Ania Rosinke & Maciej Chmara
(EN) Conceptual Designers, Apartment, Studio & Store, Vienna
Vienna Business Agency × FvF
Interviews > Ania Rosinke & Maciej Chmara

Poetische Lösungen für Probleme, die einem vielleicht gar nicht bewusst sind, finden Maciej Chmara und Ania Rosinke – das Resultat: anspruchsvolles Design, das weit mehr ist, als eine ästhetische Dienstleistung.

Das Spektrum zu erweitern erfordert eine große Denk- und Rechercheleistung, trotzdem geht bei “chmara.rosinke” die Anmut der Dinge und ihres Designs nicht verloren. Diese Herangehensweise zeichnet auch das neueste Projekt der beiden polnischen Designer, die „Cucina Futurista 2.0“, aus. In einer Art Theaterstück transformieren sie ihre Überlegungen. Gemeinsam mit Köchen und anderen Kreativen hinterfragen sie dabei die Grenzen der Haute Cuisine und entwickeln das ganzheitliche Konzept eines genussvollen Abends, “bei dem von der Haptik der Gabel bis hin zur Choreographie der Kellner” alles stimmen solle, wie Ania Rosinke im Interview verrät.

Nach ihrem Studium in Danzig und Linz zog es das Paar in die österreichische Hauptstadt, in der es 2012 sein eigenes Büro eröffnete. Inspiriert von soziokulturellen Aspekten, ausgestattet mit einem ökologischen Bewusstsein und einer klaren Formsprache, beweisen die beiden, dass Funktion, Ästhetik und schlauer Humor Hand in Hand gehen können. Ihr Kundenspektrum ist dabei genauso breit gefächert wie die Denkrichtungen des Design-Duos: Hérmes, COS und die Caritas beauftragten Ania und Maciej in den vergangenen Jahren mit Projekten, die stets zwischen Kunst, Architektur und Innenraumgestaltung angesiedelt sind.

In ihrer Altbauwohnung im siebten Wiener Gemeindebezirk, in der sie mit ihren beiden Kindern leben, treffen wir Ania und Maciej. Wir begleiten sie in ihre Werkstatt und zur Galerie Rauminhalt, in der eine Auswahl der konzeptionellen Meisterleistungen des Duos präsentiert wird.

Schön euch endlich kennenzulernen. Eure Designansätze sind wahnsinnig spannend. Erzählt doch mal kurz, wie ihr dazu gekommen seid und von eurem Werdegang überhaupt.

Ania: Maciej und ich haben uns an der Kunstuniversität in Danzig als Studienkollegen kennengelernt. Dort haben wir Innenarchitektur studiert. Das Studium hatte aber eine starke Ausrichtung zu Kunst und Fotografie.

Zusammen sind wir dann an der Kunstuniversität Linz gelandet, wo wir uns für den Studiengang Raum- und Designstrategien entschieden haben, das Studium fokussiert sich stark auf das Thema Raum im künstlerischen Sinne. Als wir einige Jahre später nach Wien zogen, trennten sich unsere akademischen Wege – Maciej hat sich an der Technischen Universität, ich an der Universität für bildende Kunst, für das Architekturstudium, eingeschrieben.

Maciej: Das war vor sechs Jahren. Die Stadt hat uns sofort gefallen und wir haben uns bewusst entschieden hier zu bleiben. 2012 kam dann, nachdem wir sowieso schon lange zusammengearbeitet hatten, der Entschluss, ein gemeinsames Büro zu gründen, ohne weitere Zwischenstopps.

Wie würdet ihr die Arbeit von chmara.rosinke jemandem erklären, der noch nie von euch gehört hat?

Maciej: Das ist in der Tat gar nicht so einfach. Ich sage dann regelmäßig: Wir machen Möbel und Interior-Objekte, teils mit konzeptuellem Ansatz und eben auch für Sammler und Galerien. Das, was wir machen, nennen wir konzeptionelles Design. Unsere Projekte sind in Zwischenbereichen angesiedelt, bei denen es wenig Sinn machen würde, sie in Masse zu produzieren.

 

Welche Entwicklungen innerhalb der Kreativszene seht ihr in eurer Heimat Polen und wie hat sie euch beeinflusst?

Maciej: Die polnische Kreativszene ist gerade in Warschau in den letzten Jahren sehr stark gewachsen. In Danzig hingegen ist Design noch immer kein großes Thema – ganz im Gegensatz zu Grafikdesign, Musik und Fotografie.

Ania: Unser kreativer Ansatz kommt primär aus unserem eigenen Streben. Wir haben uns durch Ausstellungsbesuche und Reisen selbst weiter- und ausgebildet.

Ihr sagt, ihr habt euch bewusst für Wien als Stand- und Wohnort entschieden. Die Wiener Kunst- und Kreativszene ist ein kontinuierlich viel diskutiertes Thema. Wie steht ihr zum Statement, dass man sich als Wiener Kreativer erst im Ausland etablieren muss, bevor man in der heimischen Szene wahrgenommen wird?

Maciej: Wir haben schon einige Jahre in Wien gewohnt, bevor wir unsere ersten Aufträge bekamen. Währenddessen haben wir in Städten wie Berlin oder Paris bereits Designpreise gewonnen.

Es stimmt also schon, dass man in Wien oft erst bemerkt wird, wenn man sich woanders beweist. Ich möchte aber nicht bewerten, ob das negativ ist. Wien könnte nämlich auch nicht den Auftragsrahmen und die Größe bieten für konzeptionelle Designer wie mischer’traxler, breadedEscalope oder uns – das funktioniert einfach nicht. Dann müsste die ganze Stadt voller seltsamer Objekte sein. (lacht)

Ania: Man muss außerdem betonen, dass die Stadt Wien viele Förderprogramme für Kreative anbietet. Das hilft natürlich enorm.

In welcher Form habt ihr Unterstützung erhalten?

Maciej: Für unser Projekt „Mobile Gastfreundschaft“ werden wir von departure, dem Kreativzentrum der Wirtschaftsagentur Wien, gefördert. Wir arbeiten kontinuierlich an der spezifischen Weiterentwicklung der Idee und nutzen die Unterstützung, um die ökonomische Essenz aus diesem Projekt herauszukitzeln.

Wie kam es zu dem Konzept von „Mobile Gastfreundschaft“?

Ania: Maciej und ich wurden von ArtDesign Feldkirch eingeladen, ein Projekt im öffentlichen Raum zu entwerfen, das in mehreren kleinen Städten präsentiert werden sollte. Dabei wollten wir nichts Kontroverses schaffen. Kunstinstallationen als solches sind ja nicht immer gerne gesehen.

Maciej: Bei der Realisation des Projektes ging es auch um die aktive Teilnahme der Stadt. Wie definiert sich die jeweilige Stadt und wieso gibt es so viele Alt- und Innenstädte, die zum Bühnenbild für den Sonntagsspaziergang degradiert werden? Diese Frage war für uns sehr interessant. Wir glauben daran, dass jeder Mensch sein Stadtbild aktiv mitprägen kann. Bei unserem Projekt haben wir an einen mit mitgebrachten Speisen und Getränken bestückten Tisch als Diskussionsbasis gedacht: Tisch und Küche werden zwar mitgebracht, das Essen und alles Weitere wird vor Ort vorbereitet.

 

Natürlich muss man mit dieser Küche nicht zwangsläufig zu Fuß gehen, aber der Aspekt der Mobilität entstand mit dem Gedanken, sich mit einem Objekt in der Stadt sichtbar zu machen. Es kamen nach und nach weitere Elemente dazu wie eine Fußpumpe, um fließend Wasser zu ermöglichen. Klar ist es einfacher, einen Kübel Wasser zu integrieren, aber wir wollten die Funktion konsequent zu Ende denken und bis zur Perfektion treiben. Wir mögen es, Dinge zu extremisieren, egal, ob es die Funktion oder die Herstellungsmethode betrifft.

Der Aspekt der Problemlösung kann generell als Basis eurer Arbeit genannt werden, oder?

Ania: Ja, diese Herangehensweise ist sehr typisch für unsere Projekte. Wir überlegen uns Antworten auf Fragen und Bedürfnisse von Individuen. Da gehen wir sehr theoretisch vor.

Recherchiert ihr aktiv oder beschäftigt ihr euch mit Problemen, von denen ihr im Alltag ohnehin umgeben seid?

Maciej: Wir mögen es, funktionale Objekte zu finden, die es noch nicht gibt und schätzen es, uns dabei auch die Frage zu stellen: Warum gibt es das bisher nicht? Funktion ist ja nicht immer leicht zu entwerfen.

Wie definiert ihr denn Funktion?

Maciej: Wir glauben nicht an den Funktionsbegriff, der in der Moderne entstanden ist. Wir definieren ihn eher als sehr weiten Katalog. Akustik ist eine Funktion, der psychische Einfluss auf den Nutzer ist eine Funktion. Und auch Ästhetik. Wir begreifen, dass schöne Dinge aufgrund ihrer Form lange überleben und somit auch nachhaltig sind. Das ist ein wichtiger Aspekt.

Die geometrischen und schlichten Formen unserer Produkte sind bewusst so gedacht, dass sie auch in zweidimensionaler Form wirken können. Wir sehen Objekte gewissermaßen wie ein Logo. Jedes Objekt muss in sich selbst in einer minimalisierten Form wirken können, sodass man es auch im Kopf behält.

Wieso gibt es denn soviel Raum für Unlösbares, während die Zahl der konzeptionell denkenden Designer stetig wächst?

Maciej: Ab den 1950er Jahren wurde sehr viel wegrationalisiert. Menschen hatten früher viel mehr Möbel. Es gab ein größeres Spektrum an Schaukeln, Liegen, Sesseln und Stühlen, die später durch den Wahn der Ergonomie weggefallen sind. Man ist sich den Bedürfnissen, aus denen heraus diese Objekte entstanden sind, heute gar nicht mehr bewusst.

Das ist ein guter Ansatz. Was nicht da ist, wird von denjenigen, die nicht weiterdenken, auch nicht vermisst.

Maciej: Genau. Wir schätzen etwa unseren Körper nicht richtig ein. Man hat heute die Wahl zwischen einem härteren und einem weicherem Kissen, aber nicht zwischen dem exakt gleichen Stuhl, der drei Zentimeter höher oder breiter ist. Es sei denn, man verstellt ihn, aber damit geht dann auch die Designidee an sich verloren.

Was ist aktuell euer größtes Projekt?

Ania: Gerade arbeiten wir an einer Idee, die sehr viel mit Küchen und Essen an sich zu tun hat. „Cucina Futurista 2.0“ ist ein Projekt, mit dem wir letztes Jahr den Nespresso Scholarship gewonnen haben. Im Zuge dieses Projektes thematisieren wir die Ganzheitlichkeit von Nahrung und die dazugehörigen Instrumente. Wir transformieren die Ideen in eine Art Theaterstück.

Maciej: Diese Arbeit ist zum Teil eine Neuinterpretation des futuristischen Manifests La cucina futurista, das Filippo Tommaso Marinettiveröffentlichte. Das Spannende ist, dass er in den zwanziger und dreißiger Jahren weiter war, als die Haute Cuisine, Molekularküche oder jeder Food-Designer heute. Er hat zum Teil sogar die Kleidung der Gäste mitentworfen und beim Eintritt ins Restaurant musste sich jeder umziehen. Anfang des 20. Jahrhunderts hatten viele Haute Cuisine Restaurants ihr eigenes Besteck und Geschirr von einem Architekten oder Designer entwerfen lassen. Das sind alles Ideen, die heute als Luxus deklariert und missachtet werden.

Ania: Wir möchten bei dem Projekt so weit wie möglich gehen und gemeinsam mit verschiedenen Köchen und Kreativen hinterfragen: Wie weit kann Haute Cuisine heute gehen? Wie kann etwas neben dem Anspruch, ökonomisch zu sein, funktionieren? Wie kann man das Hauptziel umsetzen, einen wunderschönen Abend zu gestalten, der nur so strotzt vor Genuss und bei dem von der Haptik der Gabel bis hin zur Choreografie der Kellner alles stimmt?

Impliziert eure Designarbeit auch einen wissenschaftlichen Ansatz?

Maciej: Design geht bis zu einem gewissen Grad immer Hand in Hand mit Forschung. Der Stuhl, der heute Wassily Chair genannt wird, wurde 1925 von Marcel Breuer entworfen. Der Freischwinger im Jahr 1928. Bekannt wurden diese Objekte aber erst in den sechziger Jahren, als die industriellen und finanziellen Mittel da waren, sie in Masse zu fertigen. Und die Menschheit überhaupt soweit war, diese Ästhetik zu akzeptieren.

Das ist eine sehr interessante Tatsache. Design muss nicht eine Dienstleistung sein. Dieter Rams würde uns vielleicht widersprechen und behaupten, alles andere sei Kunst. Ich würde Dieter widersprechen (lacht.)

Was sind eure Lieblingsdesigns? Eure Wohnung ist ein schönes Sammelsurium an sogenannten Designklassikern und kuriosen Objekten.

Ania und Maciej: Wir lieben unseren Teppich.

A: Er ist ein polnischer Art-Deco-Wandteppich aus den zwanziger Jahren. Er steht für unsere Definition von Schönheit.

Maciej: Außerdem besitzen wir viele Stahlrohrmöbel aus den dreißiger Jahren. Ästhetisch kann man sie sicher diskutieren, aber sie waren und sind revolutionär. Es gab ja damals regelrechte Hasstiraden gegen die Designer, die erstmals Holzbeine durch Stahlrohre ersetzt haben. Diese Möbel sind sehr gute Objekte. Und sie sind in ihrem Extrem zeitlos und gleichzeitig Manifeste für die Zeit und eine spezielle Herangehensweise. Wir hatten einen regelrechten Sammeltick, was das angeht. Was uns außerdem immer wieder fasziniert, sind Objekte aus der Postmoderne.

Viele eurer Projekte thematisieren Raum und Raumnutzung. In welche Richtung entwickelt sich urbanes Wohnen eurer Meinung nach? Gibt es eine bestimmte Tendenz, die ihr im Zuge eurer Recherche gerade beobachtet?

Ania: Wir bewegen uns definitiv weg von der Funktionalität der Nullerjahre. Bei unseren Freunden beobachten wir, dass sie wieder größeren Wert legen auf einzelne Objekte und kuratierte Lieblingsstücke.

Maciej: Das Interessante ist, dass sich auch das Potenzial der Räume ändert. Es gibt immer weniger günstigen Wohnraum, den man sich selbst gestalten kann.

Das hat auch auf Städte wie Wien Einfluss. Für junge Leute ist es schwer geworden, großzügige Wohnräume zu mieten. Die Frage ist, ob er dadurch qualitativ schlechter wird oder man das durch Design lösen kann. Natürlich ist das ein Thema, das auch uns beschäftigt – gerade mit zwei Kindern.

Die Objekte, die wir zum Thema Raumlösung entwerfen, haben am Ende eben doch einen sehr starken Realitätsbezug. Designer und Architekten werden auf die Tatsache, dass immer mehr Leute in die Städte ziehen, reagieren müssen. Und ich hoffe sehr, dass es in eine starke experimentelle Richtung geht und wir in zwanzig Jahren nicht nur von glatten, glänzenden Neubauelementen umgeben sind.

Dieses Portrait ist in Zusammenarbeit mit der Wirtschaftsagentur Wien und seinem Kreativzentrum departure entstanden und ist das 20. Portrait dieser Kollaboration. Lerne noch mehr kreative Köpfe aus Wien kennen.

Interview: Zsuzsanna Toth
Fotografie: Andreas Jakwerth
Video: Retina Fabrik