Wenn Zurückschauen Fortschritt bedeutet: Architekt Dionys Ottl über den sensiblen Umgang mit historischer Bausubstanz
Mit der Sanierung von Bikini Berlin erlebt eine fast vergessene Ikone des Berliner Westens ihr Comeback, Berlin
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Dass ein Architekturbüro seine Räume direkt neben der Baustelle hat, deren Planung es mitverantwortet, ist eher ungewöhnlich.

Architekt Dionys Ottl blickt von seinem Berliner Arbeitsplatz im 8. Stock des Hochhauses am Hardenbergplatz direkt auf eines seiner letzten Projekte. Die Concept Shopping Mall Bikini Berlin, für deren Architektur das Büro Hild und K verantwortlich war, wächst etwa 100 Meter weiter aus dem Boden. Das sogenannte Bikinihaus, ein langgestrecktes 50er-Jahre-Gebäude, wirkt nach seiner Revitalisierung modern und nostalgisch zugleich. Einzelne Besucher schlendern über die neugeschaffene Dachterrasse, beobachten das Treiben im Zoo. Daneben erhebt sich der schlichte Verwaltungsbau, der nach seiner Sanierung das 25hours Hotel beherbergt, im Rücken der dichte, grüne Blätterwald des Tiergartens und halb Berlin. „Dass wir vor Ort Räume bekommen, war die Bedingung dafür, dass wir das Projekt hier übernommen haben”, erinnert sich Dionys Ottl. „Das ist so eins unserer Hauptthemen. Als Architekt bist du nicht allein an deinem Papier oder an deinem Rechner. Als Architekt musst du für Diskurs sorgen. Es sind ja Hunderte von Leuten an so einem Projekt beteiligt.”

Links der Zoopalast, geradeaus das Bikinihaus, rechts die Gedächtniskirche: Diese Ecke sollte früher mal das Vergnügungsviertel des Berliner Westens werden.

Bis Oktober 2012 saßen Hild und K mit ihrem Studio ausschließlich in München. Dann bekamen sie den Auftrag für die Revitalisierung Bikini Berlin. Die Nachkriegsgebäude—1957 von den Architekten Paul Schwebes und Hans Schorzberger designt und gebaut—, einst Treffpunkt und Produktionsstätte für Mode, dann in Vergessenheit geraten, sollten in ein urbanes Zentrum verwandelt werden. Kernstück: Die erste Concept Shopping Mall Deutschlands, mit kuratierten Retail-Konzepten aus den Bereichen Fashion, Food und Design. Den Bauherren, die Bayerische Hausbau aus München, kannten Ottl und seine Kollegen bereits von gemeinsamen Projekten. „Da sind wir dann offensichtlich auffällig geworden, weil es uns gelungen ist, mit bestimmten Vorstellungen, die der Bauherr hatte, umzugehen und auch mal in einer Krisensituation Klartext miteinander zu reden”, vermutet Ottl in seinem süddeutschen Dialekt. Zunächst machten sie sich mit fünf Leuten an die Arbeit, vier Monate später saßen im Berliner Büro schon 20 Mann. Der Masterplan der SAQ architects stand bereits. Durch über 30.000 Pläne mussten sich Ottl und seine Kollegen durcharbeiten: „Wir haben uns dann einfach gesagt, das ist der Umbau eines noch nicht gebauten Gebäudes. Und offenbar war das eine gute Devise.”

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„Als Architekt bist du nicht allein an deinem Papier oder an deinem Rechner. Als Architekt musst du für Diskurs sorgen.”

Seit 1999 führt Dionys Ottl gemeinsam mit Andreas Hild das Architekturbüro Hild und K, das aus Hild und Kaltwasser Architekten hervorgegangen ist. 2011 ist Matthias Haber als dritter Gesellschafter hinzugekommen. Obwohl ihnen der Ruf der Sanierungskönner vorauseilt, kann man das Studio nicht darauf reduzieren. „Es gibt mal eine Zeit, da haben wir mehr Sanierungsprojekte, manchmal mehr Neubau, zum Beispiel jetzt gerade. Das hat seine Intervalle”, erklärt Ottl. Trotzdem stechen gerade ihre Sanierungsprojekte heraus, da Hild und K offener als andere an solche Vorhaben herantreten. „Architekturbüros spezialisieren sich ja häufig auf das Theoretische oder Manifestartige und haben bestimmte Arbeitsthesen. Sowas gibt es bei uns nicht”, sagt Ottl. Im Gegenteil bekämen sie von Bauherren häufig zu hören, dass man gar nicht wüsste, was man von ihnen zu erwarten habe. Manchen Auftrag haben Dionys und seine Kollegen deshalb schon nicht bekommen, andere genau deswegen: „Wir wissen auch oft nicht genau, was rauskommt, wenn so ein Projekt bei uns anfängt, weil wir es gern im Diskurs entwickeln.” Kommunikation, Grenzen ausloten, nicht mit einem vorgefertigten Bild arbeiten—im Endeffekt macht das Hild und K aus.

Die Arbeit am Bikini Berlin als Modell

Das Bikinihaus ist Dionys Ottl noch von eigenen vergangenen Besuchen geläufig als das, was es bis in die 70er Jahre hinein war: ein schwieriger Standort am Bahnhof Zoo. Dabei hätte es genau das Gegenteil sein sollen. Das Gebäude zählt zu den frühen Wiederaufbaumaßnahmen des geteilten Berlins. Nach dem Zweiten Weltkrieg versuchte man hier eine zweite Mitte zu etablieren, das ‘Zentrum am Zoo’. Dionys Ottl erklärt: „Um die Jahrhundertwende war das schon mal beabsichtigt, deshalb gibt es die Gedächtniskirche. Man wollte ein Vergnügungsviertel schaffen, doch nach dem Krieg war dann alles wieder weg.” Zwischen West- und Ostberlin habe es immer Konkurrenz gegeben, sagt er: „Ostberlin war sehr lange vorne dran mit dem Frankfurter Tor. Der Westen hat dann versucht, mitten im Kalten Krieg und mit amerikanischer Hilfe, nachzulaufen. Vom Ernst-Reuter- Platz bis hier vorne zur Urania.”

„Wir wissen auch oft nicht genau, was rauskommt, wenn so ein Projekt bei uns anfängt, weil wir es gern im Diskurs entwickeln.”

Der Name Bikini Berlin bezeichnet heute das Gesamtensemble aus Zoo Palast, dem Langbau “Bikinihaus“, dem Bürohochhaus, bis hin zum 25hours Hotel und endet am Parkhaus. Namensgebend ist aber das Bikinihaus, in dem jetzt die Mall zu finden ist. Da das Gebäude durch ein Luftgeschoss unterbrochen wird, einer Art nabelfreien Zone, entstand der Name Bikini. „Der Städtebau der Nachkriegszeit sollte sich von dem unterscheiden, was im Dritten Reich passiert war. Deshalb hat man diese Häuser auf Stelzen erfunden: hochgehobene Häuser, unter denen Platz für den Verkehr bleibt und deren Funktionsbereiche näher am Licht und an der Sonne liegen”, erklärt Dionys Ottl. Das Bikinihaus ist aus dieser Idee heraus entstanden. Dionys Ottl fügt noch hinzu: „Etwa zeitgleich kam der Bikini in Mode. Nachdem in dem Gebäude Damenoberbekleidung produziert wurde, lag es bei den Berliner Taxifahrern nahe, es so zu nennen.”

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„Man käme ja auch nicht auf die Idee, aus dem Brandenburger Tor vier Säulen heraus zu schneiden, weil da ein Retailer rein soll.”

Lange Zeit hat man sich nicht um das Bikinihaus gekümmert. „Das hat viel damit zu tun, wie die Stadtentwicklung in Westberlin allgemein verlief”, erklärt Ottl. Westberlin war lange keine Wachstumsstadt, litt unter Wegzug, bedingt durch seine isolierte Lage. Auch das Konzept eines Industriegebäudes mitten in der Stadt ging nicht auf, da immer mehr Textilhersteller in Billiglohnländern produzieren ließen. Für die ursprüngliche Aufgabe des Bikinihauses gab es keine Verwendung mehr. „Dann hat sich hier viel Unterschiedliches angesiedelt, vor allem irgendwelche Import-Export-Firmen”, erzählt Ottl. „Mit wenig Liebe wurden in den 70ern und 80ern ein paar Sanierungsversuche unternommen, aber über ein paar Einzelmaßnahmen ging das nicht hinaus.” Hinzu kam, dass ein neuerbauter Autotunnel den Verkehr am Bikinihaus vorbeileitete, so dass das Gebäude völlig vom Europa-Center und der Fußgängerzone abgeschnitten wurde.

Nach der Wende stürzte sich schließlich alle Welt auf Mitte und den Potsdamer Platz als Entwicklungszentrum. Der Westen Berlins stand weiterhin im Schatten. Erst vor zehn Jahren setzte sich auch hier etwas in Gang, Hochhaustürme entstanden und sprießen weiter. Heute gibt es auch den Tunnel nicht mehr. Die Revitalisierung Bikini Berlin ist Teil eines Gesamtkonzeptes, Westberlin wieder auf Vordermann zu bringen, anziehender zu machen.

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Die alten Fassadenplatten des Bikinihauses haben Hild und K einsammeln und schreddern lassen. Die Glasscherben funkeln jetzt in den neuen Fassadenteilen.

In einen 50er-Jahre-Bau ein Shoppingkonzept zu integrieren, ist eher ungewöhnlich. Normalerweise fungieren Malls heute lediglich als Repräsentationsbauten. Dionys Ottl und seine Kollegen haben deshalb geschaut, was sie aus dem Bikinihaus herausholen können, ohne es von links nach rechts zu drehen. „Man käme ja auch nicht auf die Idee, aus dem Brandenburger Tor vier Säulen heraus zu schneiden, weil da Retail rein soll”, veranschaulicht Ottl. Das schwebende Oberteil des Bikinihauses sollte in seiner äußeren Form weitestgehend rekonstruiert werden, im Inneren dafür umgebaut und um ein transparentes Staffelgeschoss ergänzt werden. Im Bereich der neu hinzugefügten Halle wollte man mit einer etwas unfertigen, rohen Optik nicht nur den temporären Charakter der sogenannten Pop-Up-Shops unterstreichen, sondern den Wandel im Allgemeinen.

Mit den Holzboxen haben Hild und K die perfekte Lösung für das Pop-Up-Konzept gefunden. Jeder kann sie so gestalten, wie er möchte: „Nach zwei Jahren verändert sich da ja immer noch etwas, man arrangiert um. Das Konzept ist flexibel und anpassbar und lässt viele Freiheiten”, resümiert Ottl. Die mit Gittern versehenen Holzrahmenbauten sind wie der Sichtbeton an der Decke, das Stirnholzparkett, die Eichenhandläufe und die in mattem Grün gestrichenen Metallkonstruktionen—übrigens ein Grün, das in der ganzen Stadt unter anderem an Brücken und Laternen verbaut ist—ebenfalls roh belassen.

Das Architekturbüro Hild und K war auch mit der innenarchitektonischen Gestaltung der Mall befasst. „Wir haben in allen Teilen den Rohbau zu Ende gebracht und die gesamte physische Erscheinung der Halle bestimmt”, erklärt Ottl. Um an die Oberfläche des öffentlichen Raumes anzuknüpfen, findet man auf dem Boden die typischen Berliner Betongehsteigplatten. Doch Dionys freut besonders, dass das Panoramafenster zum Zoo so gut ankommt. Es passiere ja nicht häufig, dass etwas genau so genutzt würde, wie es gedacht gewesen sei, grinst er.

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Eine Auswahl von Projekten von Hild und K

Beim Kino Zoo Palast hat sich das Architekturbüro um Rohbau, Keller und die Integration der Technik gekümmert. Beim 25hours Hotel übernahm das Studio Aisslinger die Interieurentwicklung. Hier hat man es stilistisch beim Provisorischen belassen, der Empfangstresen steht inmitten einer sonst roh belassenen Tragstruktur aus Beton.

Ottl arbeitet gern mit Bestand, weil er dann schon einen Anknüpfungspunkt hat. „Bei Bestand hat man Grenzen, die kann man ausloten oder auch mal drübergehen”, sagt er. Das gilt zum Beispiel für das Spiel zwischen Alt und Neu. „Es gibt ja die Lehrbuchweisheit, dass du immer, wenn du sanierst, alt und neu komplett voneinander trennen musst. Wir verwischen das aber ganz gerne, weil wir uns über die ganze Bandbreite von Architektur bewegen wollen und nicht nur in eine Richtung arbeiten.” Bei den Projekten von Hild und K weiß man am Ende häufig nicht mehr, was alt, was neu ist. So auch beim Bikini Berlin. Bestes Beispiel: die Fassadenplatten. Die alten Glaspaneele haben Hild und K einsammeln und schreddern lassen. Die Scherben funkeln jetzt im Putz der neuen Fassadenteile.

Obwohl das Projekt Bikini Berlin mittlerweile abgeschlossen und vor Ort noch kein konkreter neuer Auftrag vorhanden ist, hängen Hild und K an ihrem zweiten Standort. „Wir haben mittlerweile ein gutes Team hier, alle sturmerprobt. Hier herrscht eine selten gute Büroatmosphäre. Es wäre schade, das wieder aufzugeben”, sagt Dionys Ottl, während es sich unten auf der Dachterrasse eine neue Gruppe Menschen gemütlich macht.

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Die Ruine der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche ist bis heute erhalten und bildet zusammen mit dem von Egon Eiermann entworfenen Anbau aus den 50er Jahren ein Wahrzeichen des Berliner Westens.
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Danke, Dionys. Wir werden ab jetzt mit anderen Augen durch Westberlin laufen. Mehr über das Architekturbüro Hild und K könnt ihr auf ihrer Website nachlesen. Infos zum Bikini Berlin gibt es auf der Seite der Mall.

Text: Milena Zwerenz
Fotos: Daniel Müller