Alexandra Grausam
Kuratorin & Restaurateurin, Mariahilf & "das weisse haus", Vienna
Vienna Business Agency × FvF
Interviews > Alexandra Grausam

Alexandra Grausam ist Kuratorin, Kunstmanagerin, auch Restauratorin. In einem weitläufigen Wiener Altbau sitzt sie am Ende eines überdimensionalen Tisches.

Besuchern ihres Ateliers in Mariahilf steigt als erstes der eindringliche Duft von Lösungsmittel in die Nase. Die fein säuberlich drapierten Werkzeuge erinnern hingegen an eine Arztpraxis. Und tatsächlich hat es etwas Chirurgisches, wenn Alexandra Grausam im Atelierzimmer ihrer Wohnung zeitgenössische Kunst und Gemälde restauriert. Einige der Arbeiten lehnen an der Wand, andere warten in raumhohen Fächern auf ihren zweiten Auftritt. Am liebsten richtet sie abends – wenn keine Schritte über den bildschönen Parkettboden trippeln und nur leise Musik, oder ab und an ein Hörspiel, sie begleiten – ihren Blick durch ein Tischmikroskop auf fragile Objekte und Teilstücke von Kunstwerken.

Den konzentrierten Blick auf einzelne Fragmente der Kunstgeschichte tauscht Alexandra in ihrer anderen Rolle gegen einen Weitblick für die junge, aufkeimende Kunstszene Wiens und international: Ihre Arbeit als Restauratorin ist gleichermaßen Gegenstück und Ergänzung zu ihrer Tätigkeit als Kuratorin und Leiterin von das weisse haus. Seit 2007, anfangs noch gemeinsam mit Elsy Lahner, mischt Alexandra Grausam die traditionsschwere Wiener Kunstszene mit dem Kunstverein, der auch als temporärer Ausstellungsort dient, auf. Mit einem eigenen Studio-System dient er gleichzeitig auch als Lebens- und Arbeitsraum für junge Künstler. Auch mit departure, das Kreativzentrum der Wirtschaftsagentur Wien, hat Alexandra Grausam kollaboriert: Dabei entstand etwa eine Residency für eine Kunsttheoretikerin, deren Forschungsergebnisse ein Künstlerkollektiv als Illustrationen umgesetzt hat.

In Alexandra Grausams Wohnung finden ihre beiden Lebensrealitäten zueinander: Zwei hohe Doppelflügeltüren führen ins Wohnzimmer. Eingelassen in eine kleine Ecke hängt ein Bildschirm an der Wand, darauf läuft ein Video des jungen Künstlers Bernd Oppl. Videokunst fürs Eigenheim. Daneben ist das Künstlerkollektiv Mahony mit einer Arbeit vertreten: „Mit Zuversicht in die Zukunft“, ist in großen Lettern darauf zu lesen. Gar so, als wäre das als programmatische Ansage zu verstehen.

Lass uns chronologisch mit der Gründung vom Kunstverein das weisse haus im Jahr 2007 beginnen. Wie war die Wiener Szene damals gestrickt, in welche Stimmung hinein habt ihr die Initiative ergriffen?

Ich kannte Elsy Lahner anfangs nicht und arbeitete an der Katalogisierung der Kunstsammlung eines Immobilienentwicklers. Als dieser ein Haus erwarb und sich über die Nutzung der Liegenschaft nicht so recht im Klaren war, schlug ich ein temporäres Nutzungskonzept vor. Er brachte mich daraufhin mit Elsy zusammen, die damals schon Kunst in Leerständen zeigte. Im darauf folgenden Dezember wurde eröffnet.

Damals hatten in Wien gerade einige Offspaces wieder geschlossen und es zeigte sich, dass viele die Drei-Jahres-Marke nicht überschritten hatten. Für uns war auch deshalb von Anfang an – zugegeben etwas großspurig – klar, eine Institution gründen zu wollen.

Was reizte euch am institutionalisierten Rahmen für euren Kunstverein?

Unsere Arbeitsweise. Wir arbeiten beide sehr strukturiert und wollten von Anfang an regelmäßige Öffnungszeiten, ein klares Programm, ein Leitbild etc.; auch die Zweisprachigkeit war uns wichtig. Dass wir von Anbeginn das Wort „Haus“ im Namen führten, verstärkte unser Selbstbild. Das weisse haus war im Übrigen nicht als programmatische oder politische Ansage gemeint. Unser erstes Gebäude war von oben bis unten weiß gestrichen.

Das weisse haus wurde gleich von Anbeginn sehr gut angenommen. Wie haben sich die Reaktionen seither verändert?

Es ist natürlich eine große Herausforderung, unser Standing zu halten. Wir waren anfangs sehr hip und hatten auch viel Glück. Unser Konzept der temporären Nutzung bringt uns aber auch an weniger zentrale Orte und wir müssen uns darum kümmern, ein Publikum, das in Wien vielleicht weniger mobil ist als in anderen Städten, mitzunehmen. Unsere letzte Ausstellung – random thoughts of a daily light – boomte hingegen ganz von alleine richtig.

Wenn man das Repertoire eurer Künstler betrachtet, so ist auffällig, dass viele in mehreren Disziplinen arbeiten. Karin Fisslthaler, die aktuell eine Artist in Residence hat, ist etwa Musikerin, Filmemacherin, Künstlerin. Ebenso Viktoria Schmid, die zwei Installationen in der Ausstellung zeigt. Ist intermediales und transdisziplinäres Arbeiten charakteristisch für die junge Kunstszene der Stadt oder hängt das auch mit eurem kuratorischen Anspruch und Interesse zusammen?

Weil du die beiden Beispiele genannt hast: Ich versuche bewusst Frauen zu fördern und ich bemühe mich sehr darum, dass es zumindest 50% Künstlerinnen sind. Darüber hinaus faszinieren mich primär die starken Persönlichkeiten, die hinter Künstlerinnen stehen und zugleich eben auch mehre Sparten bedienen.

Lass uns den Fokus von zwei konkreten Beispielen etwas aufziehen und über den Begriff der Jungen Kunst sprechen, an die ihr euch als Kunstverein richtet. Was versteht ihr darunter?

Ich mag auch Freaks, die sich bis ins letzte Detail mit einem Thema beschäftigen. Das finde ich packend und gewinnend. Schwierig ist hingegen, dass Junge Kunst gegenwärtig mitunter viel zu brav ist. Das heißt nicht, dass man noch immer agieren soll wie die Wiener Aktionisten, aber oft ist Junge Kunst zu vorsichtig oder dekorativ. Sie könnte gut etwas wagemutiger sein.

Du hast die Wiener Aktionisten angesprochen. In Wien agiert ihr in einem kunstgeschichtlich stark aufgeladenen Umfeld. Die Stadt ist geprägt von einer alten Garde, die sehr mit Begriffen wie Provokation und politischer Anspruch hantierte. Tut sich hier die Gefahr auf, den Kanon allzusehr zu reproduzieren?  

Es ist schon so, dass Themen manchmal wiederholt werden, bestimmte Sujets immer wieder auftauchen. Umgekehrt kann man natürlich auch nicht stets alles neu erfinden. Auffällig ist, dass jene Künstler, die wir teils in Einzelausstellungen gezeigt haben und die mittlerweile bei Galerien gelandet sind, in ihrem Medium auch technisch sehr versiert und auf der Höhe der Zeit sind: Künstler wie Hanakam & Schuller oder auch Bernd Oppl, Alfredo Barsuglia wissen, was sie tun und nehmen sich auch die Zeit, Dinge reifen zu lassen.

An der aktuellen Ausstellung faszinierte mich ihre Sinnlichkeit. Was ist dein Anspruch, wenn du Ausstellungen besuchst?

Ich gehe sehr schnell durch Ausstellungen. Und merke, wenn ich länger brauche, dass sie mich fasziniert. Ich besuche Ausstellungen, um Wissenslücken zu schließen und mag es sehr gerne, wenn ich zum Lachen gebracht werde oder ein gewisser Humor erkennbar ist. Und weil du Sinnlichkeit erwähnt hast, ich mag Ausstellungen, die die Sinne berühren.

Gibt es in Wien Orte, an denen das häufig passiert?

Ich gehe sehr gerne in die Secession und war ein großer Fan der Bawag Contemporary sowie der Generali Foundation, die es beide leider in Wien nicht mehr gibt. Auch den Kunstraum Niederoesterreich schätze ich sehr.

Im Gegensatz zu reinen Ausstellungsorten betreibt das weisse haus auch ein Studiosystem. Wie funktioniert das?

Das Studio- und Artist-in-Residence-System brachte 2013 neuen Wind. Weil internationale Künstler, Kuratoren, Kritiker und Theoretiker zeitgleich mit lokalen Kunstschaffenden hier leben und arbeiten, entwickelt sich oft eine neue Dynamik.

Welche Orte und Stellen in der Stadt zeigst du deinen Gästen und genießt du selbst auch gerne?

Da bin ich sehr klassisch: Ich schätze die Zeit in Cafés, besuche Märkte wie den Naschmarkt, spaziere durch den Wienerwald oder in Schönbrunn. Oft, wenn ich abends nachhause gehe, flaniere ich zu Fuß durch die Stadt. Vom Skopik & Lohn, einem meiner liebsten Lokale im 2. Bezirk, ist es beispielsweise ein ganz breiter Fußweg nachhause, den ich sehr mag.

Leben und arbeiten an einem Ort – hier kann man vom Studio-System von das weisse haus eine Parallele zu deiner zweiten beruflichen Rolle als Restauratorin ziehen. Was bedeutet deine Wohnung für dich?

Meine Wohnung ist mein Hafen. Hier arbeite ich alleine, manchmal bei etwas Musik oder Hörspielen, nur die Kunstwerke stellen mir indirekt Fragen. Meine Arbeit als Restauratorin eröffnet mir einen anderen Zugang zu Kunstwerken, geht es doch hauptsächlich darum, dass es ihnen – um es wie ein Arzt zu sagen – schlecht geht, sie einen Schaden haben und ich mich bemühe, ihren Zustand zu verbessern. Im Gegensatz zu meiner Arbeit bei das weisse haus ist diese sehr ruhig und verläuft ohne größere Turbulenzen.

An welchen Kunstwerken arbeitest du? Wie finden diese ihren Weg zu dir?

Ich zähle TBA21 schon lange zu meinem Kundenkreis. Dort überprüfe ich zumeist vor Ort den Zustand der Werke, schaue, ob man ihnen noch etwas Gutes tun kann und begleite das richtige Handling. Oft kommen aber auch Leute einfach auf mich zu. So arbeite ich darüber hinaus auch für mehrere Stiftungen, Auktionshäuser sowie private Sammler.

Wenn Restauratoren Ausstellungen besuchen, erkennen sie mitunter, wenn Kunst inkorrekt oder unter schlechten Bedingungen gezeigt wird. Welche Herausforderungen stellen sich bei den temporären Locations von das weisse haus?

Oft sind die Gebäude sehr dominant, bringen schwierige Raumgefüge und Grundrisse mit sich. Aktuell in der Kriehubergasse im 5. Bezirk, haben wir es mit vielen kleinen Raumeinheiten zu tun. Eine Herausforderung ist außerdem, dass die Räume häufig mehre Fenster und Türen und somit wenig Hängefläche haben. Prinzipiell bekommen die Künstler die Orte wie sie sind. Bei Adaptionen versuche ich stets die Balance zwischen bestmöglichen Präsentationsbedingungen und dem Grundcharakter des Gebäudes zu halten. Der Raum soll so genommen werden, wie er ist, trotzdem erlebbar sein und der Kunst nicht im Wege stehen.

Inwiefern spielt bei dieser Herausforderung dein eigener beruflicher Spagat eine Rolle?

Auf der einen Seite sind die Jobs sehr verbunden, andererseits kann ich im weissen haus natürlich viel freier agieren. Wenn beispielsweise die Lichtsituation im weissen haus nicht die beste ist, ist das weniger tragisch und auch kleinere Mängel nehmen wir schon mal in Kauf. Zugleich profitierte ich auch von meinem restauratorischen Wissen: Dann etwa, wenn junge Künstler ein Glas direkt auf die Zeichnung legen und ich ihnen rate, einen Abstandhalter dazwischen zu legen, sodass das Licht die Zeichnung nicht durch Adhäsion vom Papier abzieht. Als Restauratorin muss ich hingegen noch viel materialspezifischer arbeiten.

Die regelmäßige Suche nach nutzbaren Orten fordert ein Gespür für das städtisches Gefüge und die Architektur. Etwas, das dich darüber hinaus interessiert?

Ich habe Architektur sehr gerne und interessiere mich für Leerstände, weil man sie neu entdecken kann, sie oft aber dennoch über eine spürbare Geschichte verfügen. Ich erinnere mich an einen Raum, dessen Wände und Boden mit Teppichen ausgekleidet war, nur eine Wand war verspiegelt. Der Ort an sich war schon so sensationell, dass er bereits ein Kunstwerk war.

Was meine Wohnung angeht, so wollte ich immer in einer Altbauwohnung leben. Je älter ich werde, desto mehr kann ich mir aber auch zeitgenössische Architektur vorstellen. Die Wohnung erfüllt für mich sehr viel, weil ich eben mein Atelier so einfügen kann, dass auch für meine Kinder spürbar ist, was ich mache.

Apropos Wände: Hast du, abseits jener, die darauf wartet restauriert zu werden, Kunst in deiner Wohnung?

Als wir eingezogen sind, wollten wir ausprobieren, wie es sich ohne Kunst und Fotografien an den Wänden lebt, daher waren bis vor Kurzem alle Wände hier weiß. Das ändert sich nun Stück für Stück.

Was war das erste Kunstwerk, das die weiße Wand durchbrechen durfte?

Das war eine Collage der Wiener Künstlerin Claudia Larcher in der Küche. Über dem Esstisch.

Erinnerst du dich, wie du erstmals mit Kunst in Berührung kamst?

Warum ich Restauratorin wurde, lässt sich mit einer Anekdote erklären: Vor langer Zeit habe ich eine Restauratorin kennengelernt, die mir erzählt hat, dass sie ein stark zerstörtes Damenportrait restauriert hat. Als sie damit fertig war, hatte sie das Gefühl, die Dame sehe sie wieder an. Das hat mich sehr fasziniert. Kurz darauf war ich in der Restaurierungswerkstätte des Wien Museums und war stark beeindruckt von den weißen Mänteln und all den Utensilien.

Es hat sich zwar mein Zugang zu zeitgenössischer Kunst in der Zusammenarbeit mit Elsy bzw in der Arbeit für das weisse haus verändert und erweitert – aber das mein Interesse für zeitgenössische Kunst mit Elsy zu tun stimmt nicht ganz. Entschuldigung wenn ich das falsch ausgedrückt habe – denn meinen Zugang zu zeitgenössischer Kunst besteht schon lange.

Mein Interesse für zeitgenössische Kunst besteht schon sehr, sehr lange. Bei der Zusammenarbeit mit Elsy Lahner und in der Arbeit für das weisse haus hat es sich noch verändert und erweitert: Elsy erklärte mir ein Kunstwerk des Kollektivs Mahony, das damals einen Raum mit Pappschachteln auslegte, weshalb ich mich fragte, was mir Pappe erzählen solle. Bei zeitgenössischer Kunst geht es oft um Kontexte, Sinne und Erfahrung; darum, die Neugierde nach dem Dahinter, dem nicht Offensichtlichen zu wecken. Das hat mich immer schon sehr beschäftigt.

In den letzten Jahren erfuhr der Kunststandort Wien einen Aufschwung. Initiativen wie curated by_vienna, die Parallel oder auch das Gallery Weekend versuchen, Wien international zu positionieren, die Kunstmessen sowieso. Zugleich sieht die Lebensrealität junger Künstler teils viel trister und prekärer aus. Welche Entwicklungsstränge, an denen ihr als Institution ja auch mitschrauben könnt, wünscht du dir für die Zukunft?

Einerseits, dass Spenden für Kunst auf die Liste der Spendenabsetzbarkeit kommen, um Privatleute mehr zu motivieren, Kunst zu fördern. Außerdem, dass Initiativen gesetzt werden, die Leben und Arbeiten für Künstler leistbarer machen.

Es ist eine Tatsache, dass am Beginn einer jeden Selbstständigkeit, obgleich als Künstler, Grafiker oder Restaurator, nicht das große Geld fließt. Auch ich habe viel in Bars gearbeitet. Für Künstler ist das jedoch schwieriger, weil sie im besten Fall ihr Inneres Preis geben und sich stets dem Urteil anderer aussetzen. Das erschwert, den Spagat zu einem regulären  Brotberuf zu meistern.

Viele Initiativen, die sich Wiens als Kunststandort annehmen, gehen unmittelbar auf städtisches Engagement zurück. Wie profitiert ihr davon?

Die Stadt hilft uns durch gewisse Förderungen, darüber hinaus haben wir bisher zweimal mit departure kooperiert. Es gab einerseits ein departure studio: Das war eine Kooperation von departure und studio das weisse haus in Bezug auf einen Aufenthalt eines Theorists in Residence. Es gab dazu eine spezielle Ausschreibung, die Anne Elizabeth Moore gewann. Ihre Forschungsergebnisse hat ein Comic-Künstlerkollektiv illustriert, dies alles wurde im Rahmen einer Paneldiscussion präsentiert. Durch das  für das weisse haus doch eher fremde Thema Mode kam es zu einer Vernetzung mit vollkommen neuen Leuten, was sehr spannend war.

Andererseits habe ich gemeinsam mit Elsy vor einigen Jahren außerhalb von das weisse haus ein eigenes Projekt mit dem Titel hard to sell, good to have organisiert, welches aus einer Ausstellung, einer Auktion, Performances und einer Publikation bestand. Auch dieses Projekt wurde von departure unterstützt.

Vielen lieben Dank für das feinfühlige und umfangreiche Gespräch! Der Kunstverein und Ausstellungsort das weisse haus wird weiterziehen und weitere Gebäude mit zeitgenössischer Kunst in Wien erschließen. Informationen zum Programm,  zu aktuellen Veranstaltungen sowie Ausstellungen finden sich hierErgänzend kann man Mitglied in Wiens pulsierendem Kunstverein werden und die Arbeit von Alexandra Grausam und ihrem Team unterstützen.

Dieses Portrait ist in Zusammenarbeit mit der Wirtschaftsagentur Wien und ihrem Kreativzentrum departure entstanden. Mehr Portraits und Berichte zu der Wiener Kreativszene gibt es hier

Video: Retina Fabrik
Fotografie: Lisa-Marie Edi
Interview: Peter Schernhuber