die Vermarktung dieser Produkte richtet sich an Kunden, die Konsumkultur umgehen und Dinge kaufen wollen, die Bedeutung haben. Obgleich Craft-Artikel heute eine neue und begeisternde Mode repräsentieren, sind Authentizität und handwerkliche Qualität für die Kunsthandwerker, die wir in Florenz kennengelernt haben, Merkmal und Erbe ihrer jahrhundertealten Geschichte.

Diese lehrreiche Reise zu den florentinischen Handwerksstätten wurde ermöglicht durch A. Lange & Söhne, die seit 1845 ihren Firmensitz in Glashütte nahe der Elbstadt Dresden haben. Unser Besuch unterstreicht die Gemeinsamkeiten der handwerklichen Ausführungen in Florenz und seinem sächsischen Äquivalent an der Elbe.