(EN) Antonia Siegmund & Matthias Last
(EN) Fashion Designer & Art Director, Apartment & Studio, Kreuzberg, Berlin
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Matthias Last und Antonia Siegmund sehen ihre Zusammenarbeit als symbiotisch. Viele gemeinsame Nenner, insbesondere in Sachen Musik, die beiden sehr wichtig ist, sprechen dafür.

Antonia, Absolventin der Londoner Central Saint Martin’s Universität, und Matthias, Gründer des Design Büros Studio Last, starteten ihr elegantes, täuschend einfach wirkendes Mode- und Accessoire-Label SLOE vor drei Jahren – und hauchen seither der Bucket Bag und einigen anderen Klassikern neuen Atem ein. SLOE soll konzeptionell und intuitiv zugleich sein – genau wie die ungewöhnlich gestaltete Kreuzberger Wohnung des Teams. Wohnung wie Arbeit illustrieren anschaulich das Aufeinandertreffen zweier Kreativer, die sich untereinander verdrahten, um etwas Neues zu erschaffen.
Umgeben von Töpfereihandwerk und 90 Jahre alten gerahmten Schmetterlingen, saßen wir in Antonia und Matthias Küche beisammen, um über den kreativen Austausch, die existentielle Ästhetik der New Wave Musik sowie über die angebliche Ideenlosigkeit der Mode von heute zu sprechen.

Eure Wohnung ist für Berlin sehr untypisch geschnitten. Was steckt dahinter?

Antonia: Die Wohnung wurde um die Jahrhundertwende gebaut, mit sichtbaren Elementen des Jugendstils. Aber sie folgt nicht den Vorgaben klassischer Architektur, zum Beispiel sehen die Fenster in jedem Zimmer anders aus. Normalerweise sind entweder alle gleich, oder es versteckt sich vielleicht der ein oder andere Erker dazwischen. Hier sind manche Fenster rund, manche fächerförmig.

Matthias: Ja, die Wohnung ist etwas Besonderes. Man nennt diese Art angeblich auch „Offizierswohnungen“, weil man von Zimmer zu Zimmer spazieren kann, einmal im Kreis rundherum. Den Dienstbotenaufgang mit der dunklen, eigentlich schiffstypischen Stahltreppe findet man sonst oft in Pariser Wohnungen.

Eure Einrichtung entspricht auch nicht den sonst so cleanen und minimalistischen Berliner Apartments. Wie hat sich das entwickelt?

A: Ich richte mittlerweile mit sehr viel Herzblut ein. Möglicherweise nimmt das schon Züge von Besessenheit an – hauptsache, ich bin am Machen. In meinem Beruf muss ich die ganze Zeit kreativ sein, und auch wenn das meine Leidenschaft ist, bleibt Arbeit Arbeit. Das Einrichten ist mein Ventil geworden, durch das ich mich auf eine ganz andere Art kreativ austoben kann. Ich bin eine Perfektionistin, und besonders wenn Matthias dann noch mitmischt, entstehen Brüche, die das Ganze interessant und trotzdem stimmig machen.

Wir haben diese Atmosphäre ganz bewusst geschaffen. Das riesige Sofa im Wohnzimmer, das wie ein Schiff im Raum steht, haben wir selbst gebaut. Es ist dominant und wir wollten, dass es wie ein Solitär wirkt. In unserer Wohnung soll man sich frei und doch geborgen fühlen. Wir möchten nicht in absolut cleanen Räumen leben.

“Für mich hat diese Musik und die Ästhetik eine große emotionale Bedeutung. Es ist fast so wie ein nach Hause kommen.“

Gehen eure Geschmäcker auch manchmal auseinander?

M: Beim Einrichten ist Antonia opulenter, ich cleaner. Dadurch finden wir die Balance. Manchmal wirkt ein Raum besonders gut, wenn die Leere für sich stehen kann. Aber manche Gegenstände liegen mir auch sehr am Herzen. Das Bild von Werner Amann im Schlafzimmer, zum Beispiel: Ich habe als Art Director mit an seinem Buch gearbeitet. Das Bild ist unglaublich kraftvoll und ich bin froh, dass es das Buchcover geworden ist. Mit vielen Dingen in unserer Wohnung verbindet uns eine persönliche Geschichte. So ist es auch mit dem Selbstportrait von Nir Rackotch über dem Sofa, mit der Modefotografie von Axl Jansen im Flur, mit dem Plakat von Thomas Baldischwyler oder der Holzcollage der Künstlerin Katharina Trudzinski.“

Woran hängst du am meisten, Antonia?

A:  Am meisten bedeutet mir meine Schmetterlingssammlung. Sie begleitet mich schon seit zehn Jahren von Wohnung zu Wohnung. Meine Urgroßmutter hat sie mir geschenkt. Obwohl sie schon vor so langer Zeit verstorben ist, bedeuten mir die Schmetterlinge bis heute die Welt. Sie hingen in ihrem Wohnzimmer, dicht gedrängt, von der Sofakante bis zur Decke hoch. Ein Freund von ihr – das muss in den Zwanzigern gewesen sein – war Zoologe und ist für die Schmetterlinge um die ganze Welt gereist. Von überall aus schickte er ihr ein Exemplar.

Unterscheidet sich der kreative Prozess des Einrichtens von dem bei SLOE oder Studio Last?

A: Ich denke, es gibt ein paar Parallelen, zumindest was den Ablauf angeht. Wir haben ein Konzept, das trotzdem gewissen Spielraum lässt. Bei SLOE bewegen wir uns in einem ziemlich abgesteckten Rahmen, denn das Label hat eine Identität und steht für etwas Bestimmtes. Es strahlt Lässigkeit und gleichzeitig Stringenz und Geradlinigkeit aus. Materialien spielen eine große Rolle. Sobald man mit einem hochwertigen Material arbeitet, merkt man, dass es gar nicht viel braucht, um etwas Tolles zu schaffen. Wenn du etwas Schlichtes, Unaufgeregtes und Zurückhaltendes, aber dennoch Interessantes und Einzigartiges kreieren willst, ist gutes Material unglaublich entscheidend.

M: Bei mir unterscheiden sich die kreativen Prozesse nicht wirklich. Abgesehen davon, dass ich mit Studio Last auch an kommerzielleren Projekten beteiligt bin. Unter diesem Gesichtspunkt bin ich bei der Arbeit an SLOE, oder auch in der Kreation meines Wohnraumes, selbstverständlich sehr viel freier und damit näher bei mir.

Beeinflusst der Markt SLOEs Design?

A: Es ist schwierig, mit einem Publikum im Kopf zu designen. Es gibt immer wieder Situationen, in denen man denkt: Das würde jetzt bestimmt gut funktionieren. Aber ich versuche, mich davon nicht beeinflussen zu lassen. Wenn ich einmal so anfange, würde das Label seine Identität verlieren. Du musst auf dich selbst hören, die Augen offen halten und mit dem was du siehst, spielerisch umgehen. Würden wir nur für den Markt produzieren, sähe SLOE ganz anders aus.

“Ich habe irgendwann eine totale Passion fürs Einrichten entwickelt. Vielleicht bin ich da auch ein bisschen zwanghaft – ich muss irgendwas schaffen.“

Ihr habt SLOE gemeinsam gegründet. Wer macht bei euch was?

M: Das ist mehr Symbiose als Rollenverteilung. Letzten Endes ist Antonia die Modedesignerin. Sie kennt Materialien und Schnitte, SLOE steht bei ihr im Mittelpunkt.

A: Wir setzen uns weder gemeinsam hin und zeichnen, noch sprechen wir uns die ganze Zeit ab. Und doch sind alle Produkte Ergebnis unserer Kommunikation und unseres Austausches. Wir teilen Ideen und Inspiration, die Fertigung liegt bei mir, aber hört auch mit dem Endprodukt nicht auf. Dann kommt nämlich Matthias zurück ins Spiel, gemeinsam entwickeln wir die gesamte Erscheinung und Präsentation.

Eine kreative Symbiose wie eure findet man nicht alle Tage. Was bedeutet sie für euch?

A: Ich habe Modedesign studiert, erst in Hamburg und dann am Central Saint Martin’s College in London. Aber nach meinem Abschluss war ich mir meiner Sache plötzlich gar nicht mehr so sicher. Mir war es, als hätte mich mein Studium fast zu sehr beeinflusst. Vor dem Studium hatte ich eine klare Vorstellung von meiner Zukunft, meinem Stil und besonders von mir selbst. Als Studentin sagte man mir dann: „Du kannst aber noch gar nicht fertig sein!“ Natürlich ist es gut, an seine Grenzen getrieben zu werden. Aber trotz dieses wertvollen Aspektes hatte ich zum Teil das Gefühl, in dem großen Spektrum, das man anbieten sollte, meinen persönlichen Stil zu verlieren.

Dann zog ich nach Berlin und traf Matthias. Unser Umgang und Austausch miteinander war lebhaft und wir haben die Begeisterung geteilt, neue Dinge zu entdecken. Wir zeigten uns gegenseitig alles, was wir spannend fanden. Das tat gut. Zum einen, weil ich durch Matthias unglaublich viel Neues entdeckte, zum anderen, weil ich wieder zu meiner eigenen Design-Handschrift zurückfand. Ich bin mir sicher, dass diese gemeinsamen Schnittstellen Grundlage von SLOE sind.

Wo liegen eure gemeinsamen Schnittstellen?

M: Unser Musikgeschmack, zum Beispiel. Dunkel, eckig, kantig. Wir sind beide früh von Wave/New Wave, Punk und experimenteller Musik beeinflusst worden:

Vom Düsteren, Blanken und Existentialistischen. Unser Faible dafür kommt auch in unseren Kampagnen durch.

Wo ist euer Sinn für Ästhetik verwurzelt?

M: Ich bin eher in einfacheren Verhältnissen aufgewachsen – als Halbnorweger im DDR Plattenbau, in dem alles recht konform war.

Daher hat sich mein Stilempfinden aus Neugierde geformt. Ich war sehr wechselhaft, vielleicht aus Unsicherheit heraus, wer weiß. Ständig hielt ich nach etwas Neuem Ausschau. Inspiration und Veränderung gingen damit fast automatisch einher. Ich denke, wir beide haben nach einem Weg gesucht, uns selbst erst einmal kennenzulernen. Ich konnte das mit Musik und der mit ihr verbundenen Ästhetik. Das waren damals Bands wie Psychic TV, Throbbing Gristle, Joy Division oder auch Sonic Youth, dazu die Designs von Raymond Pettibon.

A: Musikalisch wurde ich vor allem von meinen Eltern geprägt. Das war musikalische Früherziehung der etwas anderen Art. Bei uns Zuhause gab es keine Kindermusik, sondern Nick Cave und Palais Schaumburg. Erst habe ich das abgelehnt – mit 13 wollte ich unbedingt eine Spießerin sein. Das war meine Art der Rebellion. Diesen Zwiespalt trage ich noch heute in mir, aber auf positive Art und Weise: Ich kann in mir zwei scheinbar widersprüchliche Dinge vereinen. Wenn man neugierig ist, klammert man sich nicht nur an das Erstbeste, sondern sucht weiter nach etwas, das einen berührt.

Ich habe ein sehr inniges Verhältnis zu meinen Eltern. Hatte mein Vater sonntags gute Laune, legte er morgens als erstes einen bestimmten Song auf, „Sunday Morning“ von Velvet Underground. Hin und wieder macht er das heute noch. Ich bin immer sehr gerührt von dieser Musik und ihrer Ästhetik.

Heute orientiert sich die Modeindustrie häufig an Sub- und Jugendkulturen – was verändert sich dadurch?

M: Ich finde es tatsächlich schade, dass es heute nur noch wenige hervor stechende Subkulturen gibt. Die Kleidung sagt nicht mehr zwingend etwas über die Haltung aus. Die Ursache dafür liegt für mich auf der Hand: Natürlich kann man sagen, dass die Mode- und Werbeindustrie Subkulturen durch Kommerz ausgerottet und ihnen damit die tiefergreifende Bedeutung geraubt hat. Aber nur auf die Modeindustrie zu schimpfen, wäre zu einfach. Denn eigentlich liegt dem Verblassen solcher Relevanz eine wachsende Toleranz zugrunde. Und das ist an sich etwas Schönes. Mit der neuen Stilfreiheit des „anything goes“ verschwindet eben auch der Reiz des Extremen und verliert seinen Effekt.

A: Diese Freiheiten wurde von vorangehenden Generationen lange erkämpft. Und ich spreche nicht nur von der Freiheit, sich zu kleiden, wie man will. Damals war Mode, Musik und Politik viel enger miteinander verwoben und voneinander beeinflusst. Mode war Ausdruck politischer Auffassung. Dass man an Mode heute so gut wie keine politische Meinung mehr ablesen kann, liegt daran, dass wir alle weniger politisch geworden sind. Die globalisierte Welt ist viel zu komplex geworden, soziale und globale Probleme kommen nicht mehr so nah an uns heran. Darauf ruhen wir uns aus, anstelle die Fahne zu schwingen.

Neulich hat Li Edelkoort in einem Interview das Ende der Mode prophezeit. Wie steht ihr dazu?

A: Andauernd wird der Mode vorgeworfen, nicht mehr innovativ zu sein. Mich nervt das. Nicht, weil ich mich dadurch angegriffen fühle, sondern weil ich die Aussage unreflektiert finde. Selbstverständlich wird niemand mehr das Rad neu erfinden. Alles hat es zuvor schon einmal gegeben, ob auf dem Laufsteg, in einer Subkultur, oderim Folklore. Das ist aber nicht erst seit heute so. Der “New Look” von Dior, der als völlig neue Silhouette galt, ist im Grunde genommen die gekürzte und reduzierte Version eines Biedermeier-Kleides.

Die Uniformierung verdanken wir den Highstreet-Ketten und dass wir überall auf der Welt dieselben Marken finden. Wir stopfen unsere Kleiderschränke voll und denken, in der Quantität der Kombinationsmöglichkeiten offenbare sich unsere Individualität. Aber Individualität ist kein Konsumgut. Wer sich mit Kleidung von der Masse abheben möchte, muss entweder selbst Hand anlegen oder Geld in kleinere Labels investieren.

M: Die Unterschiede in der Mode sind subtiler geworden, man muss genauer hinschauen. Es sind die Details, Material und Farbe, die zählen. Ich finde es ganz gut, sich wirklich damit auseinandersetzen zu müssen, um auf etwas Besonders zu stoßen.

Danke an Antonia und Matthias für den Einblick in ihr schönes Zuhause und Studio!

SLOE:http://sloeberlin.com/collection

Studio Last:http://studio-last.com/

 

Photography: Mirjam Wählen
Writer: Jennifer-Naomi Hofmann